Gedichte von Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz ist einer der eigenwilligsten und liebenswertesten Dichter der deutschen Literaturgeschichte. Sein Name ruft bei vielen sofort ein Schmunzeln hervor, und das ist kein Zufall. Ringelnatz schrieb Gedichte, die lachen machen, die überraschen, die mit Sprache jonglieren wie ein Akrobat mit Bällen. Aber wer bei diesem ersten Eindruck stehen bleibt, verpasst etwas. Hinter der scheinbar leichten Hand steckt ein Dichter, der das Leben in all seinen Widersprüchen kannte: Armut und Abenteuer, Hafenkneipen und Kabarettbühnen, Sehnsucht und Selbstironie. Ringelnatz war kein Komiker, der zufällig Gedichte schrieb. Er war ein Dichter, der die Komik als eine der ehrlichsten Formen des Ausdrucks verstand. Auf dieser Seite finden Sie seine Gedichte aus unserer Sammlung sowie alles Wissenswerte über sein Leben, seinen unverwechselbaren Stil und seine bleibende Bedeutung.

Inhaltsverzeichnis

Joachim Ringelnatz: Leben und Herkunft

Joachim Ringelnatz wurde am 7. August 1883 in Wurzen bei Leipzig als Hans Gustav Bötticher geboren. Den Namen Ringelnatz, unter dem er in die Literaturgeschichte einging, erfand er selbst, als er anfing, seine Texte zu veröffentlichen. Der Name klingt nach Seemannsgarn und Hafenromantik, und das war wohl auch der Gedanke dahinter. Er ist angelehnt an den Ringelnatz, eine alte Bezeichnung für die Ringelnatter, aber auch ein Wort, das einfach seltsam und einprägsam klingt, wie ein Pseudonym, das zu seinem Träger passt.

Sein Vater Georg Bötticher war Schriftsteller und Kunsthandwerker, seine Mutter eine stille, warmherzige Frau, die früh starb. Das Elternhaus war künstlerisch geprägt, aber finanziell nie sicher. Diese Mischung aus kultureller Offenheit und materieller Knappheit zog sich durch Ringelnatz' gesamtes Leben. Er lernte früh, mit wenig auszukommen, und er lernte, aus dieser Knappheit keinen Tragödienstoff zu machen, sondern Humor.

Ringelnatz starb am 17. November 1934 in Berlin, im Alter von 51 Jahren, an den Folgen einer Lungentuberkulose. Er starb in einer Zeit, in der seine Bücher bereits verboten worden waren und seine Auftrittsmöglichkeiten systematisch zerstört worden waren. Sein Tod kam früh, aber er kam nicht unvorbereitet: Ringelnatz hatte ein Leben lang so gelebt, als könnte jeder Tag der letzte sein, und das gab seinem Schreiben eine Unmittelbarkeit, die seine Texte bis heute frisch hält.

Das Seemannsleben: Zwischen Hafen und Horizont

Bevor Ringelnatz Dichter wurde, war er Seemann. Und zwar kein romantischer Seemann aus einem Abenteuerroman, sondern ein echter, der auf Handelsschiffen arbeitete, Knoten knüpfte, Wache schob und in Hafenstädten rund um die Welt an Land ging. Mit fünfzehn Jahren heuerte er zum ersten Mal an, und die See blieb für den Rest seines Lebens ein zentrales Motiv seines Denkens und Schreibens.

Die Jahre auf See lehrten ihn Dinge, die kein Gymnasium und keine Universität hätte lehren können: die Geduld des langen Wartens, die Kameradschaft unter rauen Menschen, den Umgang mit Einsamkeit auf weitem Wasser und die Fähigkeit, aus einfachen Mitteln Freude zu ziehen. All das findet sich in seinen Gedichten wieder, nicht als Kulisse, sondern als gelebte Erfahrung. Wenn Ringelnatz über das Meer schreibt, schreibt er über etwas, das er kennt, und dieser Unterschied ist zu spüren.

Die Seemannszeit war nicht durchgehend glücklich. Es gab Augenblicke der Erschöpfung, der Heimweh und der Hoffnungslosigkeit. Ringelnatz wechselte mehrfach die Schiffe und die Häfen, arbeitete zwischendurch an Land als Tabakhändler, Bibliothekar und Hausdiener, und kehrte immer wieder zur See zurück, weil er nirgendwo sonst das Gefühl von Freiheit fand, das er brauchte. Diese Unrast war nicht Schwäche, sondern Temperament.

