Gedichte von Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky war einer der schärfsten, klügsten und mutigsten Schriftsteller, die die deutsche Literatur je hervorgebracht hat. Er war Satiriker, Lyriker, Erzähler, Journalist und politischer Kommentator in einer Person, und er war all das mit einer Energie und einer Begabung, die seinesgleichen sucht. Seine Gedichte, Lieder und Chansons haben einen Ton, der unverwechselbar ist: witzig und bitter zugleich, zärtlich und schonungslos, leicht im Klang und schwer im Inhalt. Tucholsky schrieb in einer Zeit, in der Deutschland am Scheideweg stand, und er sah klarer als die meisten, wohin der Weg führte. Dass er damit nicht gehört wurde, ist eine der tragischsten Tatsachen der deutschen Literaturgeschichte. Auf dieser Seite finden Sie seine Gedichte aus unserer Sammlung sowie alles Wissenswerte über sein Leben, sein Werk und seine bis heute brennende Aktualität.

Inhaltsverzeichnis

Kurt Tucholsky: Leben und Herkunft

Kurt Tucholsky wurde am 9. Januar 1890 in Berlin geboren, als zweites Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus dem Berliner Bürgertum. Sein Vater Alex Tucholsky starb früh, als Kurt noch ein Kind war, und hinterließ eine Familie, die finanziell gesichert, aber emotional gebeutelt war. Die Mutter Doris führte die Familie mit einer Strenge, gegen die sich Tucholsky sein Leben lang definierte, ohne sich je vollständig von ihr zu lösen. Diese Spannung zwischen Geborgenheit und Enge, zwischen Zugehörigkeit und dem Drang nach Freiheit, ist in seinem Werk immer wieder spürbar.

Er wuchs in Berlin und zeitweise in Stettin auf, studierte Jura in Berlin, Genf und Jena und schloss das Studium 1914 mit dem Referendarexamen ab. Als Jurist hat er praktisch nie gearbeitet. Schon während des Studiums schrieb er für Zeitungen, veröffentlichte erste satirische Texte und merkte, dass das Schreiben seine eigentliche Berufung war. Der erste Weltkrieg unterbrach alles, und Tucholsky erlebte ihn als Soldat an der Ostfront, eine Erfahrung, die seine Abscheu vor Militarismus und Nationalismus auf eine Weise formte, die alle seine späteren Texte durchzieht.

Kurt Tucholsky starb am 21. Dezember 1935 in Göteborg in Schweden, wohin er ins Exil gegangen war. Die offizielle Todesursache war eine Schlafmittelüberdosis, die höchstwahrscheinlich kein Unfall war. Er wurde 45 Jahre alt. Sein Tod kam in einem Moment, in dem er das Schlimmste bereits gewusst hatte: dass Deutschland den Weg gegangen war, vor dem er jahrelang gewarnt hatte, und dass seine Warnungen nichts geändert hatten.

Berlin und die frühen Jahre als Journalist

Berlin der 1910er und 1920er Jahre war eine der aufregendsten Städte der Welt: politisch brodelnde Metropole, kulturelles Zentrum, Ort extremer Gegensätze zwischen Armut und Reichtum, zwischen Avantgarde und Reaktion. Für Tucholsky war diese Stadt Heimat und Bühne zugleich. Er kannte sie genau, liebte sie mit einer Mischung aus Zuneigung und Verzweiflung und beschrieb sie mit einer Präzision, die bis heute lesenswert ist.

Seine journalistische Karriere begann er beim Ulk, der satirischen Beilage des Berliner Tageblatts, und weitete sich schnell auf andere Publikationen aus. Tucholsky schrieb schnell, viel und gut, eine Kombination, die im Journalismus selten ist. Er hatte das Gespür für das Thema des Tages, aber er hatte auch die Fähigkeit, über den Tag hinaus zu denken, und das ist es, was seine Texte von bloßem Tageszeitungsschreiben unterscheidet. Viele seiner Artikel von 1920 lesen sich, als wären sie für heute geschrieben worden.

