Gute Vorsätze

Kategorie: Neujahrsgedichte

Silvester nimmt sich jeder vor:
Ich will es besser machen,
als es da war im alten Jahr,
im neuen lass ich’s krachen.
Der Vater sagt: „Im neuen Jahr,
da will ich mit euch reisen,
denn ich gehör’ noch lange nicht
zum Schrott und alten Eisen.
Außerdem nehm' ich mir vor,
das Rauchen aufzugeben.
Vielleicht bereitet der Entschluss
mir noch ein langes Leben.“

Die Mutter denkt: Ich habe wohl
zu viel Geld ausgegeben,
denn solche Summen braucht man nicht,
um anständig zu leben.
Im neuen Jahr wird alles anders,
da werde ich mehr sparen,
vielleicht reicht unser Urlaubsgeld
dann gar für die Kanaren.
Dazu will ich im neuen Jahr
die Süßgkeiten meiden,
denn meine Kleidung wird sehr eng
und ich fang’ an zu leiden.

Die Tochter mault: „Ich bin jetzt blank
und brauche dringend Geld,
das Knausern macht mich noch ganz krank,
weil ständig etwas fehlt.
Im alten Jahr verkniff ich mir
so manchen Herzenswunsch,
im neuen Jahr wird alles anders,
sonst zieh ich einen Flunsch.
Ich spare jetzt im neuen Jahr,
geh’ nicht so oft zur Disco,
dafür flieg’ ich nach Kanada
oder San Francisco.“

Der Knirps, der noch zur Schule geht,
sagt jetzt zu der Familie,
natürlich auch zum Schwesterherz
und Omama Emilie:
„In diesem Jahr, ich geb’ es zu,
war ich ein wenig faul.
Im neuen Jahr, da büffel ich
und geh’ auch mal mit Paul.
Außerdem verspreche ich,
mein Zimmer aufzuräumen
und werde in der Schule nicht
beim Unterricht mehr träumen.“

Paul ist ein deutscher Schäferhund,
er nagt an einem Knochen
und denkt: Die essen stets das Fleisch,
was hab’ ich nur verbrochen?
Nächstes Jahr krieg’ ich das Fleisch,
da könnt ihr Gift drauf nehmen,
die Menschen sind doch unsozial
und sollten sich was schämen.
Demnächst schleich’ ich mich geradewegs
zu Nachbars Pudeldame,
die ich schon lange heiß begehr’,
Bianca ist ihr Name.

Die Oma hört sich alles an,
doch ihr Gehör lässt nach,
sodass sie leider nichts versteht,
ihr Tinnitus macht Krach.
„Prost Neujahr, Kinder, lasst es sein,
so wie zuletzt es war.
Ich wünsch’ euch alles Gute dann
fürs kommende Kalenderjahr.
Gesundheit und Zufriedenheit
sind auch noch zu erwähnen,
in allem eine schöne Zeit
mit Glück und wenig Tränen.“

Autor: Elke Abt

Eine ausführliche Interpretation des Gedichts

Elke Abts Gedicht "Gute Vorsätze" entfaltet ein humorvolles und zugleich treffendes Panorama einer ganz normalen Familie an Silvester. Jedes Familienmitglied – und sogar der Hund – artikuliert seine Pläne für das kommende Jahr. Dabei wird schnell klar, dass die Vorsätze weniger ernsthafte Lebensänderungen als vielmehr Wunschdenken und teils widersprüchliche Sehnsüchte widerspiegeln. Der Vater möchte reisen und mit dem Rauchen aufhören, ein klassischer Doppelvorsatz aus Abenteuer und Gesundheitsbewusstsein. Die Mutter schwankt zwischen Sparsamkeit und dem Traum von einem teuren Urlaub auf den Kanaren, während sie gleichzeitig auf Süßigkeiten verzichten will. Diese inneren Konflikte sind typisch für das Phänomen der Neujahrsvorsätze.

