Gedichte von Theodor Storm

Theodor Storm gehört zu den Dichtern, die man einmal gelesen hat und nicht mehr vergisst. Nicht weil seine Gedichte laut wären oder große Gesten machten, sondern weil sie das Gegenteil tun: Sie sprechen leise, genau und mit einer Traurigkeit, die nicht theatralisch ist, sondern wahr. Storm war ein Meister der Stimmung, ein Dichter, der mit wenigen Worten ganze Landschaften des Gefühls öffnen konnte. Die norddeutsche Küste, der Wind, der Nebel, die Vergänglichkeit des Glücks und die Beständigkeit der Erinnerung: Das sind seine Themen, und er behandelt sie mit einer Innigkeit, die seinesgleichen sucht. Auf dieser Seite finden Sie seine Gedichte aus unserer Sammlung sowie alles Wissenswerte über sein Leben, sein lyrisches Werk und seine anhaltende Wirkung in der deutschen Literatur.

Inhaltsverzeichnis

Theodor Storm: Leben und Herkunft

Hans Theodor Woldsen Storm wurde am 14. September 1817 in Husum geboren, einer kleinen Stadt an der schleswig-holsteinischen Westküste, die er selbst einmal als die "graue Stadt am Meer" bezeichnete. Dieser Satz aus seinem Gedicht "Die Stadt" ist vielleicht der bekannteste, den Storm je geschrieben hat, und er trifft das Verhältnis zwischen dem Dichter und seiner Heimatstadt auf merkwürdig genaue Weise: Husum war für Storm grau und eng, aber es war auch untrennbar mit allem verbunden, was er liebte und was er schrieb. Man kann Storms Werk nicht verstehen, ohne diese Spannung zwischen Zugehörigkeit und Beengtsein zu kennen.

Sein Vater Johann Casimir Storm war Jurist, die Familie gehörte dem bürgerlichen Establishment der kleinen Stadt an. Storm studierte Jura in Kiel und Berlin, ließ sich als Rechtsanwalt in Husum nieder und lebte das Leben eines soliden Bürgers, der nebenbei Gedichte schrieb. Nebenbei: Das klingt nach Unterschätzung, und das ist es auch. Storm nahm seine Literatur von Anfang an ernst, auch wenn er jahrelang nur einem kleinen Kreis bekannt war.

Storm starb am 4. Juli 1888 in Hanerau-Hademarschen, wohin er sich in den letzten Jahren zurückgezogen hatte. Er wurde 70 Jahre alt und hatte sein bedeutendstes Prosawerk, "Der Schimmelreiter", wenige Monate vor seinem Tod abgeschlossen. Es ist das Werk eines Mannes, der wusste, dass es sein letztes sein würde, und der seine gesamte dichterische Kraft noch einmal darin versammelte.

Husum: Die Stadt als Lebensthema

Es gibt Orte, die einen Dichter prägen, und es gibt Orte, die ein Dichter prägt. Bei Storm und Husum ist beides der Fall. Die Stadt hat ihn geformt: die flache Weite der Marschlandschaft, die Nähe des Meeres, der Horizont, der so weit ist, dass er die Sehnsucht erzeugt, und die Enge der Verhältnisse, die sie gleichzeitig einschränkt. Und Storm hat die Stadt geformt: Durch sein Gedicht "Die Stadt" und durch den "Schimmelreiter" ist Husum in der deutschen Literatur verewigt auf eine Weise, die kein Stadtmarketing je leisten könnte.

"Die Stadt" ist eines der bekanntesten deutschen Gedichte überhaupt, und es ist ein Liebesgedicht an einen Ort, der eigentlich nicht liebenswert erscheint. Storm beschreibt Husum als trostlos, nebelverhangen und kalt, und trotzdem oder gerade deshalb ist es der Ort, dem er sich zugehörig fühlt. Diese Paradoxie kennt jeder, der an einem schwierigen Ort aufgewachsen ist und ihn trotzdem nie ganz hinter sich lassen konnte. Storm hat ihr eine Form gegeben, die noch heute trifft.

Husum erinnert heute an Storm mit einem Museum in seinem ehemaligen Wohnhaus, einem Denkmal auf dem Marktplatz und dem alljährlichen Storm-Fest, das Besucher aus ganz Deutschland in die kleine Küstenstadt zieht. Der graue Ruhm, den er ihr gegeben hat, ist zum Stolz geworden, und das hätte Storm vermutlich amüsiert.

