Gedichte von Johann Gottfried Herder
Johann Gottfried Herder gehört zu den Denkern und Dichtern, deren Einfluss größer ist als ihre Bekanntheit beim breiteren Publikum. Wer Herder nicht kennt, kennt die deutsche Literatur und Geistesgeschichte des 18. und frühen 19. Jahrhunderts nur in ihren Ergebnissen, nicht in ihren Wurzeln. Herder war derjenige, der Goethe die Augen für Shakespeare und das Volkslied öffnete. Er war derjenige, der den Begriff der Nationalliteratur in die europäische Debatte einbrachte und damit eine Diskussion auslöste, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Er war Theologe, Philosoph, Sprachtheoretiker, Kulturhistoriker und Dichter in einer Person, und er war all das mit einer Energie und einer Neugier, die seinesgleichen sucht. Seine Gedichte und Übertragungen sind weniger bekannt als seine theoretischen Schriften, aber sie sind der lebendige Ausdruck eines Mannes, für den Sprache nie abstrakt war, sondern immer die unmittelbarste Form des menschlichen Erlebens. Auf dieser Seite finden Sie seine Gedichte aus unserer Sammlung sowie alles Wissenswerte über sein Leben, sein Denken und seine bleibende Bedeutung.
Inhaltsverzeichnis
- Johann Gottfried Herder: Leben und Herkunft
- Königsberg und die Begegnung mit Kant
- Riga und die frühen Schriften
- Straßburg und die Begegnung mit Goethe
- Weimar: Hofprediger und Generalsuperintendent
- Sprache, Rhythmus und dichterischer Stil
- Volkslieder und Stimmen der Völker
- Herders Sprachphilosophie
- Humanität als Lebensideal
- Shakespeare und die Neubewertung der Weltliteratur
- Herder und der Sturm und Drang
- Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
- Gedichte von Johann Gottfried Herder
Johann Gottfried Herder: Leben und Herkunft
Johann Gottfried Herder wurde am 25. August 1744 in Mohrungen in Ostpreußen geboren, dem heutigen Morąg in Polen. Seine Familie gehörte dem bescheidenen protestantischen Bürgertum an: Der Vater Gottfried Herder war Schullehrer und Küster, ein stiller, frommer Mann, der seinem Sohn Bücher und die Liebe zur Sprache mitgab, ohne ihm die materielle Grundlage für ein sorgenfreies Leben hinterlassen zu können. Die Mutter Anna Elisabeth war warmherzig und religiös, und das Elternhaus war trotz seiner Enge von einer Ernsthaftigkeit geprägt, die den Sohn formte.
Die Kindheit in Mohrungen war von der protestantischen Frömmigkeit Ostpreußens geprägt, aber auch von einer intellektuellen Neugier, die der junge Herder früh entwickelte und die sein Leben lang nicht nachließ. Er las alles, was er in die Hände bekam, und er dachte über das Gelesene nach mit einer Intensität, die seinen Lehrern auffiel und die ihn schließlich nach Königsberg führte, wo er das Gymnasium besuchte und die Universität kennenlernte.
Johann Gottfried Herder starb am 18. Dezember 1803 in Weimar, wo er die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbracht hatte. Er wurde 59 Jahre alt. Sein Tod fiel in eine Zeit, in der die Weimarer Klassik auf ihrem Höhepunkt stand, und er selbst hatte sich in seinen letzten Jahren zunehmend von Goethe und Schiller entfremdet, mit denen er früher eng verbunden gewesen war. Diese Entfremdung am Lebensende ändert nichts an der Tatsache, dass sein Einfluss auf beide tiefer und dauerhafter war als der der meisten anderen Zeitgenossen.
Königsberg und die Begegnung mit Kant
1762 kam Herder nach Königsberg, um Medizin zu studieren, wechselte aber bald zur Theologie und Philosophie. In Königsberg traf er auf Immanuel Kant, der damals noch kein Weltphilosoph, sondern ein Universitätslehrer von wachsendem Ruf war. Kant ließ Herder kostenlos seine Vorlesungen besuchen, eine Geste der Großzügigkeit, die zeigt, dass er die Begabung des jungen Mannes aus Ostpreußen erkannte.
