Gedichte von Heinrich Heine
Heinrich Heine ist einer der faszinierendsten und widersprüchlichsten Dichter der deutschen Literaturgeschichte. Er war Romantiker und Romantikkritiker zugleich, Patriot und Emigrant, Jude und Konvertit, Liebling des Publikums und Zielscheibe der Zensur. Seine Gedichte haben eine Schärfe, die man bei seinen Zeitgenossen selten findet, gepaart mit einer Melodie, die ins Ohr geht und dort bleibt. Wer Heine liest, wird selten gleichgültig bleiben. Auf dieser Seite finden Sie seine Gedichte aus unserer Sammlung sowie alles Wissenswerte über sein Leben, seinen unverwechselbaren Stil und seine bis heute andauernde Wirkung.
Inhaltsverzeichnis
- Heinrich Heine: Leben und Herkunft
- Düsseldorf, Hamburg und die frühen Jahre
- Das Pariser Exil
- Ironie, Melodie und dichterischer Stil
- Das Buch der Lieder
- Die Loreley: Ein Gedicht wird Legende
- Heine als politischer Dichter
- Judentum, Taufe und religiöse Zerrissenheit
- Die Matratzengruft: Die letzten Jahre
- Heines Gedichte in der Musik
- Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
- Gedichte von Heinrich Heine
Heinrich Heine: Leben und Herkunft
Harry Heine, wie er bei der Geburt hieß, kam am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf zur Welt. Seine Familie gehörte der jüdischen Gemeinde der Stadt an, sein Vater war Tuchhändler, seine Mutter Betty eine gebildete, ehrgeizige Frau, die großen Einfluss auf die Entwicklung ihres Sohnes hatte. Düsseldorf war damals französisch besetzt, was bedeutete, dass der junge Heine in einer Stadt aufwuchs, in der die Ideale der Französischen Revolution noch spürbar in der Luft lagen. Freiheit, Gleichheit, Bürgerrechte: Diese Begriffe prägten sein Denken von früh an.
Der Nachname Heine, unter dem er in die Literaturgeschichte einging, wurde erst später zur festen Schreibweise. Den Vornamen Heinrich nahm er mit seiner Taufe zum Protestantismus im Jahr 1825 an, einem Schritt, den er zeitlebens als Fehler betrachtete und über den er bitter schrieb. Er studierte Jura in Bonn, Göttingen und Berlin, schloss das Studium ab, arbeitete aber nie ernsthaft als Jurist. Die Literatur ließ ihm keine Wahl.
Düsseldorf, Hamburg und die frühen Jahre
Ein entscheidender Einfluss auf Heines Leben war sein Onkel Salomon Heine, ein steinreicher Hamburger Bankier, der seinen Neffen finanziell unterstützte, allerdings nicht ohne Bedingungen und gelegentliche Demütigungen. In Hamburg verliebte sich Heine leidenschaftlich in Amalie, die Tochter des Onkels, die seine Gefühle nicht erwiderte. Diese unglückliche Liebe ließ sich in vielen frühen Gedichten nieder und gab dem "Buch der Lieder" einen Gutteil seiner schwermütigen Energie.
Hamburg war für Heine wichtig, aber nie wirklich Heimat. Er empfand die Stadt als zu kaufmännisch, zu nüchtern, zu wenig offen für das, was ihn antrieb. Berlin, wo er eine Zeitlang lebte und den Salon von Rahel Varnhagen besuchte, gefiel ihm besser. Doch auch dort blieb er Durchreisender. Das Gefühl, nirgendwo ganz dazuzugehören, zog sich durch sein gesamtes Leben und wurde zu einem der stärksten Motive seines Schreibens.
Das Pariser Exil
Im Mai 1831 verließ Heine Deutschland und reiste nach Paris. Was als vorübergehender Aufenthalt geplant war, wurde zu einem lebenslangen Exil. Er kehrte nie dauerhaft zurück. Paris war für ihn in vielerlei Hinsicht der richtige Ort: eine pulsierende Metropole, in der Kunst, Politik und gesellschaftliche Debatten eng zusammenhingen, in der er als Schriftsteller ernst genommen wurde und in der er als Jude weniger Einschränkungen erlebte als in deutschen Landen.