München und die Simplizissimus-Jahre

Um 1909 ließ sich Ringelnatz in München nieder, der damals lebendigsten Kunststadt des deutschen Kaiserreichs. München war die Heimat des Simplicissimus, jener satirischen Zeitschrift, die mit spitzer Feder die Gesellschaft des Wilhelminischen Zeitalters kommentierte und dabei einige der besten Karikaturisten und Schriftsteller ihrer Zeit versammelte. Ringelnatz veröffentlichte dort frühe Texte und fand in diesem Umfeld erstmals ein Publikum, das seine Art zu schreiben verstand und schätzte.

München war aber auch eine Stadt der Kneipen, Ateliers und Cabarets, eine Stadt, in der Bohème und Bürgertum aufeinandertrafen und gelegentlich miteinander sprachen. Ringelnatz bewegte sich in diesem Milieu mit einer Selbstverständlichkeit, die zeigt, dass er nirgendwo wirklich fehl am Platz war, auch wenn er nirgendwo wirklich dazugehörte. Diese Fähigkeit, überall und nirgendwo zu Hause zu sein, ist eine seiner Grundeigenschaften, und sie ist in seinen Gedichten ebenso spürbar wie in seiner Biografie.

Das Kabarett als Heimat

Die eigentliche Heimat von Ringelnatz war die Kabarettbühne. Ab 1909 trat er regelmäßig im Münchner Simplicissimus-Kabarett auf, einem der bekanntesten Unterhaltungslokale der Stadt, und entwickelte dort eine Bühnenpräsenz, die ihn von anderen Dichtern seiner Zeit grundlegend unterschied. Ringelnatz trug seine Gedichte nicht vor, er lebte sie. Er war kein Rezitator, sondern ein Performer, der mit Gestik, Mimik und einem untrüglichen Gespür für das Timing seiner Pointen das Publikum in der Hand hielt.

Diese Bühnenerfahrung prägte seine Texte unmittelbar. Ringelnatz schrieb Gedichte, die funktionieren mussten, die auf den mündlichen Vortrag hin gedacht waren und die ihre volle Wirkung erst im Augenblick des Vortrags entfalteten. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu vielen seiner Dichterkollegen, die für das stille Lesen schrieben. Bei Ringelnatz merkt man, dass jemand am Werk war, der wusste, wie lange eine Pause dauern darf, bevor das Publikum unruhig wird.

Das Kabarett bot ihm aber nicht nur eine künstlerische Plattform, sondern auch ein regelmäßiges, wenn auch bescheidenes Einkommen. Ringelnatz war sein ganzes Leben lang von Geldsorgen begleitet, und die Gagen aus den Kabarettauftritten waren oft das Einzige, was ihn über Wasser hielt. Diese finanzielle Unsicherheit gab seinem Schreiben eine Dringlichkeit, die man zwischen den Zeilen spürt.

Sprache, Witz und dichterischer Stil

Ringelnatz' Sprache ist auf den ersten Blick einfach. Kurze Sätze, klare Wörter, Reime, die sitzen. Wer genauer hinschaut, merkt, dass diese Einfachheit hart erarbeitet ist. Ringelnatz hatte ein außerordentliches Gespür dafür, wann ein Gedicht zu lang ist, wann eine Pointe zu früh kommt und wann ein überraschendes Wort am Ende eines Verses alles verändert. Diese Ökonomie des Ausdrucks ist eine Form von Könnerschaft, die weniger auffällt als Rilkes Metaphernkunst oder Heideggers Sprachphilosophie, aber nicht weniger anspruchsvoll ist.

Besonders charakteristisch ist sein Umgang mit dem Rhythmus. Ringelnatz schrieb oft in einem Ton, der zunächst wie Alltagssprache klingt, aber beim Lesen einen Sog entwickelt, der den Leser vorwärtszieht. Dieser Sog ist kein Zufall, sondern das Ergebnis genauer rhythmischer Arbeit. Er versteckte das Handwerk hinter einer Oberfläche von Lässigkeit, und das ist eine der schwierigsten Dinge, die ein Dichter tun kann.

