Lasset die Kindlein kommen zu mir

Kategorie: Taufgedichte

Lasset die Kindlein kommen zu mir,
spricht Gottes Sohn,
sie sind mein Freud und Wonne,
ich bin ihr Schild und Kron;
auch für die Kinderlein,
daß sie nicht wärn verloren,
bin ich ein Kind geboren,
drum sie mein eigen sein.

Der Herr gar freundlich
küsset und herzt die Kinderlein,
bezeugt mit Worten süße,
der Himmel ihr soll sein,
dieweil sein teures Blut,
das aus den heilgen Wunden
am Kreuzesstamm geronnen
auch ihnen kommt zu gut.

Drum nach Christi Verlangen
bringet die Kinder her,
damit sie Gnad erlangen,
niemand es ihnen wehr!
Führet sie Christo zu,
er will sich ihr erbarmen;
legt sie in seine Arme,
darin sie finden Ruh.

Ob sie gleich zeitlich sterben,
ihr Seele Gottes Erben,
lassen die schnöde Welt.
Sie sind frei aller Gfahr,
brauchen hie nicht zu leiden
und loben Gott mit Freuden
dort bei der Engel Schar.

Autor: Cornelius Becker

Biografischer Kontext

Cornelius Becker (1561-1604) war ein lutherischer Theologe und Dichter, der vor allem durch seine Psalmendichtungen Bedeutung erlangte. Sein Hauptwerk, der sogenannte "Becker-Psalter" von 1602, war ein ambitioniertes Projekt, bei dem er alle 150 Psalmen in deutsche Reimverse übertrug. Diese Übertragungen wurden teilweise vertont und fanden Eingang in das protestantische Kirchenliedrepertoire. Das vorliegende Gedicht zeigt Beckers typisches Anliegen, biblische Inhalte in einer verständlichen, volksnahen und poetischen Form zu vermitteln. Sein Schaffen steht ganz im Zeichen der lutherischen Orthodoxie und der Verbreitung des Glaubens durch die Kraft der Sprache und des Gesangs.

Interpretation des Gedichts

Das Gedicht entfaltet ein tröstliches und schutzversprechendes Bild von der Beziehung Jesu Christi zu den Kindern. Die erste Strophe zitiert direkt die biblische Aufforderung "Lasset die Kindlein zu mir kommen" (Markus 10,14) und legt sie als zentrales Motiv aus. Jesus wird als "Schild und Kron" der Kinder beschrieben – ein Bild für Schutz und königliche Würde. Der tiefe theologische Kern liegt in der Begründung: "auch für die Kinderlein ... bin ich ein Kind geboren". Die Menschwerdung Gottes in Jesus wird hier speziell auf die Rettung der Kinder bezogen, was ihre besondere Stellung im Reich Gottes unterstreicht.

Die zweite Strophe malt dieses liebevolle Verhältnis weiter aus, indem sie die körperliche Zuwendung ("küsset und herzt") betont. Die Erlösung wird konkret und fast anschaulich durch den Verweis auf das "teure Blut", das am Kreuz vergossen wurde und "auch ihnen kommt zu gut". Die Heilsgewissheit wird also nicht abstrakt, sondern sehr persönlich und leibhaftig vermittelt.

Die dritte Strophe wendet sich direkt an die erwachsenen Leser oder Gemeindeglieder mit dem Auftrag, die Kinder zu Christus zu führen. Es ist ein Aufruf zum Handeln, der auf das "Verlangen" Christi selbst zurückgeführt wird. Die "Arme" Christi werden zum ultimativen Ort der "Ruh". Die vierte und letzte Strophe geht über den irdischen Horizont hinaus und adressiert die Angst vor dem frühen Tod eines Kindes. Sie bietet die tröstliche Perspektive der himmlischen Erlösung: Die Seele des Kindes wird "Gottes Erbe", ist frei von Leid und gesellt sich zur lobenden Engelschar. Das Gedicht ist somit ein dichterischer Rundumschlag von der biblischen Verheißung über den Auftrag der Gemeinde bis hin zur eschatologischen Hoffnung.

Stimmung des Gedichts

Das Gedicht erzeugt eine vorherrschend warme, geborgene und tröstliche Stimmung. Bilder der Zärtlichkeit ("küsset und herzt"), des Schutzes ("Schild", "Arme") und der Freude ("Freud und Wonne") dominieren. Selbst die Erwähnung des Kreuzestodes in Strophe zwei dient nicht der Erzeugung von Schrecken, sondern der Vergewisserung einer konkret erwirkten Erlösung. Die Stimmung ist durchdrungen von liebevoller Fürsorge und unerschütterlichem Vertrauen in die göttliche Gnade. Der letzte Teil über den Tod atmet weniger Trauer als vielmehr sieghafte Gewissheit und freudige Erwartung des Himmels. Insgesamt vermittelt das Werk ein starkes Gefühl von Sicherheit und getragener Hoffnung.

