Nur einmal bringt des Jahres Lauf
Kategorie: Frühlingsgedichte
Nur einmal bringt des Jahres Lauf
Autor: Richard von Wilpert
uns Lenz und Lerchenlieder.
Nur einmal blüht die Rose auf,
und dann verwelkt sie wieder;
nur einmal gönnt uns das Geschick
so jung zu sein auf Erden:
Hast du versäumt den Augenblick,
jung wirst du nie mehr werden.
Drum lass von der gemachten Pein
um nie gefühlte Wunden!
Der Augenblick ist immer dein,
doch rasch entfliehn die Stunden.
Und wer als Greis im grauen Haar
vom Schmerz noch nicht genesen,
der ist als Jüngling auch fürwahr
nie jung und frisch gewesen.
Nur einmal blüht die Jugendzeit
und ist so bald entschwunden;
und wer nur lebt vergangnem Leid,
wird nimmermehr gesunden.
Verjüngt sich denn nicht auch Natur
stets neu im Frühlingsweben?
Sei jung und blühend einmal nur,
doch das durchs ganze Leben!
- Biografischer Kontext
- Interpretation
- Stimmung
- Historischer Kontext
- Aktualitätsbezug
- Anlässe
- Sprache
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Biografischer Kontext
Richard von Wilpert (1869-1945) war ein deutscher Schriftsteller und Lyriker, der heute vor allem als Verfasser des "Zitatenschatzes der Weltliteratur" in Erinnerung geblieben ist. Sein eigenes literarisches Werk, zu dem dieses Gedicht gehört, steht oft im Schatten dieser monumentalen Sammlung. Wilperts Lyrik ist typisch für die Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und bewegt sich zwischen spätromantischen Motiven und einer eher volkstümlich-lehrhaften Sprache. Sein Leben und Schaffen spiegelt den Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik wider, eine Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche, auf die sein Werk mit einer Betonung zeitloser, lebensphilosophischer Themen antwortet.
Interpretation
Das Gedicht "Nur einmal bringt des Jahres Lauf" entfaltet ein zentrales Motiv: die Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit der Jugend. Die erste Strophe etabliert dieses Thema durch kraftvolle Naturbilder. Der Lenz, das Lerchenlied und die blühende Rose sind klassische Symbole für Jugend, Lebensfreude und Schönheit. Ihr Verwelken und Verklingen unterstreicht die Vergänglichkeit. Der Appell ist eindeutig: Wer den "Augenblick" der Jugend versäumt, verpasst ihn für immer.
Die zweite Strophe wendet sich direkt an den Leser und warnt vor selbstgewählten Leiden ("gemachte Pein") über Wunden, die nie wirklich empfunden wurden. Es ist ein Aufruf, sich nicht in melancholischem Grübeln zu verlieren, sondern die Gegenwart aktiv zu ergreifen, denn die Stunden "entfliehn" rasch. Die scharfe Schlussfolgerung: Wer als alter Mensch noch nicht vom Schmerz loskommt, der hat die Jugend auch in jungen Jahren nicht wirklich gelebt.
Die dritte Strophe bietet eine überraschende Lösung. Zwar schwindet auch die "Jugendzeit" dahin, doch wer in vergangenem Leid verharrt, wird nie gesunden. Der entscheidende Gegenentwurf ist die sich stets verjüngende Natur. Das Gedicht endet nicht mit Resignation, sondern mit einer paradoxen und tiefen Aufforderung: "Sei jung und blühend einmal nur, doch das durchs ganze Leben!" Es geht also nicht um das biologische Alter, sondern um eine innere Haltung – die Fähigkeit, die Frische, Begeisterungsfähigkeit und Lebenslust der Jugend als Geisteshaltung zu bewahren.
Stimmung
Das Gedicht erzeugt eine dynamische Stimmung, die zwischen Mahnung und ermutigendem Aufschwung oszilliert. Der einprägsame Refrain "Nur einmal..." erzeugt zunächst ein Gefühl der Dringlichkeit und einer fast beklemmenden Vergänglichkeit. Die Bilder des Verwelkens und Entschwindens haben einen melancholischen Unterton. Doch dieser wird bewusst als Fehlhaltung entlarvt. Die Stimmung wendet sich hin zu einem energischen, fast fordernden Optimismus. Die letzten Zeilen strahlen Trost und eine starke, lebensbejahende Kraft aus. Die finale Botschaft ist nicht traurig, sondern befreiend: Du hast die Wahl, deine innere Jugend zu bewahren.