Exil, Rückkehr und die politischen Jahre

Storms Leben verlief nicht so ruhig, wie es das Bild des beschaulichen Bürger-Dichters vermuten lässt. Als Schleswig-Holstein 1852 von Dänemark annektiert wurde und die deutschen Beamten vor die Wahl gestellt wurden, den dänischen König anzuerkennen oder ihre Stellen zu verlieren, verließ Storm Husum. Er war kein politischer Dichter im engeren Sinne, aber er war ein Mann mit Prinzipien, und zu diesen Prinzipien gehörte, dass er nicht unter dänischer Verwaltung arbeiten wollte.

Die folgenden Jahre verbrachte er in Potsdam und Heiligenstadt in Thüringen, als preußischer Richter tätig, weit von der Küste entfernt, die ihm so viel bedeutete. Diese Exiljahre waren keine verlorene Zeit: Storm schrieb, er las, er pflegte Brieffreundschaften mit Fontane und anderen Schriftstellern seiner Zeit. Aber das Heimweh nach der norddeutschen Landschaft ist in den Texten dieser Phase deutlich spürbar, eine Sehnsucht, die sein Schreiben mit einer zusätzlichen emotionalen Schicht versah.

1864, nach dem Deutsch-Dänischen Krieg, kehrte Storm nach Husum zurück und wurde Landvogt, später Amtsrichter. Die Rückkehr war die Erfüllung einer langen Sehnsucht, und sie veränderte sein Schreiben auf subtile Weise: Die Trauer wurde ruhiger, tiefer, weniger akut. Er hatte bekommen, was er wollte, und stellte fest, dass das Glück der Heimkehr und die Melancholie des Dichters sich gegenseitig nicht ausschlossen.

Sprache, Klang und dichterischer Stil

Storms Sprache hat eine Qualität, die man am ehesten als musikalische Präzision beschreiben könnte. Er wählt Wörter nicht nur nach ihrer Bedeutung, sondern auch nach ihrem Klang und ihrer Wirkung im Vers. Das Ergebnis sind Gedichte, die sich leicht merken lassen, ohne dass man sagen könnte warum: Der Rhythmus trägt den Leser, die Reime überraschen nicht, aber sie sitzen genau, und die Bilder bleiben haften wie Landschaften, die man selbst gesehen hat.

Im Vergleich zu seinen Zeitgenossen ist Storms lyrische Sprache auffallend zurückhaltend. Er meidet das Pathos, das bei anderen Dichtern des 19. Jahrhunderts gelegentlich ausufert, und er meidet auch die bewusste Schlichtheit, die manchmal in Banalität abgleitet. Sein Weg ist ein schmaler Grat zwischen beidem, und er geht ihn mit einer Sicherheit, die nur durch jahrelanges handwerkliches Arbeiten an der eigenen Sprache zu erwerben ist.

Formal bevorzugte Storm überschaubare Strophenformen mit regelmäßigen Rhythmen und Reimen. Freie Verse schrieb er selten. Diese formale Konservativität war kein Mangel an Fantasie, sondern eine bewusste Entscheidung: Storm vertraute der Form als Träger von Bedeutung und wusste, dass ein sorgfältig gefügter Reim mehr sagen kann als eine ungezügelte Zeile. Das Handwerk war ihm so wichtig wie der Inhalt, weil er wusste, dass das eine ohne das andere nicht funktioniert.

Die Kunst der Stimmung

Was Storm von den meisten anderen Lyrikern seiner Zeit unterscheidet, ist seine unvergleichliche Fähigkeit, Stimmungen zu erzeugen. Nicht zu beschreiben, sondern zu erzeugen: Das ist der entscheidende Unterschied. Ein Storm-Gedicht erklärt nicht, wie sich etwas anfühlt, es lässt den Leser das Gefühl selbst erfahren. Diese Fähigkeit ist das Seltenste, was ein Dichter besitzen kann, und Storm besaß sie in außergewöhnlichem Maß.

Die Stimmungen, die er erzeugt, sind oft melancholisch, aber nie hoffnungslos. Es ist eine Melancholie, die mit Schönheit durchdrungen ist, eine Traurigkeit, die der Trost selbst ist. Wenn Storm über das Vergehen der Zeit schreibt, spürt man den Schmerz des Verlustes, aber auch die Würde des Erinnerten. Wenn er über die norddeutsche Landschaft schreibt, fühlt man den Wind und die Weite, aber auch die Geborgenheit des Vertrauten. Diese Ambivalenz ist das Kennzeichen seiner besten Gedichte.