Er arbeitete als Korrespondent für deutsche Zeitungen, schrieb politische Essays, knüpfte Kontakte zu den bedeutendsten Intellektuellen Frankreichs und lernte unter anderem Karl Marx kennen, mit dem ihn eine komplizierte, aber produktive Bekanntschaft verband. Paris gab Heine Freiheit, aber auch Distanz, und diese Distanz veränderte seinen Blick auf Deutschland. Die Texte, die er aus dem Exil heraus über seine Heimat schrieb, gehören zu den schärfsten und hellsichtigsten literarischen Analysen des deutschen Wesens überhaupt.
Ironie, Melodie und dichterischer Stil
Was Heine von fast allen seinen Zeitgenossen unterscheidet, ist der Einsatz von Ironie als dichterisches Strukturprinzip. Nicht als gelegentliches Stilmittel, sondern als Grundhaltung. Ein Heine-Gedicht kann in drei Strophen aufrichtige Gefühle beschwören und diese im letzten Vers mit einer einzigen Wendung vollständig unterlaufen. Diese Technik, die man als Stimmungsbrechung oder romantische Ironie kennt, war bei Heine so konsequent entwickelt, dass sie seinen Lesern manchmal den Boden unter den Füßen wegzog.
Gleichzeitig besitzen seine Gedichte eine Musikalität, die dieser Schärfe merkwürdig widerspricht und sie doch ergänzt. Die Verse klingen, die Reime sitzen, und der Rhythmus trägt den Leser mühelos durch den Text. Genau diese Kombination macht Heine so schwer zu imitieren: die Leichtigkeit der Form und die Unruhe des Inhalts, das Lied und der Stich, der darin steckt.
Hinzu kommt seine Sprache, die bewusst zwischen verschiedenen Registern wechselt. Heine konnte in einer Zeile hochliterarisch klingen und in der nächsten volkstümlich, sogar derb. Diese Beweglichkeit war für die damalige Lyrik ungewöhnlich und machte ihn bei einem breiten Publikum zugänglich, während er gleichzeitig die anspruchsvollsten Leser seiner Zeit befriedigte.
Das Buch der Lieder
Heines erste große Gedichtsammlung erschien 1827 unter dem Titel "Buch der Lieder" und wurde zu einem der meistgelesenen deutschen Lyrikbände des 19. Jahrhunderts überhaupt. Das Buch enthält Gedichte aus verschiedenen früheren Zyklen, darunter die "Jungen Leiden", das "Lyrische Intermezzo" und die "Heimkehr", und versammelt damit ein Frühwerk, das in seiner Geschlossenheit kaum zu überbieten ist.
Die Themen des Buches kreisen um unglückliche Liebe, Enttäuschung, Sehnsucht und den Schmerz des Verlustes. Das klingt schwer, ist aber bei Heine selten ohne einen Zug ins Leichtere, manchmal ins fast Spielerische. Diese Balance zwischen echtem Schmerz und distanzierender Ironie ist das eigentliche Kunststück des Buches. Es wurde in viele Sprachen übersetzt und erschien bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Auflagen, mehr als jede andere deutsche Gedichtsammlung der Epoche.
Die Loreley: Ein Gedicht wird Legende
Unter den vielen bekannten Gedichten Heines ragt eines besonders heraus, nicht weil es sein bestes ist, aber weil es das folgenreichste wurde: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", besser bekannt als die Loreley. Das Gedicht entstand 1823 und erschien im "Buch der Lieder". Es greift die Figur der Loreley auf, die Clemens Brentano einige Jahre zuvor literarisch erfunden hatte, und gibt ihr eine Form, die sich für immer ins kollektive Gedächtnis einschrieb.
Die Geschichte der Rezeption dieses Gedichts ist dabei fast so interessant wie der Text selbst. Im Nationalsozialismus wurde Heine als jüdischer Autor aus dem offiziellen Kanon gestrichen. Die Loreley aber war zu populär, um sie einfach verschwinden zu lassen. In manchen Schulbüchern wurde das Gedicht daher als "Verfasser unbekannt" abgedruckt, eine Auslassung, die mehr über die Täter aussagt als über den Text. Heute ist die Loreley auf einem Felsen am Rhein verewigt, und Heines Autorschaft ist unbestritten.
Heine als politischer Dichter
Heine war nicht nur Lyriker, sondern auch einer der schärfsten politischen Publizisten seiner Zeit. Seine Prosaschriften, Essays und Reiseberichte sind von einer analytischen Schärfe, die seinen Gedichten manchmal nichts nachsteht. Deutschland, seine politische Rückständigkeit, der aufkommende Nationalismus und der latente Antisemitismus waren Themen, mit denen er sich immer wieder auseinandersetzte, oft mit einem Scharfsinn, der prophetisch anmutet.