Parallel zum Journalismus entwickelte er seine literarische Arbeit: Gedichte, Chansons, Glossen, Kurzprosa und gelegentlich auch längere Texte. Diese verschiedenen Ausdrucksformen waren für Tucholsky nie streng getrennt: Der Journalist informierte den Dichter, der Dichter verdichtete, was der Journalist beobachtet hatte. Beides zusammen ergab jene Stimme, die unverwechselbar Tucholsky war.

Die Weltbühne: Ein Magazin als Gewissen

Die Weltbühne war das bedeutendste linksliberale Kulturmagazin der Weimarer Republik, und Tucholsky war einer ihrer wichtigsten Autoren und zeitweise ihr Chefredakteur. Das Magazin, gegründet von Siegfried Jacobsohn und nach dessen Tod 1926 von Carl von Ossietzky weitergeführt, war das Forum der kritischen Intelligenz im Deutschland der 1920er Jahre: Es veröffentlichte literarische Texte, politische Analysen und Satiren, die an Schärfe kaum zu überbieten waren.

Tucholsky schrieb für die Weltbühne unter verschiedenen Namen, auf die noch einzugehen ist, und er nutzte das Magazin als Plattform für alles, was ihm wichtig war: Pazifismus, Demokratie, Kritik am deutschen Militarismus und Nationalismus, Verteidigung der Pressefreiheit und Angriff auf die Heuchelei des Bürgertums. Die Weltbühne war kein gemütliches Literaturblatt, sondern ein Kampfinstrument, und Tucholsky schwang es mit einer Begeisterung, die ihn manchmal über das Ziel hinausschießen ließ, aber immer erkennbar war, woher der Schuss kam.

Die Weltbühne wurde 1933 verboten, Carl von Ossietzky ins Konzentrationslager gebracht, wo er 1938 starb. Tucholsky war da bereits im Exil. Die Geschichte des Magazins ist eine der traurigsten Episoden der deutschen Pressegeschichte und ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn eine Gesellschaft aufhört, auf ihre kritischen Stimmen zu hören.

Sprache, Rhythmus und dichterischer Stil

Tucholskys lyrische Sprache ist auf den ersten Blick leicht zugänglich und auf den zweiten Blick außerordentlich komplex. Er schrieb in einer Sprache, die jeder verstand, aber mit einer Präzision, die nicht jeder bemerkte. Die scheinbar mühelos hingeworfene Zeile war oft das Ergebnis langen Feilens, und der Reim, der so natürlich wirkte, war meistens einer, über den man erst nachgedacht hatte, wenn er bereits saß.

Sein Rhythmus ist von der Berliner Alltagssprache geprägt, von der Schnelligkeit der Großstadt, vom Ton der Zeitungssprache und vom Swing des Kabaretts. Tucholsky schrieb nicht für das stille Lesen am Kamin, sondern für den mündlichen Vortrag, für die Bühne, für das Publikum, das lachen und nachdenken soll, am besten gleichzeitig. Diese Bühnentauglichkeit ist in jedem seiner Gedichte spürbar: Sie haben ein Tempo, eine Energie und ein Gespür für den richtigen Moment der Pointe, das nur jemand entwickeln kann, der weiß, wie ein Publikum funktioniert.

Was seinen Stil von dem vieler Zeitgenossen unterscheidet, ist die Bereitschaft, in einem einzigen Text mehrere Töne gleichzeitig anzuschlagen. Ein Tucholsky-Gedicht kann komisch beginnen und bitter enden, kann zärtlich sein und scharf, kann Zuneigung zeigen und gleichzeitig entlarven. Diese Mehrschichtigkeit ist das Zeichen eines Autors, der sein Handwerk vollständig beherrschte und der dem Leser nie nur eine Emotion anbot, wenn zwei oder drei möglich waren.