Liebe, Verlust und Erinnerung

Storms Liebesleben hinterließ tiefe Spuren in seinem lyrischen Werk. Seine erste Frau Constanze Esmarch, die er innig liebte und mit der er sieben Kinder hatte, starb 1865 nach langer Krankheit. Dieser Verlust war ein Einschnitt, der in vielen Gedichten dieser Jahre spürbar ist, ohne dass Storm je in Selbstmitleid verfiel. Die Art, wie er über Trauer und Liebe schrieb, verbindet Zartheit mit Würde auf eine Weise, die bis heute berührt.

Einige Jahre nach Constanzes Tod heiratete er Dorothea Jensen, eine Jugendfreundin, die er seit Jahren kannte. Auch diese Ehe war glücklich, auch wenn sie anders war als die erste. Die Liebesgedichte, die Storm in verschiedenen Phasen seines Lebens schrieb, spiegeln diese Erfahrungen wider: von der schwärmerischen Frühlingsliebe über die geduldige Zärtlichkeit einer langen Ehe bis zur stillen Trauer um das Verlorene.

Erinnerung ist dabei vielleicht das wichtigste Thema überhaupt in Storms Lyrik. Er war ein Dichter des Rückblicks, einer, dem das Vergangene mindestens so lebendig war wie die Gegenwart. Diese Haltung ist keine Weltflucht, sondern eine Form der Treue: Storms Gedichte sagen immer auch, dass das, was war, wirklich gewesen ist, und dass das zählt.

Die norddeutsche Natur als Seelenlandschaft

Die Landschaft Schleswig-Holsteins, die flachen Marschen, die Halligen im Wattenmeer, die weiten Himmel und der allgegenwärtige Wind: All das ist in Storms Lyrik nicht bloß Kulisse, sondern Spiegel. Die äußere Landschaft und die innere Seelenlage seiner lyrischen Ich-Figuren entsprechen einander auf eine Weise, die man als Pathetic Fallacy bezeichnen könnte, aber das wäre zu technisch für etwas, das bei Storm so selbstverständlich und organisch wirkt.

Der Nebel über der Marsch ist bei Storm auch der Nebel der Ungewissheit. Das Meer ist die Sehnsucht, aber auch die Grenze, jenseits derer das Unbekannte liegt. Der Herbst, den er mit besonderer Vorliebe beschwor, ist die Jahreszeit des Abschieds, der schönen Vergänglichkeit, des langsamen Verglühens. Diese Naturbilder sind nie beliebig, sondern immer präzise auf den emotionalen Gehalt des Gedichts abgestimmt.

Wer die norddeutsche Küste kennt, liest Storm anders als jemand, der nie dort war. Aber wer Storm liest, ohne die Küste zu kennen, sieht sie danach mit anderen Augen. Das ist das Zeichen einer geglückten Naturlyrik: Sie verändert die Wahrnehmung des Lesers, auch wenn er den beschriebenen Ort nie besucht hat.

Vom Lyriker zum Novellenmeister

Storm begann als Lyriker und blieb es sein Leben lang, aber er wurde daneben zu einem der bedeutendsten Novellenautoren des 19. Jahrhunderts. Der Übergang war fließend: Die Qualitäten, die seine Gedichte auszeichnen, die Stimmungsdichte, die Präzision der Sprache, die Aufmerksamkeit für das Innenleben seiner Figuren, sind dieselben, die seine Novellen zu mehr machen als bloße Erzählungen.

Storm selbst hat über die Novelle nachgedacht und sie in einem Brief als die "strengste und geschlossenste Form der Prosadicktung" bezeichnet, vergleichbar dem Sonett in der Lyrik. Diese Einschätzung zeigt, wie eng er Lyrik und Prosa zusammendachte. Eine gute Novelle sollte für ihn dieselbe Verdichtung und Konzentration besitzen wie ein gutes Gedicht, und diese Anforderung setzte er in seinen besten Werken in die Tat um.

Texte wie "Immensee", "Aquis submersus", "Carsten Curator" und schließlich "Der Schimmelreiter" zeigen eine Entwicklung, die von der zarten Stimmungslyrik der frühen Novellen zu einer dunkleren, kompromissloseren Sicht auf menschliche Schicksale führt. Diese Entwicklung spiegelt auch die des Lyrikers Storm: Der alte Storm schrieb anders als der junge, tiefer, ernster, weniger bereit, das Schwierige hinter Schönheit zu verbergen.