Gesellschaftlicher und historischer Kontext

Das Gedicht ist ein typisches Produkt der protestantischen Erbauungsliteratur im ausgehenden 16. Jahrhundert. In einer Zeit hoher Kindersterblichkeit hatte die Frage nach dem Schicksal verstorbener Kleinkinder existenzielle Bedeutung. Die lutherische Theologie betonte im Gegensatz zu calvinistischen Strömungen die allgemeine Gnade Gottes und die Taufe als Heilszusage, was Eltern großen Trost spendete. Beckers Gedicht spiegelt dieses pastorale Anliegen wider. Es ist kein Gedicht der literarischen Avantgarde, sondern ein in einfachen Versen gehaltenes Glaubenszeugnis, das die Kerninhalte der Reformation – Rechtfertigung allein durch Gnade, Bezug auf die Bibel – für den Alltag der Gläubigen fruchtbar machen will. Kulturell steht es in der Tradition des Kirchenlieds, das im Protestantismus eine zentrale Rolle für die Glaubensvermittlung einnahm.

Aktualitätsbezug und moderne Bedeutung

Die aktuelle Bedeutung des Gedichts liegt weniger in seiner dogmatischen Aussage, sondern in den universellen emotionalen und menschlichen Grundthemen, die es anspricht: Der Wunsch nach Schutz für die Schwächsten, die Sehnsucht nach Geborgenheit und die Suche nach Trost im Angesicht von Verlust und Sterblichkeit. In einer oft unsicheren Welt kann die bildhafte Zusage eines "Schildes" oder sicheren "Armes" auch jenseits des streng religiösen Kontexts als Metapher für uneingeschränkte Annahme und Liebe resonieren. Für gläubige Christen bleibt es ein kraftvolles Zeugnis der besonderen Wertschätzung, die Kinder im christlichen Glauben erfahren. Es regt dazu an, über den Umgang der Gesellschaft mit Kindern und deren Bedürfnis nach emotionaler und spiritueller Heimat nachzudenken.

Geeignete Anlässe für das Gedicht

Das Gedicht eignet sich in besonderer Weise für religiös geprägte Anlässe im Zusammenhang mit Kindern.

  • Im Rahmen eines Taufgottesdienstes oder einer Taufgedächtnisfeier, wo die Zusage der göttlichen Liebe im Mittelpunkt steht.
  • Als tröstender Text oder Lesung in einem Trauergottesdienst für ein verstorbenes Kind.
  • Als Bestandteil einer Andacht oder eines Kindergottesdienstes zum Thema "Jesus und die Kinder".
  • Für die persönliche Erbauung oder als Gesprächsanlass in der Familie, um mit Kindern über Glauben, Geborgenheit und den Wert des Lebens zu sprechen.

Sprachregister und Verständlichkeit

Becker verwendet eine verständliche, aber durchaus gehobene und fromme Sprache seiner Zeit. Einige veraltete Wörter und Formen wie "wärn" (wären), "derweil" (weil), "Gfahr" (Gefahr) oder "hie" (hier) sind für moderne Leser erklärungsbedürftig. Die Syntax ist meist klar und parataktisch gereiht, was den Vortrag begünstigt. Der Inhalt erschließt sich auch ohne theologische Vorkenntnisse in seinen Grundzügen gut, da die zentralen Bilder sehr konkret sind. Für jüngere Kinder sind die archaischen Begriffe und die Thematik des Todes in Strophe vier möglicherweise schwer zugänglich. Jugendliche und Erwachsene können den Kern der Botschaft jedoch gut erfassen, besonders wenn eine kurze Erläuterung der veralteten Ausdrücke gegeben wird.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Leser, die einen rein weltlichen oder kritisch-distanzierten Zugang zu religiösen Texten suchen. Seine Sprache und sein Inhalt sind eindeutig und ungebrochen im christlich-lutherischen Glauben verwurzelt. Menschen ohne jeden Bezug zum christlichen Glauben oder mit einer Abneigung gegen konfessionelle Aussagen werden wenig damit anfangen können. Auch für rein literarische Analysen, die Stilmittel oder poetische Innovation in den Vordergrund stellen, bietet es aufgrund seines primär erbaulichen und dogmatischen Charakters weniger Ansatzpunkte. Es ist kein Gedicht der ambivalenten Gefühle oder der offenen Fragen, sondern eines des klaren Glaubensbekenntnisses.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du nach einem einfühlsamen und tröstlichen Text suchst, der die christliche Sicht auf den Wert und den Schutz von Kindern in poetischer Form zum Ausdruck bringt. Es ist die perfekte Wahl für eine Taufe, um den Täufling und seinen Weg unter den Segen Gottes zu stellen. Ebenso kann es in einer Trauerfeier für ein Kind einen tröstlichen Akzent setzen, der den Schmerz anerkennt und zugleich eine Hoffnungsperspektive jenseits des Todes öffnet. In der Gemeinde- oder Familienarbeit eignet es sich hervorragend, um mit Kindern ins Gespräch über Gott zu kommen. Lass dich von den etwas altertümlichen Wörtern nicht abschrecken – ihr Kern ist eine zeitlose Botschaft von Liebe und Geborgenheit.

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