Der Humor bei Ringelnatz funktioniert auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig. Da ist der unmittelbare Witz, die Pointe, das Wortspiel. Darunter liegt oft eine melancholische Grundstimmung, ein Wissen um die Vergänglichkeit und die Absurdität des Lebens, das den Witz erst richtig scharf macht. Und manchmal gibt es noch eine dritte Ebene: eine echte Zärtlichkeit für die kleinen, unbeachteten Dinge des Lebens, die Ringelnatz mit einer Aufmerksamkeit beschrieb, die an Morgenstern erinnert und doch ganz sein eigenes ist.

Kuttel Daddeldu: Der Matrose als Kunstfigur

Die bekannteste Kunstfigur, die Ringelnatz schuf, ist Kuttel Daddeldu, ein einfacher Matrose, der die Welt mit kindlicher Direktheit betrachtet und dabei immer wieder in Situationen gerät, die komisch sind, weil er sie so nimmt, wie sie kommen. Kuttel Daddeldu ist kein Held und kein Antiheld, er ist einfach jemand, der da ist, der trinkt, liebt, scheitert und weitermacht, ohne viel darüber nachzudenken.

Diese Figur ist Ringelnatz' Alter Ego, sein literarisches Spiegelbild aus dem Seemannsleben. In Kuttel Daddeldu kondensierte er alle Erfahrungen aus seinen Jahren auf See: die Rauheit des Alltags, den Galgenhumor der einfachen Leute, die Sehnsucht nach Ferne und die Unmöglichkeit, wirklich anzukommen. Die Gedichte um diese Figur sind einige der unterhaltsamsten, die Ringelnatz schrieb, aber sie haben auch einen Unterton, der nachdenklich macht.

Kuttel Daddeldu wurde zu einem Publikumsliebling und trug wesentlich zu Ringelnatz' Bekanntheit als Kabarettkünstler bei. Wenn er diese Gedichte vortrug, identifizierte sich das Publikum mit der Figur, ohne genau sagen zu können warum. Vielleicht weil jeder Kuttel Daddeldu ein bisschen kennt: aus dem eigenen Leben oder aus sich selbst.

Humor mit Tiefgang

Es gibt eine Versuchung, humoristische Dichter nicht ganz ernst zu nehmen. Als wäre Witz ein Zeichen dafür, dass man die wirklich schwierigen Fragen scheut. Bei Ringelnatz ist das Gegenteil der Fall. Gerade weil er so genau wusste, wie kurz das Leben ist und wie wenig es sich um die Pläne und Wünsche der Menschen schert, konnte er so lachen. Der Humor war bei ihm keine Flucht vor der Wirklichkeit, sondern ein Weg, ihr ins Gesicht zu sehen.

Besonders deutlich wird das in seinen Gedichten über den Tod. Ringelnatz schrieb mehrfach über Sterben und Vergänglichkeit, und er tat es nie mit der erwarteten Schwere. Stattdessen betrachtete er den Tod mit derselben schrägen Neugier, mit der er alles andere betrachtete. Das ist keine Verharmlosung, sondern eine Form von Tapferkeit, die man nur entwickeln kann, wenn man wirklich begriffen hat, worum es geht.

Ringelnatz als Maler

Neben seiner Arbeit als Dichter und Kabarettkünstler war Ringelnatz ein ernsthafter Maler, was viele, die seinen Namen kennen, nicht wissen. Er malte Aquarelle und Ölbilder, zunächst aus Freude, später auch aus der Not heraus, eine zweite Einnahmequelle zu haben. Seine Bilder zeigen eine ähnliche Qualität wie seine Gedichte: eine scheinbar naive Direktheit, hinter der ein präzises Auge und ein sicheres Gespür für Komposition stecken.

Ringelnatz stellte seine Bilder mehrfach aus, unter anderem in Berlin und München, und fand damit ein kleineres, aber treues Publikum. Die Malerei war für ihn kein Hobby, sondern ein zweites künstlerisches Leben, das parallel zu den Gedichten lief und das denselben Blick auf die Welt verrät: aufmerksam, ein bisschen schief, immer auf der Suche nach dem Unerwarteten im Vertrauten.

