Der Schnupfen
Kategorie: kurze Gedichte
Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,
Autor: Christian Morgenstern
auf dass er sich ein Opfer fasse
- und stürzt alsbald mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.
Paul Schrimm erwidert prompt: "Pitschü!"
und hat ihn drauf bis Montag früh.
- Biografischer Kontext
- Interpretation
- Stimmung
- Gesellschaftlicher Kontext
- Aktualitätsbezug
- Anlässe
- Sprachregister
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Biografischer Kontext
Christian Morgenstern (1871-1914) ist eine feste Größe in der deutschen Literatur, insbesondere bekannt für seinen humoristischen und oft philosophisch unterlegten Nonsens. Seine Werke wie "Galgenlieder" oder "Palmström" zeichnen sich durch eine einzigartige Mischung aus Sprachspiel, Ironie und hintergründiger Weltsicht aus. "Der Schnupfen" stammt aus diesem Umfeld und zeigt Morgensterns typische Gabe, Alltägliches ins Skurrile zu überhöhen und vermeintliche Gegensätze wie Krankheit und Poesie, Ernst und Spiel zusammenzuführen. Sein Werk steht zwischen Spätromantik und früher Moderne und beeinflusste nachfolgende Dichter wie die des Dadaismus nachhaltig.
Interpretation
Das Gedicht personifiziert einen banalen Schnupfen als listigen Jäger, der auf der "Terrasse" lauert, um sich "ein Opfer" zu "fassen". Diese martialische Sprache ("stürzt", "Grimm") kontrastiert köstlich mit der Harmlosigkeit der Erkältung. Das auserkorene Opfer, Herr Schrimm, reagiert nicht mit Angst, sondern mit einem lautmalerischen "Pitschü!" – dem unvermeidlichen Nieslaut. Die Pointe liegt in der zeitlichen Dimension: Der vermeintlich schnelle Angriff des Schnupfens mündet in eine mehrtägige Besetzung ("bis Montag früh"). Morgenstern beschreibt hier präzise das Erleben einer Erkältung: den plötzlichen Beginn, die Kapitulation des Körpers und das langwierige, lästige Ausharren des ungebetenen Gastes. Es ist eine kleine, komische Heldengeschichte, in der der Mensch zwar nicht unterliegt, aber für eine gewisse Zeit seine Unversehrtheit verliert.
Stimmung
Das Gedicht erzeugt eine heitere, leicht absurde und sympathisch-ironische Stimmung. Durch die Vermenschlichung des Schnupfens wird aus einem lästigen Übel ein winziger, grimmiger Antagonist, was die Situation entdramatisiert und belustigend macht. Der trockene, fast sachliche Tonfall in der Schilderung des Überfalls ("und stürzt alsbald") steht im komischen Widerspruch zum Inhalt. Das Ende ist nicht tragisch, sondern alltäglich-resignativ: Man muss das Ungemüte eben eine Weile ertragen. Insgesamt hinterlässt es ein Schmunzeln und das Gefühl, dass man mit der eigenen Erkältung nicht allein ist – sie ist sogar Stoff für Dichtkunst.
Gesellschaftlicher Kontext
Morgensterns Werk entzieht sich oft direkten politischen oder sozialen Zuordnungen. Sein Fokus liegt auf dem Spiel mit Sprache und Logik. "Der Schnupfen" kann jedoch als Teil der literarischen Strömung um 1900 gesehen werden, die sich vom strengen Realismus und Naturalismus abwandte. Statt die Welt abzubilden, wurde sie verfremdet, überspitzt und neu erfunden. Das Gedicht spiegelt diese Freude am künstlerischen Unsinn wider, der die Dinge hinterfragt, indem er sie auf den Kopf stellt. In einer Zeit des raschen Wandels und zunehmender Verwissenschaftlichung behauptet Morgenstern so den Raum für kindliche Phantasie und humorvolle Betrachtung der menschlichen Kondition.
Aktualitätsbezug
Die Bedeutung des Gedichts ist zeitlos, denn der Schnupfen als ubiquitäre Erfahrung hat nichts von seiner Aktualität verloren. In modernen Lebenssituationen lässt es sich mühelos übertragen: Es thematisiert den plötzlichen Einbruch des Unkontrollierbaren in unseren durchgeplanten Alltag (symbolisiert durch den "Montag", den Start der Arbeitswoche). Heute, wo Gesundheit einen hohen Stellenwert hat, wirkt die komische Darstellung der kleinen Schwäche wie ein heilsames Gegenmittel zur Perfektionserwartung. Das Gedicht erinnert uns daran, mit den kleinen Widrigkeiten des Lebens mit Humor umzugehen und sie nicht überzubewerten.
Anlässe
Dieses Gedicht eignet sich perfekt für alle informellen, heiteren Gelegenheiten. Du könntest es auf eine Genesungskarte schreiben, um jemandem, der erkältet ist, ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Es passt wunderbar in eine gemütliche Vorleserunde, in einen Blogbeitrag über die humorvollen Seiten des Alltags oder als erfrischendes Element in einer Sammlung kurzer literarischer Texte. Auch im Deutschunterricht bietet es sich an, um das Stilmittel der Personifikation oder den Umgang mit Nonsens-Literatur lebendig zu vermitteln.
Sprachregister
Die Sprache ist allgemein verständlich und verwendet kaum Archaismen oder komplexe Syntax. Einzig "alsbald" (für "sofort") und die veraltete Konstruktion "auf dass" (mit der Bedeutung "damit") wirken etwas altertümlich, stören das Verständnis aber nicht. Der Satzbau ist klar und rhythmisch. Der Inhalt erschließt sich bereits Kindern im Grundschulalter durch die bildhafte Handlung und das lautmalerische "Pitschü!". Für ältere Leser kommt der humoristische Kontrast und die ironische Färbung hinzu. Es ist somit ein Gedicht mit mehreren Verständnisebenen, das für ein breites Publikum zugänglich ist.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger geeignet ist das Gedicht für Leser, die ausschließlich nach tiefgründiger, ernster Lyrik mit komplexen metaphorischen Ebenen suchen. Wer einen rein realistischen oder dramatischen Zugang zu Themen wie Krankheit erwartet, könnte die verspielte Behandlung des Themas als zu oberflächlich empfinden. Auch für einen sehr förmlichen oder traurigen Anlass (etwa eine Kondolenz) passt der heitere Ton natürlich nicht.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du eine humorvolle, leicht philosophische und dabei absolut unprätentiöse Betrachtung eines alltäglichen Leidens suchst. Es ist der ideale Text, um jemandem in Erkältungszeiten aufzuheitern, um in einer geselligen Runde für Erheiterung zu sorgen oder um zu demonstrieren, dass große Literatur auch von den kleinen, lästigen Dingen des Lebens handeln kann. Mit seinem unwiderstehlichen Charme und seiner klugen Einfachheit ist "Der Schnupfen" ein kleines Meisterwerk der komischen Lyrik, das immer wieder funktioniert.
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