Die Tochter setzt die Reihe der Widersprüche fort: Sie will sparen, aber gleichzeitig nach Kanada oder San Francisco fliegen. Der schulpflichtige Sohn verspricht Fleiß und Ordnung, was den klassischen pädagogischen Erwartungen entspricht. Die eigentliche komische Pointe liefert jedoch der deutsche Schäferhund Paul, dessen "Vorsätze" die menschliche Doppelmoral bloßlegen. Er empfindet die Fleischverteilung als ungerecht und plant ein amoröses Abenteuer. Die Oma schließlich, mit nachlassendem Gehör, steht außerhalb dieses Kreislaufs aus Wünschen und Ambitionen. Ihr simpler, aber weiser Wunsch nach Gesundheit, Zufriedenheit und einer schönen Zeit für alle bildet den ruhigen, fast melancholischen Kontrapunkt zu den teils hektischen Plänen der anderen. Sie akzeptiert das Leben, wie es ist ("lasst es sein, so wie zuletzt es war"), und bringt damit eine tiefere Wahrheit über Beständigkeit und Gelassenheit zum Ausdruck.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine grundlegend heitere und warmherzige Stimmung, die von liebevoller Ironie durchzogen ist. Man schmunzelt über die offensichtlichen Widersprüche in den Vorsätzen der Familienmitglieder und lacht über die gedankliche Welt des Hundes. Es herrscht eine gesellige, familiäre Atmosphäre, wie man sie von Silvesterfeiern kennt. Gleichzeitig schwingt unter der humorvollen Oberfläche eine leise Melancholie oder zumindest Nachdenklichkeit mit. Die Oma mit ihrem Tinnitus und ihrem resignativen, aber weisen Schlusswort erinnert daran, dass Zeit vergeht und dass wahres Glück vielleicht nicht in großen Vorsätzen, sondern in Bescheidenheit und Gesundheit liegt. Die Stimmung ist also eine gelungene Mischung aus Komik und weiser Lebenserfahrung.

Gesellschaftlicher oder historischer Kontext

Das Gedicht spiegelt kein spezifisches historisches Ereignis wider, sondern thematisiert ein zeitloses, aber in modernen Konsumgesellschaften besonders ausgeprägtes Phänomen: den ritualisierten Neujahrsvorsatz. Es zeigt die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Selbstoptimierung (mit dem Rauchen aufhören, sparen, abnehmen, fleißiger sein) und den gleichzeitig vorhandenen Konsum- und Genusswünschen (teure Reisen, Disco-Besuche, Süßigkeiten). Diese Spannung ist charakteristisch für eine wohlhabende Mittelschichtsgesellschaft, in der sowohl Disziplin als auch Selbstverwirklichung und Erlebnis hochgehalten werden.

Die Rollenbilder sind traditionell verteilt (Vater als Reiseprojektplaner, Mutter als für Finanzen und Haushalt mitverantwortlich), aber nicht übermäßig betont. Interessant ist die Erwähnung konkreter Reiseziele wie die Kanaren, Kanada oder San Francisco – sie stehen für den Massentourismus und die Fernweh-Träume der späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Der Hund als "kritischer" Kommentator bringt zudem eine tierethische Perspektive ein, die in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen hat.

Aktualitätsbezug - welche Bedeutung hat das Gedicht heute?

Das Gedicht ist heute so aktuell wie eh und je. Der Brauch, zum Jahreswechsel gute Vorsätze zu fassen, ist ungebrochen populär, und die Inhalte haben sich kaum verändert: Gesundheit, Finanzen, Selbstdisziplin und Reisen stehen nach wie vor ganz oben auf der Liste. Die humorvolle Darstellung der menschlichen Neigung, sich zu viel vorzunehmen oder widersprüchliche Ziele zu verfolgen, spricht jeden an, der schon einmal einen Vorsatz gefasst und wieder gebrochen hat.