Die Begegnung mit Kant war für Herder prägend und gleichzeitig der Ausgangspunkt eines lebenslangen Gesprächs, das mit Zustimmung begann und mit Ablehnung endete. Herder übernahm von Kant die Ernsthaftigkeit des philosophischen Denkens und die Überzeugung, dass Erkenntnis eine methodische Grundlage braucht. Aber er widersprach Kant in einem entscheidenden Punkt: Kant trennte Vernunft und Erfahrung, Denken und Fühlen auf eine Weise, die Herder als künstlich empfand. Für Herder war der Mensch immer ein ganzes Wesen, in dem Verstand, Gefühl, Körper und Sprache untrennbar zusammengehören.
Diese Grundüberzeugung, die er gegen Kants Dualismus entwickelte und verteidigte, ist der philosophische Kern von Herders gesamtem Denken. Sie erklärt, warum er sich für das Volkslied interessierte: weil das Volkslied den ganzen Menschen ausdrückt, Verstand und Gefühl, Geschichte und Gegenwart, Individuum und Gemeinschaft in einem. Und sie erklärt, warum seine eigene Lyrik nie abstrakt wird: weil Sprache für ihn immer körperlich, immer lebendig, immer geerdet war.
Riga und die frühen Schriften
1764 ging Herder nach Riga, wo er als Lehrer an einer Domschule arbeitete und gleichzeitig seine ersten wichtigen Schriften verfasste. Riga war damals eine lebhafte Handelsstadt im Baltikum, kulturell vielfältig und weit genug von den deutschen Zentren entfernt, um dem jungen Herder einen eigenen Blickwinkel zu geben. Diese Distanz war produktiv: Sie erlaubte ihm, Deutschland und seine Kultur von außen zu sehen und dabei Dinge zu bemerken, die denen, die mitten darin lebten, nicht auffielen.
In Riga entstanden die "Fragmente über die neuere deutsche Literatur" (1767) und die "Kritischen Wälder" (1769), zwei Schriften, die zeigen, dass Herder von Anfang an kein bloßer Kommentator war, sondern ein origineller Denker mit eigenen Positionen. Die Fragmente entwickelten eine Theorie der Sprachentwicklung, die das Wachstum der Sprachen mit dem Wachstum von Organismen verglich und damit eine Metapher in die Geisteswissenschaften einführte, die bis heute nachwirkt. Die Kritischen Wälder setzten sich mit Lessings Laokoon auseinander und zeigten, dass Herder zwar von Lessing lernte, aber auch bereit war, ihm zu widersprechen.
Die Rigaer Jahre endeten mit einer Schiffsreise nach Nantes im Jahr 1769, die Herder in einem berühmten Reisetagebuch dokumentierte. Das Tagebuch dieser Seefahrt ist eines der aufschlussreichsten Selbstzeugnisse Herders: Er rechnet darin mit sich selbst ab, formuliert seine intellektuellen Projekte und entwirft ein Bild dessen, was er werden wollte. Es ist das Tagebuch eines Mannes im Aufbruch, der weiß, dass er wichtige Dinge zu sagen hat, aber noch nicht weiß, wie er sie sagen soll.
Straßburg und die Begegnung mit Goethe
1770 hielt sich Herder in Straßburg auf, um sich einer Augenoperation zu unterziehen, und begegnete dort dem jungen Goethe, der gerade sein Jurastudium begann. Diese Begegnung war eine der folgenreichsten der deutschen Literaturgeschichte. Der fünf Jahre ältere Herder nahm sich des jungen Goethe an, las mit ihm, diskutierte mit ihm und öffnete ihm die Augen für Welten, die Goethe ohne ihn vielleicht nicht oder nicht so früh entdeckt hätte.
Was Herder Goethe gab, war zunächst Shakespeare. Er zeigte dem jungen Juristen, dass der englische Dramatiker kein Barbar war, der die aristotelischen Regeln aus Unwissenheit verletzte, sondern ein Genius, der sie aus Überzeugung überwand, weil er eine tiefere Wahrheit über das menschliche Leben ausdrücken wollte als die Regeln erlaubt hätten. Diese Neubewertung Shakespeares, die Herder bereits in seinen frühen Schriften angedeutet hatte, wurde für Goethe und die gesamte Generation des Sturm und Drang wegweisend.
Herder gab Goethe auch das Volkslied. Er teilte seine Begeisterung für die alten deutschen, schottischen und nordischen Volkslieder mit dem jungen Dichter und zeigte ihm, dass Dichtung nicht gelehrt, nicht akademisch, nicht an Hof und Universität gebunden sein musste. Dichtung war überall, in den Liedern der einfachen Menschen, in den Märchen und Sagen, in der mündlichen Überlieferung aller Völker. Diese Erkenntnis hat Goethe bis an sein Lebensende nicht mehr losgelassen.