Der Schimmelreiter: Das Lebenswerk

Storms letzte und bedeutendste Novelle, "Der Schimmelreiter", erschien 1888 kurz vor seinem Tod und gilt als Höhepunkt seines erzählerischen Werkes und als eines der großen Werke des deutschen Realismus überhaupt. Die Geschichte des Deichgrafen Hauke Haien, der mit besessener Willenskraft einen neuen Deich baut und dabei an den Widerständen seiner Umgebung und seinen eigenen Dämonen scheitert, ist weit mehr als eine regionale Erzählung über norddeutsches Küstenleben.

Der Schimmelreiter ist ein Werk über den Einzelnen gegen die Gemeinschaft, über Fortschritt und Aberglauben, über die Hybris des Machbaren und die Grenzen menschlichen Willens. Diese Themen hat Storm in eine Rahmenerzählung gekleidet, die selbst bereits Kunstwerk ist, und in eine Sprache, die die schlichte Wucht der norddeutschen Landschaft atmet. Wer den Schimmelreiter kennt, versteht Storms Lyrik auf einer neuen Ebene: Man sieht, wohin die Stimmungen und Bilder seiner Gedichte in einem größeren erzählerischen Zusammenhang führen können.

Storm und der poetische Realismus

Storm gehört zur Epoche des poetischen Realismus, die in der deutschen Literatur grob die Jahre zwischen 1848 und 1890 umfasst. Diese Epoche suchte nach einem Weg zwischen romantischer Verklärung und naturalistischer Rohheit: Sie wollte die Wirklichkeit zeigen, wie sie ist, aber so, dass das Wesentliche und Bedeutsame sichtbar wird, ohne aufdringlichen Kommentar.

In dieser Epoche war Storm eine eigenständige Stimme, die sich von den anderen Vertretern deutlich unterschied. Während Fontane die preußische Gesellschaft mit ironischer Distanz beobachtete und Keller das schweizerische Bürgertum mit einer Art liebevoller Skepsis porträtierte, blieb Storm stärker im Innenleben seiner Figuren, stärker in der Stimmung, stärker in der Landschaft. Diese Konzentration auf das Seelische innerhalb der realistischen Epoche ist sein spezifischer Beitrag, der ihn bis heute lesbar macht.

Nachwirkung und kulturelle Bedeutung

Storms Wirkung ist in Deutschland tiefer verwurzelt als in manchen anderen Ländern, was damit zusammenhängt, dass seine Themen, die Bindung an Heimat und Landschaft, die Trauer über das Vergehen, die Würde des einfachen bürgerlichen Lebens, in der deutschen Lesetradition besonders resonieren. Seine Gedichte und Novellen werden in Schulen gelesen, seine Zitate sind in vielen Kontexten präsent, und "Der Schimmelreiter" gehört zu den meistgelesenen deutschen Novellen überhaupt.

Interessant ist, dass Storm international weniger bekannt ist als andere Vertreter seiner Epoche. Das liegt wohl daran, dass die atmosphärische Qualität seiner Texte, dieser Stimmungszauber, der so eng mit der norddeutschen Landschaft verbunden ist, im Übersetzen besonders viel verliert. Wer Storm in einer anderen Sprache liest, liest etwas, aber nicht genau das. Das ist kein Vorwurf an die Übersetzer, sondern ein Zeichen dafür, wie eng Storms Kunst mit der deutschen Sprache selbst verwoben ist.

  • Theodor-Storm-Gesellschaft: Die 1966 gegründete Gesellschaft widmet sich der Erforschung und Verbreitung von Storms Leben und Werk und gibt regelmäßige Publikationen heraus.
  • Storm-Museum Husum: Das Museum in Storms ehemaligem Wohnhaus bewahrt seinen persönlichen Nachlass und empfängt jährlich tausende Besucher aus Deutschland und dem Ausland.
  • Schimmelreiter-Verfilmungen: Die Novelle wurde mehrfach verfilmt, zuletzt in einer vielbeachteten deutschen Produktion, was zeigt, dass der Stoff seine Zugkraft bis heute nicht verloren hat.
  • Storm im Schulunterricht: Sowohl Gedichte als auch Novellen Storms gehören zum festen Bestand des Deutschunterrichts und führen Generationen von Schülerinnen und Schülern an sein Werk heran.
  • Husum als Literaturstadt: Durch Storms Werk ist Husum zu einer Literaturstadt geworden, die Besucher aus ganz Deutschland anzieht und deren graue Schönheit durch sein Gedicht für immer in der deutschen Literaturgeschichte verankert ist.