Ringelnatz in der Weimarer Republik

Die Weimarer Republik, jene kurze, turbulente Demokratie zwischen 1919 und 1933, war für Kabarett und Kleinkunst eine außerordentlich produktive Zeit. Berlin wurde zur Hauptstadt einer Unterhaltungskultur, die politisch, frech und experimentierfreudig war wie kaum je zuvor. Ringelnatz war in diesem Umfeld eine feste Größe. Er trat in den bekanntesten Kabaretts der Hauptstadt auf, veröffentlichte regelmäßig neue Gedichtbände und hatte ein Publikum, das ihn liebte.

Gleichzeitig war die Weimarer Republik eine Zeit extremer wirtschaftlicher Unsicherheit. Die Hyperinflation der frühen 1920er Jahre, die Weltwirtschaftskrise am Ende des Jahrzehnts und die politische Radikalisierung, die zunehmend den öffentlichen Raum vergiftete: All das traf Ringelnatz wie viele freischaffende Künstler hart. Er schrieb und trat auf, wann immer er konnte, und er blieb sich dabei treu, auch als die Zeiten schwieriger wurden.

Verfolgung und das Ende

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, traf es Ringelnatz schnell und hart. Seine Bücher wurden als "undeutsch" eingestuft, seine Auftrittsmöglichkeiten wurden systematisch gesperrt, und sein Name verschwand aus dem öffentlichen Leben. Ringelnatz war kein politischer Dichter im engeren Sinne, aber sein Humor, seine Weltoffenheit und seine Weigerung, sich irgendeiner Ideologie anzupassen, machten ihn für das neue Regime untragbar.

Die letzten Lebensmonate waren von Armut, Krankheit und Isolation geprägt. Die Tuberkulose, die ihn schon lange begleitete, schwächte seinen Körper in einer Zeit, in der er kaum noch die Mittel hatte, sich zu versorgen. Er starb im November 1934, knapp eineinhalb Jahre nach der Machtübernahme, ein gebrochener Mann in materieller Hinsicht, aber einer, der bis zuletzt schrieb. Unter den letzten Texten, die er verfasste, sind einige der ergreifendsten seines gesamten Werkes.

Nachwirkung und kulturelle Bedeutung

Ringelnatz' Nachwirkung ist in Deutschland solider verankert, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Seine Gedichte werden in Schulen gelesen, im Radio zitiert und von Kabarettisten bis heute als Referenzpunkt genannt. Namen wie Kuttel Daddeldu und Texte wie "Turnstunde" oder "Die Ameisen" sind vielen Menschen geläufig, oft ohne dass sie den Namen des Autors sofort parat hätten.

Das Kabarett und die Kleinkunst, die er mitgeprägt hat, leben in Deutschland bis heute in einer lebendigen Tradition weiter. Wenn Kabarettisten heute mit Sprache spielen, mit schrägen Bildern arbeiten und ernste Themen durch komische Brechung zugänglich machen, stehen sie in einer Linie, zu der Ringelnatz wesentlich beigetragen hat. Dieser Einfluss ist schwer zu messen, aber er ist real.

In Wurzen, seiner Geburtsstadt, gibt es das Ringelnatz-Geburtshaus, das als Museum seinen Nachlass und seine Lebensgeschichte dokumentiert. Regelmäßige Veranstaltungen, Lesungen und Ausstellungen halten das Gedächtnis an einen Dichter lebendig, der verdient, nicht nur als komischer Kauz erinnert zu werden, sondern als einer der originellsten Stimmen der deutschen Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts.

  • Ringelnatz-Geburtshaus Wurzen: Museum und Gedenkstätte in seiner Geburtsstadt, die seinen Nachlass bewahrt und regelmäßige Veranstaltungen anbietet.
  • Kabaretttradition: Ringelnatz gilt als einer der Wegbereiter des deutschen Literaturkabaretts und wird von zeitgenössischen Kabarettisten bis heute als Einfluss genannt.
  • Schulkanon: Mehrere seiner Gedichte gehören zum festen Bestand des Deutschunterrichts und führen Generationen von Schülerinnen und Schülern an humoristische Lyrik heran.
  • Malerei: Seine Bilder werden gelegentlich in Ausstellungen gezeigt und erinnern daran, dass Ringelnatz mehr war als ein Wortakrobat.
  • Vertonungen und Bühnenbearbeitungen: Mehrere seiner Gedichte wurden vertont und für die Bühne bearbeitet, was zeigt, dass seine Texte auch in anderen künstlerischen Formen funktionieren.