Chansons und Lieder: Tucholsky auf der Bühne

Ein wesentlicher Teil von Tucholskys lyrischem Werk sind die Chansons und Kabarettlieder, die er für die Berliner Bühnen schrieb. Das Kabarett der Weimarer Republik war kein harmloser Unterhaltungsbetrieb, sondern ein politisches Forum, und Tucholsky war einer seiner wichtigsten Lieferanten. Texte wie "Das Lied vom Kompromiß", "Rote Melodie" oder das berühmte "Augen in der Großstadt" wurden von Komponisten wie Friedrich Hollaender und Hanns Eisler vertont und von den besten Kabarettistinnen und Kabarettisten der Zeit vorgetragen.

Diese Chansons haben eine besondere Qualität: Sie funktionieren als Lesestücke und als Bühnenstücke, als politische Aussagen und als Unterhaltung. Tucholsky verstand, dass ein Text, der nur informiert, weniger erreicht als einer, der auch berührt oder zum Lachen bringt. Er nutzte die emotionale Wirkung des Chansons bewusst als Transportmittel für Ideen, die als nüchterne politische Aussage niemanden erreicht hätten.

Die Zusammenarbeit mit Komponisten wie Hollaender, der die musikalische Seele des Berliner Kabaretts war, und mit Eisler, der Tucholskys politischere Texte vertonte, zeigt die Bandbreite seines lyrischen Werkes. Vom zärtlichen Liebeslied bis zum kampfesfreudigen Arbeiterchanson: Tucholsky schrieb alles, und er schrieb es so, dass die Musik dazu passen musste.

Die Satire als Waffe und als Kunst

Tucholsky hat einen der meistzitierten Sätze über Satire geschrieben: "Satire darf alles." Dieser Satz, aus einem Artikel von 1919, wird bis heute in Debatten über Pressefreiheit und Kunstfreiheit zitiert, oft aus dem Zusammenhang gerissen und manchmal missverstanden. Was Tucholsky meinte, war nicht, dass Satire keine Grenzen kennt, sondern dass sie das Recht hat, jeden und alles anzugreifen, solange sie ehrlich über ihre eigene Natur ist: dass sie übertreibt, zuspitzt und verzerrt, um eine Wahrheit sichtbar zu machen, die durch sachliche Darstellung verborgen bliebe.

Tucholsky übte diese Satire an einem breiten Spektrum von Zielen: der preußischen Militärtradition, der deutschen Justiz, die er für befangen und klassengebunden hielt, dem Nationalismus, der Kirche, der Heuchelei des Bürgertums und der Feigheit der Sozialdemokratie, die er als zu zahm für die Herausforderungen der Zeit betrachtete. Keiner war vor ihm sicher, und das machte ihn vielen Feinden, auf allen Seiten des politischen Spektrums.

Was die Tucholsky-Satire von bloßer Polemik unterscheidet, ist die handwerkliche Qualität. Er war nicht wütend und unkontrolliert, er war präzise und zielgenau. Der Witz war kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, und er setzte es so ein, dass der Witz und die Kritik untrennbar wurden: Man konnte nicht lachen, ohne gleichzeitig etwas verstanden zu haben.

Die fünf Pseudonyme: Eine Person, viele Stimmen

Eine der bemerkenswertesten Besonderheiten von Tucholskys Schriftstellerleben ist die Tatsache, dass er unter fünf verschiedenen Namen schrieb: Kurt Tucholsky, Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel. Diese Pseudonyme waren nicht nur praktische Notwendigkeit, um die Illusion einer breiteren Autorenschaft in der Weltbühne zu erzeugen, obwohl sie das auch waren. Sie waren auch literarische Konstrukte mit unterschiedlichen Charakteren und Tonlagen.

