kurze Gedichte

Warum ein langes Gedicht, wenn mit einem kurzen dasselbe gesagt werden kann? Kurze Gedichte zu schreiben ist gar nicht so einfach: Es ist eine große Herausforderung, das Wesentliche auf den Punkt zu bringen, und das nett verpackt. Kurz, kürzer, SMS-Gedichte: Sehr kurze Gedichte passen in jedem Fall in eine SMS, oder zwei bis drei davon, wenn die Verse länger als 160 Zeichen sind. Wer kurze Gedichte am Morgen verschickt, zum Beispiel per E-Mail, kann dafür sorgen, dass der Empfänger fröhlich und beschwingt in seinen Tag startet. Kurze Gedichte kommen außerdem prima beim Chatten an. Schließlich handelt man sich mit dem Posten eines langen Gedichts schnell den Ruf eines Spielverderbers ein. Auf dieser Seite entdecken Sie kurze Gedichte für jede Situation. Für welche Zeilen entscheiden Sie sich?

Was genau als "kurz" gilt, ist nicht starr definiert. Ein Haiku besteht aus drei Zeilen, ein Vierzeiler aus vier. Manche rechnen alles unter zehn Versen dazu, andere ziehen die Grenze bei zwei Strophen. Was all diese Texte verbindet: Sie verzichten auf Ausschweifungen. Sie kommen direkt zu dem, was sie sagen wollen, und dann hören sie auf. Das erfordert Disziplin, und wer das gut beherrscht, schreibt Verse, die sich festsetzen.

kurze Gedichte

Inhaltsverzeichnis

kurze Gedichte

Allzeit glücklich

Manchmal ein bisschen träumen
Und immer ein bisschen hoffen –
So blieb zu seligen Räumen
Mir allzeit ein Türlein offen.
Autor: Ernst GollKategorie: kurze Gedichte

Beim Spieler, war er auch der Redlichkeit gewogen

Beim Spieler, war er auch der Redlichkeit gewogen,
ist dies der allgemeine Lauf:
Erst fängt er an und wird betrogen,
dann hört er als Betrüger auf.
Autor: Barthold Heinrich BrockesKategorie: kurze Gedichte

Bitterböse ist das Leben

Bitterböse ist das Leben,
Und vergeblich alles Streben
Nach dem höheren Ziel:
Alles bleibt ein Spiel,
Illusionen uns umschweben,
Die sich nie als Wahrheit geben.
Autor: Friederike KempnerKategorie: kurze Gedichte

Das bringt bei Weibern manche Not

Das bringt bei Weibern manche Not:
zu manchem treibt sie ein Verbot,
wozu sie gar nichts triebe,
wenn‘s unverboten bliebe.
Autor: Gottfried von StraßburgKategorie: kurze Gedichte

Der Erde köstlichster Gewinn

Der Erde köstlichster Gewinn
ist frohes Herz und reiner Sinn.
Autor: Johann Gottfried SeumeKategorie: kurze Gedichte

Der Idiot

Der Idiot den niemand mocht'
Außerdem noch Feuer mag
Klemmte fest im Kerzendocht
Heute wie fast jeden Tag
Autor: Jannes Hans MeierKategorie: kurze Gedichte

Der Regenbogen

Der Regenbogen, muss er auch vergehen,
ist in seinem Farbenspiel hübsch anzusehen.
Kurz erfreuen sich Aug und Sinne nur
an diesem schönen Schauspiel der Natur.
Autor: H.S.Kategorie: kurze Gedichte

Der Schnupfen

Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
auf dass er sich ein Opfer fasse

- und stürzt alsbald mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.

Paul Schrimm erwidert prompt: "Pitschü!"
und hat ihn drauf bis Montag früh.
Autor: Christian MorgensternKategorie: kurze Gedichte

Der Träge sitzt, weiß nicht wo aus...