Gedichte von Theodor Storm

Unsere Sammlung mit Gedichten von Theodor Storm wächst stetig weiter. Wir legen dabei Wert darauf, sowohl die bekanntesten und am häufigsten zitierten Texte zu präsentieren als auch Gedichte vorzustellen, die weniger geläufig sind und die zeigen, wie vielschichtig sein lyrisches Werk wirklich ist. Denn Storm ist mehr als "Die Stadt" und "Über die Heide", so unverwechselbar diese Texte auch sind. Wer tiefer in seine Lyrik eintaucht, begegnet einem Dichter, der mit stiller Beharrlichkeit an seiner Sprache gearbeitet hat und dabei Texte schuf, die die Zeit überdauern.

Wenn Sie ein bestimmtes Gedicht in unserer Sammlung vermissen oder uns auf einen Text aufmerksam machen möchten, der hier noch fehlt, freuen wir uns sehr über Ihre Nachricht an die E-Mail-Adresse in unserem Impressum. Wir prüfen jeden Hinweis sorgfältig und sind für jede Rückmeldung dankbar, die unsere Sammlung vollständiger und lebendiger macht.

Aktuell haben wir 23 Gedichte von Theodor Storm in unserer Sammlung, die in folgenden Kategorien zu finden sind:

Zu seinen bekanntesten Werken zählen: Knecht Ruprecht und Die Stadt.

Abschied

Was zu glücklich, um zu leben,
Was zu scheu, um Klang zu geben,
Was zu lieblich zum Entstehen,
Was geboren zum Vergehen,

Was die Monde nimmer bieten,
Rosen aus verwelkten Blüten,
Tränen dann aus jungem Leide
Und ein Klang verlorner Freude.

Du weißt es, alle, die da sterben
Und die für immer scheiden gehn,
Die müssen, wär's auch zum Verderben,
Die Wahrheit ohne Hehl gestehn.

So leg ich's denn in deine Hände,
Was immer mir das Herz bewegt;
Es ist die letzte Blumenspende,
Auf ein geliebtes Grab gelegt.
Autor: Theodor StormKategorie: Abschiedsgedichte

An die Freunde

Wieder einmal ausgeflogen,
Wieder einmal heimgekehrt;
Fand ich doch die alten Freunde
Und die Herzen unversehrt.
Wird uns wieder wohl vereinen
Frischer Ost und frischer West?
Auch die losesten der Vögel
Tragen allgemach zu Nest.
Immer schwerer wird das Päckchen,
Kaum noch trägt es sich allein;
Und in immer engre Fesseln
Schlinget uns die Heimat ein.
Und an seines Hauses Schwelle
Wird ein jeder festgebannt;
Aber Liebesfäden spinnen
Heimlich sich von Land zu Land.
Autor: Theodor StormKategorie: Freundschaftsgedichte

An einem schönen Sommerabende

Lieblich senkt die Sonne sich,
Alles freut sich wonniglich
In des Abends Kühle!
Du gibst jedem Freud und Rast,
Labst ihn nach des Tages Last
Und des Tages Schwüle.
Horch, es lockt die Nachtigall,
Und des Echos Widerhall
Doppelt ihre Lieder!
Und das Lämmchen hüpft im Tal,
Freude ist jetzt überall,
Wonne senkt sich nieder!
Wonne in des Menschen Brust,
Der der Freud ist sich bewusst,
Die ihm Gott gegeben,
Die du jedem Menschen schufst,
Den aus nichts hervor du rufst
Auf zum ew'gen Leben.
Autor: Theodor StormKategorie: Sommergedichte

Bedenk es wohl, eh du sie taufs...

Bedenk es wohl, eh du sie taufst!
Bedeutsam sind die Namen;
und fasse mir dein liebes Bild
nun in den rechten Rahmen.
Denn ob der Nam´ den Menschen macht,
ob sich der Mensch den Namen,
dass ist, weshalb mir oft, mein Freund,
bescheidene Zweifel kamen;
eins aber weiß ich agnz gewiß,
bedeutsam sind die Namen!
So schickt für Mädchen Lisbeth sich,
Elisabeth für Damen;
auch fing sich oft ein Freier schon,
dem Fischbein gleich am Hamen,
an eine, ambraduftigen,
klanghaften Mädchennamen.
Autor: Theodor StormKategorie: Taufgedichte

Das ist der Herbst

Das ist der Herbst; die Blätter fliegen,
Durch nackte Zweige fährt der Wind;
Es schwankt das Schiff, die Segel schwellen -
Leb wohl, du reizend Schifferkind! --

Sie schaute mit den klaren Augen
Vom Bord des Schiffes unverwandt,
Und Grüße einer fremden Sprache
Schickte sie wieder und wieder ans Land.

