Gedichte von Adelbert von Chamisso
Adelbert von Chamisso ist einer der ungewöhnlichsten Dichter der deutschen Literaturgeschichte, und diese Ungewöhnlichkeit beginnt bereits mit seiner Biografie: Er wurde als Franzose geboren, floh als Kind mit seiner Familie vor der Revolution nach Deutschland, schrieb auf Deutsch und wurde dabei zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker seiner Zeit. Diese doppelte Herkunft, das Französische und das Deutsche, der Flüchtling und der Angekommene, prägte sein gesamtes Leben und Werk auf eine Weise, die ihn von allen seinen Zeitgenossen unterscheidet. Er war immer ein wenig außerhalb, immer mit dem Blick dessen, der dazugehört und gleichzeitig nicht ganz dazugehört, und dieser Blick gab seiner Dichtung eine Schärfe und eine Zärtlichkeit, die sie bis heute lesenswert macht. Hinzu kommt der Naturforscher und Weltreisende, der Botaniker und Geograph, der in Chamisso steckte und der der Dichtung des Romantikers eine Erdung und eine Neugier gab, die selten ist. Auf dieser Seite finden Sie seine Gedichte aus unserer Sammlung sowie alles Wissenswerte über sein Leben, sein Werk und seine bleibende Bedeutung.
Inhaltsverzeichnis
- Adelbert von Chamisso: Leben und Herkunft
- Flucht aus Frankreich und die Jahre der Heimatlosigkeit
- Berlin und die literarischen Anfänge
- Peter Schlemihl: Der Mann ohne Schatten
- Die Weltreise: Naturforschung und Poesie
- Sprache, Ton und dichterischer Stil
- Frauenliebe und Leben: Ein Liederzyklus
- Die Balladen: Geschichten mit Tiefgang
- Naturforschung und Naturlyrik
- Sprache als Heimat: Chamissos Identitätsfrage
- Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
- Gedichte von Adelbert von Chamisso
Adelbert von Chamisso: Leben und Herkunft
Louis Charles Adélaïde de Chamissot de Boncourt wurde am 30. Januar 1781 auf Schloss Boncourt in der Champagne geboren, als Sohn einer alten französischen Adelsfamilie. Der Name, den die Nachwelt kennt, Adelbert von Chamisso, ist die eingedeutschte Version dieses langen französischen Namens, eine Verwandlung, die seinen Lebensweg auf eine Weise spiegelt: Aus dem französischen Adelssohn wurde ein deutscher Dichter, und diese Verwandlung war weder einfach noch schmerzlos, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses der Aneignung und der Selbsterfindung.
Sein Vater war Graf de Chamissot, ein treuer Anhänger der Krone, und als die Französische Revolution das gesellschaftliche Gefüge Frankreichs erschütterte und der Adel unter Druck geriet, verließ die Familie 1790 das Land. Adelbert war neun Jahre alt, als er Frankreich verließ, alt genug, um die Heimat zu kennen und zu lieben, aber jung genug, um in der Fremde eine neue Heimat zu finden. Diese Zwischenposition, weder ganz dem alten noch ganz dem neuen Ort zugehörig, blieb sein Lebensthema.
Adelbert von Chamisso starb am 21. August 1838 in Berlin, wo er die zweite Hälfte seines Lebens verbracht hatte. Er wurde 57 Jahre alt. Sein Tod bedeutete den Verlust eines Mannes, der zwei Kulturen und zwei Welten in sich vereint hatte: den romantischen Dichter und den nüchternen Naturforscher, den Heimatlosen und den Angekommenen, den Franzosen und den Deutschen. Diese Vereinigung von Gegensätzen war sein eigentliches Lebenswerk, und es hat Gestalt angenommen in einem dichterischen und wissenschaftlichen Werk, das an Originalität kaum zu übertreffen ist.
