Wiederkehr
Kategorie: kurze Gedichte
Mit der Geburt beginnt das Leben
Autor: Achim Schier
Eben…
Und das Leben wird zum Kampf.
Regellos, weil menschgemacht.
Und über all den Dingen
steht plötzlich nach dem Ringen
der Tod!
Immerhin, man hat gelebt…
Und danach beginnt’s von vorn
Das Leben…
Eben!
© Achim Schier (*1956)
- Biografischer Kontext
- Interpretation
- Stimmung
- Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
- Aktualitätsbezug
- Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Biografischer Kontext
Da Achim Schier (*1956) kein literaturgeschichtlich kanonischer Autor ist, entfällt ein ausführlicher biografischer Kontext. Sein Werk "Wiederkehr" steht stellvertretend für die vielen zeitgenössischen Gedichte, die außerhalb des etablierten Literaturbetriebs entstehen und dennoch kraftvolle Lebensreflexionen bieten. Die Betrachtung konzentriert sich daher ganz auf das Gedicht selbst und seine universellen Themen.
Interpretation
Das Gedicht "Wiederkehr" verdichtet in knappen Zeilen einen zyklischen Blick auf die menschliche Existenz. Der Titel ist programmatisch: Es geht nicht um ein lineares Ende, sondern um eine Wiederholung, einen Kreislauf. Der Beginn mit der Geburt ist schlicht, fast lapidar ("Eben…"), und mündet sofort in die Metapher des Lebens als "Kampf". Dieser Kampf wird als "regellos" und "menschgemacht" charakterisiert – eine deutliche Aussage, dass die Mühsal und Komplexität der Existenz kein Naturgesetz, sondern eine Folge unserer eigenen sozialen Ordnungen und Konflikte ist.
Über diesem Ringen thront "plötzlich" der Tod. Das Wort "plötzlich" wirkt hier bewusst irreführend, denn der Tod ist die einzige Gewissheit. Es betont vielmehr das subjektive Erschrecken angesichts der Endlichkeit, die trotz aller Kämpfe unausweichlich kommt. Der folgende, fast trotzige Satz "Immerhin, man hat gelebt…" klingt nach einem mühsam errungenen Trost, einer minimalistischen Bilanz.
Die Pointe und Bestätigung des Titels folgt in den letzten drei Zeilen: "Und danach beginnt’s von vorn / Das Leben… / Eben!" Dieser Neubeginn kann auf verschiedenen Ebenen gelesen werden: als biologischer Kreislauf durch neue Generationen, als philosophische Vorstellung einer Reinkarnation oder auch als nüchterne Feststellung, dass das "Spiel" des Lebens mit jedem neuen Menschen eben von Neuem startet. Das abschließende "Eben!" wirkt wie ein resignatives, aber auch anerkennendes Schulterzucken gegenüber dieser unveränderlichen Tatsache.
Stimmung
"Wiederkehr" erzeugt eine ambivalente, nachdenkliche Stimmung, die zwischen Resignation und Fatalismus schwankt. Der kurze, abgehackte Satzbau und die wiederholten Pausen (durch Gedankenstriche und Auslassungspunkte) vermitteln ein Gefühl der Beklommenheit und des Innehaltens. Es ist keine hoffnungsfrohe oder dramatisch tragische Stimmung, sondern eine nüchtern-melancholische Grundierung. Der Leser fühlt sich in die Rolle eines Beobachters versetzt, der den immer gleichen Ablauf betrachtet – mit einem Anflug von Weisheit, aber auch mit einer gewissen Erschöpfung angesichts dieser ewigen Wiederholung.
Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
Das Gedicht, entstanden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, trägt Züge einer existenziellen Grundhaltung, die nach den großen Ideologien und Verwerfungen der Weltkriege an Bedeutung gewann. Es spiegelt weniger eine spezifische literarische Epoche wider, sondern eher eine zeitlose, fast philosophische Betrachtung. Der Fokus auf den "menschgemachten", regellosen Kampf kann als Kritik an der zunehmenden Komplexität und Entfremdung der modernen Leistungsgesellschaft gelesen werden. Es ist ein Gedicht der Postmoderne, das keine großen Heilsversprechen mehr macht, sondern den nackten Kreislauf von Leben und Tod in den Mittelpunkt stellt, befreit von religiösen oder ideologischen Verbrämungen.
Aktualitätsbezug
Die Bedeutung des Gedichts ist heute vielleicht größer denn je. In einer Ära, die von Optimierungszwang, der Suche nach Sinn und der Angst vor der Bedeutungslosigkeit geprägt ist, bietet "Wiederkehr" einen radikal vereinfachenden Blick. Es erinnert uns daran, dass unter all unserem Streben und Planen ein grundlegendes, unveränderliches Muster liegt. Für den Einzelnen, der im "regellosen Kampf" des Alltags gefangen ist, kann diese Perspektive sowohl entlastend (als Relativierung des eigenen Stresses) als auch beunruhigend wirken. Es fordert zur Besinnung auf das Wesentliche auf: das gelebte Leben selbst ("Immerhin, man hat gelebt…").
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
- Bei Gedenkfeiern oder Traueransprachen, wo es weniger um Trost als um eine würdige, nüchterne Anerkennung des Lebenszyklus geht.
- In philosophischen oder literarischen Diskussionsrunden als Impulsgeber über die Themen Schicksal, Wiederkehr und die menschliche Conditio.
- Als Reflexionsanker in persönlichen Momenten des Übergangs (z.B. Geburtstage, Jahrestage), um über den eigenen Lebensweg nachzudenken.
- Als kontrastierendes Element in einer Sammlung von lebensbejahender Lyrik, um eine tiefgründige, andere Perspektive einzubringen.
Sprachregister und Verständlichkeit
Die Sprache des Gedichts ist bemerkenswert zugänglich und frei von Archaismen oder komplexer Syntax. Sie wirkt fast umgangssprachlich knapp und pointiert. Die Verständlichkeit ist für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen hoch, da die verwendeten Begriffe (Geburt, Leben, Kampf, Tod) grundlegend sind. Die Herausforderung und der Reiz liegen nicht im Verstehen der Worte, sondern im Erfassen der dahinterstehenden, verdichteten Haltung. Die kurzen, manchmal abgebrochenen Sätze laden zum Innehalten und Nachsinnen ein, was für jüngere Leser eine spannende Form der Lyrik sein kann.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht ist weniger geeignet für Menschen, die in einer bestimmten Situation unmittelbaren Trost oder aufmunternde Worte suchen, etwa in akuter Trauer. Seine nüchterne, zyklische Sichtweise könnte in solchen Momenten als zu hart oder fatalistisch empfunden werden. Ebenso könnte es für Leser, die eine klare, positive Botschaft oder eine spirituelle Verheißung erwarten, unbefriedigend wirken. Es ist kein Gedicht der einfachen Lösungen, sondern der schonungslosen Betrachtung.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du nach Worten suchst, die die Größe und die Gleichzeitigkeit des menschlichen Daseins erfassen – seine Mühe, seine Plötzlichkeit und seine ewige Wiederkehr. Es ist die perfekte literarische Begleitung für Momente, in denen du über den Tellerrand des eigenen Alltags hinausblicken und das große Ganze in den Blick nehmen möchtest. Nutze es, um eine Diskussion anzuregen oder um einer Feierlichkeit eine Tiefe zu verleihen, die jenseits des Augenblicklichen liegt. "Wiederkehr" ist ein Gedicht für Denker und für alle, die bereit sind, der Essenz des Lebens ohne Illusionen ins Auge zu sehen.
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