Der Träge sitzt, weiß nicht wo aus,
und über ihm stürzt ein das Haus,
mit frohen Segeln munter
fährt der Frohe das Leben hinunter
Autor: Ludwig TieckKategorie: kurze Gedichte

Der Weg der Freiheit

Der Weg der Freiheit
Ist bedenklich
Und macht anstatt glücklich
Mancher Mann
Manchmal eher kränklich
Was man nicht verhindern kann
Autor: Martin OttoKategorie: kurze Gedichte

Dich kosen

Ists möglich, daß ich, Liebchen, dich kose,
Vernehme der göttlichen Stimme Schall!
Unmöglich scheint immer die Rose,
Unbegreiflich die Nachtigall.
Autor: Johann Wolfgang von GoetheKategorie: kurze Gedichte

Die Alten hatten ein Gewissen

Die Alten hatten ein Gewissen ohne Wissen;
wir heutzutag haben das Wissen ohne Gewissen.
Autor: Julius Wilhelm ZincgrefKategorie: kurze Gedichte

Die Spinne

Siehst du eine Spinne,
dann raubt es dir die Sinne
und du merkst es nicht,
dass sie eine Schönheit ist.
Du bist auf Erden nicht allein
und kannst nicht ohne Tiere sein.
Die Spinne erfüllt sich ihren Zweck,
mach die nicht tot
und schick sie einfach weg.
Autor: Waltraut EglsederKategorie: kurze Gedichte

Ein grünes Blatt

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf dass es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.
Autor: Theodor StormKategorie: kurze Gedichte

Einsam

Überall Menschen, trotzdem allein;
Keine Familie, nirgends daheim.
Niemand der lächelt, kein nettes Wort;
Ein Schritt ins Leere, die Sorgen sind fort.
Autor: SinceritasKategorie: kurze Gedichte

Erkanntes Glück

Was bedächtlich Natur sonst unter viele verteilet,
Gab sie mit reichlicher Hand alles der Einzigen, ihr.
Und die so herrlich Begabte, von vielen so innig Verehrte,
Gab ein liebend Geschick freundlich dem Glücklichen, mir.
Autor: Johann Wolfgang von GoetheKategorie: kurze Gedichte

Es muss die Freiheit

Es muss die Freiheit wachsen im Zwang
Sich orientieren an Mauern entlang
Sich empor winden durch das Dickicht
Der bloßen Gewalt
Bis in das Licht der Liebe und Wahrheit
Durch den engsten Spalt
Autor: Martin OttoKategorie: kurze Gedichte

Freiheit ist der Zweck des Zwanges

Freiheit ist der Zweck des Zwanges,
Wie man eine Rebe bindet,
Daß sie, statt im Staub zu kriechen,
Froh sich in die Lüfte windet.
Autor: Friedrich Wilhelm WeberKategorie: kurze Gedichte

Hab oft im Kreise der Lieben

Hab oft im Kreise der Lieben
im duftigen Grase geruht
und mir ein Liedlein gesungen,
und alles war hübsch und gut.
Autor: Adelbert von ChamissoKategorie: kurze Gedichte

Jeden Morgen

Jeden Morgen Zähne putzen,
jeden Morgen Bart schön stutzen,
jeden Morgen duschen gehn,
jeden Morgen früh aufstehn,
jeden Morgen Kaffee kochen,
- zuvor bin ich dem Bett entkrochen,
jeden Morgen in Spiegel schauen,
jeden Morgen packt mich das Grauen
- und dennoch:
Jeden Morgen an jedem Tag freu' ich mich,
weil ich den Morgen mag.
Autor: Klaus WeberKategorie: kurze Gedichte

Keine Rose ohne Dorn

Keine Rose ohne Dorn,
Keine Liebe ohne Zorn,
Kein Begegnen ohne Scheiden,
Keine Freude ohne Leiden –
Aller Dinge tiefstes Wesen
Mußt im Gegensatz du lesen.
Autor: Ernst von WildenbruchKategorie: kurze Gedichte

Magst du die Lüge noch so gut

Magst du die Lüge noch so gut
in das Gewand der Wahrheit kleiden,
der Dümmste ist nicht dumm genug,
um beides nicht zu unterscheiden
Autor: Friedrich von BodenstedtKategorie: kurze Gedichte

Manuel Neuer

Du hältst den Ball ohne zu bangen,
Es fällt dir leicht ihn gut zu fangen,
Das Tor zu hüten ist Dein Job,
Und darin bist Du wirklich top.
Autor: Jakob KayserKategorie: kurze Gedichte

