Gedichte von Theodor Fontane
Theodor Fontane ist in der deutschen Literaturgeschichte vor allem als Romanautor bekannt, als der Schöpfer von "Effi Briest" und "Der Stechlin", als scharfsinniger Beobachter der preußischen Gesellschaft und als Meister des realistischen Erzählens. Dass er auch ein bedeutender Lyriker war, gerät dabei leicht in den Hintergrund. Zu Unrecht. Fontanes Gedichte haben eine Qualität, die seinen Romanen in nichts nachsteht: präzise Beobachtung, balladesker Schwung, eine Sprache, die nie mehr sagt als nötig, und dennoch alles trifft. Wer Fontane nur als Prosaisten kennt, kennt ihn nur halb. Auf dieser Seite finden Sie seine Gedichte aus unserer Sammlung sowie alles Wissenswerte über sein Leben, sein lyrisches Werk und seine bleibende Bedeutung.
Inhaltsverzeichnis
- Theodor Fontane: Leben und Herkunft
- Apotheker, Journalist, Dichter: Die frühen Berufsjahre
- Die England-Jahre und die schottischen Balladen
- Brandenburg und Preußen als literarische Landschaft
- Sprache, Ton und dichterischer Stil
- Die Balladen: Geschichte als Poesie
- Die Wanderungen durch die Mark Brandenburg
- Fontane und der poetische Realismus
- Das Spätwerk: Der alte Fontane
- Vom Lyriker zum Romanautor
- Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
- Gedichte von Theodor Fontane
Theodor Fontane: Leben und Herkunft
Henri Théodore Fontane wurde am 30. Dezember 1819 in Neuruppin in der Mark Brandenburg geboren. Seine Familie war hugenottischer Abstammung, französische Protestanten, die im 17. Jahrhundert vor der Verfolgung in Frankreich geflohen und in Brandenburg aufgenommen worden waren. Diese Herkunft blieb für Fontane zeitlebens bedeutsam. Sie gab ihm etwas, das er selbst als leichten Abstand zur deutschen Enge beschrieb: die Fähigkeit, die preußische Gesellschaft, in der er lebte und schrieb, mit einem Blick zu sehen, der gleichzeitig vertraut und ein wenig fremd war.
Sein Vater Louis Henri Fontane war Apotheker, ein geselliger, verschwenderischer Mann, der seine Familie mehrfach in finanzielle Schwierigkeiten brachte und dem Sohn dennoch eine Kindheit voller Geschichten und lebhafter Gespräche schenkte. Die Mutter Emilie war nüchterner, praktischer, und der Kontrast zwischen beiden Elternteilen spiegelt sich gewissermaßen in Fontanes Werk wider: die Freude am Erzählen vom Vater, die Genauigkeit im Beobachten von der Mutter.
Fontane wuchs in mehreren brandenburgischen Städten auf, in Swinemünde, Neu-Ruppin und Letschin, und diese Kindheit in der flachen, weiten Landschaft der Mark hinterließ unauslöschliche Spuren. Er starb am 20. September 1898 in Berlin, wenige Monate nach dem Erscheinen seines letzten großen Romans "Der Stechlin". Er wurde 78 Jahre alt und hatte sein bedeutendstes Werk erst in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens geschrieben.
Apotheker, Journalist, Dichter: Die frühen Berufsjahre
Fontanes Weg in die Literatur war lang und alles andere als geradlinig. Er erlernte den Beruf des Apothekers, arbeitete in verschiedenen Apotheken in Berlin und anderen Städten und schrieb nebenbei, was er schon immer getan hatte: Gedichte, Balladen, erste Prosatexte. Die Apothekerlaufbahn war nie sein eigentliches Ziel, aber sie gab ihm eine Disziplin und eine Genauigkeit im Umgang mit Substanzen, die ihn vielleicht auch im Umgang mit Sprache prägte.