Am Ufer standen wir und hielten
Den Segler mit den Augen fest -
Das ist der Herbst! wo alles Leben
Und alle Schönheit uns verläßt.
Autor: Theodor StormKategorie: Herbstgedichte

Das Mädchen mit den hellen Augen,

Das Mädchen mit den hellen Augen,
Die wollte keines Liebste sein;
Sie sprang und ließ die Zöpfe fliegen,
Die Freier schauten hindrein.

Die Freier standen ganz von ferne
In blanken Röcken lobesam.
Frau Mutter, ach, so sprecht ein Wörtchen
Und macht das liebe Kindlein zahm!

Die Mutter schlug die Händ' zusammen,
Die Mutter rief: Du töricht Kind,
Greif zu, greif zu! Die Jahre kommen,
Die Freier gehen gar geschwind!

Sie aber ließ die Zöpfe fliegen
Und lachte alle Weisheit aus;
Da sprang durch die erschrocknen Freier
Ein toller Knabe in das Haus.

Und wie sie bog das wilde Köpfchen,
Und wie ihr Füßchen schlug den Grund,
Er schloß sie fest in seine Arme
Und küßte ihren roten Mund.

Die Freier standen ganz von ferne,
Die Mutter rief vor Staunen schier:
Gott schütz dich vor dem ungeschlachten,
Ohn Maßen groben Kavalier!
Autor: Theodor StormKategorie: sonstige Gedichte

Die Flöhe und die Läuse

Die Flöhe und die Läuse.
die hatten sich beim Schopf
Und kämpften gar gewaltig
Auf eines Buben Kopf.
Das nahm der Bube übel
Und haschte Floh und Laus
Und macht' mit seinem Nagel
Den Kämpfern den Garaus.
Ich und mein Lieb, wir kosten
Auf meines Nachbars Land -
Hätt bald der grobe Schlingel
Uns beide untergerannt.
Autor: Theodor StormKategorie: lustige Gedichte

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn' Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.
Autor: Theodor StormKategorie: sonstige Gedichte

Ein Grab schon weiset manche Stelle

Ein Grab schon weiset manche Stelle,
Und manches liegt in Traum und Duft;
Nun sprudle, frische Lebensquelle,
Und rausche über Grab und Kluft!
Autor: Theodor StormKategorie: sonstige Gedichte

Ein grünes Blatt

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
Ich nahm es so im Wandern mit,
Auf dass es einst mir möge sagen,
Wie laut die Nachtigall geschlagen,
Wie grün der Wald, den ich durchschritt.
Autor: Theodor StormKategorie: kurze Gedichte

Das Weihnachtsfest

Vom Himmel bis in die tiefsten Klüfte
ein milder Stern herniederlacht;
vom Tannenwalde steigen Düfte
und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken,
in märchenstiller Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich nieder,
anbetend, staunend muß ich stehn,
es sinkt auf meine Augenlider,
ich fühl's, ein Wunder ist geschehn.
Autor: Theodor StormKategorie: Weihnachtsgedichte

Knecht Rupprecht

Von drauß vom Walde komm' ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelstor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor,
Und wie ich so strolcht' durch den finstern Tann,
Da rief's mich mit heller Stimme an:
"Knecht Ruprecht", rief es, "alter Gesell,
Hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
Das Himmelstor ist aufgetan,
Alt' und Junge sollen nun
Von der Jagd des Lebens ruhn;
Und morgen flieg' ich hinab zur Erden,
Denn es soll wieder Weihnachten werden!"
Ich sprach: "O lieber Herre Christ,
Meine Reise fast zu Ende ist;
Ich soll nur noch in diese Stadt,
Wo's eitel gute Kinder hat." -
"Hast denn das Säcklein auch bei dir?"
Ich sprach: "Das Säcklein, das ist hier;
Denn Äpfel, Nuß und Mandelkern
Essen fromme Kinder gern." -
"Hast denn die Rute auch bei dir?"
Ich sprach: "Die Rute, die ist hier;
Doch für die Kinder nur, die schlechten,
Die trifft sie auf den Teil, den rechten."
Christkindlein sprach: "So ist es recht;
So geh mit Gott, mein treuer Knecht!"
Von drauß vom Walde komm' ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich's hierinnen find'!
Sind's gute Kind, sind's böse Kind?
Autor: Theodor StormKategorie: Nikolausgedichte

