Gedichte von Rainer Maria Rilke
Rainer Maria Rilke gilt vielen als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des 20. Jahrhunderts. Diese Einschätzung ist keine leere Ehrerbietung, sondern hat einen einfachen Grund: Rilkes Gedichte tun etwas, das nur wenigen Autoren gelingt. Sie beschreiben Erfahrungen, für die es eigentlich keine Sprache gibt, und sie tun es so präzise, dass der Leser das Gefühl hat, endlich Worte für etwas gefunden zu haben, das er schon immer kannte, aber nie fassen konnte. Einsamkeit, Schönheit, Vergänglichkeit, die stille Würde der Dinge: Das sind Rilkes Themen, und er behandelt sie mit einer Ernsthaftigkeit, die seinesgleichen sucht. Auf dieser Seite finden Sie seine Gedichte aus unserer Sammlung sowie alles Wissenswerte über sein Leben, sein Werk und seine bis heute andauernde Wirkung.
Inhaltsverzeichnis
- Rainer Maria Rilke: Leben und Herkunft
- Prag und die schwierige Kindheit
- Lou Andreas-Salomé und die russischen Reisen
- Paris und Rodin: Die Wende zum Dinggedicht
- Sprache, Bild und dichterischer Stil
- Das Stunden-Buch
- Neue Gedichte: Die Welt der Dinge
- Duineser Elegien: Das Hauptwerk
- Die Sonette an Orpheus
- Einsamkeit als Lebens- und Schreibprinzip
- Die Briefe: Ein Werk für sich
- Rilkes Gedichte in der Musik
- Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
- Gedichte von Rainer Maria Rilke
Rainer Maria Rilke: Leben und Herkunft
René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren, das damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte. Den Vornamen René legte er später ab und nannte sich Rainer, ein Name, der ihm passender erschien und den er auf Anraten Lou Andreas-Salomés annahm. Schon diese kleine Geste zeigt etwas Wesentliches: Rilke war ein Mensch, der sich selbst bewusst formte, der an seinem eigenen Bild arbeitete wie an einem Kunstwerk.
Seine Eltern trennten sich früh. Der Vater, ein ehemaliger Militäroffizier, der als Eisenbahnbeamter arbeitete, war ein strenger, enttäuschter Mann. Die Mutter Sophie, die ihren Sohn zunächst als Mädchen kleidete, um die früh verstorbene Tochter zu ersetzen, war religiös, labil und letztlich wenig in der Lage, ihrem Sohn das zu geben, was er brauchte. Diese frühen Prägungen hinterließen tiefe Spuren: das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden, die Sehnsucht nach Geborgenheit bei gleichzeitiger Unfähigkeit, sie festzuhalten, und eine lebenslange Ambivalenz gegenüber Nähe und Bindung.
Nach Schuljahren an Militärakademien, die er als quälend empfand, studierte er in Prag, München und Berlin Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie. Einen Abschluss machte er nicht, aber die akademische Welt gab ihm einen Rahmen, in dem er lesen, denken und erste eigene Texte veröffentlichen konnte. Rilke starb am 29. Dezember 1926 in Val-Mont bei Montreux in der Schweiz an den Folgen einer Leukämie. Er wurde 51 Jahre alt.
Prag und die schwierige Kindheit
Prag war für Rilke kein einfacher Geburtsort. Die Stadt war ein Schmelztiegel aus deutschen, tschechischen und jüdischen Einflüssen, und die Spannungen zwischen diesen Gruppen waren allgegenwärtig. Als deutschsprachiger Dichter aus Böhmen gehörte Rilke weder der einen noch der anderen Gruppe vollständig an. Dieses Dazwischenstehen, das Nicht-ganz-Dazugehören, wurde zu einem Grundgefühl seines Lebens und taucht in seinem Werk immer wieder auf, manchmal als Schmerz, manchmal als Freiheit.
Die Militärschulen, in die ihn der Vater schickte, waren für das sensible Kind eine Zumutung. Rilke schrieb später darüber mit einer Deutlichkeit, die keinen Zweifel lässt, wie sehr diese Jahre ihn geformt und verletzt hatten. Gleichzeitig reifte in dieser Zeit sein Wille zu schreiben. Als Reaktion auf eine Umgebung, in der für Empfindsamkeit kein Platz war, zog er sich ins Schreiben zurück. Die frühen Gedichte, die in dieser Phase entstanden, sind noch unsicher und unfertig, aber die Richtung war gesetzt.
Lou Andreas-Salomé und die russischen Reisen
Die wichtigste Begegnung in Rilkes jungen Jahren war die mit Lou Andreas-Salomé, einer außergewöhnlichen Frau, die bereits mit Friedrich Nietzsche und Paul Rée befreundet gewesen war und später als eine der ersten Psychoanalytikerinnen im Umkreis Sigmund Freuds arbeiten sollte. Rilke traf sie 1897 in München, als er 21 und sie 36 Jahre alt war. Er verliebte sich sofort und vollständig, sie erwiderte seine Gefühle, zunächst zurückhaltend, dann mit wachsender Intensität.