In einer Zeit, die von Selbstoptimierungstrends und dem Druck, das "beste Ich" zu sein, geprägt ist, wirkt die Omas Schlussbotschaft wie ein heilsames Gegenmittel. Ihr Appell zu Zufriedenheit und Gesundheit, verbunden mit der Aufforderung, die Dinge auch mal sein zu lassen, hat eine fast philosophische Tiefe, die in unserer hektischen Welt großen Anklang finden kann. Das Gedicht erinnert uns daran, menschlich und nachsichtig mit uns selbst zu bleiben.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

Dieses Gedicht ist die perfekte literarische Begleitung für die Silvester- und Neujahrszeit. Es passt hervorragend:

  • Als unterhaltsamer Programmpunkt auf einer privaten Silvesterfeier oder einer Familienfeier rund um den Jahreswechsel.
  • Als augenzwinkernder Einstieg für einen Neujahrsbrunch oder einen Jour fixe im Januar, um über eigene Vorsätze zu sprechen.
  • In einem geselligen Kreis, der über die Tücken der Selbstverbesserung lachen möchte.
  • Als leichtes, aber pointiertes Gedicht für Seniorenkreise, die die Weisheit der Oma-Figur besonders zu schätzen wissen.
  • Für lockere literarische Vorträge oder in Newslettern zum Thema "Neuanfang" oder "Jahresrückblick".

Sprachregister und Verständlichkeit

Die Sprache des Gedichts ist durchweg alltagsnah, umgangssprachlich und leicht verständlich. Es verwendet keine Archaismen oder komplexen Fremdwörter. Die Syntax ist einfach und folgt dem natürlichen Sprechrhythmus, was durch die vielen wörtlichen Reden ("mault", "sagt") noch unterstützt wird. Typisch für die lockere Tonlage sind Ausdrücke wie "lass ich's krachen", "ich bin jetzt blank", "ziehe einen Flunsch" oder "da könnt ihr Gift drauf nehmen".

Diese Direktheit macht das Gedicht für Leser und Zuhörer jeden Alters ab der mittleren Schulstufe sofort zugänglich. Selbst Kinder verstehen die Grundsituation und die Wünsche der Figuren. Die gereimte Form mit ihrem gleichmäßigen Rhythmus trägt zusätzlich zur leichten Aufnehmbarkeit bei und macht es auch vortragstauglich. Es ist ein Gedicht, das nicht interpretiert werden muss, sondern unmittelbar wirkt.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Leser, die eine tiefgründige, düstere oder hochkomplexe Lyrik suchen. Wer sich für experimentelle Sprachkunst, politische Agitation oder abstrakte Metaphorik interessiert, wird hier nicht fündig. Es ist auch kein Gedicht für sehr formelle oder zeremonielle Anlässe wie eine offizielle Gedenkfeier. Menschen, die mit dem spezifisch deutschen Brauch der "guten Vorsätze" zum Jahreswechsel gar nichts anfangen können oder den humorvoll-besinnlichen Familien-Ton als zu kitschig empfinden, könnten dem Charme des Textes möglicherweise nicht erliegen.

Abschließende Empfehlung: Wann genau sollte man dieses Gedicht wählen?

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du eine humorvolle, warmherzige und absolut unprätentiöse Lyrik brauchst, die das Publikum sofort erreicht und ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Es ist der ideale Text für den Übergang vom alten ins neue Jahr, um gemeinsam über die menschliche Komödie der Selbstverbesserung zu lachen, ohne dabei zynisch zu werden. Die Weisheit der Schlussstrophe gibt dem Ganzen eine schöne Tiefe und rundet es zu einem perfekten kleinen Kunstwerk für gesellige Runden ab. Wenn du also nach einem Gedicht suchst, das unterhält, leicht zu verstehen ist und trotzdem einen klugen Kern hat, dann bist du mit "Gute Vorsätze" von Elke Abt bestens beraten.

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