Mit einem Rosenstrauß

Du und dein Sohn,
Sie sind beide schon alt;
Doch blühen noch Rosen,
Und das Herz ist nicht kalt.
Autor: Theodor StormKategorie: kurze Gedichte

Nachts sind alle Katzen grau

Es tauscht der Tag
was Nacht nicht halten kann
auf schwarze Katzen
schlägt kein Licht sich an
leuchten Graue
weiß im Mondesschein
nur die Weißen
wollen königsheller sein
Autor: Marcel StrömerKategorie: kurze Gedichte

Perfektion

Perfekt zu sein bedeutet nicht
Schlau und hübsch zu sein.
Oder mit lächelndem Gesicht
Sich zu zeigen und innerlich zu weinen.

Perfektion bedeutet,
Zu sein so wie man ist.
Das Innere zu zeigen,
Egal wir trist es ist.

Denn Menschen die dich lieben,
denen ist es egal.
Sie werden nur getrieben,
Von ihrem Liebeswahn.

Drum vergesse nicht,
Perfekt ist man nur dann,
Wenn man nur sich entspricht
Und man, man selbst sein kann.
Autor: Julia MarkgrafKategorie: kurze Gedichte

Selbstbefreiung

ich tanze aus der Reihe
und springe in dein Lied,
sodass es mich befreie,
hör doch den Unterschied!

Den Ton, den ich dir spiele,
in diesem Augenblick,
entdecken die Gefühle,
der Liebe zur Musik.
Autor: Marcel StrömerKategorie: kurze Gedichte

Solange Herz und Auge offen

Solange Herz und Auge offen,
um sich am Schönen zu erfreun,
solange darf man freudig hoffen,
wird auch die Welt vorhanden sein.
Autor: Wilhelm BuschKategorie: kurze Gedichte

Stress

Hetzen-hasten-hasen
eilig um die Ecke rasen,
Immer mehr
Und immer schneller
Bis die Stimmung ist im
Keller.
Autor: AlineKategorie: kurze Gedichte

Sturm

Ich spür' eine Brise
einen eiskalten Wind
Ich suchte nach Schutz
denn der Sturm, er beginnt

Die Bäume bewegen sich synchron mit der Zeit
Die Blätter, sie fliegen kilometerweit
Die Tiere, sie spürten und eilten geschwind
und suchten nach Schutz vor diesem starken Wind

Gegen ihn ist man chancenlos weil er immer gewinnt
Verstecke dich also wenn der Sturm wieder beginnt.
Autor: Manuel RottKategorie: kurze Gedichte

Über den Einwand eines Gescheiten

Über den Einwand eines Gescheiten
lässt sich streiten;
über der Entgegnung eines Dummen
muss man verstummen.
Autor: Ludwig FuldaKategorie: kurze Gedichte

Vermögen

Wer nichts hält von sich
kann nicht leiden
wer was hält von sich
hat was übrig
kann Leiden mögen
Autor: Brigitte WilgerKategorie: kurze Gedichte

Wäre ich ein Stein

Wäre ich ein Stein
So würde ich zerspringen
Würde ich sein
So würde ich singen
Aber ich bin
Sonst fiele ich nicht hin
Autor: Martin OttoKategorie: kurze Gedichte

Was der Augenblick geboren

Was der Augenblick geboren,
schlang der Augenblick hinab!
Aber ewig bleibt es unverloren,
was das Herz dem Herzen gab.
Autor: Adalbert StifterKategorie: kurze Gedichte

Wenn dich die Lästerzunge sticht

Wenn dich die Lästerzunge sticht,
so lass dir dies zum Troste sagen:
Die schlechtesten Früchte sind es nicht,
woran die Wespen nagen.
Autor: Gottfried August BürgerKategorie: kurze Gedichte

Wer ohne Neid, der ist auch ohne Liebe

Wer ohne Neid, der ist auch ohne Liebe.
Wer ohne Reu, der ist auch ohne Treu.
Und dem nur wird die Sonne wolkenfrei,
der aus dem Dunkel ringt mit heissem Triebe.
Autor: Gottfried KellerKategorie: kurze Gedichte

Wiederkehr

Mit der Geburt beginnt das Leben
Eben…
Und das Leben wird zum Kampf.
Regellos, weil menschgemacht.
Und über all den Dingen
steht plötzlich nach dem Ringen
der Tod!
Immerhin, man hat gelebt…
Und danach beginnt’s von vorn
Das Leben…
Eben!