Sein Versepos "Deutschland. Ein Wintermärchen", erschienen 1844, ist das wohl bekannteste Werk seiner politischen Lyrik. Es entstand nach einem kurzen Besuch in Deutschland, dem einzigen, den er seit seiner Emigration unternahm, und schildert die Eindrücke dieser Reise mit beißendem Spott und echter Trauer zugleich. Das Buch wurde in Preußen sofort verboten. Heine nahm das als Beweis dafür, dass er ins Schwarze getroffen hatte.
Bemerkenswert ist dabei eine Passage aus einem seiner Essays, in der er vor dem deutschen Nationalismus warnte und andeutete, was passieren könnte, wenn bestimmte Kräfte erst einmal entfesselt würden. Diese Zeilen wurden nach 1933 vielfach zitiert, weil sie wie eine düstere Vorausahnung dessen wirken, was tatsächlich geschah. Heine hat Deutschland nicht geliebt, weil es gut zu ihm war. Er hat es geliebt, weil er es kannte.
Judentum, Taufe und religiöse Zerrissenheit
Heines Verhältnis zu seiner jüdischen Herkunft war nie einfach und veränderte sich im Laufe seines Lebens mehrfach grundlegend. Die Taufe von 1825, die er vornahm, um berufliche Hindernisse zu umgehen, bezeichnete er später als das "Entree-Billet zur europäischen Kultur", das er teuer bezahlt habe. Er empfand sie weder als religiöse Bekehrung noch als kulturellen Neuanfang, sondern als einen pragmatischen Akt, der ihm innerlich fremd blieb.
In seinen späten Jahren, besonders nach Ausbruch seiner schweren Krankheit, näherte sich Heine wieder religiösen Fragen an. Er schrieb über Gott, über Gebet und über die Seele mit einer Ernsthaftigkeit, die von seinen früheren ironischen Kommentaren zur Religion weit entfernt war. Ob das eine echte Rückkehr zu einem Glauben war oder eher das Nachdenken eines kranken Mannes über die letzten Dinge, darüber streiten sich Biographen bis heute.
Die Matratzengruft: Die letzten Jahre
Im Mai 1848 brach Heine auf dem Weg aus dem Louvre zusammen und konnte danach das Bett nicht mehr verlassen. Er litt an einer fortschreitenden Lähmung, wahrscheinlich einer Form von Multipler Sklerose oder einer anderen Nervenkrankheit, die seinen Körper in den folgenden acht Jahren vollständig zerstörte. Das Zimmer, in dem er die letzte Phase seines Lebens verbrachte, nannte er selbst die Matratzengruft: ein kleines Lager in Paris, von dem aus er die Welt nur noch durch Besucher und Bücher wahrnahm.
Was in dieser Zeit entstand, ist erschütternd und bewundernswert zugleich. Heine schrieb weiter, diktierte, wenn er nicht mehr selbst schreiben konnte, und schuf in diesen Jahren einige seiner stärksten Gedichte. Der Zyklus "Lazarus", benannt nach dem biblischen Auferweckten, gehört dazu: Texte über Schmerz, Vergänglichkeit und den Witz, den man braucht, um beides zu ertragen. Der Humor verließ ihn nie ganz, auch nicht am Ende.
Heinrich Heine starb am 17. Februar 1856 in Paris. Er wurde auf dem Friedhof Montmartre beigesetzt, weit von Deutschland entfernt, dem Land, das er ein Leben lang geliebt und gehasst, beschrieben und verflucht hatte.
Heines Gedichte in der Musik
Kein Dichter der deutschen Romantik wurde häufiger vertont als Heinrich Heine. Die Musikalität seiner Verse war so ausgeprägt, dass die bedeutendsten Komponisten des 19. Jahrhunderts immer wieder auf seine Texte zurückgriffen.
- Robert Schumann schuf mit dem Liederzyklus "Dichterliebe" op. 48 eine der bekanntesten Vertonungen überhaupt. Alle 16 Lieder des Zyklus basieren auf Gedichten aus Heines "Buch der Lieder" und gehören zum Kernrepertoire des deutschen Kunstlieds.