Gedichte von Joachim Ringelnatz

Unsere Sammlung mit Gedichten von Joachim Ringelnatz wächst stetig weiter. Wir legen dabei Wert darauf, sowohl die bekannten und beliebten Texte als auch die weniger geläufigen Gedichte zu berücksichtigen, die zeigen, wie vielschichtig sein lyrisches Werk wirklich ist. Denn Ringelnatz ist mehr als der Seemann mit dem schiefen Grinsen, so sympathisch diese Rolle auch sein mag. Wer tiefer in sein Werk eintaucht, begegnet einem Dichter, der das Leben genau kannte und es trotzdem liebte.

Wenn Sie ein bestimmtes Gedicht in unserer Sammlung vermissen oder uns auf einen Text aufmerksam machen möchten, der hier noch fehlt, freuen wir uns über Ihre Nachricht an die E-Mail-Adresse in unserem Impressum. Wir prüfen jeden Hinweis sorgfältig und sind für jede Rückmeldung dankbar, die unsere Sammlung bereichert.

Aktuell haben wir 21 Gedichte von Joachim Ringelnatz in unserer Sammlung, die in folgenden Kategorien zu finden sind:

Abendgebet einer erkälteten Schwarzen

Ich suche Sternengefunkel.
All mein Karbunkel
Brennt Sonne dunkel.
Sonne drohet mit Stich.

Warum brennt mich die Sonne im Zorn?
Warum brennt sie gerade mich?
Warum nicht Korn?

Ich folge weißen Mannes Spur.
Der Mann war weiß und roch so gut.
Mir ist in meiner Muschelschnur
So negligé zu Mut.

Kam in mein Wigwam
Weit übers Meer,
Seit er zurückschwamm,
Das Wigwam
Blieb leer.

Drüben am Walde
Kängt ein Guruh

Warte nur balde
Kängurst auch du.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: sonstige Gedichte

Bumerang

War einmal ein Bumerang;
War ein Weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum - noch stundenlang -
Wartete auf Bumerang.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: lustige Gedichte

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: sonstige Gedichte

Die Feder

Ein Federchen flog durch das Land;
Ein Nilpferd schlummerte im Sand.

Die Feder sprach: „Ich will es wecken!“
Sie liebte, andere zu necken.

Aufs Nilpferd setzte sich die Feder
Und streichelte sein dickes Leder.

Das Nilpferd sperrte auf den Rachen
Und musste ungeheuer lachen.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Kindergedichte

Die Schnupftabaksdose

Es war eine Schnupftabaksdose,
Die hatte Friedrich der Große
Sich selbst geschnitzelt aus Nussbaumholz.
Und darauf war sie natürlich stolz.

Da kam ein Holzwurm gekrochen.
Der hatte Nussbaum gerochen.
Die Dose erzählte ihm lang und breit
Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.

Sie nannte den alten Fritz generös.
Da aber wurde der Holzwurm nervös
Und sagte, indem er zu bohren begann:
"Was geht mich Friedrich der Große an!"
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: lustige Gedichte

Die Suppe sprach...

Die Suppe sprach mit leisem Mund:
»Die Kinder mach' ich stark – gesund!
Wenn ihr’s nicht glaubt, so seid jetzt still
Und horcht, was ich erzählen will.

Im Wald, wo Wind und Wetter braust,
Hat eine Hexe einst gehaust,
Die hatte viele Kinderlein,
Die sperrte in den Wald sie ein,
Gab ihnen nichts zu essen mehr;
Die Kinder plagt’ der Hunger sehr.
Doch eine Fee, die wusste dies;
Darum sie Suppe regnen ließ.
Da kamen schnell die Kinderlein
Und fingen sie in Töpfchen ein,
Und wurden groß und kräftig sehr,
Die Hex’ konnt’ sie nicht halten mehr,
Und kamen glücklich in die Stadt –
Die Suppe sie gerettet hat!«
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Kindergedichte

Ein Federchen flog durch das Land

Ein Federchen flog durch das Land;
Ein Nilpferd schlummerte im Sand.

Die Feder sprach: „Ich will es wecken!“
Sie liebte, andere zu necken.

Aufs Nilpferd setzte sich die Feder
Und streichelte sein dickes Leder.

