Lustige Hochzeitsgedichte / Die schlimmen Eheleut
Kategorie: Hochzeitsgedichte
Nicht also kürren und schorren die Ratzen,
Autor: Abraham a Santa Clara
nicht also schreien und gmauzen die Katzen,
nicht also pfeifen und zischen die Schlangen,
nicht also rauschen und prasseln die Flammen,
nicht also scheppern und kleppern die Rötschen,
nicht also plurren und schnurren die Prötschen,
nicht also wüten und heulen die Hund,
nicht also brüllet der Löwen ihr Schlund,
nicht also hauset und brauset das Meer,
nicht also stürmet ein kriegrisches Heer,
Nicht also reißet und tobet der Wind,
nicht also jammert ein schreiendes Kind:
wie zwei wankende, zankende, reißende, beißende,
weinende, greinende, mockende, bockende,
trutzige, schmutzige
Eheleut.
- Biografischer Kontext
- Interpretation
- Stimmung
- Gesellschaftlicher Kontext
- Aktualitätsbezug
- Anlässe
- Sprachregister
- Geeignet für wen weniger?
- Abschließende Empfehlung
Biografischer Kontext
Abraham a Santa Clara, mit bürgerlichem Namen Johann Ulrich Megerle, war ein bedeutender katholischer Geistlicher, Prediger und Schriftsteller des Barock. Geboren 1644 und gestorben 1709, wirkte er als Hofprediger in Wien und erreichte mit seiner volkstümlichen, bildreichen und oft derb-humorvollen Rhetorik ein breites Publikum. Seine Texte sind keine verstaubte Gelehrtenliteratur, sondern lebendige, mitreißende Reden, die Moral und Lebensweisheit in unterhaltsamer Form vermitteln wollten. Sein Stil ist geprägt von drastischen Vergleichen, Wortspielen und einer Fülle an Beispielen aus dem Alltag, was ihn zu einem einzigartigen Chronisten der Lebenswelt des einfachen Volkes im 17. Jahrhundert macht. Dieses Gedicht ist ein perfektes Beispiel für seine Kunst, ernste Themen – hier die Gefahren des Ehestreits – mit überschäumender sprachlicher Kreativität und einem Augenzwinkern zu behandeln.
Interpretation
Das Gedicht "Die schlimmen Eheleut" ist ein Meisterwerk der Steigerung und Kontrastierung. Abraham a Santa Clara baut eine gewaltige, fast schon monumentale Kulisse des Lärms und des Chaos auf. In zwölf Zeilen reiht er Vergleiche aneinander, die alle nur denkbaren schrecklichen und nervtötenden Geräusche beschwören: vom Kratzen der Ratten über das Fauchen der Katzen, das Zischen der Schlangen, das Tosen des Meeres bis zum Heulen des Sturms und dem Jammern eines Kindes. Jedes dieser Bilder steht für eine andere Qual – Aggression, Gefahr, Zerstörung, pure Verzweiflung.
Der geniale Kniff liegt in der Schlusspointe. All dieser gewaltige Aufwand dient nur einem einzigen Vergleich: "Nicht also... wie zwei... Eheleut." Die gesamte Naturgewalt wird von einem zankenden Ehepaar in den Schatten gestellt. Die letzten drei Zeilen verdichten dieses Bild mit einer lawinenartigen Aneinanderreihung von Partizipien: "wankende, zankende, reißende, beißende, weinende, greinende, mockende, bockende, trutzige, schmutzige". Hier wird der Streit nicht nur als Lärm, sondern als ein vielschichtiges, hässliches und kindisches Verhalten entlarvt, das alle Register von Gewalt bis zur Trotzreaktion zieht. Die Interpretation liegt auf der Hand: Nichts in der Welt ist schlimmer als ein unversöhnlicher, von Hass und Kleinlichkeit geprägter Ehestreit.