Weimar: Hofprediger und Generalsuperintendent
1776 folgte Herder einer Einladung Goethes und kam nach Weimar, wo er das Amt des Hofpredigers und später des Generalsuperintendenten übernahm, also die höchste kirchliche Position im Herzogtum Sachsen-Weimar. Diese Stelle sicherte ihm ein geregeltes Einkommen und eine gesellschaftliche Position, aber sie kostete ihn auch Zeit und Energie, die er lieber dem Schreiben gewidmet hätte.
Die Weimarer Jahre waren die produktivsten und gleichzeitig die schwierigsten seines Lebens. Er schrieb die großen Werke, mit denen sein Name verbunden ist, aber er litt auch unter der Enge des Hoflebens, unter dem Gefühl, nicht vollständig anerkannt zu werden, und unter der wachsenden Entfremdung von Goethe und Schiller, die sich in eine Richtung entwickelten, die ihm fremd war. Die Weimarer Klassik, die Goethe und Schiller in den 1790er Jahren entwickelten, war nicht die Klassik, die Herder sich vorgestellt hatte, und er ließ keinen Zweifel daran, dass er das anders sah.
Die Auseinandersetzung mit Kant, die er in seinen späten Hauptwerken führte, war dabei mehr als ein philosophischer Streit: Sie war der Ausdruck einer fundamentalen Verschiedenheit in der Weltanschauung, die Herder von den dominierenden intellektuellen Strömungen seiner Zeit trennte. Er stand am Ende seines Lebens als Außenseiter da, trotz aller äußeren Ehrungen, und das ist eine der melancholischsten Tatsachen seiner Biografie.
Sprache, Rhythmus und dichterischer Stil
Herders eigene Gedichte sind von einer Direktheit geprägt, die seine theoretischen Überzeugungen widerspiegelt. Er schrieb keine Kunstlyrik im akademischen Sinne, keine Texte, die mit ihrer eigenen Gelehrsamkeit prunkten. Er schrieb Gedichte, die aus dem Leben kamen und ins Leben zurückführten, die eine unmittelbare emotionale Wirkung anstrebten und dabei auf alle überflüssige Verzierung verzichteten.
Diese Schlichtheit ist keine Unfähigkeit, sondern ein Programm. Herder glaubte, dass die älteste und reinste Form der Dichtung das Volkslied war, und er versuchte, in seiner eigenen Lyrik etwas von dieser Ursprünglichkeit zu bewahren. Das bedeutete kurze Zeilen, klare Bilder, Rhythmen, die sich leicht einprägen, und eine Sprache, die nahe an der gesprochenen Rede bleibt, ohne zu verflachen.
Besonders charakteristisch ist sein Umgang mit dem Rhythmus. Herder bevorzugte freie Rhythmen oder Verse, die sich an mündliche Überlieferungen anlehnten, über die Strenge des klassischen Versmaßes. Diese Wahl war keine Beliebigkeit: Sie spiegelte seine Überzeugung, dass der Rhythmus aus dem Inhalt entstehen sollte und nicht umgekehrt. Ein Gedicht über das Meer sollte den Rhythmus des Meeres haben, nicht den des Alexandriners.
Volkslieder und Stimmen der Völker
Das bedeutendste lyrische Projekt Herders ist die Sammlung und Übertragung von Volksliedern aus aller Welt, die er in zwei Bänden unter dem Titel "Volkslieder" (1778/79) veröffentlichte und die nach seinem Tod unter dem Titel "Stimmen der Völker in Liedern" neu herausgegeben wurde. Diese Sammlung war ein kulturelles Ereignis von erheblicher Tragweite: Zum ersten Mal wurden Volkslieder aus verschiedenen Kulturen und Sprachräumen, aus dem Deutschen, dem Englischen, dem Skandinavischen, dem Spanischen, dem Griechischen und anderen Traditionen, in einer Sammlung zusammengebracht und als gleichwertige literarische Zeugnisse behandelt.
Was Herder damit tat, war revolutionär: Er stellte die mündliche Volksüberlieferung auf dieselbe Stufe wie die gelehrte Schriftkultur und behauptete, dass in den Liedern einfacher Menschen eine Wahrheit über das menschliche Leben steckt, die in der Kunstdichtung oft verloren geht. Diese Idee wurde von seinen Zeitgenossen sehr verschieden aufgenommen: Manche fanden sie begeisternd, andere skandalös. Auf die Dauer hat sie sich durchgesetzt: Die Volksliedforschung, die Märchensammlung der Brüder Grimm, die romantische Begeisterung für das Mittelalter und die mündliche Überlieferung, all das ist ohne Herders Vorbild nicht denkbar.