Ich bin mir meiner Seele

Ich bin mir meiner Seele
In deiner nur bewußt,
Mein Herz kann nimmer ruhen
Als nur an deiner Brust!
Mein Herz kann nimmer schlagen
Als nur für dich allein.
Ich bin so ganz dein eigen,
So ganz auf immer dein.
Autor: Theodor StormKategorie: Liebesgedichte

Knecht Ruprecht

Ruprecht: Habt guten Abend, alt und jung
bin allen wohl bekannt genung.
Von drauß vom Walde komm ich her;
ich muß Euch sagen es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein sitzen;
und droben aus dem Himmelstor
sah mit großen Augen das Christkind hervor.
Und wie ich so strolcht durch den finsteren Tann,
da rief’s mich mit heller Stimme an:
Knecht Ruprecht, rief es alter Gesell,
hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan,
Alt und Junge sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
und morgen flieg ich hinab zur Erden,
denn es soll wieder weihnachten werden!
So geh denn rasch von Haus zu Haus.
such mir die guten Kinder aus,
damit ich ihrer mag gedenken
mit schönen Sachen sie mag beschenken.

Ich sprach: O lieber Herre Christ,
Meine Reise fast zu Ende ist.
Ich soll nur noch in diese Stadt,
Wo’s eitel gute Kinder hat.
Hast denn das Säcklein auch bei dir?

Ich sprach: Das Säcklein, das ist hier,
Denn Äpfel, Nuß und Mandelkern
freßen fromme Kinder gern.
Hast denn die Rute auch bei dir?

Ich sprach: die Rute die ist hier.
Doch für die Kinder, nur die schlechten,
die trifft sie auf den Teil, den rechten.
Christkindlein sprach: So ist es recht.
So geh mit Gott, mein treuer Knecht!
Von drauß, vom Walde komm ich her,
Ich muß euch sagen es weihnachtet sehr!
Nun sprecht wie ich’s hierinnen find:
sind’s gute Kind., sind’s böse Kind?

Vater: Die Kindlein sind wohl alle gut,
haben nur mitunter was trotzigen Mut.

Ruprecht: Ei, ei, für trotzgen Kindermut
ist meine lang Rute gut!
Heißt es bei Euch denn nicht mitunter:
Nieder den Kopf und die Hosen herunter?

Vater: Wie einer sündigt so wird er gestraft;
die Kindlein sind schon alle brav.

Ruprecht: Stecken sie die Nas auch tüchtig ins Buch,
lesen und scheiben und rechnen genug?

Vater: Sie lernen mit ihrer kleinen Kraft,
wir hoffen zu Gott, daß es endlich schafft.

Ruprecht: Beten sie denn nach altem Brauch
im Bett Ihr Abendsprüchlein auch?

Vater: Neulich hört ich im Kämmerlein
eine kleine Stimme sprechen allein;
und als ich an die Tür getreten,
für alle Lieben hört ich sie beten.

Ruprecht: So nehmet denn Christkindleins Gruß,
Kuchen und Äpfel, Äpfel und Nuß;
probiert einmal von seinen Gaben
morgen sollt ihr was beßeres haben.
Dann kommt mit seinem Kerzenschein
Christkindlein selber zu euch herein.
Heut hält es noch am Himmel Wacht;
nun schlafet sanft, habt gute Nacht.
Autor: Theodor StormKategorie: Weihnachtsgedichte

Mit einem Rosenstrauß

Du und dein Sohn,
Sie sind beide schon alt;
Doch blühen noch Rosen,
Und das Herz ist nicht kalt.
Autor: Theodor StormKategorie: kurze Gedichte

Mitunter weicht von meiner Brust...

Mitunter weicht von meiner Brust,
Was sie bedrückt seit deinem Sterben;
Es drängt mich, wie in Jugendlust,
Noch einmal um das Glück zu werben.

Doch frag ich dann: Was ist das Glück?
So kann ich keine Antwort geben
Als die, dass du mir kämst zurück,
Um so wie einst mit mir zu leben.