Flucht aus Frankreich und die Jahre der Heimatlosigkeit
Die Familie de Chamissot irrte nach der Flucht aus Frankreich jahrelang durch Europa, durch die Niederlande, durch die österreichischen Niederlande, durch das Rheinland, immer auf der Suche nach einem Ort, der sie aufnahm und der sicher war. Diese Wanderjahre der Kindheit hinterließen in Adelbert eine Erfahrung der Heimatlosigkeit, die er nie vollständig überwand und die er in seinem Werk auf vielerlei Weise verarbeitete. Der Mann ohne Schatten, der in seinem berühmtesten Werk auftaucht, ist auch der Mann ohne Heimat, der Mensch, dem etwas Wesentliches fehlt und der durch die Welt geht mit dem Bewusstsein dieses Fehlens.
1796 ließ sich die Familie in Berlin nieder, und Adelbert trat als Page in den Dienst der preußischen Königin Luise. Diese Stelle gab ihm eine vorläufige Heimat und eine gesellschaftliche Einbindung, aber sie machte aus dem französischen Adelsknaben noch keinen Deutschen. Das Deutsche lernte er, wie man eine Fremdsprache lernt: mit Anstrengung, mit Fehleranalyse und mit einer Bewunderung für die Möglichkeiten dieser Sprache, die nur jemand empfindet, der nicht in ihr aufgewachsen ist.
Diese Erfahrung des Deutschen als Fremdsprache und der späteren Verwandlung dieser Fremdsprache in das eigentliche Ausdrucksmittel seines Lebens ist eine der faszinierendsten Tatsachen in Chamissos Biografie. Er schrieb später, dass er sich im Deutschen heimischer fühlte als im Französischen, und das war keine Selbsttäuschung: Die Gedichte belegen es. Aber die Anstrengung, mit der er sich diese Heimat erarbeitet hatte, blieb immer als Bewusstsein erhalten, und dieses Bewusstsein schärfte seinen Blick auf die Sprache selbst.
Berlin und die literarischen Anfänge
In Berlin fand Chamisso Anschluss an literarische Kreise, die für seine Entwicklung als Dichter entscheidend waren. Besonders wichtig war die Verbindung zu dem romantischen Dichter und Literaten Julius Eduard Hitzig, der ihm den Zugang zur Berliner Romantik öffnete und der sein lebenslanger Freund und späterer Biograf wurde. Durch Hitzig lernte Chamisso die Ideen und Texte der deutschen Romantik kennen, die ihm einen Rahmen gaben, in dem seine eigenen Erfahrungen und Empfindungen eine literarische Form finden konnten.
Er gründete zusammen mit Hitzig und anderen den Nordischen Musenalmanach, eine literarische Zeitschrift, die erste Veröffentlichungsplattform für seine eigenen Texte. Diese frühen Versuche waren noch unsicher und experimentierend, aber sie zeigten das Grundmuster, das sich durch sein gesamtes Werk ziehen würde: die Verbindung von persönlicher Erfahrung und allgemeiner Bedeutung, von konkretem Bild und tiefliegendem Gefühl.
Die Napoleonischen Kriege unterbrachen Chamissos Berliner Jahre und stellten ihn vor eine schmerzliche Entscheidung: Als Angehöriger eines französischen Adelsgeschlechts, das in preußischen Diensten stand, war seine Loyalität in den Kriegen zwischen Preußen und Frankreich doppelt beansprucht. Er löste dieses Dilemma, indem er sich dem Militärdienst entzog und sich auf das Schreiben und Studieren konzentrierte, eine Entscheidung, die ihn gesellschaftlich isolierte, aber ihm die innere Freiheit bewahrte, die er für sein Werk brauchte.
Peter Schlemihl: Der Mann ohne Schatten
Im Jahr 1814 erschien das Werk, das Chamissos Namen unsterblich machte: "Peter Schlemihls wundersame Geschichte", eine Erzählung, in der der junge Peter Schlemihl dem Teufel seinen Schatten verkauft und dafür einen unerschöpflichen Geldbeutel erhält, nur um festzustellen, dass die Welt ohne Schatten für ihn keine bewohnbare Welt mehr ist. Die Menschen meiden ihn, die Geliebte wendet sich ab, und am Ende wandert er, ausgestattet mit magischen Siebenmeilenstiefeln, als einsamer Naturforscher durch die Welt.