Historischer Kontext
Das Gedicht ist kein politisches Manifest, sondern spiegelt ein lebensphilosophisches Thema wider, das besonders in der Zeit der Jahrhundertwende um 1900 relevant war. In einer Ära rasanter Industrialisierung, Urbanisierung und wissenschaftlicher Umbrüche suchten viele Menschen nach zeitlosen Werten und Orientierung. Die Betonung des "Augenblicks" und der Aufforderung, das Leben intensiv zu leben, hat Berührungspunkte mit lebensreformerischen und jugendbewegten Strömungen dieser Zeit. Es steht in der Tradition der Erbauungsliteratur, die dem Leser konkrete Lebenshilfe bieten will, und zeigt mit seiner klaren, lehrhaften Struktur weniger die komplexe Subjektivität der Hochromantik als vielmehr einen volkstümlichen, eingängigen Zugang zu existenziellen Fragen.
Aktualitätsbezug
Die Botschaft des Gedichts ist heute so aktuell wie vor hundert Jahren. In einer Gesellschaft, die von Leistungsdruck, der Sorge um die Zukunft und der ständigen Ablenkung durch digitale Medien geprägt ist, fällt es leicht, den gegenwärtigen Augenblick zu versäumen. Der Rat, sich nicht in "gemachter Pein" und selbstkreierten Problemen zu verlieren, spricht direkt die moderne Tendenz zum "Overthinking" und zur ungesunden Fokussierung auf vergangenes Scheitern an. Der Aufruf, eine "jugendliche" Haltung – neugierig, begeisterungsfähig, im Hier und Jetzt lebend – durchs ganze Leben zu tragen, ist ein kraftvolles Gegenmittel gegen Zynismus, Burnout und die Angst vor dem Älterwerden. Es erinnert uns daran, dass Lebensqualität eine Frage der inneren Einstellung ist.
Anlässe
Dieses Gedicht eignet sich hervorragend für persönliche und feierliche Momente des Übergangs und der Reflexion. Denkbar ist der Vortrag oder die Beigabe zur Geburtstagsfeier, besonders zu runden Geburtstagen, die zum Innehalten einladen. Es passt wunderbar zu Jugendweihen, Schulabschlüssen oder Abschiedsfeiern, wo es um den Blick nach vorn geht. Auch in einer Trauerrede kann es, je nach Kontext, tröstend wirken, indem es auf die Kostbarkeit des gelebten Lebens verweist. Vor allem ist es ein perfektes Gedicht für dich selbst, als Leitmotiv in einer Phase der Neuorientierung oder wenn du das Gefühl hast, im Alltagstrott gefangen zu sein.
Sprache
Die Sprache des Gedichts ist klar, rhythmisch und eingängig. Sie bedient sich einiger altertümlicher Wendungen ("des Jahres Lauf", "gönnt uns das Geschick", "fürwahr"), die aber den Gesamtsinn nicht verschleiern. Der Satzbau ist überwiegend einfach und parallel aufgebaut, was die einprägsame Wirkung verstärkt. Die zentralen Metaphern aus der Natur (Lenz, Rose, Frühling) sind universell verständlich. Daher erschließt sich der Kerninhalt auch jüngeren Lesern ab der Mittelstufe relativ leicht. Die tiefere, philosophische Ebene der Schlusszeilen erfordert allerdings etwas mehr Lebenserfahrung oder Reflexion, um ganz erfasst zu werden.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht ist weniger geeignet für Leser, die eine komplexe, mehrdeutige oder stark subjektiv-emotionale Lyrik suchen, wie sie etwa in der expressionistischen oder modernen Dichtung zu finden ist. Wer eine kritische Auseinandersetzung mit dem Jugendkult oder eine nüchterne Analyse des Alterns erwartet, wird hier nicht fündig. Der lehrhafnte, fast predigtartige Ton und die recht eindeutige Moral könnten auf Menschen, die lyrische Rätsel oder düstere Abgründe schätzen, etwas zu direkt und optimistisch wirken.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du nach Worten suchst, die die Kostbarkeit der Gegenwart feiern und Mut machen, das Leben aktiv zu gestalten. Es ist das ideale Gedicht für einen Moment, in dem du dir oder einem anderen Menschen eine Erinnerung an die eigene Kraft schenken möchtest. Nutze es, wenn eine Phase endet und eine neue beginnt – sei es ein Geburtstag, ein Abschied oder ein persönlicher Neuanfang. Seine wahre Stärke entfaltet es, wenn du es nicht nur liest, sondern seine Aufforderung annimmst: Lass die Vergangenheit ruhen und entscheide dich, die Frische des Anfangs in deinem Alltag zu bewahren. Das macht es zu einem zeitlosen Begleiter für ein bewusstes Leben.
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