In Berlin fand er Anschluss an den literarischen Klub "Tunnel über der Spree", einen Dichterverein, in dem er regelmäßig eigene Texte vorlas und Kritik erhielt. Dieser Tunnel war für den jungen Fontane entscheidend: Er lernte dort, wie Literatur funktioniert, welche Texte ein Publikum bewegen und welche es kalt lassen, und er entwickelte einen Standard für sich selbst, der hoch genug war, um ihn sein ganzes Leben lang voranzutreiben. Viele seiner frühen Balladen entstanden in dieser Zeit und wurden im Tunnel erstmals vorgetragen.
Ab den 1850er Jahren arbeitete Fontane als Journalist, zunächst für preußische Regierungsblätter, später als Kriegsberichterstatter und Theaterkritiker. Der Journalismus war kein Umweg, sondern eine Schule: Er lehrte ihn Kürze, Klarheit und die Kunst, das Wesentliche eines Sachverhalts schnell zu erfassen. All das floss in seine spätere Literatur ein.
Die England-Jahre und die schottischen Balladen
Zwischen 1855 und 1859 lebte Fontane mehrere Jahre in England, zunächst in London, wo er als Pressekorrespondent arbeitete. Diese Jahre waren für seine literarische Entwicklung von kaum zu überschätzendem Einfluss. England, und besonders Schottland, das er auf ausgedehnten Reisen kennenlernte, begeisterte ihn durch eine Tradition der Balladendichtung, die in Deutschland kaum ihresgleichen hatte.
Die schottischen Volksballaden, die Werke von Robert Burns und Walter Scott, die Legenden und historischen Überlieferungen der schottischen Highlands: All das traf Fontane tief und bestärkte ihn in seiner eigenen Neigung zur Ballade. Was er in Schottland sah und hörte, wollte er auf seine brandenburgische Heimat übertragen. Die alten Schlösser, die vergessenen Helden, die Geschichten, die sich um Orte und Landschaften rankten: Das alles gab es auch in der Mark, man musste es nur finden und in Sprache fassen.
Die England-Jahre hinterließen auch stilistische Spuren. Fontane schätzte die englische Literatur für ihre Direktheit, ihre Abneigung gegen sentimentalen Überschwang und ihre Fähigkeit, Gesellschaftskritik in Unterhaltung zu verkleiden. Diese Qualitäten strebte er in seinen eigenen Texten an, und sie sind in seinen Balladen ebenso spürbar wie später in seinen Romanen.
Brandenburg und Preußen als literarische Landschaft
Kein anderer Dichter hat die Mark Brandenburg so intensiv als literarische Landschaft erschlossen wie Fontane. Die flachen Felder, die stillen Seen, die alten Gutshäuser und Dorfkirchen, die kleinen Städte mit ihrer langen Geschichte: Das alles wurde bei Fontane zu einem literarischen Kosmos, der weit über das Regionale hinausweist. Die Mark ist bei ihm nicht Provinz, sondern Welt im Kleinen, ein Ort, an dem sich die großen Fragen des menschlichen Lebens ebenso stellen wie anderswo, nur ohne die Ablenkung der Metropole.
Diese Verbundenheit mit der brandenburgischen Landschaft ist in seinen Gedichten und Balladen allgegenwärtig. Orte, Schlösser, Seen und historische Ereignisse aus der preußischen Geschichte werden bei Fontane zu Trägern von Bedeutung, ohne dass er je ins Schwärmerische oder Nationalistische abgleitet. Er liebte seine Heimat mit den Augen eines Mannes, der auch ihre Grenzen kannte.
Sprache, Ton und dichterischer Stil
Fontanes lyrische Sprache ist von einer Sachlichkeit geprägt, die man in der deutschen Lyrik des 19. Jahrhunderts nicht oft findet. Er schrieb keine schwärmerischen Verse und kein pathetisches Getöse. Stattdessen wählte er Wörter mit der Sorgfalt eines Handwerkers, der weiß, dass jedes überflüssige Element das Ganze schwächt. Diese Sparsamkeit ist keine Kälte, sondern eine Form von Respekt vor dem Leser: Fontane traute seinen Lesern zu, zwischen den Zeilen zu lesen.