Herders Übertragungen der Volkslieder sind dabei selbst literarische Leistungen. Er übersetzte nicht mechanisch, sondern mit dem Gespür eines Dichters, der verstand, was ein Lied jenseits seiner wörtlichen Bedeutung ausdrückte. Die Übertragungen haben oft eine Qualität, die die Originale nicht unterschätzt, aber in einem anderen Gewand zeigt, und das ist die höchste Form des Übersetzens.
Herders Sprachphilosophie
Sprache war für Herder nicht ein Werkzeug, das der Mensch benutzt, um Gedanken auszudrücken, die er auch ohne Sprache hätte. Sprache war für ihn die Bedingung des Denkens selbst: Ohne Sprache kein Denken, ohne Denken keine Menschlichkeit. Diese These, die er in seiner "Abhandlung über den Ursprung der Sprache" (1772) entwickelte, die mit dem Preis der Berliner Akademie ausgezeichnet wurde, war für seine Zeit außerordentlich originell und ist in ihren Grundzügen bis heute gültig.
Herder argumentierte gegen zwei damals dominante Theorien: die einen behaupteten, Sprache sei göttlichen Ursprungs, also ein Geschenk Gottes an den Menschen; die anderen behaupteten, Sprache sei ein menschliches Kunstprodukt, entstanden durch bewusste Vereinbarung. Herder wies beide Theorien zurück und entwickelte eine dritte: Sprache ist weder göttlich noch willkürlich, sie entsteht aus der spezifisch menschlichen Art, die Welt wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Sie ist der Ausdruck des menschlichen Wesens, und verschiedene Sprachen sind verschiedene Ausdrücke verschiedener menschlicher Erfahrungen.
Diese Sprachphilosophie hatte weitreichende Konsequenzen für Herders Kulturtheorie: Wenn verschiedene Sprachen verschiedene Welten ausdrücken, dann sind verschiedene Kulturen nicht nach einem einheitlichen Maßstab zu bewerten. Jede Kultur hat ihre eigene Würde und ihre eigene Wahrheit, und der Versuch, alle Kulturen an einem einzigen Ideal zu messen, ist nicht nur arrogant, sondern auch erkenntnistheoretisch falsch. Diese Idee des Kulturrelativismus ist eine der einflussreichsten Ideen, die Herder in die europäische Geistesgeschichte eingebracht hat.
Humanität als Lebensideal
Das zentrale Begriff von Herders Spätphilosophie ist die Humanität, ein Wort, das er in seinen "Briefen zur Beförderung der Humanität" (1793 bis 1797) und in anderen Schriften dieser Zeit mit einem Inhalt füllte, der über den üblichen Gebrauch des Wortes weit hinausgeht. Humanität bedeutet bei Herder nicht nur Freundlichkeit oder Zivilisiertheit: Sie ist das eigentliche Ziel der menschlichen Geschichte, der Zustand, in dem der Mensch seine besten Möglichkeiten vollständig verwirklicht hat.
Diese Humanität ist keine abstrakte Idee, sondern eine praktische Aufgabe. Sie verwirklicht sich in der Bildung des Einzelnen, in der Gestaltung von Gesellschaften, die das Individuum fördern statt zu unterdrücken, und in der Beziehung zwischen den Kulturen, die auf gegenseitigem Respekt und Verstehen beruhen sollte. Herder glaubte, dass die Geschichte eine Richtung hat, und diese Richtung zeigt auf die zunehmende Verwirklichung von Humanität, ohne dass er dabei ein naives Fortschrittsoptimismus pflegte: Er sah die Rückschritte und die Gewalt der Geschichte genau, aber er glaubte, dass die Möglichkeit des Besseren immer vorhanden ist.
Diese Humanitätsidee ist Herders persönlichster Beitrag zur deutschen Geistesgeschichte, persönlicher als die Volksliedersammlung und persönlicher als die Sprachphilosophie, weil sie zeigt, was er selbst wollte: ein Leben, in dem Denken, Fühlen und Handeln zusammengehören, in dem Bildung nicht Dekoration, sondern Verwandlung ist, und in dem der Mensch sich selbst und den anderen gegenüber in einer Haltung der Offenheit und des Respekts begegnet.
