Weihnachtsgedichte fuer Kinder / Der Weihnachtsschnee
Kategorie: Weihnachtsgedichte
Ihr Kinder, sperrt die Näschen auf,
Autor: Paula Dehmel
Es riecht nach Weihnachtstorten.
Knecht Ruprecht steht am Himmelsherd
Und bäckt die feinsten Sorten.
Ihr Kinder, sperrt die Äuglein auf,
Sonst nehmt den Operngucker:
Die große Himmelsbüchse, seht,
Tut Ruprecht ganz voll Zucker.
Er streut - die Kuchen sind schon voll
Er streut - na, das wird munter!
Er schüttelt die Büchse und streut und streut
Den ganzen Zucker runter.
Ihr Kinder, sperrt die Mäulchen auf,
Schnell! Zucker schneit es heute!
Fangt auf, holt Schüsseln! - Ihr glaubt es nicht?
Ihr seid ungläubige Leute!
- Biografischer Kontext
- Interpretation des Gedichts
- Stimmung des Gedichts
- Gesellschaftlicher und historischer Kontext
- Aktualitätsbezug und moderne Bedeutung
- Geeignete Anlässe
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Biografischer Kontext
Paula Dehmel (1862-1918) war eine deutsche Schriftstellerin, die vor allem für ihre Kinderlyrik bekannt wurde. Sie gehörte zum Kreis der Berliner Moderne und war mit bedeutenden Literaten wie Richard Dehmel, ihrem späteren Mann, verbunden. Ihr Werk zeichnet sich durch eine spielerische, musikalische Sprache und einen empathischen Blick auf die kindliche Erlebniswelt aus. Anders als viele ihrer Zeitgenossen schrieb sie nicht mit pädagogischem Zeigefinger, sondern versuchte, die magische und manchmal auch anarchische Perspektive von Kindern poetisch einzufangen. Diese Haltung macht ihre Gedichte bis heute so frisch und ansprechend.
Interpretation des Gedichts
Das Gedicht "Der Weihnachts-Schnee" verwandelt ein alltägliches Naturphänomen – das Schneien – in ein fantastisches Backereignis im Himmel. Knecht Ruprecht, sonst als Gehilfe des Nikolaus und mit der Rute bekannt, wird hier zum himmlischen Konditor umgedeutet. Die "große Himmelsbüchse" ist sein Zuckerstreuer, aus dem der Schnee auf die Erde rieselt. Diese metaphorische Gleichsetzung von Zucker und Schnee ist der geniale Kern des Gedichts. Dehmel baut die Illusion in drei Akten auf: Zuerst wird der Geruchssinn angesprochen ("riecht nach Weihnachtstorten"), dann der Sehsinn ("sperrt die Äuglein auf"), und schließlich wird die Aufforderung direkt und körperlich: "sperrt die Mäulchen auf", um den Zucker-Schnee aufzufangen. Die letzte Strophe bricht charmant die vierte Wand, indem die erwachsene Erzählstimme die skeptischen ("ungläubigen") Kinder neckt und so die Grenze zwischen Realität und kindlichem Zauber spielerisch verwischt.
Stimmung des Gedichts
Die Stimmung ist durchweg heiter, verspielt und voller vorweihnachtlicher Vorfreude. Es herrscht eine fast ausgelassene Munterkeit, die durch Verben wie "streut", "schüttelt" und den Ausruf "na, das wird munter!" transportiert wird. Das Gedicht erzeugt ein Gefühl von staunender Partizipation. Es lädt die Kinder nicht zum passiven Betrachten ein, sondern zum aktiven Mitmachen: Näschen, Äuglein und Mäulchen sperren, Schüsseln holen, den Zucker auffangen. Diese Aufforderung macht die Atmosphäre unmittelbar und ansteckend fröhlich. Es ist keine besinnliche, stille Weihnachtsstimmung, sondern eine lebendige, fast turbulente Feier des winterlichen Wunders.