Besonders auffällig ist sein Gespür für den richtigen Ton. Er konnte erzählerisch sein, ohne zu plaudern, er konnte ernst sein, ohne zu predigen, und er konnte humorvoll sein, ohne ins Alberne zu fallen. Diese Tonkontrolle, die in seinen Romanen als gesellschaftliche Ironie berühmt wurde, findet sich in seinen Gedichten in konzentrierter Form. Ein Fontane-Gedicht tut nie zu viel und nie zu wenig, und das ist schwieriger, als es klingt.
Formal bevorzugte Fontane klare, überschaubare Strukturen. Regelmäßige Strophen, Reime, die nicht aufgesetzt wirken, und Rhythmen, die dem natürlichen Sprachfluss folgen. Diese Formtreue war für ihn kein Korsett, sondern ein Rahmen, innerhalb dessen er sich frei bewegte. Die besten seiner Balladen haben eine Leichtigkeit, die man nur erkennt, wenn man versteht, wie viel Arbeit hinter ihr steckt.
Die Balladen: Geschichte als Poesie
Fontanes Balladen gehören zum Besten, was die deutsche Lyrik in diesem Genre hervorgebracht hat, und das ist eine Aussage, die angesichts der Konkurrenz durch Schiller, Goethe und Heine nicht leichtfertig gemacht wird. Was seine Balladen auszeichnet, ist die Verbindung von historischer Genauigkeit und poetischer Verdichtung: Fontane recherchierte seine Stoffe gründlich, aber er ließ die Recherche nie auf der Seite sehen. Das Ergebnis sind Texte, die historisch geerdet und gleichzeitig lebendig sind.
Zu den bekanntesten seiner Balladen gehören "Archibald Douglas", die Geschichte eines verbannten schottischen Edelmanns und seiner Versöhnung mit dem König, "John Maynard", das Gedicht über einen Schiffssteuermann, der sein Leben opfert, um seine Passagiere zu retten, und "Die Brück' am Tay", die das Eisenbahnunglück auf der Tay-Brücke von 1879 in eindringliche Verse fasst. Diese Gedichte haben eines gemeinsam: Sie erzählen von Menschen in extremen Situationen und tun das ohne Sentimentalität, aber mit echter Anteilnahme.
"John Maynard" verdient dabei besondere Erwähnung, weil es eines der wenigen deutschen Gedichte ist, das eine wahre Geschichte aus der amerikanischen Geschichte aufgreift und ihr durch Fontanes Behandlung eine Würde verleiht, die weit über das Ereignis selbst hinausweist. Das Gedicht hat Generationen von Schulkindern begleitet und ist dabei nie zum bloßen Schulstoff geworden, weil es einfach zu gut ist, um langweilig zu sein.
Die Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Neben seiner Lyrik und seinen Romanen hat Fontane ein Werk hinterlassen, das in seiner Art einzigartig ist: die "Wanderungen durch die Mark Brandenburg", ein mehrbändiges Werk, das zwischen 1862 und 1889 erschien und die Geschichte, Landschaft und Menschen der brandenburgischen Heimat dokumentiert. Dieses Werk ist schwer zu kategorisieren: Es ist gleichzeitig Reisebericht, Kulturgeschichte, Porträtsammlung und literarische Prosa.
Die Wanderungen entstanden aus denselben Impulsen, die auch seine Balladen speisten: dem Wunsch, das Vergängliche festzuhalten, den alten Geschichten der Landschaft eine Form zu geben, bevor sie im Strom der Zeit verschwinden. Wer die Wanderungen liest, versteht Fontanes Gedichte besser, weil man sieht, wie tief er in die Geschichte und die Topografie seiner Heimat eingetaucht war. Die Balladen sind gewissermaßen die poetischen Destillate dieser umfangreichen Erkundung.
Fontane und der poetische Realismus
Fontane gehört zur literarischen Epoche des poetischen Realismus, der in Deutschland grob die Jahre zwischen 1848 und 1890 umfasst. Diese Epoche ist eine Antwort auf die romantische Überhöhung der Wirklichkeit einerseits und den rohen Naturalismus andererseits. Der poetische Realismus wollte die Wirklichkeit zeigen, wie sie ist, aber so, dass das Wesentliche und das Bedeutsame sichtbar werden, ohne dass man es aufdringlich betonen muss.