Shakespeare und die Neubewertung der Weltliteratur
Herders Aufsatz "Shakespeare", erschienen 1773 in der Sammlung "Von deutscher Art und Kunst", die er zusammen mit Goethe, Möser und anderen herausgab, ist eines der wirkungsreichsten Stücke der deutschen Literaturkritik überhaupt. Herder nahm darin die Verteidigung Shakespeares gegen die klassizistischen Kritiker auf, die ihm vorwarfen, die aristotelischen Einheiten zu verletzen, und drehte das Argument um: Nicht Shakespeare war falsch, die Maßstäbe waren falsch.
Shakespeares Dramen entstanden aus einer anderen Zeit, einem anderen Volk, einer anderen Bühnentradition, und sie mussten nach den Maßstäben dieser Zeit und dieser Tradition beurteilt werden, nicht nach den Maßstäben der französischen Klassik. Jede große Dichtung ist an ihre Zeit und ihre Kultur gebunden, und genau darin liegt ihre Größe: Sie drückt etwas aus, das nur in dieser Zeit und dieser Kultur so ausgedrückt werden konnte.
Dieser Gedanke hatte Sprengkraft. Er bedeutete, dass die Hierarchie der Literaturen, an deren Spitze die antike Dichtung stand und der alles andere sich anzunähern hatte, aufzugeben war. Jede Literatur war gleichwertig, insofern sie ihre eigene Zeit und ihr eigenes Volk wahrhaftig ausdrückte. Diese Idee hat Goethe auf sein Konzept der Weltliteratur vorbereitet, hat die Romantiker in ihrer Begeisterung für das Mittelalter bestärkt und hat die Komparatistik als wissenschaftliche Disziplin mitbegründet.
Herder und der Sturm und Drang
Herder gehört zu den geistigen Vätern des Sturm und Drang, auch wenn er selbst nie der jungen Generation angehörte, die diese Bewegung trug. Was er ihr gab, war vor allem ein intellektuelles Fundament: die Legitimation des Gefühls gegen die Herrschaft der Vernunft, die Aufwertung des Originellen und Eigentümlichen gegen das Normierte und Akademische, und die Begeisterung für das Volkstümliche und das Geschichtliche gegen das Zeitlose und Abstrakte.
Die jungen Dichter des Sturm und Drang, Goethe, Lenz, Klinger und andere, fanden in Herder einen Mentor, der ihre Instinkte theoretisch absicherte und ihnen zeigte, dass das, was sie fühlten und anstrebten, nicht Barbarei war, sondern die Rückkehr zu einer tieferen Wahrheit über Dichtung und Menschlichkeit. Dieser Einfluss war für die Entwicklung der deutschen Literatur von kaum zu überschätzender Bedeutung.
Gleichzeitig blieb Herder immer etwas Älteres als der Sturm und Drang: gelehrter, systematischer, weniger bereit zur formalen Radikalität. Er war der Theoretiker der Bewegung, nicht ihr Protagonist, und diese Rolle passte zu ihm: Er hat immer lieber die Möglichkeiten des Denkens erkundet als sie vollständig auszuleben. Das ist keine Schwäche, sondern eine andere Form von Konsequenz.
Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
Herders Nachwirkung ist so verzweigt und so tief in die europäische Geistesgeschichte eingedrungen, dass sie schwer in einem einzelnen Abschnitt zu beschreiben ist. Er hat die Volksliedforschung begründet oder zumindest entscheidend gefördert, die Komparatistik vorbereitet, die Geschichtsphilosophie erneuert, die Sprachphilosophie auf eine neue Grundlage gestellt und den Begriff der Nationalliteratur in die europäische Diskussion eingebracht.
Diese letzte Wirkung ist vielleicht die ambivalenteste. Der Begriff der Nationalliteratur, den Herder im Sinne einer organisch gewachsenen kulturellen Eigenart verstand, wurde von späteren Generationen nationalistisch umgedeutet, auf eine Weise, die Herder selbst entsetzt hätte. Er dachte nie in Kategorien der Überlegenheit oder des Wettbewerbs zwischen den Kulturen: Jede Kultur war für ihn wertvoll, weil sie einzigartig war, nicht weil sie anderen überlegen war. Diese Nuance ist in der politischen Rezeption seines Werkes häufig verloren gegangen.