Dieses Werk ist auf mehreren Ebenen zu lesen, und jede Ebene ist gültig. Es ist eine romantische Märchenerzählung, die mit den Mitteln des Phantastischen eine moralische Geschichte erzählt. Es ist eine allegorische Darstellung der Heimatlosigkeit, des Menschen, dem etwas Wesentliches fehlt, das er nicht benennen kann und das andere sofort bemerken. Und es ist eine verschlüsselte Autobiografie: Der Mann ohne Schatten ist der Mann ohne Heimat, der Franzose in Deutschland, der Adlige in der bürgerlichen Welt, der Fremde überall.
Die Erzählung wurde ein sofortiger Erfolg und machte Chamisso in literarischen Kreisen weit über Berlin hinaus bekannt. Sie wurde ins Englische, Französische und andere europäische Sprachen übersetzt und gilt bis heute als eines der originellsten Werke der deutschen Romantik. Friedrich de la Motte Fouqué, dem Chamisso das Manuskript zeigte, erkannte sofort die Qualität des Textes und setzte sich für seine Publikation ein. Diese Freundschaft zwischen den beiden Romantikern war für Chamissos frühe literarische Karriere von erheblicher Bedeutung.
Die Weltreise: Naturforschung und Poesie
1815 bis 1818 nahm Chamisso als Naturforscher an einer russischen Weltumsegelungsexpedition teil, die unter dem Kommando von Otto von Kotzebue stand. Diese Reise führte ihn durch den Atlantik, um das Kap Hoorn, in den Pazifik, nach Alaska, Hawaii, durch die Beringstraße und zurück. Sie war für Chamisso eine der prägendsten Erfahrungen seines Lebens und veränderte ihn als Wissenschaftler und als Dichter gleichermaßen.
Als Naturforscher sammelte er Pflanzen, Tiere und Mineralien, beschrieb neue Arten und leistete Beiträge zur Botanik, die bis heute Bestand haben. Die Chamisso-Pflanze, eine Gattung von Mohngewächsen, die nach ihm benannt wurde, ist das bleibende Zeugnis seiner wissenschaftlichen Arbeit. Aber die Reise war nicht nur wissenschaftlich bedeutsam: Sie öffnete Chamisso die Augen für die Vielfalt der Welt, für Kulturen und Lebensweisen, die er in Berlin nicht einmal geahnt hatte, und sie vertiefte seine ohnehin schon ausgeprägte Empfindung für das Fremde und das Andere.
Die Begegnungen mit indigenen Völkern, besonders in Hawaii und Alaska, hinterließen Spuren in Chamissos späterem Denken. Er entwickelte eine Aufmerksamkeit und eine Sympathie für die unterdrückten und gefährdeten Völker der Welt, die in manchen seiner Gedichte sichtbar wird und die ihn von vielen zeitgenössischen Europäern unterschied, die das Fremde als das Minderwertige sahen. Chamisso sah es als das Andere, und das Andere war für ihn immer interessant, manchmal bewundernswert, niemals zu verachten.
Sprache, Ton und dichterischer Stil
Chamissos lyrische Sprache hat eine Eigenheit, die mit seiner Biografie zusammenhängt: Sie ist klarer und direkter als die vieler seiner romantischen Zeitgenossen, weil er als Nicht-Muttersprachler das Deutsche mit einem Bewusstsein für jedes Wort schrieb, das dem gebürtigen Deutschen oft abgeht. Wer eine Sprache als Erwachsener lernt und sie dann zum dichterischen Ausdrucksmittel macht, wählt jedes Wort bewusst, weil er keine andere Wahl hat. Dieser Zwang zur Bewusstheit wurde bei Chamisso zur Stärke.
Sein Ton ist von einer Wärme und einer Menschlichkeit geprägt, die in der deutschen Romantik nicht immer selbstverständlich sind. Er schrieb über das Leid der Armen und der Schwachen mit einem Mitgefühl, das über die bloße Sentimentalität hinausgeht, weil es aus eigener Erfahrung des Verlusts und der Heimatlosigkeit kam. Ein Mann, der selbst weiß, was es bedeutet, nicht dazuzugehören, schreibt anders über die Außenseiter der Gesellschaft als jemand, der immer einen sicheren Platz hatte.