Das Nilpferd sperrte auf den Rachen
Und musste ungeheuer lachen.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: lustige Gedichte

Ein Nagel saß in einem Stück Holz

Ein Nagel saß in einem Stück Holz,
der war auf seine Gattin sehr stolz.
Die trug eine goldene Haube
und war eine Messingschraube.
Sie war etwas locker und etwas verschraubt,
sowohl in der Liebe, als auch überhaubt.
Sie liebte ein Häckchen und traf sich mit ihm.
In einem Astloch, sie wurden intim.
Kurz, eines Tages entfernte sie sich,
und ließ den armen Nagel im Stich.
Der arme Nagel bog sich vor Schmerz,
Noch niemals hatte sein eisernes Herz
so bittere Leiden gekostet.
Bald war er beinahe verrostet.

Da aber kehrte sein früheres Glück,
die alte Schraube wieder zurück.
Sie glänzte über das ganze Gesicht,
ja, alte Liebe rostet nicht.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: sonstige Gedichte

Ein Pflasterstein

Ein Pflasterstein, der war einmal
Und wurde viel beschritten.
Er schrie: "Ich bin ein Mineral
Und muss mir ein für allemal
Dergleichen streng verbitten!"

Jedoch den Menschen fiel's nicht ein,
Mit ihm sich zu befassen,
Denn Pflasterstein bleibt Pflasterstein
Und muss sich treten lassen.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: sonstige Gedichte

Zum Geburtstag von Vater

Ich habe heute wieder lange gebrütet
und nach Geburtstagsreimen gehetzt.
Ich habe gediftelt. Ich habe gewütet.
Und zuletzt das ganze Geschreibsel zerfetzt.

Da dachte ich, wie das oft geht:
Wenn Vater hinter dir steht –
und der sieht dich so krampfhaft dichten,
dann sagt er: „Ach, mach doch keine Geschichten!“

Und wir sprechen kein Wörtchen vom Geburtstagsallerlei,
von den Wünschen, die ich ihm niederschrieb.
Wir küssen uns stumm und fühlen dabei –
wir haben einander so herzlich lieb.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Geburtstagsgedichte

Herbst im Fluß

Der Strom trug das ins Wasser gestreute
Laub der Bäume fort. -
Ich dachte an alte Leute,
Die auswandern ohne ein Klagewort.

Die Blätter treiben und trudeln,
Gewendet von Winden und Strudeln
Gefügig, und sinken dann still. - -

Wie jeder, der Großes erlebte,
Als er an Größerem bebte,
Schließlich tief ausruhen will.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Herbstgedichte

In der Neujahrsnacht

Die Kirchturmglocke
schlägt zwölfmal Bumm.
Das alte Jahr ist wieder mal um.
Die Menschen können sich in den Gassen
vor lauter Übermut gar nicht mehr fassen.
Sie singen und springen umher wie die Flöhe
und werfen die Mützen in die Höhe.
Der Schornsteinfegergeselle Schwerzlich
küsst Konditor Krause recht herzlich.
Der alte Gendarm brummt heute sogar
ein freundliches: Prosit zum neuen Jahr.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Neujahrsgedichte

Geburtstagsgruß

Ach wie schön, daß Du geboren bist!
Gratuliere uns, daß wir Dich haben,
Daß wir Deines Herzens gute Gaben
Oft genießen dürfen ohne List.

Deine Mängel, Deine Fehler sind
Gegen das gewogen harmlos klein.
Heute nach vierzig Jahren wirst Du sein:
Immer noch ein Geburtstagskind.

Möchtest Du: nie lange traurig oder krank
Sein. Und: wenig Häßliches erfahren. -
Deinen Eltern sagen wir unseren fröhlichen Dank
Dafür, daß sie Dich gebaren.

Gott bewinke dir
Alle Deine Schritte;
Ja, das wünschen wir.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Geburtstagsgedichte

Freude

Freude soll nimmer schweigen.
Freude soll offen sich zeigen.
Freude soll lachen, glänzen und singen.
Freude soll danken ein Leben lang.
Freude soll dir die Seele durchschauern.
Freude soll weiterschwingen.
Freude soll dauern
Ein Leben lang.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Hochzeitsgedichte

An M.