Fontane war in dieser Epoche eine Schlüsselfigur, auch wenn er, wie so oft in seinem Leben, etwas spät ankam. Seine bedeutendsten Romane entstanden erst, als er bereits in den Sechzigern war, und seine reifste Lyrik schrieb er ebenfalls in fortgeschrittenem Alter. Das störte ihn offenbar wenig. Er schrieb in einem Brief, dass er erst mit siebzig richtig angefangen habe zu schreiben, und wer seine Spätwerke kennt, kann das kaum widerlegen.
Das Spätwerk: Der alte Fontane
Fontanes letztes Lebensjahrzehnt war das produktivste und in vieler Hinsicht das freieste. Als alter Mann schrieb er nicht mehr für Verleger oder Kritiker, sondern für sich selbst und für die Wahrheit, die er im Laufe eines langen Lebens angesammelt hatte. Die Romane dieser Phase, "Frau Jenny Treibel", "Effi Briest" und "Der Stechlin", gehören zu den großen Werken der deutschen Prosa. Aber auch seine Gedichte der Spätzeit haben eine Qualität, die von einem Mann zeugt, der keine Zeit mehr für Unnötiges hatte.
Besonders berühmt ist sein Gedicht "Mir ist so wunderbar zumut", auch bekannt als das "Altersgedicht", in dem er mit einer Direktheit und Gelassenheit über das Alter schreibt, die nur möglich ist, wenn man wirklich damit Frieden geschlossen hat. Diese Texte der Spätphase sind keine Altersweisheiten im bequemen Sinne. Sie sind das Ergebnis eines langen, aufmerksamen Lebens, das seinen Dichter gelehrt hat, was wirklich zählt und was nicht.
Vom Lyriker zum Romanautor
Es ist aufschlussreich, Fontanes Entwicklung vom Lyriker zum Romanautor zu verfolgen, weil sie zeigt, dass beides aus derselben Quelle stammt. Die Genauigkeit der Beobachtung, die er in seinen Balladen übte, wurde zum Fundament seiner Romankunst. Die Fähigkeit, eine Figur in wenigen Zeilen lebendig zu machen, die er in seinen Gedichten entwickelte, zahlte sich aus, wenn er Romane schrieb, in denen Dutzende von Charakteren glaubwürdig nebeneinander existieren mussten.
Umgekehrt haben die Romane sein Verständnis für das Lyrische vertieft. Wer "Effi Briest" gelesen hat, liest Fontanes Balladen anders: Man erkennt dieselbe Aufmerksamkeit für das Schweigen zwischen den Worten, dieselbe Zurückhaltung im Urteil und dieselbe Fähigkeit, mit einem einzigen Satz oder einer einzigen Zeile mehr zu sagen als andere Autoren auf einer ganzen Seite. Lyrik und Prosa waren bei Fontane keine getrennten Bereiche, sondern zwei Ausdrucksformen desselben Blicks auf die Welt.
Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
Fontanes Wirkung auf die deutsche Literatur ist tief und anhaltend, auch wenn sie sich anders zeigt als die eines Goethe oder Schiller. Er ist kein Dichter der großen Gesten und der weithin zitierten Einzelsätze. Sein Einfluss ist subtiler: Er hat gezeigt, dass deutsche Literatur sachlich, präzise und gesellschaftskritisch sein kann, ohne dabei kalt oder programmatisch zu werden.
Auf die Prosa des 20. Jahrhunderts hat er erheblich eingewirkt. Autoren wie Heinrich Mann, Thomas Mann und Alfred Döblin haben Fontane als Vorläufer benannt. Die Art, wie er gesellschaftliche Verhältnisse in Charakteren und Gesprächen spiegelt, ohne je mit dem Finger zu zeigen, wurde zum Vorbild für eine ganze Tradition des deutschen Gesellschaftsromans. Auch im internationalen Vergleich hält Fontane stand: Kritiker, die sein Werk mit dem von Henry James oder Ivan Turgenev vergleichen, tun das nicht aus Höflichkeit.
