Hoffnung
Kategorie: Gedichte Sehnsucht
Der Tag ist grau und kühle,
Autor: Marco Kubasik
so sind Leben und Gefühle.
Ich sitze am Fenster, bin allein.
Dies ist ein Tag zum Traurigsein.
Es regnet draußen, es ist kalt,
die rechte Hand zur Faust geballt.
Es kommt ein Sturm, die Träume wanken
im Durcheinander der Gedanken.
Wut und Zorn gleicht Blitz und Donnern.
Ein lautes Schreien, bis zerronnen
ist der Hass, die Liebe siegt,
mein Herz still weint, am Boden liegt.
Sturm und Gedanken sind nun aus.
Es ist still im ganzen Haus.
Die Wolken zieh`n, es werde Licht.
Ein heller Schein fällt aufs Gesicht.
Nun warte ich, was kommen mag,
ob heute, ob am nächsten Tag.
Voll Hoffnung und voll Zuversicht,
die Nacht vergeht, der Tag anbricht.
Es klingelt früh das Telefon:
"Na, endlich, Mensch, ich warte schon."
"Bist du es?"
"Ja!"
"Du, hörst du mich? Ich will zu dir! Ich liebe dich!" -
Des Tages lichter Sonnenschein
sind Leben und Gefühle, rein.
Jetzt bist du hier, bin nicht allein.
Das ist ein Tag zum Glücklichsein.
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Das Gedicht "Hoffnung" erzählt eine komplette innere Wandlung, die sich in einer äußeren Wettersituation spiegelt. Es beginnt in einer Phase der Depression und Isolation. Die graue Kühle des Tages steht direkt für den emotionalen Zustand des lyrischen Ichs. Die geballte Faust symbolisiert unterdrückte Aggression oder ohnmächtige Wut, während der Sturm für das Chaos im Inneren, für wankende Träume und ungeordnete Gedanken steht. Der zentrale Wendepunkt liegt in der dritten Strophe: Der Konflikt zwischen Hass und Liebe wird als ein Gewitter dargestellt, das sich entlädt. Das laute Schreien und der Kampf münden in einem Sieg der Liebe, der jedoch zunächst erschöpft und verletzlich erscheint – das Herz liegt weinend am Boden.
Diese Katharsis führt zur Ruhe. Die Stille im Haus nach dem Sturm ist ein Bild für den gefundenen inneren Frieden. Der "helle Schein", der auf das Gesicht fällt, ist mehr als nur Sonnenlicht; es ist die Metapher für eine neue Klarheit und eine wiedergewonnene positive Grundhaltung ("Hoffnung und Zuversicht"). Die Erfüllung dieser Hoffnung geschieht dann überraschend konkret und modern durch den Anruf einer geliebten Person. Die direkte, fast atemlose Dialogwiedergabe bricht die vorherige poetische Distanz auf und schafft unmittelbare Nähe. Die letzte Strophe kehrt die Bilder der Eingangsstrophe um: Aus "grau und kühle" werden "Leben und Gefühle, rein", aus der Einsamkeit wird Gemeinschaft, und der "Tag zum Traurigsein" verwandelt sich in einen "Tag zum Glücklichsein". Der Kreis schließt sich, aber auf einem höheren, erlösten Level.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht durchläuft ein breites Spektrum an Stimmungen und erzeugt damit eine sehr dynamische emotionale Kurve. Es startet in einer düsteren, fast resignativen Melancholie, die schnell in angespannte Unruhe und innere Zerrissenheit übergeht. Die Mitte des Textes ist von heftigen, konfliktreichen Gefühlen wie Wut und Verzweiflung geprägt. Nach dieser emotionalen Entladung stellt sich eine tiefe, fast heilende Stille ein. Daraus erwächst eine sanfte, erwartungsvolle und optimistische Grundstimmung, die sich in der freudigen Überraschung des Telefonats zur puren, hellen Freude und zum beglückenden Gefühl der Verbundenheit steigert. Der Leser wird so auf eine Reise von der Dunkelheit ins Licht mitgenommen.
Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
Das Gedicht "Hoffnung" ist keiner spezifischen literarischen Epoche wie der Romantik oder dem Expressionismus zuzuordnen. Sein Stil ist zeitlos und allgemein verständlich. Interessant ist jedoch der Einsatz des Telefons als plot-relevantes Element. Dies verankert das Gedicht in der modernen oder postmodernen Zeit, in der zwischenmenschliche Kommunikation und Rettung aus der Einsamkeit auch technisch vermittelt sein können. Thematisch spiegelt es ein universelles menschliches Bedürfnis: den Umgang mit emotionalen Tiefphasen, die Sehnsucht nach Verbindung und den Glauben an eine positive Wende. Es behandelt damit psychologische Themen, die in unserer heutigen, oft von Vereinsamung und Stress geprägten Gesellschaft eine besondere Resonanz finden.