Formal war Chamisso beweglich und experimentierfreudig. Er schrieb in den traditionellen Formen des Volksliedes und der Romantik, aber er schrieb auch in freieren Formen und in Vers-Erzählungen, die mehr von der Ballade als vom Lied hatten. Diese formale Vielfalt entspricht der Vielfalt seiner Themen: Ein Dichter, der über Weltreisen und Schattenverkäufe, über Frauenliebe und politische Unterdrückung schreibt, braucht mehr als eine Form.
Frauenliebe und Leben: Ein Liederzyklus
Chamissos bekanntestes lyrisches Werk ist der Gedichtzyklus "Frauenliebe und Leben", entstanden 1830, der das Leben einer Frau von der ersten Liebe bis zur Witwenschaft in acht Gedichten beschreibt. Dieser Zyklus wurde durch Robert Schumanns Vertonung von 1840 weltberühmt und gehört seitdem zu den meistgesungenen und meistdiskutierten Werken der deutschen Liedliteratur.
Die Gedichte beschreiben die Liebe einer jungen Frau mit einer Innigkeit und einer Detailgenauigkeit, die Generationen von Leserinnen und Hörern berührt hat. Vom ersten Erblicken des Geliebten über die Verlobung, die Hochzeit, die erste Mutterschaft bis zum Tod des Mannes: Chamisso folgt dem Lebensweg seiner Protagonistin mit einer Empathie, die zeigt, dass er verstand, was er beschrieb, auch wenn er es nicht aus eigenem Erleben kannte.
In der Gegenwart ist der Zyklus auch Gegenstand kritischer Diskussionen geworden, weil das Frauenbild, das er zeichnet, aus heutiger Sicht als einschränkend empfunden werden kann: eine Frau, deren Welt vollständig um den Geliebten kreist, deren Identität sich durch ihn definiert und die nach seinem Tod keinen eigenen Lebensinhalt mehr findet. Diese Diskussion ist berechtigt und notwendig, aber sie sollte nicht die literarische Qualität des Zyklus verdecken: Chamisso schrieb nicht für heute, er schrieb für seine Zeit, und für seine Zeit war das Frauenbild des Zyklus nicht reaktionär, sondern eine empathische Beschreibung einer Lebensrealität, die Millionen von Frauen kannten.
Die Balladen: Geschichten mit Tiefgang
Neben dem Frauenliebe-Zyklus sind Chamissos Balladen der bedeutendste Teil seines lyrischen Werkes. Er schrieb Balladen mit einer Meisterschaft, die ihn in die Reihe der großen deutschen Balladendichter, Schiller, Goethe, Heine und Fontane, stellt. Seine Balladen haben eine erzählerische Energie und eine moralische Tiefe, die sie von bloßen Versgeschichten unterscheidet: Sie erzählen immer mehr, als sie erzählen.
Besonders bekannt ist seine Ballade "Das Schloss Boncourt", in der er das verlorene Schloss seiner Kindheit beschreibt und dabei eine Klage über Heimatverlust und Vergänglichkeit formuliert, die zu den bewegendsten Texten seiner Zeit gehört. Diese Ballade ist zugleich zutiefst persönlich, das Schloss Boncourt war das wirkliche Schloss seiner Kindheit, und allgemein gültig: Jeder, der eine Heimat verloren hat, erkennt sich in diesen Versen wieder. Die Fähigkeit, das Persönlichste so zu formulieren, dass es das Allgemeine trifft, ist das Kennzeichen eines echten Lyrikers, und Chamisso besaß sie.
Andere bedeutende Balladen wie "Die Löwenbraut" und "Salas y Gomez" zeigen die Bandbreite seines Balladenschaffens: von der romantischen Tiergeschichte bis zur philosophischen Betrachtung über die Einsamkeit und die Vergänglichkeit, von der deutschen Romantik bis zu den Eindrücken der Weltreise. Jede dieser Balladen hat eine Stärke, die in der Verbindung von erzählerischem Geschick und tiefem Gefühl liegt.