- Effi Briest als Schulklassiker: Fontanes bekanntester Roman gehört seit Generationen zum Pflichtkanon des deutschen Schulunterrichts und wird regelmäßig neu aufgelegt und verfilmt.
- Fontane-Preis: Der nach ihm benannte Literaturpreis des Landes Brandenburg würdigt jährlich bedeutende Werke der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
- Fontane-Jahr 2019: Zum 200. Geburtstag fanden in Brandenburg und Berlin umfangreiche Feierlichkeiten, Ausstellungen und Neuausgaben seiner Werke statt, die sein Werk einem neuen Publikum zugänglich machten.
- Verfilmungen: Mehrere seiner Romane wurden verfilmt, darunter Rainer Werner Fassbinders Verfilmung von "Effi Briest" aus dem Jahr 1974, die als eine der bedeutendsten deutschen Literaturverfilmungen gilt.
- Wanderungen als Kulturbuch: Die "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" gelten als eines der wichtigsten kulturhistorischen Werke über Brandenburg und werden bis heute als Reiseführer und Kulturgeschichte gelesen.
Gedichte von Theodor Fontane
Unsere Sammlung mit Gedichten von Theodor Fontane wächst stetig weiter. Wir legen dabei Wert darauf, sowohl die bekannten Balladen als auch die weniger geläufigen lyrischen Texte zu berücksichtigen, die zeigen, wie vielschichtig Fontanes Lyrik wirklich ist. Denn Fontane ist als Dichter mehr als "John Maynard" und "Archibald Douglas", so unvergesslich diese Texte auch sind. Wer tiefer in seine Lyrik eintaucht, begegnet einem Dichter, der die Welt mit ruhigen Augen und scharfem Verstand betrachtete und dabei Texte schrieb, die diese Qualitäten auf jeder Zeile spiegeln.
Wenn Sie ein bestimmtes Gedicht in unserer Sammlung vermissen oder uns auf einen Text aufmerksam machen möchten, der hier noch fehlt, freuen wir uns über Ihre Nachricht an die E-Mail-Adresse in unserem Impressum. Wir prüfen jeden Hinweis sorgfältig und sind für jede Rückmeldung dankbar, die unsere Sammlung reicher und vollständiger macht.
Aktuell haben wir 15 Gedichte von Theodor Fontane in unserer Sammlung, die in folgenden Kategorien zu finden sind:
- Frühlingsgedichte
- Geburtstagsgedichte
- Gedichte zum Nachdenken
- Liebesgedichte
- Sommergedichte
- Weihnachtsgedichte
- Wintergedichte
Zu seinen bekanntesten Werken zählen: Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland und Archibald Douglas.
Alles still!
Alles still! Es tanzt der Reigen,Autor: Theodor FontaneKategorie: Wintergedichte
Mondenstrahl in Wald und Flur,
Und darüber trohnt das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.
Alles still! Vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei.
Keiner Fichte Wipfel rauschet,
Und kein Bächlein summt vorbei.
Alles still! Die Dorfeshütten
Sind wie Gräber anzusehn,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.
Alles still! Nichts hör ich klopfen
Als mein Herz durch die Nacht -
Heiße Tränen nieder tropfen
Auf die kalte Winterpracht.
An einem Sommermorgen
An einem SommermorgenAutor: Theodor FontaneKategorie: Sommergedichte
da nimm den Wanderstab,
es fallen deine Sorgen
wie Nebel von dir ab.
Des Himmels heitre Bläue
lacht dir ins Herz hinein
und schließt, wie Gottes Treue,
mit seinem Dach dich ein.
Rings Blüten nur und Triebe
und Halme von Segen schwer,
dir ist, als zöge die Liebe
des Weges nebenher.
So heimisch alles klingt
als wie im Vaterhaus,
und über die Lerchen schwingt
die Seele sich hinaus.