- Franz Schubert vertonte mehrere Heine-Gedichte, darunter "Der Atlas", "Der Doppelgänger" und "Die Stadt", die er kurz vor seinem Tod in den Zyklus "Schwanengesang" aufnahm. Diese Vertonungen gelten als Höhepunkte seines Liedschaffens.
- Felix Mendelssohn Bartholdy griff ebenfalls auf Heine-Texte zurück und schätzte deren liedhafte Qualität besonders.
- Clara Schumann vertonte Heine-Gedichte und bewies damit, dass seine Lyrik auch Komponistinnen der Epoche inspirierte.
- Friedrich Silcher schuf mit seiner Vertonung der Loreley die bis heute bekannteste Melodie zu einem Heine-Text, die weit über den Bereich der klassischen Musik hinaus bekannt wurde.
Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
Heines Nachwirkung ist so vielschichtig wie sein Werk selbst. Er wurde geliebt und gehasst, vereinnahmt und verboten, übersetzt und zensiert. In Deutschland war sein Verhältnis zum Publikum immer ambivalent: zu jüdisch für die einen, zu ironisch für die anderen, zu politisch für die Dritten. Und doch hat er sich im Kanon der deutschen Literatur behauptet, weil sein Werk schlicht zu gut ist, um ignoriert zu werden.
International wurde Heine oft besser verstanden als im eigenen Land. In Frankreich, wo er einen Großteil seines Lebens verbrachte, gilt er bis heute als wichtiger Vermittler zwischen deutscher und französischer Kultur. In Russland wurde er von den großen Realisten des 19. Jahrhunderts bewundert. Karl Marx schätzte ihn als Freund und als politischen Geist. Sigmund Freud zählte ihn zu seinen Lieblingsautoren.
Der Nationalsozialismus versuchte, Heine aus der deutschen Literaturgeschichte zu tilgen. Bücher von ihm wurden 1933 verbrannt. Die Loreley wurde anonym in Schulbücher gedruckt. Sein Name wurde aus dem öffentlichen Raum getilgt. All das hat nichts geändert. Nach 1945 kehrte Heine in den Kanon zurück, und heute trägt die Universität Düsseldorf, seiner Geburtsstadt, seinen Namen, was lange genug umstritten war, um selbst eine Geschichte zu sein.
Gedichte von Heinrich Heine
Unsere Sammlung mit Gedichten von Heinrich Heine wächst fortlaufend. Wir achten dabei auf eine Auswahl, die die verschiedenen Phasen und Stimmungslagen seines lyrischen Werkes abbildet, von den frühen Liebesklagen über die politischen Verse bis hin zu den stillen, oft erschütternden Texten der Spätzeit. Heine ist ein Dichter, der sich nicht auf ein einziges Bild festlegen lässt, und unsere Sammlung soll das widerspiegeln.
Wenn Sie ein bestimmtes Gedicht vermissen oder uns auf einen Text aufmerksam machen möchten, der hier noch fehlt, schreiben Sie uns gerne über die E-Mail-Adresse in unserem Impressum. Wir prüfen jeden Hinweis sorgfältig und freuen uns über Ihre Mithilfe beim Aufbau einer möglichst vollständigen und lebendigen Heine-Sammlung.
Aktuell haben wir 16 Gedichte von Heinrich Heine in unserer Sammlung, die in folgenden Kategorien zu finden sind:
- Frühlingsgedichte
- Gedichte der Romantik
- Gedichte Sehnsucht
- Liebesgedichte
- Muttertagsgedichte
- romantische Gedichte
- Trauergedichte
Zu seinen bekanntesten Werken zählen: Deutschland. Ein Wintermärchen und Die schlesischen Weber.
An meine Mutter
Ich bin's gewohnt, den Kopf recht hoch zu tragen,Autor: Heinrich HeineKategorie: Muttertagsgedichte
Mein Sinn ist auch ein bißchen starr und zähe;
Wenn selbst der König mir ins Antlitz sähe,
Ich würde nicht die Augen niederschlagen.
Doch, liebe Mutter, offen will ich's sagen:
Wie mächtig auch mein stolzer Mut sich blähe,
In deiner selig süßen, trauten Nähe
Ergreift mich oft ein demutvolles Zagen.
Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget,
Dein hoher Geist, der alles kühn durchdringet,
Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget?
Quält mich Erinnerung, daß ich verübet
So manche Tat, die dir das Herz betrübet?
Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet?
Auf Flügeln des Gesanges...
Auf Flügeln des Gesanges,Autor: Heinrich HeineKategorie: romantische Gedichte
Herzliebchen, trag ich dich fort,
Fort nach den Fluren des Ganges,
Dort weiß ich den schönsten Ort.
Dort liegt ein rotblühender Garten
Im stillen Mondenschein;
Die Lotosblumen erwarten
Ihr trautes Schwesterlein.
Die Veilchen kichern und kosen,
Und schaun nach den Sternen empor;
Heimlich erzählen die Rosen
Sich duftende Märchen ins Ohr.
Es hüpfen herbei und lauschen
Die frommen, klugen Gazell'n;
Und in der Ferne rauschen
Des heiligen Stromes Well'n.
Dort wollen wir niedersinken
Unter dem Palmenbaum,
Und Liebe und Ruhe trinken
Und träumen seligen Traum.
Das Fräulein stand am Meere
Das Fräulein stand am MeereAutor: Heinrich HeineKategorie: sonstige Gedichte
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.
Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.
Deutschland. Ein Wintermärchen
Im traurigen Monat November war's,Autor: Heinrich HeineKategorie: sonstige Gedichte
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.
Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.
Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.
Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.
Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.
Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew'gen Wonnen.
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.
Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.
Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.
Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.
Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.
Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.
Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.
Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.
Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder –
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!
Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe –
Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen –
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!
Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte –
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.
Die schlesischen Weber
Im düstern Auge keine Träne,Autor: Heinrich HeineKategorie: sonstige Gedichte
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!
Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!
Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch -
wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!
Du bist wie eine Blume
Du bist wie eine Blume, so hold, so schön, so rein.Autor: Heinrich HeineKategorie: romantische Gedichte
Ich schau´dich an und Wehmut schleicht mir in´s Herz hinein.
Mir ist, als ob ich die Hände auf´s Haupt dir legen sollt.
Betend,d ass Gott dich erhalte, so rein, so schön, so hold.
Ich liebe solche weiße Glieder
Ich liebe solche weiße Glieder,Autor: Heinrich HeineKategorie: sonstige Gedichte
Der zarten Seele schlanke Hülle,
Wildgroße Augen und die Stirne
Umwogt von schwarzer Lockenfülle!
Du bist so recht die rechte Sorte,
Die ich gesucht in allen Landen;
Auch meinen Wert hat Euresgleichen
So recht zu würdigen verstanden.
Du hast an mir den Mann gefunden,
Wie du ihn brauchst. Du wirst mich reichlich
Beglücken mit Gefühl und Küssen,
Und dann verraten, wie gebräuchlich.
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten
Ich weiß nicht was soll es bedeuten,Autor: Heinrich HeineKategorie: Gedichte der Romantik
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.
Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.
Du bist wie eine Blume
Du bist wie eine Blume,Autor: Heinrich HeineKategorie: Liebesgedichte
So hold und schön und rein;
Ich schau dich an, und Wehmut
Schleicht mir ins Herz hinein.
Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt,
Betend, daß Gott dich erhalte
So rein und schön und hold.
Im wunderschönen Monat Mai
Im wunderschönen Monat Mai,Autor: Heinrich HeineKategorie: Liebesgedichte
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.
Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.
Leise zieht durch mein Gemüt
Leise zieht durch mein GemütAutor: Heinrich HeineKategorie: Frühlingsgedichte
Liebliches Geläute -
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.
Kling hinaus, bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen,
Wenn du eine Rose schaust,
Sag, ich lass sie grüßen.
Lobgesänge auf König Ludwig
Das ist Herr Ludwig von Bayerland,Autor: Heinrich HeineKategorie: sonstige Gedichte
Desgleichen gibt es wenig';
Das Volk der Bavaren verehrt in ihm
Den angestammelten König.
Er liebt die Kunst, und die schönsten Fraun
Die läßt er porträtieren;
Er geht in diesem gemalten Serail
Als Kunst-Eunuch spazieren.
Bei Regensburg läßt er erbaun
Eine marmorne Schädelstätte,
Und er hat höchstselbst für jeden Kopf
Verfertigt die Etikette.
»Walhallagenossen«, ein Meisterwerk,
Worin er jedweden Mannes
Verdienste, Charakter und Taten gerühmt,
Von Teut bis Schinderhannes.