Naturforschung und Naturlyrik
Chamisso war einer der wenigen Dichter seiner Zeit, der gleichzeitig ein ernsthafter Naturwissenschaftler war, und diese Doppelbegabung hinterließ in beiden Bereichen seines Schaffens Spuren. Als Botaniker hatte er gelernt, die Natur mit einem Auge zu sehen, das Genaues von Ungefährem unterscheidet und das die Schönheit eines Pflanzenblatts nicht trotz, sondern wegen seiner strukturellen Vollkommenheit wahrnimmt. Dieses wissenschaftliche Sehen floss in seine Naturlyrik ein und gab ihr eine Präzision, die romantische Naturschwärmerei selten erreichte.
Nach der Rückkehr von der Weltreise wurde Chamisso Kustos des Herbariums der Universität Berlin, eine Stelle, die ihm erlaubte, seine botanischen Sammlungen zu pflegen und seine wissenschaftliche Arbeit fortzusetzen. Die Verbindung von dichterischer und wissenschaftlicher Tätigkeit war für ihn nicht Zerrissenheit, sondern Ergänzung: Die Wissenschaft schärfte den Blick, die Dichtung gab dem Gesehenen eine Form, die über das Wissenschaftliche hinausging.
In seinen Gedichten erscheint die Natur nie als bloße Kulisse oder als Stimmungsverstärker, sondern als eigene Welt, die der Aufmerksamkeit und des Respekts würdig ist. Diese Haltung, die aus der wissenschaftlichen Praxis kam, ist in der deutschen Romantik nicht selbstverständlich: Viele Romantiker liebten die Natur als Symbol, Chamisso liebte sie auch als Wirklichkeit.
Sprache als Heimat: Chamissos Identitätsfrage
Die Frage nach seiner Identität hat Chamisso sein Leben lang beschäftigt, und er hat sie in seinen Texten auf verschiedene Weisen beantwortet, ohne je zu einer endgültigen Antwort zu gelangen. War er Franzose oder Deutscher? Adliger oder Bürger? Dichter oder Wissenschaftler? Die Antwort war immer: beides, keines vollständig, etwas dazwischen, etwas Eigenes.
Am klarsten hat er diese Frage in seinem Verhältnis zur deutschen Sprache beantwortet. Die deutsche Sprache war für ihn nicht die Sprache seiner Kindheit, aber sie wurde die Sprache seines Lebens, und in dieser Sprache fand er schließlich eine Heimat, die die geografische Heimat ersetzte. Dieser Gedanke, dass die Sprache eine Heimat sein kann, die wichtiger ist als der Ort, an dem man geboren wurde, war für Chamisso eine persönliche Erkenntnis und wurde für viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach ihm zu einem universalen Modell.
In der Gegenwart hat Chamissos Biografie eine neue Aktualität gewonnen: In einer Zeit, in der Fragen der Migration, der Integration und der kulturellen Identität im Mittelpunkt gesellschaftlicher Debatten stehen, ist das Leben eines Mannes, der als Flüchtlingskind in einem fremden Land eine neue Sprache und eine neue Identität fand, ohne die alte zu vergessen, von unmittelbarer Relevanz. Der Chamisso-Preis, der von der Robert Bosch Stiftung vergeben wurde und Autorinnen und Autoren auszeichnete, die nicht in ihrer Muttersprache schrieben, trägt seinen Namen zu Recht: Er ist das Sinnbild der Erfahrung, die dieser Preis würdigte.
Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
Chamissos Nachwirkung ist vielfältiger als die der meisten anderen Dichter seiner Zeit, weil sein Werk in so verschiedenen Bereichen Spuren hinterlassen hat. Als Autor des Peter Schlemihl ist er in der Weltliteratur präsent: Die Geschichte vom Mann ohne Schatten wurde in viele Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt und als Oper vertont und gehört zu den kanonischen Texten der deutschen Romantik. Als Verfasser des Frauenliebe-Zyklus lebt er in der Musikgeschichte fort, weil Schumanns Vertonung das Lied von der Bühne des Konzertsaals nicht mehr verschwinden ließ. Als Botaniker hat er seinen Namen in der wissenschaftlichen Nomenklatur hinterlassen.