Auf die Literatur hat Herder durch Goethe gewirkt, auf die Philosophie durch seine Auseinandersetzung mit Kant, auf die Kulturwissenschaften durch seine Ideen über die Vielfalt und Gleichwertigkeit der Kulturen. Diese Wirkungen sind indirekt, weil Herder kein Systemdenker war, der eine Schule gründete: Er war ein Anreger, ein Öffner von Türen, ein Denker, der andere dazu brachte, Fragen zu stellen, die sie ohne ihn nicht gestellt hätten.
- Herder-Institut Marburg: Das wissenschaftliche Institut für Ostmitteleuropaforschung trägt seinen Namen und steht damit in der Tradition seines Interesses an den Kulturen östlich der deutschen Sprachgrenze.
- Herder-Preis: Mehrere Institutionen verleihen Preise, die nach Herder benannt sind, darunter der Herder-Preis der Alfred Toepfer Stiftung, der Brückenbauerinnen und Brückenbauer zwischen den Kulturen auszeichnet, eine Aufgabe, die Herder selbst zeitlebens verfolgte.
- Volksliedforschung: Herders Pionierarbeit bei der Sammlung und Bewertung von Volksliedern hat eine wissenschaftliche Tradition begründet, die bis in die Gegenwart fortlebt und das Verständnis für mündliche Überlieferungen weltweit geprägt hat.
- Komparatistik: Die vergleichende Literaturwissenschaft, die Literaturen verschiedener Kulturen miteinander in Beziehung setzt, hat in Herders Idee der Gleichwertigkeit aller Nationalliteraturen eine ihrer wichtigsten theoretischen Grundlagen.
- Kulturphilosophie: Herders Kulturrelativismus und seine Idee der Humanität als Ziel der Geschichte sind bis heute Bezugspunkte in der Kulturphilosophie und der Debatte über universale und kulturspezifische Werte.
Gedichte von Johann Gottfried Herder
Unsere Sammlung mit Gedichten und lyrischen Texten von Johann Gottfried Herder wächst stetig weiter. Wir legen dabei besonderen Wert darauf, sowohl Herders eigene Gedichte als auch seine bedeutenden Volksliederübertragungen zu berücksichtigen, denn beide gehören zusammen und zeigen, wie eng bei diesem Dichter und Denker das Eigene und das Fremde, das Theoretische und das Lebendige miteinander verbunden waren. Herder als Lyriker zu entdecken bedeutet, einen der tiefsten Köpfe der deutschen Geistesgeschichte von seiner unmittelbarsten Seite kennenzulernen.
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Aktuell haben wir 3 Gedichte von Johann Gottfried Herder in unserer Sammlung, die in folgenden Kategorien zu finden sind:
An die Freundschaft
Heil'ge Freundschaft, die auf EngelsflügelnAutor: Johann Gottfried HerderKategorie: Freundschaftsgedichte
Sich emporschwang zu den sel'gen Hügeln,
Unser Erdenland verließ
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Wo sie noch aus guten Mutterhänden
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Liebe, die auch irre geht
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Holde Freundschaft, kehr, o kehre wieder,
Hand und Herzen bindend, zu uns nieder!
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Der kleine Fitzli
Wie groß will nicht der kleine Fitzli sein!Autor: Johann Gottfried HerderKategorie: Kindergedichte
Er steigt auf einen Stuhl: »Heida! bin ich noch klein?
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Er steigt auf einen Berg
Und – ist ein Zwerg.
Vor manchen, manchen Jahren
Vor manchen, manchen Jahren,Autor: Johann Gottfried HerderKategorie: Gedichte zur goldenen Hochzeit
Als ich zuerst Dich sah,
War Deine Locke rabenschwarz,
Braun Deine Wange da.
Jetzt ist die Wange blässer,
Wie Silber glänzt Dein Haar,
Und dennoch bist Du lieber mir,
Ja lieber,
Als mir der Jüngling war.
Des Lebens schroffen Hügel
Erstiegen Hand in Hand
Wir, wie es Wind und Wetter gab,
Hin über Fels und Sand.
Jetzt ist der Abend milder,
Wir stiegen sanft hinab,
Und dort am Fuß erwartet uns
Zusammen
Ein Brautgemach, das Grab.
Wolauf, Ihr Söhn' und Töchter,
Singt unsern Hochgesang
Und streuet Myrten vor uns her
Den kurzen Weg entlang!
Und preiset jede Stunde,
Die uns der Himmel gab!
Je länger und je lieber,
Je lieber,
Umschatt' einst unser Grab!