Aktualitätsbezug
Die Bedeutung des Gedichts für unsere heutige Zeit ist enorm. Die Schilderung von innerer Leere, gedanklichem Chaos und dem Gefühl, allein mit negativen Emotionen zu sein, trifft den Nerv vieler Menschen in einer schnelllebigen, fordernden Welt. Das Gedicht zeigt einen möglichen Weg auf: Es erlaubt sich, die dunklen Gefühle zuzulassen und durchzuleben (symbolisiert durch Sturm und Gewitter), um danach gereinigt und offen für Neues zu sein. Die Lösung kommt von außen durch eine zwischenmenschliche Brücke – hier das Telefonat. In einer Zeit, in der soziale Kontakte oft oberflächlicher werden, erinnert das Gedicht an die heilsame Kraft einer echten, liebevollen Verbindung. Es ist eine poetische Bestätigung dafür, dass nach jeder inneren Krise auch wieder Licht kommen kann.
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
Dieses Gedicht ist ein vielseitiger Begleiter für verschiedene Lebensmomente. Es eignet sich ausgezeichnet, um es jemandem zu widmen, der eine schwere Phase durchmacht, um ihm Hoffnung und Verständnis zu signalisieren. Man kann es in einer Karte an einen Freund schicken, den man lange nicht kontaktiert hat, ähnlich wie das rettende Telefonat im Gedicht. Für den privaten Gebrauch ist es ein tröstender Text, den man in eigenen traurigen oder einsamen Momenten lesen kann, um sich an den möglichen Wendepunkt zu erinnern. Aufgrund seiner klaren Botschaft der Überwindung eignet es sich auch gut für Lesungen oder als Beitrag in Gesprächsrunden zu Themen wie psychische Gesundheit, Resilienz oder die Kraft zwischenmenschlicher Beziehungen.
Sprachregister und Verständlichkeit
Die Sprache des Gedichts ist bewusst einfach, klar und frei von Archaismen oder komplexen Fremdwörtern. Der Satzbau ist meist parataktisch (Aneinanderreihung von Hauptsätzen), was eine direkte, unmittelbare Wirkung erzeugt. Die verwendeten Bilder wie Sturm, Gewitter, Wolken und Sonnenschein sind naturbezogen und universell verständlich. Selbst der emotionale Kernbegriff "Hoffnung" wird nicht abstrakt behandelt, sondern in eine nachvollziehbare Handlung übersetzt. Diese Zugänglichkeit macht das Gedicht für Jugendliche ab etwa 14 Jahren und Erwachsene jeden Alters gleichermaßen erschließbar. Die einzige leichte Stilfigur ist die Apostrophe in "zieh'n", die aber das Verständnis nicht behindert.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger geeignet ist das Gedicht für Leser, die eine stark formal experimentelle, avantgardistische oder besonders komplex verschlüsselte Lyrik suchen. Wer nach Gedichten mit ausgefeilten Metren, ungewöhnlichen Reimschemata oder radikal innovativer Bildsprache sucht, wird hier nicht fündig. Ebenso könnte die sehr direkte, fast schlichte Darstellung des emotionalen Wandels und das etwas klischeehafte Happy End für manche als zu vorhersehbar oder wenig subtil wirken. Für eine rein analytische, stark auf Form und Sprache fokussierte Betrachtung im akademischen Kontext bietet der Text weniger Angriffsfläche als andere, mehrschichtigere Werke.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du oder jemand in deinem Umfeld das Gefühl hat, in einem emotionalen Tief festzustecken. Es ist der perfekte poetische Begleiter für Tage, an denen alles grau erscheint und die Welt sich kalt anfühlt. Schenke es einer Person, die Trost und die Aussicht auf Besserung braucht, oder lies es für dich selbst als eine Art literarische Therapie. Es ist besonders kraftvoll in Situationen, in denen ein Streit oder eine innere Krise gerade überwunden wurde und nun der zaghafte Neuanfang bevorsteht. Das Gedicht "Hoffnung" ist weniger ein Kunstwerk für den Elfenbeinturm, sondern vielmehr eine handliche und berührende Gebrauchslyrik für die Höhen und Tiefen des alltäglichen Lebens.
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