Theobald Tiger schrieb die Gedichte und Chansons, oft in einem volksliedhaften Ton mit politischem Biss. Peter Panter war der feuilletonistische Beobachter, der über Alltagsdinge nachdachte und dabei unerwartete Tiefe fand. Kaspar Hauser war der Sentimentale, der Nachdenkliche, der über das Private und das Persönliche schrieb. Ignaz Wrobel war der Polemiker, der schärfste und rücksichtsloseste der vier, der nichts schonte und niemanden schonte.

Diese Aufspaltung in verschiedene Stimmen ist mehr als ein literarischer Trick. Sie zeigt, dass Tucholsky sich seiner eigenen Vielstimmigkeit bewusst war und sie produktiv nutzte. Kein Pseudonym war das vollständige Bild, aber zusammen ergaben sie etwas, das vollständiger war als ein einziger Name es je hätte sein können.

Liebe, Frauen und das Private im Werk

Neben dem politischen Tucholsky gibt es einen anderen, der weniger oft zitiert wird, aber nicht weniger bedeutsam ist: den Liebesdichter, den Sentimentalen, den Mann, der über das Private schrieb mit einer Zärtlichkeit, die seinen politischen Texten manchmal fremd scheint. Tucholsky war zweimal verheiratet und hatte mehrere intensive Liebesbeziehungen, die sein Leben und sein Schreiben tief prägten.

Besonders bekannt ist seine Beziehung zu der Ärztin und Schriftstellerin Mary Gerold, die er in seinen Briefen auf eine Weise beschrieb, die zu den bewegendsten Liebesbriefen der deutschen Literatur gehört. Diese Briefe, posthum veröffentlicht, zeigen einen Tucholsky, den die öffentlichen Texte nur ahnen lassen: verletzbar, sehnsüchtig, ungeduldig mit sich selbst und mit anderen.

In seinen Liebesgedichten verbinden sich beide Seiten: der scharfe Beobachter und der zärtliche Mensch. Er schrieb über Liebe ohne Sentimentalität, aber auch ohne Kälte. Die Ironie, die seine politischen Texte durchzieht, ist in den Liebesgedichten vorhanden, aber sie ist milder, fast schützend, als müsste der Witz das Gefühl vor allzu direkter Aussage bewahren.

Tucholsky als politischer Denker

Tucholsky war kein Politiker und kein Theoretiker, aber er war ein politischer Denker von beachtlicher Tiefenschärfe. Seine politische Grundhaltung war linksliberal und pazifistisch: Er lehnte den Krieg aus Überzeugung ab, nicht als Sentimentalität, sondern als nüchterne Schlussfolgerung aus dem, was er im Ersten Weltkrieg gesehen hatte. Er lehnte den deutschen Nationalismus ab, weil er erkannte, wohin er führte, lange bevor die meisten anderen es sahen. Und er lehnte die Kompromissbereitschaft der Sozialdemokratie ab, weil er glaubte, dass die Weimarer Republik nur überleben konnte, wenn ihre Verteidiger bereit waren, für sie zu kämpfen.

Diese Diagnosen erwiesen sich als zutreffend. Die Weimarer Republik scheiterte, der Nationalismus führte ins Verderben, und der Krieg kam. Tucholsky hatte recht gehabt, und es half ihm nichts. Er war zu früh, zu laut und zu klar für seine Zeit, und er wusste es. Die Bitterkeit der letzten Exiljahre, in denen er kaum noch schrieb, ist die Bitterkeit eines Mannes, der sehen musste, wie seine schlimmsten Prophezeiungen wahr wurden.

Exil, Verbot und das Ende

Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 die Macht übernahmen, befand sich Tucholsky bereits seit Jahren im Ausland, zunächst in Paris, dann in Schweden. Er kehrte nicht zurück. Im Mai 1933 wurden seine Bücher bei den Bücherverbrennungen verbrannt, im August desselben Jahres wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Er war staatenlos, seine Bücher waren verboten, und sein Publikum war in Deutschland nicht mehr erreichbar.