Nur Luther, der Dickkopf, fehlt in Wallhall,
Und es feiert Ihn nicht der Walhall-Wisch;
In Naturaliensammlungen fehlt
Oft unter den Fischen der Walfisch.
Herr Ludwig ist ein großer Poet,
Und singt er, so stürzt Apollo
Vor ihm auf die Kniee und bittet und fleht:
Halt ein, ich werde sonst toll, o!
Herr Ludwig ist ein mutiger Held,
Wie Otto, das Kind, sein Söhnchen;
Der kriegte den Durchfall zu Athen,
Und hat dort besudelt sein Thrönchen.
Stirbt einst Herr Ludwig, so kanonisiert
Zu Rom ihm der heilige Vater -
Die Glorie paßt für ein solches Gesicht,
Wie Manschetten für unseren Kater!
Sobald auch die Affen und Känguruhs
Zum Christentum sich bekehren,
Sie werden gewiß Sankt Ludewig
Als Schutzpatron verehren.
Mondscheintrunkene Lindenblüten
Mondscheintrunkene Lindenblüten,Autor: Heinrich HeineKategorie: romantische Gedichte
Sie ergiessen ihre Düfte,
Und von Nachtigallenliedern
Sind erfüllet Laub und Lüfte:
Lieblich lässt es sich, Geliebter,
Unter dieser Linde sitzen,
Wenn die goldnen Mondeslichter
Durch des Baumes Blätter blitzen.
Sieh dies Lindenblatt! du wirst es
Wie ein Herz gestaltet finden;
Darum sitzen die Verliebten
Auch am liebsten unter Linden.
Doch du lächelst; wie verloren
In entfernten Sehnsuchtträumen -
Sprich, Geliebter, welche Wünsche
Dir im lieben Herzen keimen?
Ach, ich will es dir, Geliebte,
Gern bekennen, ach, ich möchte,
Dass ein kalter Nordwind plötzlich
Weisses Schneegestöber brächte;
Und dass wir, mit Pelz bedecket
Und im buntgeschmückten Schlitten,
Schellenklingelnd, peitschenknallend,
Über Fluss und Fluren glitten.
Sehnsucht
Jedweder Geselle, sein Mädel am Arm,Autor: Heinrich HeineKategorie: Gedichte Sehnsucht
Durchwandelt die Lindenreihn;
Ich aber, ich wandle, daß Gott erbarm,
Ganz mutterseelallein.
Mein Herz wird beengt, mein Auge wird trüb,
Wenn ein andrer mit Liebchen sich freut.
Denn ich habe auch ein süßes Lieb,
Doch wohnt sie gar ferne und weit.
So manches Jahr getragen ich hab,
Ich trage nicht länger die Pein,
Ich schnüre mein Bündlein, und greife den Stab,
Und wandr in die Welt hinein.
Und wandre fort manch hundert Stund,
Bis ich komm an die große Stadt;
Sie prangt an eines Stromes Mund,
Drei keckliche Türme sie hat.
Da schwindet bald mein Liebesharm,
Da harret Freude mem;
Da kann ich wandeln, feins Liebchen am Arm,
Durch die duftigen Lindenreihn.
Sie saßen und tranken am Teetisch
Sie saßen und tranken am TeetischAutor: Heinrich HeineKategorie: sonstige Gedichte
und sprachen von Liebe viel.
Die Herren, die waren ästhetisch,
die Damen von zartem Gefühl.
"Die Liebe muß sein platonisch",
der dürre Hofrat sprach.
Die Hofrätin lächelt ironisch.
Und dennoch seufzet sie: "Ach!"
Der Domherr öffnet den Mund weit:
"Die Liebe sei nicht zu roh,
sie schadet sonst der Gesundheit."
Das Fräulein lispelt: "Wieso?"
Die Gräfin spricht wehmütig:
"Die Liebe ist eine Passion!"
Und präsentieret gütig
die Tasse dem Herren Baron.
Am Tische war noch ein Plätzchen;
mein Liebchen, da hast du gefehlt.
Du hättest so hübsch, mein Schätzchen,
von deiner Liebe erzählt.
Wo?
Wo wird einst des WandermüdenAutor: Heinrich HeineKategorie: Trauergedichte
Letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?
Werd ich wo in einer Wüste
Eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?
Immerhin, mich wird umgeben
Gotteshimmel, dort wie hier.
Und als Totenlampen schweben
Nachts die Sterne über mir.