Die vielleicht bedeutsamste Nachwirkung ist jedoch die symbolische: Chamisso als Figur des Zwischen, des Heimatlosen, der in der fremden Sprache eine Heimat findet, hat in der Geschichte der deutschen Migrationsliteratur eine Vorbildfunktion erhalten, die weit über sein eigenes Werk hinausgeht. Der Chamisso-Preis, der von 1985 bis 2017 vergeben wurde, hat diese symbolische Bedeutung institutionalisiert und Schriftstellerinnen und Schriftstellern geehrt, die wie Chamisso zwischen Sprachen und Kulturen lebten und schrieben.
- Peter Schlemihl als Weltliteratur: Die Geschichte vom Mann ohne Schatten wurde in Dutzende von Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt und als Oper vertont und gehört zu den kanonischen Texten der deutschen Romantik.
- Frauenliebe und Leben in der Musikgeschichte: Schumanns Vertonung des Chamisso-Zyklus von 1840 gehört zu den bedeutendsten Werken des deutschen Kunstlieds und wird in Konzerthäusern weltweit aufgeführt.
- Chamisso-Pflanze: Die nach ihm benannte Gattung der Eschscholzia, eine Pflanzengattung aus der Familie der Mohngewächse, erinnert in der botanischen Nomenklatur an seine wissenschaftliche Arbeit als Naturforscher.
- Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung: Der von 1985 bis 2017 vergebene Preis ehrte Autorinnen und Autoren, die nicht in ihrer Muttersprache schrieben, und trug damit Chamissos Lebensgeschichte als Symbol in die Gegenwart.
- Aktualität der Migrationsthematik: Chamissos Biografie als Flüchtlingskind, das in einer fremden Sprache zum Dichter wurde, hat in der gegenwärtigen Debatte über Migration und kulturelle Identität eine Aktualität gewonnen, die seine Bedeutung weit über die Literaturgeschichte hinausträgt.
Gedichte von Adelbert von Chamisso
Unsere Sammlung mit Gedichten von Adelbert von Chamisso wächst stetig weiter. Wir legen dabei besonders großen Wert darauf, die ganze Bandbreite seines lyrischen Werkes abzubilden: den Frauenliebe-Zyklus ebenso wie die Balladen, die Naturgedichte ebenso wie die politischen Texte. Denn Chamisso ist mehr als der Autor des Peter Schlemihl und des Frauenliebe-Zyklus, so bedeutend diese Werke auch sind. Wer seine Gedichte in ihrer Gesamtheit liest, begegnet einem Dichter, der die Erfahrung des Zwischen, zwischen Kulturen, zwischen Sprachen, zwischen Wissenschaft und Poesie, in eine Literatur verwandelte, die bis heute lesenswert ist.
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Aktuell haben wir 6 Gedichte von Adelbert von Chamisso in unserer Sammlung, die in folgenden Kategorien zu finden sind:
Das Lied von der Freundschaft.
Thöricht ist's, dem sanften Glühen,Autor: Adelbert von ChamissoKategorie: Freundschaftsgedichte
Das die Freundschaft mild erregt,
Jene Wunden vorzuziehen,
Die die Liebe grausam schlägt.
Liebe nimmer uns erscheine,
Freundschaft bleib' uns zugewandt!
Wer verläßt Italiens Haine
Für Arabiens heißen Sand?
Für das flüchtige Entzücken,
Das die Liebe sparsam bringt,
Wie viel Qualen uns durchzücken,
Welcher Schrecken uns umringt!
Liebe mag die Blicke weiden,
Wenn ihr Opfer sinkt ins Grab;
Freundschaft nahet sich dem Leiden,
Trocknet ihm die Thränen ab.
Drum der Liebe bangen Schmerzen,
Ihrer Trunkenheit entflohn,
Woll'n der Freundschaft wir die Herzen
Reichen uns zu schönerm Lohn.
Uns die Freundschaft zu versüßen
Noch mit einer schönern Zier,
Laß mich dich als Bruder grüßen,
Gieb den Schwesternamen mir!
Der erste Schnee
Der leise schleichend euch umsponnenAutor: Adelbert von ChamissoKategorie: Wintergedichte
Mit argen Trug, eh` ihr`s gedacht,
Seht, seht den Unhold! Übernacht
Hat er sich andern Rat ersonnen.