Gesellschaftlicher und historischer Kontext
Das Gedicht entstand in einer Zeit des Wandels, um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. In der Literatur dieser Epoche lässt sich ein verstärktes Interesse an der Kindheit als eigenwertiger Lebensphase beobachten. Paula Dehmels Werk steht exemplarisch für diese Strömung. Sie befreite die Kinderlyrik von allzu schwerer Moral und belehrendem Ton. Stattdessen setzte sie auf reine Fantasie und kindgerechte Bilder. Die Figur des Knecht Ruprecht, die hier freundlich und kreativ besetzt ist, zeigt zudem, wie volkstümliche Brauchtumsfiguren in der Kinderliteratur neu interpretiert und von ihren bedrohlichen Aspekten gelöst werden konnten, um sie für ein junges Publikum zugänglich und liebenswert zu machen.
Aktualitätsbezug und moderne Bedeutung
Das Gedicht hat nichts von seinem Charme verloren. In einer Zeit, in der Kinder oft zwischen digitaler Reizüberflutung und durchgetaktetem Terminkalender stehen, bietet es einen einfachen, aber wirkungsvollen Zauber: Es fordert dazu auf, die Welt mit anderen Augen zu sehen und Alltägliches in etwas Wunderbares zu verwandeln. Die Idee, dass der Schnee eigentlich Zucker vom Himmel ist, spricht direkt die kindliche Vorstellungskraft an und kann auch Erwachsene dazu anregen, Perspektiven zu wechseln. In pädagogischer Hinsicht ist das Gedicht wertvoll, weil es ohne kommerziellen Weihnachtszauber auskommt. Der Zauber entsteht hier aus der Natur selbst und der Kraft der Poesie – eine zeitlose und kostengünstige Methode, Vorfreude zu wecken.
Geeignete Anlässe
Dieses Gedicht ist ein perfekter Begleiter für die Vorweihnachtszeit und den Winter allgemein. Es eignet sich hervorragend:
- Als turbulenter Einstieg in eine gemütliche Vorlesestunde im Advent.
- Zum gemeinsamen Aufsagen oder kleinen Theaterspiel im Kindergarten oder in den ersten Grundschulklassen, wenn die ersten Schneeflocken fallen.
- Als fröhlicher Beitrag im familiären Adventskreis, vielleicht begleitet vom Backen von Weihnachtsplätzchen.
- Für eine winterliche Bilderbuchbetrachtung, die das Gedicht aufgreift und visualisiert.
Sprachregister und Verständlichkeit
Paula Dehmel verwendet eine bewusst kindliche, aber nicht kindische Sprache. Worte wie "Näschen", "Äuglein" und "Mäulchen" sind liebevolle Verniedlichungen, die Vertrautheit schaffen. Der Satzbau ist einfach und rhythmisch, die Reime sind eingängig. Ein leicht archaischer Klang entsteht durch Wendungen wie "sperrt ... auf" (im Sinne von "öffnet weit") oder "ungläubige Leute". Diese sind jedoch aus dem Kontext sofort verständlich und tragen zum charmant-altmodischen Ton bei. Die direkten Anreden und Aufforderungen machen das Gedicht interaktiv und leicht erfassbar. Kinder im Vorschul- und Grundschulalter können dem Inhalt problemlos folgen, während die poetische Metapher auch älteren Lesern Freude bereitet.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger geeignet ist das Gedicht für sehr nüchtern-rational denkende Menschen, die eine klare Trennung zwischen Fantasie und Realität erwarten. Wer nach einer tiefgründigen, besinnlichen oder religiösen Weihnachtsbotschaft sucht, wird hier nicht fündig. Der Fokus liegt rein auf dem spielerischen, sinnlichen Erleben. Auch für formale Gedichtanalysen in höheren Schulklassen bietet es aufgrund seiner schlichten und direkten Struktur nur begrenztes Material. Sein Zauber entfaltet sich am besten in einer Situation, die Offenheit für kindlichen Humor und metaphorisches Spiel zulässt.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du den ersten Schnee des Winters mit Kindern erlebst oder herbeisehnst. Es ist das perfekte sprachliche Werkzeug, um dieses Ereignis zu verzaubern und in eine gemeinsame, fröhliche Aktivität zu verwandeln. Nutze es, um eine Brücke zwischen drinnen und draußen zu schlagen: Lies es am Fenster, während die Flocken fallen, und gehe dann vielleicht hinaus, um den "Himmelszucker" auf der Zunge zergehen zu lassen. Es ist auch ein wunderbarer Gegenpol zu hektischer Vorweihnachtszeit – eine Erinnerung daran, dass der schönste Zauber oft der einfachste ist und in unserer eigenen Vorstellungskraft beginnt.
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