Archibald Douglas
"Ich hab' es getragen sieben Jahr,Autor: Theodor FontaneKategorie: sonstige Gedichte
und ich kann es nicht tragen mehr,
wo immer die Welt am schönsten war,
da war sie öd' und leer.
Ich will hintreten vor sein Gesicht
in dieser Knechtsgestalt,
er kann meine Bitte versagen nicht,
ich bin ja worden alt,
Und trüg' er noch den alten Groll,
frisch wie am ersten Tag,
so komme, was da kommen soll,
und komme, was da mag."
Graf Douglas sprichts. Am Weg ein Stein
lud ihn zu harter Ruh',
er sah in Wald und Feld hinein,
die Augen fielen ihm zu.
Er trug einen Harnisch, rostig und schwer,
darüber ein Pilgerkleid, -
da horch, vom Waldrand scholl es her
wie von Hörnern und Jagdgeleit.
Und Kies und Staub aufwirbelte dicht,
herjagte Meut' und Mann,
und ehe der Graf sich aufgericht't,
waren Roß und Reiter heran.
König Jakob saß auf hohem Roß,
Graf Douglas grüßte tief,
dem König das Blut in die Wangen schoß,
der Douglas aber rief:
"König Jakob, schaue mich gnädig an
und höre mich in Geduld,
was meine Brüder dir angetan,
es war nicht meine Schuld.
Denk nicht an den alten Douglas-Neid,
der trotzig dich bekriegt,
denk lieber an deine Kinderzeit,
wo ich dich auf den Knieen gewiegt.
Denk lieber zurück an Stirling-Schloß,
wo ich Spielzeug dir geschnitzt,
dich gehoben auf deines Vaters Roß
und Pfeile die zugespitzt.
Denk lieber zurück an Linlithgow,
an den See und den Vogelherd,
wo ich dich fischen und jagen froh
und schwimmen und springen gelehrt.
O denk an alles, was einsten war,
und sänftige deinen Sinn,
ich hab' es gebüßet sieben Jahr,
daß ich ein Douglas bin."
"Ich seh' dich nicht, Graf Archibald,
ich hör' deine Stimme nicht,
mir ist, als ob ein Rauschen im Wald
von alten Zeiten spricht.
Mir klingt das Rauschen süß und traut,
ich lausch' ihm immer noch,
dazwischen aber klingt es laut:
Er ist ein Douglas doch.
Ich seh dich nicht, ich höre dich nicht,
das ist alles, was ich kann,
ein Douglas vor meinem Angesicht
wär' ein verlorener Mann."
König Jakob gab seinem Roß den Sporn,
bergan ging jetzt sein Ritt,
Graf Douglas faßte den Zügel vorn
und hielt mit dem König Schritt.
Der Weg war steil, und die Sonne stach,
und sein Panzerhemd war schwer;
doch ob er schier zusammenbrach,
er lief doch nebenher.
"König Jakob, ich war dein Seneschall,
ich will es nicht fürder sein,
ich will nur warten dein Roß im Stall
und ihm schütten die Körner ein.
Ich will ihm selber machen die Streu
und es tränken mit eigner Hand,
nur laß mich atmen wieder aufs neu
die Luft im Vaterland.
Und willst du nicht, so hab' einen Mut,
und ich will es danken dir,
und zieh dein Schwert und triff mich gut
und laß mich sterben hier."
König Jakob sprang herab vom Pferd,
hell leuchtete sein Gesicht,
aus der Scheide zog er sein breites Schwert,
aber fallen ließ er es nicht.
"Nimm's hin, nimm's hin und trag es neu,
und bewache mir meine Ruh',
der ist in tiefster Seele treu,
der die Heimat liebt wie du.
Zu Roß, wir reiten nach Linlithgow,
und du reitest an meiner Seit',
da wollen wir fischen und jagen froh
als wie in alter Zeit."
Verse zum Advent
Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,Autor: Theodor FontaneKategorie: Weihnachtsgedichte
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.
Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.
Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.
Die Ehre dieser Welt
Es kann die Ehre dieser Welt,Autor: Theodor FontaneKategorie: sonstige Gedichte
Dir keine Ehre geben;
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muß in dir selber leben.