Seht, seht den Schneemantel wallen!
Das ist des Winters Herrscherkleid;
Die Larve lässt der Grimme fallen; -
Nun wisst ihr doch, woran ihr seid.
Er hat der Furcht euch überhoben,
Lebt auf zur Hoffnung und seid stark;
Schon zehrt der Lenz an seinem Mark.
Geduld! Schon ruft der Lenz die Sonne,
Bald wqeben sie ein Blumenkleid,
Die Erde träumet neue Wonne, -
Dann aber träum´ ich neues Leid!
Hab oft im Kreise der Lieben
Hab oft im Kreise der LiebenAutor: Adelbert von ChamissoKategorie: kurze Gedichte
im duftigen Grase geruht
und mir ein Liedlein gesungen,
und alles war hübsch und gut.
Im Herbst.
Niedrig schleicht blaß hin die entnervte Sonne,Autor: Adelbert von ChamissoKategorie: Herbstgedichte
Herbstlich goldgelb färbt sich das Laub, es trauert
Rings das Feld schon nackt und die Nebel ziehen
Über die Stoppeln.
Sieh, der Herbst schleicht her und der arge Winter
Schleicht dem Herbst bald nach, es erstarrt das Leben;
Ja, das Jahr wird alt, wie ich alt mich fühle
Selber geworden!
Gute, schreckhaft siehst du mich an, erschrick nicht;
Sieh, das Haupthaar weiß, und des Auges Sehkraft
Abgestumpft; warm schlägt in der Brust das Herz zwar,
Aber es friert mich!
Naht der Unhold, laß mich ins Auge ihm scharf sehn:
Wahrlich, Furcht nicht flößt er mir ein, er komme,
Nicht bewußtlos rafft er mich hin, ich will ihn
Sehen und kennen.
Laß den Wermutstrank mich, den letzten, schlürfen,
Nicht ein Leichnam längst, ein vergeßner, schleichen,
Wo ich markvoll einst in den Boden Spuren
Habe getreten.
Ach! ein Blutstrahl quillt aus dem lieben Herzen:
Fasse Mut, bleib stark; es vernarbt die Wunde,
Rein und liebwert hegst du mein Bild im Herzen
Nimmer vergänglich.
Lebewohl
Wer sollte fragen: wie's geschah?Autor: Adelbert von ChamissoKategorie: Gedichte der Romantik
Es geht auch Andern eben so.
Ich freute mich, als ich dich sah,
Du warst, als du mich sahst, auch froh.
Der erste Gruß, den ich dir bot,
Macht' uns auf einmal beide reich;
Du wurdest, als ich kam, so rot,
Du wurdest, als ich ging, so bleich.
Nun kam ich auch Tag aus, Tag ein,
Es ging uns beiden durch den Sinn;
Bei Regen und bei Sonnenschein
Schwand bald der Sommer uns dahin.
Wir haben uns die Hand gedrückt,
Um nichts gelacht, um nichts geweint,
Gequält einander und beglückt,
Und haben's redlich auch gemeint.
Dann kam der Herbst, der Winter gar,
Die Schwalbe zog, nach altem Brauch,
Und: lieben? – lieben immerdar?
Es wurde kalt, es fror uns auch.
Ich werde geh'n ins fremde Land,
Du sagst mir höflich: Lebe wohl.
Ich küsse höflich dir die Hand,
Und nun ist alles wie es soll.
Seit ich ihn gesehen
Seit ich ihn gesehen,Autor: Adelbert von ChamissoKategorie: Liebesgedichte
Glaub’ ich blind zu sein;
Wo ich hin nur blicke,
Seh’ ich ihn allein;
Wie im wachen Traume
Schwebt sein Bild mir vor,
Taucht aus tiefstem Dunkel
Heller nur empor.
Sonst ist licht- und farblos
Alles um mich her,
Nach der Schwestern Spiele
Nicht begehr’ ich mehr,
Möchte lieber weinen
Still im Kämmerlein;
Seit ich ihn gesehen,
Glaub’ich blind zu sein.