Die Exiljahre in Schweden, in einem kleinen Haus in Hindås bei Göteborg, waren von Krankheit, Isolation und wachsender Hoffnungslosigkeit geprägt. Tucholsky schrieb kaum noch, was bei einem Mann, der sein Leben lang mit einer fast zwanghaften Produktivität geschrieben hatte, das deutlichste Zeichen seiner Erschöpfung war. Die wenigen Texte, die er noch verfasste, haben eine Dunkelheit, die von seinen früheren Werken weit entfernt ist.

Er starb in der Nacht vom 20. auf den 21. Dezember 1935 an einer Überdosis Schlafmittel. Ob es Absicht war oder nicht, ist nie vollständig geklärt worden, aber die Umstände sprechen für sich. Tucholsky hatte alles verloren, wofür er geschrieben hatte: das Land, die Sprache, das Publikum, die Hoffnung. Was blieb, war ein Werk, das die Nachwelt erst nach 1945 in vollem Umfang würdigen konnte.

Nachwirkung und kulturelle Bedeutung

Tucholskys Nachwirkung ist in Deutschland tief und vielschichtig. Nach 1945 wurde er wiederentdeckt und schnell zu einem der meistgelesenen deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine Texte wurden neu aufgelegt, seine Chansons neu vertont und aufgeführt, und sein Name wurde zum Symbol für eine Art von kritischer Öffentlichkeit, die Deutschland unter dem Nationalsozialismus verloren hatte und die es wiederzugewinnen galt.

In den 1960er und 1970er Jahren wurde Tucholsky zu einer Ikone der deutschen Linken und der Studentenbewegung. Seine Kritik an Militarismus, Nationalismus und Obrigkeitshörigkeit sprach eine Generation an, die ähnliche Fragen an die eigene Gesellschaft stellte. Dieser politische Tucholsky war manchmal ein vereinfachter Tucholsky, aber die Vereinfachung hatte den Vorteil, sein Werk einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

  • Tucholsky-Geburtshaus Berlin: In der Lübecker Straße in Berlin erinnert eine Gedenktafel an seinen Geburtsort und macht auf sein Werk aufmerksam.
  • Vertonungen und Kabarett: Tucholskys Chansons und Lieder werden bis heute von Kabarettistinnen und Kabarettisten aufgeführt und neu vertont, was zeigt, dass seine Texte ihre bühnentaugliche Qualität nicht verloren haben.
  • Tucholsky im Schulkanon: Ausgewählte Texte Tucholskys gehören zum Bestand des Deutschunterrichts und führen Schülerinnen und Schüler in die Literatur der Weimarer Republik und in die Tradition der deutschen Satire ein.
  • Gesamtausgabe und Forschung: Eine umfangreiche wissenschaftliche Gesamtausgabe seiner Werke und Briefe, die seit den 1990er Jahren erscheint, hat die Grundlage für eine differenziertere Beschäftigung mit seinem Werk gelegt.
  • Aktualität der politischen Texte: In Debatten über Pressefreiheit, Satiregrenzen und politischen Mut wird Tucholsky bis heute zitiert, was zeigt, dass seine Fragen die Gegenwart ebenso beschäftigen wie die Vergangenheit.

Gedichte von Kurt Tucholsky

Unsere Sammlung mit Gedichten von Kurt Tucholsky wächst stetig weiter. Wir legen dabei Wert darauf, sowohl die politischen Gedichte und Chansons als auch die zärtlicheren lyrischen Texte zu berücksichtigen, die zeigen, wie vielschichtig sein Werk wirklich ist. Denn Tucholsky ist mehr als der bissige Satiriker, als der er am häufigsten zitiert wird. Wer auch seine Liebesgedichte und seine nachdenklicheren Verse kennt, begegnet einem Dichter, der mit dem ganzen Spektrum menschlicher Erfahrung zu tun hatte und es auf seine ganz eigene Weise in Sprache fasste.