Dann seh ich jenen Morgenschein,
Da wir dich hin zur Gruft getragen;
Und lautlos schlafen die Wünsche ein,
Und nicht mehr will ich das Glück erjagen.
Autor: Theodor StormKategorie: Trauergedichte

Dass nimmer trübe Ungemach

Dass nimmer trübe Ungemach,
dass fern euch bleibe Not und Schmach,
dass nie ihr eine Träne weint,
dass stets in Liebe ihr vereint,
dass stets ihr aller Sorgen bar,
das wünsch' ich heut´ dem Hochzeitspaar!
Autor: Theodor StormKategorie: Hochzeitsgedichte

Morgens

Nun gib´ ein Morgenküßchen, du hast genug der Ruh!
Und setz´ dein zierlich Füßchen behände in den Schuh.
Nun schüttle ab von deiner Stirne der Träume blasse Spur.
Das goldene Gestirne erleuchtet schon längst die Flur.
Die Rosen in deinem Garten springen im Sommerlicht.
Die können kaum erwarten, bis deine Hand sie bricht.
Autor: Theodor StormKategorie: romantische Gedichte

Nun sei mir heimlich zart und lieb

Nun sei mir heimlich zart und lieb;
Setz deinen Fuß auf meinen nun!
Mir sagt es: ich verließ die Welt,
Um ganz allein auf dir zu ruhn;

Und dir: o ließe mich die Welt,
Und könnt ich friedlich und allein,
Wie deines leichten Fußes jetzt,
So deines Lebens Träger sein!
Autor: Theodor StormKategorie: sonstige Gedichte

O bleibe treu den Toten

O bleibe treu den Toten,
Die lebend du betrübt;
O bleibe treu den Toten,
Die lebend dich geliebt!

Sie starben; doch sie blieben
Auf Erden wesenlos,
Bis allen ihren Lieben
Der Tod die Augen schloß.

Indessen du dich herzlich
In Lebenslust versenkst,
Wie sehnen sie sich schmerzlich.
Daß ihrer du gedenkst!

Sie nahen dir in Liebe,
Allein du fühlst es nicht;
Sie schaun dich an so trübe,
Du aber siehst es nicht.

Die Brücke ist zerfallen;
Nun mühen sie sich bang,
Ein Liebeswort zu lallen,
Das nie hinüberdrang.

In ihrem Schattenleben
Quält eins sie gar zu sehr:
Ihr Herz will dir vergeben,
Ihr Mund vermag's nicht mehr.

O bleibe treu den Toten,
Die lebend du betrübt;
O bleibe treu den Toten,
Die lebend dich geliebt!
Autor: Theodor StormKategorie: sonstige Gedichte

Über die Heide

Über die Heide hallet mein Schritt
dumpf aus der Erde wandert es mit.
Herbst ist gekommen,
Frühling ist weit.
Gab es denn einmal seelige Zeit ?
Brauende Nebel geistern umher.
Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.
Wär ich nur hier nicht gegangen im Ai!
Leben und Liebe, wie flog es vorbei!
Autor: Theodor StormKategorie: traurige Gedichte

Wie wenn das Leben wär nichts andres

Wie wenn das Leben wär nichts andres
als das Verbrennen eines Lichts!
Verloren geht kein einzig‘ Teilchen,
jedoch wir selber geh‘n ins Nichts!
Denn was wir Leib und Seele nennen,
so fest in eins gestaltet kaum,
es löst sich auf in tausend Teilchen
und wimmelt durch den öden Raum.
Es waltet stets dasselbe Leben,
Natur geht ihren ewg‘en Lauf;
in tausend neu erschaff‘nen Wesen,
steh‘n diese tausend Teilchen auf.
Das Wesen aber ist verloren,
das nur durch diesen Bund bestand,
wenn nicht der Zufall die verstaubten
aufs Neue zu einem Sein verband.
Autor: Theodor StormKategorie: Trauergedichte

Wohl fühl ich, wie das Leben rinnt

Wohl fühl ich, wie das Leben rinnt,
Und daß ich endlich scheiden muß,
Daß endlich doch das letzte Lied
Und endlich kommt der letzte Kuß.

Noch häng ich fest an deinem Mund
In schmerzlich bangender Begier;
Du gibst der Jugend letzten Kuß,
Die letzte Rose gibst du mir.

Du schenkst aus jenem Zauberkelch
Den letzten goldnen Trunk mir ein;
Du bist aus jener Märchenwelt
Mein allerletzter Abendschein.

Am Himmel steht der letzte Stern,
O halte nicht dein Herz zurück;
Zu deinen Füßen sink ich hin,
O fühl's, du bist mein letztes Glück!

Laß einmal noch durch meine Brust
Des vollsten Lebens Schauer wehn,
Eh seufzend in die große Nacht
Auch meine Sterne untergehn.
Autor: Theodor StormKategorie: Abschiedsgedichte