Stimmung
Das Gedicht erzeugt eine äußerst dynamische und kontrastreiche Stimmung. Zunächst dominiert eine fast schon düster-dramatische, lärmende Atmosphäre. Man fühlt sich von der Aufzählung der Naturgewalten fast bedrängt. Diese angespannte, laute Stimmung kippt jedoch im Moment der Pointe in eine andere Richtung: Erkenntnis und belustigtes Kopfschütteln. Die Übertreibung ist so extrem, dass sie komisch wirkt. Man muss schmunzeln über die Vorstellung, dass ein Ehekrach schlimmer sein soll als ein brüllender Löwe. Es entsteht eine Mischung aus amüsiertem Gruseln und der Einsicht in eine menschliche Wahrheit, die bis heute gültig ist. Die Stimmung ist also nicht nur negativ, sondern auch unterhaltsam und lehrreich zugleich.
Gesellschaftlicher Kontext
Das Gedicht ist ein Produkt des Barock und der katholischen Moralpredigt dieser Zeit. Die Ehe wurde als gottgewollte, unauflösliche Institution betrachtet, deren Harmonie für die Stabilität von Familie und Gesellschaft fundamental war. Streit und Zwietracht in der Ehe waren daher nicht nur ein privates Problem, sondern eine Störung der göttlichen und sozialen Ordnung. Abraham a Santa Clara spricht dieses Thema nicht mit trockener Dogmatik an, sondern mit der für ihn typischen volksnahen Methode. Er nutzt Bilder, die jeder Zuhörer aus seinem Leben kannte (Tiere, Wetter, Haushaltsgeräusche), um eine abstrakte moralische Lehre greifbar und einprägsam zu machen. Das Gedicht spiegelt somit den pädagogischen Auftrag der Barockpredigt wider, der den Menschen ihre Fehler auf unterhaltsame, eingängige Weise vor Augen führen wollte.
Aktualitätsbezug
Die Kernaussage des Gedichts ist zeitlos und hat auch heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Der lärmende, verletzende Streit in einer Partnerschaft wird nach wie vor als eine der belastendsten zwischenmenschlichen Erfahrungen empfunden. Die genial gewählten Vergleiche funktionieren auch im 21. Jahrhundert: Wer hat nicht schon erlebt, dass ein schwelender Konflikt zu Hause subjektiv bedrückender sein kann als äußere Probleme? Das Gedicht kann uns als humorvoller Spiegel dienen. Es erinnert uns daran, wie kleinlich und absurd Streitigkeiten im Rückblick oft wirken und wie sehr wir uns mit unserem "Gezänk" manchmal in Naturgewalten hineinsteigern, wo Besonnenheit und Kommunikation besser wären. Es ist eine unterhaltsame Mahnung zur Deeskalation.
Anlässe
Dieses Gedicht eignet sich überraschenderweise perfekt für bestimmte Hochzeitsfeiern, allerdings mit dem nötigen Fingerspitzengefühl. Es ist eine brillante und humorvolle Wahl für einen lockeren Redebeitrag auf der Hochzeit eines Paares, das sich selbst nicht zu ernst nimmt und über einen scharfen Sinn für Humor verfügt. Vorgetragen von einem mutigen Trauzeugen oder einer engen Freundin, kann es ein unvergesslicher und lustiger Appell für eine streitarme Zukunft sein. Darüber hinaus passt es wunderbar zu Themenabenden über barocke Literatur, zu Vorträgen über Ehe und Partnerschaft oder einfach als kurzweiliges und nachdenkliches Gedicht für alle, die sich für die Kraft der Sprache interessieren.
Sprachregister
Die Sprache ist anspruchsvoll und stark in der Zeit des Barock verwurzelt. Sie ist geprägt von vielen heute unüblichen Wörtern (Archaismen) wie "kürren" (knarren), "gmauzen" (maunzen), "Rötschen" (Rädchen, vielleicht eines Mühlrads), "Prötschen" (undeutlich, vielleicht für "Bretter" oder "Gefäß") und "plurren" (schnarren). Die Syntax selbst ist jedoch recht klar: Es handelt sich um eine lange, sich steigernde Aufzählung, die in einem Vergleich gipfelt. Für ältere Schüler, Studierende oder sprachlich interessierte Erwachsene ist der Inhalt mit etwas Mühe gut erschließbar, zumal die Lautmalerei und der Rhythmus den Sinn transportieren. Für jüngere Kinder oder Menschen ohne Deutsch als Muttersprache ist der Text aufgrund des veralteten Wortschatzes eine echte Herausforderung.