© Achim Schier (*1956)
Autor: Achim SchierKategorie: kurze Gedichte

Zu Ostern oder Pfingsten

Zu Ostern oder Pfingsten,
da werd ich nichts verschenken,
ich denk nicht im geringsten,
was andre von mir denken,
Mir schenkte man nie was im leben
ob dieser Tatsach- angesicht,
da werde ich nichts geben,
es sei na ja man weiß ja nicht.
Ein süßes Mädel käm im März,
so schenkte, ich ihm wohl mein Herz.

© Hans-Josef Rommerskirchen
Autor: Hans Josef RommerskirchenKategorie: kurze Gedichte

Die Kunst der Kürze: Weniger ist mehr

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass kurze Gedichte leichter zu schreiben seien als lange. Das Gegenteil ist der Fall. Ein langer Text hat Raum, Gedanken zu entwickeln, Bilder auszuführen, Stimmungen aufzubauen. Ein kurzer Text hat diesen Raum nicht. Jedes Wort muss sitzen. Jede Zeile muss tragen. Was nicht unbedingt nötig ist, fliegt raus.

Das haben große Schriftsteller aller Zeiten bestätigt. Der Franzose Blaise Pascal schrieb einmal sinngemäß, er hätte keinen kürzeren Brief geschrieben, weil ihm die Zeit gefehlt habe. Dieser Satz ist paradox und stimmt doch: Kürze kostet Arbeit. Sie erfordert, das Wesentliche vom Unwichtigen zu trennen, und das ist manchmal die schwerere Aufgabe.

Für Leserinnen und Leser ist die Kürze dagegen ein Geschenk. Man muss sich nicht einlesen, keine langen Spannungsbögen verfolgen, keine Geduld aufbringen. Ein kurzes Gedicht ist sofort da. Es gibt sich in einem Atemzug hin, und wenn es gut ist, bleibt es trotzdem lange nach.

Bekannte Kurzformen der Lyrik

Die Lyrik hat im Laufe der Jahrhunderte eine Reihe von Kurzformen entwickelt, die weltweit bekannt und beliebt sind. Jede folgt eigenen Regeln und hat ihre eigene Ausdrucksqualität.

  • Haiku: Die bekannteste lyrische Kurzform weltweit stammt aus Japan. Ein Haiku besteht aus genau drei Zeilen mit fünf, sieben und fünf Silben. Es beschreibt meist einen einzigen Moment, oft in der Natur, mit größter Präzision und ohne Erklärung. Der Leser schließt die Lücken selbst.
  • Epigramm: Diese aus der Antike stammende Form ist ein kurzer, oft pointierter Vers mit einer überraschenden Wendung am Ende. Epigramme können witzig, satirisch oder tiefgründig sein. Sie arbeiten mit dem Kontrast zwischen Erwartung und Auflösung.
  • Vierzeiler: Vier Zeilen, die sich reimen oder auch nicht. Der Vierzeiler ist die vielleicht flexibelste Kurzform überhaupt. Er passt auf Grußkarten, in Chats, auf Postkarten und in Poesiealben. Kein Wunder, dass er in der deutschen Gedichttradition so verbreitet ist.
  • Couplet: Zwei Zeilen, die sich reimen und gemeinsam eine vollständige Aussage ergeben. Couplets haben oft eine aphoristische Qualität: Sie sagen in zwei Zeilen, wofür andere einen Absatz brauchen.
  • Limerick: Eine fünfzeilige Kurzform mit festem Reimschema und fast immer humoristischem Inhalt. Limericks stammen aus dem englischen Sprachraum, sind aber auch auf Deutsch beliebt und machen das Schreiben zur spielerischen Übung.

Wann kurze Gedichte die bessere Wahl sind

Es gibt Situationen, in denen ein langer Text fehl am Platz wäre, ein kurzer Vers aber genau das Richtige ist. Die Kürze ist hier keine Einschränkung, sondern eine Tugend.