Wenn Sie ein bestimmtes Gedicht in unserer Sammlung vermissen oder uns auf einen Text aufmerksam machen möchten, der hier noch fehlt, freuen wir uns sehr über Ihre Nachricht an die E-Mail-Adresse in unserem Impressum. Wir prüfen jeden Hinweis sorgfältig und sind für jede Rückmeldung dankbar, die unsere Sammlung vollständiger und lebendiger macht.

Aktuell haben wir 7 Gedichte von Kurt Tucholsky in unserer Sammlung, die in folgenden Kategorien zu finden sind:

Fröhliche Ostern

Da seht aufs neue dieses alte Wunder:
Der Osterhase kakelt wie ein Huhn
und fabriziert dort unter dem Holunder
ein Ei und noch ein Ei und hat zu tun.

Und auch der Mensch reckt frohbewegt die Glieder -
er zählt die Kinderchens: eins, zwei und drei ...
Ja, was errötet denn die Gattin wieder?
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!

Der fleißige Kaufherr aber packt die Ware
ins pappne Ei zum besseren Konsum:
Ein seidnes Schnupftuch, Nadeln für die Haare,
Die Glitzerbrosche und das Riechparfuhm.

Das junge Volk, so Mädchen wie die Knaben,
sucht die voll Sinn versteckte Leckerei.
Man ruft beglückt, wenn sie's gefunden haben:
Ei, ei, ei,
ei, ei,
ei!

Und Hans und Lene steckens in die Jacke,
das liebe Osterei - wen freut es nicht?
Glatt, wohlfeil, etwas süßlich im Geschmacke,
und ohne jedes innre Gleichgewicht.

Die deutsche Politik ... Was wollt ich sagen?
Bei uns zu Lande ist das einerlei -
und kurz und gut: verderbt euch nicht den Magen!
vergnügtes Fest! vergnügtes Osterei!
Autor: Kurt TucholskyKategorie: Ostergedichte

Kritik des Herzens

Erst wollte ich mich dir in Keuschheit nahn.
Die Kette schmolz.
Ich bin doch schließlich, schließlich auch ein Mann,
Und nicht von Holz.

Der Mai ist da. Der Vogel Pirol pfeift.
Es geht was um.
Und wer sich dies und wer sich das verkneift,
der ist schon dumm.

Denn mir der Seelenfreundschaft - liebste Frau,
hier dies Gedicht
zeigt mir und Ihnen treffend und genau:
es geht ja nicht.

Es geht nicht, wenn die linde -Luft weht und
die Amsel singt -
wir brauchen alle einen roten Mund,
der uns beschwingt.

Wir brauchen alle etwas, das das Blut
rasch vorwärtstreibt -
es dichtet sich doch noch einmal so gut,
wenn man beweibt.

Doch heller noch töne meiner Leier Klang,
wenn du versagst,
was ich entbehrte öde Jahre lang -
wenn du nicht magst.

So süß ist keine Liebesmelodie,
so frisch kein Bad,
so freundlich keine kleine Brust wie die,
die man nicht hat.

Die Wirklichkeit hat es noch nie gekonnt,
weil sie nichts hält.
Und strahlend überschleiert mir dein Blond
die ganze Welt.
Autor: Kurt TucholskyKategorie: Gedichte Sehnsucht

Großstadt-Weihnachten

Nun senkt sich wieder auf die heim'schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?
Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glasé.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen
auf einen stillen heiligen Grammophon.
Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn,

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:
Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!

Und frohgelaunt spricht er vom Weihnachtswetter,
mag es nun regnen oder mag es schnein,
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,
die trächtig sind von süßen Plauderein.