Geeignet für wen weniger?
Dieses Gedicht eignet sich weniger für absolut formelle und steife Hochzeitszeremonien, bei denen ausschließlich romantische und ernste Töne erwünscht sind. Es wäre ein Fauxpas, es einem Paar vorzutragen, das keinen derben, altmodischen Humor schätzt oder das sich leicht gekränkt fühlen könnte. Auch für Trauerfeiern oder andere sehr ernste Anlässe ist es völlig unpassend. Aufgrund der sprachlichen Hürden ist es zudem keine gute Wahl, um literarische Neulinge oder ein sehr junges Publikum für Lyrik zu begeistern, da der Zugang zunächst schwerfällt.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du nach einem ungewöhnlichen, intelligenten und urkomischen Beitrag suchst, der unter die Haut geht. Es ist ideal für eine Hochzeitsfeier mit lockerer Atmosphäre, auf der das Brautpaar und die Gäste humorvolle Bosheiten zu schätzen wissen. Ein Trauzeuge, der dieses Gedicht mit schauspielerischem Talent und einem Augenzwinkern vorträgt, wird sicherlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ebenso ist es ein Juwel für jeden, der in der Literatur des Barock mehr als nur schmückendes Beiwerk sucht, sondern lebendige, kraftvolle und menschennahe Sprache erleben will. Es ist weniger ein romantisches Liebesgedicht, sondern vielmehr eine weise und witzige Warnung – verpackt in ein sprachliches Feuerwerk.
Mehr Hochzeitsgedichte
- Lustige Hochzeitsgedichte / Hochzeit - Martin Boelitz
- Klassische Hochzeitsgedichte / Hochzeit - Paul Cornel
- Kurze Hochzeitsgedichte / Zu einer Hochzeit - Richard Dehmel
- Klassische Hochzeitsgedichte / Zur Hochzeit - Joseph von Eichendorff
- Klassische Hochzeitsgedichte / Zu einer Hochzeit - Henrik Ibsen
- Klassische Hochzeitsgedichte / Gott sei Dank, sie haben sich! - Wilhelm Busch
- Klassische Hochzeitsgedichte / O glücklich, wer ein Herz gefunden! - August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
- Kurze Hochzeitsgedichte / Ehespruch - Emanuel Geibel
- Moderne Hochzeitsgedichte / Warum heiratet man - Wilhelm Busch
- Klassische Hochzeitsgedichte / Hochzeitslied - Johann Wolfgang von Goethe
- Lustige Hochzeitsgedichte / Warnung vor der Ehe - Wilhelm Busch
- Klassische Hochzeitsgedichte / Selbst die glücklichste der Ehen - Friedrich Wilhelm Gotter
- Kurze Hochzeitsgedichte / An ein Brautpaar - Friedrich Wilhelm Gotter
- Kurze Hochzeitsgedichte / Der Bräutigam an die Braut - Friedrich Wilhelm Gotter
- Kurze Hochzeitsgedichte / Hochzeit-Wunsch - Friedrich von Logau
- Klassische Hochzeitsgedichte / Das Brautgemach - Richard Wagner
- Kurze Hochzeitsgedichte / Am Tag der Vermählung - Gottfried August Bürger
- Kurze Hochzeitsgedichte / Rechte Heiratskunst - Simon Dach
- Kurze Hochzeitsgedichte / Hochzeitslied - Johann Heinrich Voß
- Romantische Hochzeitsgedichte / Rastlose Liebe - Johann Wolfgang von Goethe
- Romantische Hochzeitsgedichte / Die Lieb' - Johann Wolfgang von Goethe
- Romantische Hochzeitsgedichte / Der schönste Anblick - Justinus Kerner
- Moderne Hochzeitsgedichte / Hochzeitssegen - Reinhard Zerres
- Moderne Hochzeitsgedichte / Oktobernacht - N.Velasco
- Moderne Hochzeitsgedichte / Gerechtigkeit des Lebens - EEE
- 25 weitere Hochzeitsgedichte