  • Grußkarten: Ob zum Geburtstag, zur Hochzeit oder zu Weihnachten: Eine Karte hat begrenzt Platz. Ein kurzes Gedicht füllt diesen Platz würdig aus, ohne zu drängen.
  • Nachrichten und Chats: Wer einem Freund morgens etwas Nettes schicken möchte, ohne einen Essay zu verfassen, ist mit einem kurzen Vers perfekt bedient. Das wirkt persönlich und durchdacht, ohne aufwendig zu sein.
  • Soziale Netzwerke: Kurze Gedichte funktionieren auf Instagram, Facebook oder anderen Plattformen deutlich besser als lange Texte. Sie werden gelesen, geteilt und kommentiert.
  • Geschenkbeilagen: Ein kurzes Gedicht auf einem gefalteten Zettel neben dem Geschenk macht aus einem materiellen Präsent etwas Persönlicheres.
  • Spontane Aufmerksamkeit: Manchmal möchte man einfach zeigen, dass man an jemanden gedacht hat. Ein kurzer Vers, der passt, sagt das oft besser als ein langer erklärender Text.
  • Gedenkmomente und Trauer: In manchen Situationen sind wenige Worte wirkungsvoller als viele. Ein kurzes, treffendes Gedicht spricht in Trauermomenten oft tiefer als ausführliche Beileidsbekundungen.

Kurze Gedichte im digitalen Alltag

Das digitale Zeitalter hat kurzen Texten neuen Auftrieb gegeben. Während lange Briefe aus der Mode gekommen sind und selbst E-Mails immer kürzer werden, haben kurze, prägnante Texte Konjunktur. Kurze Gedichte passen perfekt in dieses Umfeld.

Per WhatsApp oder SMS lässt sich ein kleiner Vers verschicken, der dem Empfänger ein Lächeln ins Gesicht zaubert, ohne seinen Tag zu unterbrechen. Das ist ein feiner Unterschied zu langen Nachrichten, die manchmal Druck erzeugen, weil eine ebenso ausführliche Antwort erwartet wird. Ein kurzes Gedicht dagegen ist ein Geschenk ohne Gegenleistungspflicht.

Auch als Morgengruß funktionieren kurze Gedichte ausgezeichnet. Wer jemandem täglich oder regelmäßig ein kleines Gedicht schickt, schafft damit ein Ritual, das verbindet. Das muss kein großes Kunstwerk sein. Ein Vierzeiler, der zur Jahreszeit passt, zum Wetter oder zur Stimmung des Tages, reicht völlig aus.

Warum kurze Gedichte so stark wirken

Es gibt eine interessante Spannung bei kurzen Gedichten: Sie sind schnell gelesen, aber sie lassen sich nicht schnell vergessen. Was das auslöst, ist schwer zu greifen, aber man kennt das Phänomen. Man liest zwei Zeilen und denkt noch Stunden später daran. Man zitiert einen Vierzeiler nach Jahren auswendig, obwohl man sich an ganze Bücher kaum mehr erinnert.

Der Grund dafür liegt in der Verdichtung. Ein kurzes Gedicht komprimiert eine Idee, ein Gefühl oder ein Bild auf minimalen Raum. Diese Kompression erzeugt eine Art Druck, den der Text beim Lesen freisetzt. Er knallt, wenn er gut ist. Und er hallt nach.

Dazu kommt, dass kurze Texte leichter im Gedächtnis bleiben als lange. Das Gehirn merkt sich vollständige, abgeschlossene Einheiten besser als Ausschnitte aus längeren Werken. Ein Vierzeiler ist eine solche geschlossene Einheit. Er hat Anfang, Mitte und Ende, und das alles auf kleinstem Raum.

Große Dichter, kleine Texte

Viele der bedeutendsten Dichter der Literaturgeschichte haben kurze Texte verfasst, die zu ihren bekanntesten Werken gehören. Das zeigt, dass Kürze keine Frage des Talents oder Ehrgeizes ist, sondern eine bewusste künstlerische Entscheidung.

Johann Wolfgang von Goethe schrieb mit "Wandrers Nachtlied II" einen der bekanntesten deutschen Verse überhaupt. Der Text hat acht Zeilen und ist vollständig: Er baut eine Stimmung auf, verdichtet sie und löst sie auf. Kein Wort ist überflüssig, kein Wort fehlt.