So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden.
Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.
Autor: Kurt TucholskyKategorie: Weihnachtsgedichte

Weihnachten

Nikolaus der Gute
kommt mit einer Rute,
greift in seinen vollen Sack –
dir ein Päckchen – mir ein Pack.
Ruth Maria kriegt ein Buch
und ein Baumwolltaschentuch,
Noske einen Ehrensäbel
und ein Buch vom alten Bebel,
sozusagen zur Erheiterung,
zur Gelehrsamkeitserweiterung ...
Marloh kriegt ein Kaiserbild
und nen blanken Ehrenschild.
Oberst Reinhard kriegt zum Hohn
die gesetzliche Pension ...
Tante Lo, die, wie ihr wisst,
immer, immer müde ist,
kriegt von mir ein dickes Kissen. –
Und auch hinter die Kulissen
kommt der gute Weihnachtsmann:
Nimmt sich mancher Leute an,
schenkt da einen ganzen Sack
guten alten Kunstgeschmack.
Schenkt der Orska alle Rollen
Wedekinder, kesse Bollen –
(Hosenrollen mag sie nicht:
dabei sieht man nur Gesicht ...).
Der kriegt eine Bauerntruhe,
Fräulein Hippel neue Schuhe,
jener hält die liebste Hand –
Und das Land? Und das Land?
Bitt ich dich, so sehr ich kann:
Schenk ihm Ruhe – lieber Weihnachtsmann!
Autor: Kurt TucholskyKategorie: Weihnachtsgedichte

Mutters Hände

Hast uns Stulln jeschnitten und Kaffee jekocht
und de Töppe rübajeschom, und jewischt und jenäht
und jemacht und jedreht ...
alles mit Deine Hände. Hast de Milch zujedeckt, uns Bonbons jesteckt
und Zeitungen ausjetragen,
hast de Hemden jezählt und Kartoffeln jeschält ...
alles mit Deine Hände. Hast uns manches Mal bei jrossem
Schkandal auch'n Katzenkopp jejeben,
hast uns hochjebracht - wir warn Sticker acht,
sechse noch am Leben?
Alles mit Deine Hände. Heiß war'n se un kalt.
Nun sind se alt.
Nu biste bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und dann komm wa bei Dir und streicheln
Deine Hände.
Autor: Kurt TucholskyKategorie: Muttertagsgedichte

Ostern

Da ist nun unser Osterhase!
Er stellt das Schwänzchen in die Höh
und schnuppert hastig mit der Nase
und tantz sich einen Pah de döh!

Dann geht er wichtig in die Hecken
und tut, was sonst nur Hennen tun:
Er möchte sein Produkt verstecken,
um sich dann etwas auszuruhn.

Das gute Tier! Ein dicker Lümmel
nahm ihm die ganze Eierei
und trug beim Glockenbammelbimmel
sie zu der Liebsten nahebei.

Da sind sie nun. Bunt angemalen
sagt jedes Ei: “ Ein frohes Fest! ”
Doch unter ihren dünnen Schalen
liegt, was sich so nicht sagen lässt.

Iss du das Ei! Und lass dich küssen
zu Ostern und das ganze Jahr ...
Iss nun das Ei! Und du wirst wissen,
was drinnen in den Eiern war!
Autor: Kurt TucholskyKategorie: Ostergedichte

Schöner Herbst

Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Die Luft ist klar und kalt und windig,
weiß Gott: ein Vormittag, so find ich,
wie man ihn oft erleben mag.

Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Jetzt schlägt das Meer mit voller Welle
gewiß an eben diese Stelle,
wo dunnemals der Kurgast lag.

Ich hocke in der großen Stadt:
und siehe, durchs Mansardenfenster
bedräuen mich die Luftgespenster ...
Und ich bin müde, satt und matt.

Dumpf stöhnend lieg ich auf dem Bett.
Am Strand wär es im Herbst viel schöner
Ein Stimmungsbild, zwei Fölljetöner
und eine alte Operett!

Wenn ich nun aber nicht mehr mag!
Schon kratzt die Feder auf dem Bogen,
das Geld hat manches schon verbogen ...
Das ist ein sündhaft blauer Tag!
Autor: Kurt TucholskyKategorie: Herbstgedichte