Der du meine Wege mit mir gehst,
Jede Laune meiner Wimper spürst,
Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst -
Weißt du wohl, wie heiß du mich oft rührst?
Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
Meine Liebe wird mich überdauern
und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.
Lebe, lache gut!
Mache deine Sache gut!
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Liebesgedichte

Einsiedlers Heiliger Abend

Ich hab’ in den Weihnachtstagen
ich weiß auch warum –
mir selbst einen Christbaum geschlagen,
der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
und steckte ihn da hinein,
und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
zu sparen, ihn abends noch spät
mit Löffeln, Gabeln und Trichter
und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
mir Erbsensuppe mit Speck,
und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgunderner Kehle
das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
da hat’s an die Türe gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder!
Ich aber rief nicht: “Herein!”

Ich zog mich aus und ging leise
zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
und dankte auf krumme Weise
lallend dem lieben Gott.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Weihnachtsgedichte

Happy Christmas...

Happy Christmas, dear old Un!
Will Dir wer was Böses tun,
Drücke kalten Blutes
Beide Augen zu.
Tu dann dafür doppelt Gutes
Deinem Kuttel Daddeldu.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Weihnachtsgedichte

Pinguine

Auch die Pinguine ratschen, tratschen,
Klatschen, patschen, watscheln, latschen,
Tuscheln, kuscheln, tauchen, fauchen
Herdenweise, grüppchenweise
Mit Gevattern,
Pladdern, schnattern
Laut und leise.
Schnabel-Babelbabel-Schnack,
Seriöses, Skandalöses, Hiebe, Stiche.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Kindergedichte

Sehnsucht nach Zufall

Es gibt freiwilliges Allein,
Das doch ein wenig innen blutet.

Verfrühter Gast in einer Schenke sein,
Wo uns derzeit kein Freund vermutet -

Und käme plötzlich doch der Freund herein,
Den gleiche Abenteuer-Wehmut lenkt,
Dann wird es schön!
Dann steigt aus schlaffen Träumen
Ein gegenseitig stärkendes Sichbäumen
Und spricht,
was in ihm rauh und redlich denkt.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Gedichte Sehnsucht

Was dann?

Wo wird es bleiben,
Was mit dem letzten Hauch entweicht?
Wie Winde werden wir treiben -
Vielleicht!?

Werden wir reinigend wehen?
Und kennen jedes Menschen Gesicht.
Und jeder darf durch uns gehen,
Erkennt aber uns nicht.

Wir werden drohen und mahnen
Als Sturm,
Und lenken die Wetterfahnen
Auf jedem Turm.

Ach, sehen wir die dann wieder,
Die vor uns gestorben sind?
Wir, dann ungreifbarer Wind?
Richten wir auf und nieder
Die andern, die nach uns leben?

Wie weit wohl Gottes Gnade reicht.
Uns alles zu vergeben?
Vielleicht? - Vielleicht!
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: Trauergedichte

Zu einem Geschenk

Ich wollte dir was dedizieren,
Nein schenken; was nicht zuviel kostet.
Aber was aus Blech ist, rostet,
Und die Messinggegenstände oxydieren.
Und was kosten soll es eben doch.
Denn aus Mühe mach ich extra noch
Was hinzu, auch kleine Witze.
Wär' bei dem, was ich besitze,
Etwas Altertümliches dabei
Doch was nützt dir eine Lanzenspitze!
An dem Bierkrug sind die beiden
Löwenköpfe schon entzwei.
Und den Buddha mag ich selber leiden.
Und du sammelst keine Schmetterlinge,
Die mein Freund aus China mitgebracht.
Nein - das Sofa und so große Dinge
Kommen überhaupt nicht in Betracht.
Außerdem gehören sie nicht mir.
Ach, ich hab' die ganze letzte Nacht
Rumgegrübelt, was ich dir
Geben könnte. Schlief deshalb nur eine,
Allerhöchstens zwei von sieben Stunden,
Und zum Schluß hab' ich doch nur dies kleine,
Lumpige beschißne Ding gefunden.
Aber gern hab' ich für dich gewacht.

Was ich nicht vermochte, tu du's: Drücke du
Nun ein Auge zu.
Und bedenke,
Daß ich dir fünf Stunden Wache schenke.
Laß mich auch in Zukunft nicht in Ruh.
Autor: Joachim RingelnatzKategorie: sonstige Gedichte