Rainer Maria Rilke schrieb Gedichte, die trotz ihrer Dichte oft erstaunlich kompakt sind. Er verstand es, in wenigen Zeilen ganze Welten zu öffnen, ohne je das Gefühl zu erzeugen, etwas sei unfertig oder zu knapp.

Mascha Kaléko ist eine Meisterin der kurzen, pointierten Verse. Ihre Texte klingen leicht und sind doch von großer Präzision. Wer sie liest, merkt erst beim zweiten Hinschauen, wie genau jedes Wort gesetzt ist.

Auch Bertolt Brecht schrieb kurze Gedichte von enormer Wucht. Seine Fähigkeit, gesellschaftliche Beobachtungen in wenige Zeilen zu packen, ohne dabei plakativ zu wirken, ist bis heute beeindruckend.

Ein eigenes kurzes Gedicht schreiben

Wer selbst ein kurzes Gedicht schreiben möchte, stößt zunächst auf eine verblüffende Schwierigkeit: Die Kürze erlaubt keine Umwege. Man muss wissen, was man sagen will, bevor man anfängt zu schreiben. Das ist bei langen Texten anders, bei denen man sich beim Schreiben noch auf der Suche befindet.

Ein guter Ausgangspunkt ist deshalb immer eine klare Frage: Was genau möchte ich ausdrücken? Nicht "etwas über Herbst", sondern "das Gefühl, wenn das letzte Laub fällt und man nicht weiß, ob man traurig oder erleichtert ist". Je präziser die Ausgangsidee, desto leichter fällt das Schreiben.

  • Beginnen Sie mit mehr, als Sie brauchen. Schreiben Sie zunächst alles auf, was Ihnen zum Thema einfällt, ohne auf Länge oder Form zu achten. Dann streichen Sie, bis nur noch das Beste übrig bleibt.
  • Suchen Sie das eine Bild. Die stärksten kurzen Gedichte bauen oft auf einem einzigen, präzisen Bild auf. Was wäre das Bild für das, was Sie ausdrücken möchten?
  • Testen Sie verschiedene Schlüsse. Das Ende eines kurzen Gedichts trägt besonders viel Gewicht. Schreiben Sie mehrere Varianten der letzten Zeile und vergleichen Sie, welche am stärksten wirkt.
  • Lesen Sie laut vor. Kürze und Klang gehören zusammen. Was holprig klingt, muss überarbeitet werden. Was fließt, kann bleiben.
  • Warten Sie einen Tag. Was heute perfekt wirkt, zeigt morgen oft noch Schwachstellen. Zeitlicher Abstand ist beim Überarbeiten kurzer Texte genauso wichtig wie bei langen.

Tipps für die richtige Auswahl

Kurze Gedichte zu finden ist einfach. Das passende kurze Gedicht für eine bestimmte Person oder Situation zu finden, ist schon etwas anspruchsvoller. Ein paar Überlegungen helfen dabei, die Auswahl zu treffen, die wirklich trifft.

Denken Sie zuerst an die Person, für die das Gedicht bestimmt ist. Was für ein Mensch ist sie? Was schätzt sie? Hat sie Humor, oder ist ihr ein ruhiger, herzlicher Ton lieber? Ein Gedicht, das zur Person passt, wirkt immer stärker als eines, das objektiv besser, aber persönlich weniger treffend ist.

Denken Sie dann an den Anlass. Ein kurzes Gedicht zum Geburtstag klingt anders als eines zur Trauer oder zur Liebe. Auch wenn die Form dieselbe ist, macht der Inhalt den entscheidenden Unterschied. Wählen Sie bewusst und nicht nach dem Prinzip, dass irgendetwas schon passen wird.

Und lesen Sie das Gedicht laut vor, bevor Sie es verschicken oder überreichen. Was beim stillen Lesen gut wirkt, kann gesprochen plötzlich ganz anders klingen. Der Klangtest ist bei kurzen Texten besonders aufschlussreich, weil jede Silbe zählt und ein einziges holpriges Wort den gesamten Eindruck beeinflussen kann.

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