Wenn's deinem Innersten gebricht
An echten Stolzes Stütze,
Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
Ist all dir wenig nütze.
Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm,
Magst du dem Eitlen gönnen,
Das aber sei dein Heiligtum:
Vor dir bestehen können.
Die Frage bleibt
Halte dich still, halte dich stumm,Autor: Theodor FontaneKategorie: Gedichte zum Nachdenken
Nur nicht forschen, warum? warum?
Nur nicht bittre Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.
Wie's dich auch aufzuhorchen treibt,
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.
Frühling
Nun ist er endlich kommen dochAutor: Theodor FontaneKategorie: Frühlingsgedichte
In grünem Knospenschuh;
»Er kam, er kam ja immer noch«,
Die Bäume nicken sich's zu.
Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuss auf Schuss;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muss.
Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt: »Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai.«
O schüttle ab den schweren Traum
Und die lange Winterruh':
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag's auch du.
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,Autor: Theodor FontaneKategorie: sonstige Gedichte
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: "Junge, wiste 'ne Beer?"
Und kam ein Mädel, so rief er: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn."
So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: "Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab."
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen "Jesus meine Zuversicht",
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
"He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?"
So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.
Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: "Wiste 'ne Beer?"
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: "Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn."
So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.
Immer enger
Immer enger, leise, leiseAutor: Theodor FontaneKategorie: sonstige Gedichte
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
Schwindet hoffen, hassen, lieben,
Und ist nichts in Sicht geblieben
Als der letzte dunkle Punkt.
Aus der Ferne
Aus der FerneAutor: Theodor FontaneKategorie: Geburtstagsgedichte
diesen Wunsch:
Glückliche Sterne
und guten Punsch!
Jene für immer,
diesen für heut -
und nimm nichts schlimmer
als Gott es beut.
Raffe dich, sammle dich,
eins, zwei, drei,
und verrammle dich
gegen Hirnschlepperei.
Brich, was nicht halten will,
brich es entzwei!
Aber hältst du still -
ist es vorbei.
Weihnachten
Noch einmal ein Weihnachtsfest,Autor: Theodor FontaneKategorie: Weihnachtsgedichte
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm' ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte,
Alles Gute, alles Schlechte –
Rechnet sich aus allem Braus
Doch ein richtig Leben raus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.
Kummer sei lahm...
Kummer sei lahm!Autor: Theodor FontaneKategorie: Geburtstagsgedichte
Sorge sei blind!
Es lebe das Geburtstagskind!
Mittag.
Am Waldessaume träumt die Föhre,Autor: Theodor FontaneKategorie: sonstige Gedichte
am Himmel weiße Wölkchen nur;
es ist so still, daß ich sie höre,
die tiefe Stille der Natur.
Rings Sonnenschein auf Wies' und Wegen,
die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach,
und doch, es klingt, als ström' ein Regen
leis tönend auf das Blätterdach.
Im Garten
Die hohen HimbeerwändeAutor: Theodor FontaneKategorie: Liebesgedichte
Trennten dich und mich,
Doch im Laubwerk unsre Hände
Fanden von selber sich.
Die Hecke konnt' es nicht wehren,
Wie hoch sie immer stund:
Ich reichte dir die Beeren,
Und du reichtest mir deinen Mund.
Ach, schrittest du durch den Garten
Noch einmal im raschen Gang,
Wie gerne wollt' ich warten,
Warten stundenlang.
Tröste dich, die Stunden eilen
Tröste dich, die Stunden eilen,Autor: Theodor FontaneKategorie: sonstige Gedichte
und was all dich drücken mag,
Auch das Schlimmste kann nicht weilen,
und es kommt ein andrer Tag.
In dem ew'gen Kommen, Schwinden,
wie der Schmerz liegt auch das Glück,
Und auch heitre Bilder finden
ihren Weg zu dir zurück.
Harre, hoffe. Nicht vergebens
zählest du der Stunden Schlag:
Wechsel ist das Los des Lebens,
und es kommt ein andrer Tag.