Lou prägte Rilke auf eine Weise, die kaum zu überschätzen ist. Sie war die erste Person, die ihn als Dichter ernst nahm und gleichzeitig die Schwächen seines frühen Werkes klar benennen konnte. Auf ihr Betreiben hin änderte er den Vornamen. Sie begleitete ihn auf zwei Russlandreisen, 1899 und 1900, die für Rilke zu einem Schlüsselerlebnis wurden. In Russland glaubte er eine Frömmigkeit und Ursprünglichkeit zu entdecken, die er in der westeuropäischen Zivilisation vermisste. Die russischen Eindrücke flossen unmittelbar in das Stunden-Buch ein, das erste Werk, mit dem er als eigenständiger Dichter erkennbar wurde.
Paris und Rodin: Die Wende zum Dinggedicht
Im Jahr 1902 reiste Rilke nach Paris, um eine Monografie über den Bildhauer Auguste Rodin zu schreiben. Aus dem geplanten kurzen Aufenthalt wurden mehrere Jahre, und die Begegnung mit Rodin veränderte sein Schreiben grundlegend. Rilke beobachtete, wie der Bildhauer arbeitete: geduldig, handwerklich präzise, vollständig auf das Objekt vor ihm konzentriert, ohne Rücksicht auf Stimmungen oder persönliche Befindlichkeiten. Rodin sagte zu ihm: Travailler, toujours travailler. Arbeiten, immer arbeiten.
Diese Haltung übertrug Rilke auf seine eigene Dichtung. Er begann, Gedichte zu schreiben, die nicht von seinen eigenen Gefühlen ausgingen, sondern von den Dingen selbst: Statuen, Tiere, Gemälde, Gegenstände. Diese sogenannten Dinggedichte verlangen vom Dichter eine Art selbstloser Aufmerksamkeit, ein vollständiges Einlassen auf den Gegenstand, bis dieser sich von innen heraus zeigt. Das Ergebnis waren die "Neuen Gedichte", die bis heute zu den technisch vollkommensten Texten der deutschen Lyrik zählen.
Paris war für Rilke gleichzeitig faszinierend und erschreckend. Die Großstadt mit ihrer Armut, ihren Kranken und Sterbenden, ihrer Anonymität und ihrer Gewalt gegen das Individuum, all das verarbeitete er im einzigen Roman seines Lebens, den "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", einem der bedeutendsten Prosawerke des frühen 20. Jahrhunderts.
Sprache, Bild und dichterischer Stil
Rilkes Sprache ist in einem Wort schwer zu beschreiben, weil sie sich je nach Schaffensphase erheblich verändert. Was bleibt, ist eine außerordentliche Genauigkeit im Umgang mit dem einzelnen Wort und eine Fähigkeit, Abstraktes durch konkrete Bilder erfahrbar zu machen, die ihresgleichen sucht. Rilke schrieb nicht über Einsamkeit, er zeigte sie. Er schrieb nicht über Schönheit, er ließ sie entstehen.
Besonders auffällig ist sein Umgang mit Metaphern. Bei anderen Dichtern ist die Metapher ein Schmuck, ein Bild, das etwas verdeutlicht. Bei Rilke ist sie oft das Eigentliche selbst. Die Welt erscheint in seinen Gedichten als ein System von Entsprechungen, in dem ein Ding auf ein anderes verweist, ohne dass man sagen könnte, welches das ursprüngliche ist. Das macht seine Texte beim ersten Lesen manchmal schwer zugänglich, aber bei jedem weiteren Lesen reicher.
Formal war Rilke außergewöhnlich flexibel. Er schrieb strenge Sonette mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der er freie Verse verfasste. Er arbeitete mit langen elegischen Zeilen und mit kompakten, fast gedrungenen Strophen. Diese formale Bandbreite ist kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern von einem Dichter, der die Form immer dem Gegenstand anpasst und nicht umgekehrt.
Das Stunden-Buch
Das Stunden-Buch, erschienen 1905, ist Rilkes erstes großes lyrisches Werk und entstand in drei Schüben zwischen 1899 und 1903. Es ist formal als Gebetbuch eines russischen Mönchs angelegt, der in seinen Versen mit Gott spricht, zweifelt, sucht und ringt. Dieser Rahmen ist eine Fiktion, aber eine produktive: Er erlaubt Rilke, religiöse und existenzielle Fragen mit einer Unmittelbarkeit anzugehen, die ein direktes lyrisches Ich vielleicht nicht zugelassen hätte.
Der Gott des Stunden-Buches ist kein fertig gedachter, keiner, dem man sich sicher sein kann. Er ist eher eine Richtung als ein Ort, eher eine Ahnung als eine Gewissheit. Rilke beschreibt ihn als etwas, das der Mensch erst erschaffen muss, indem er aufmerksam lebt und ernsthaft sucht. Diese Vorstellung von Gott als Aufgabe statt als Gegebenheit war für seine Zeit ungewöhnlich und hat das Buch bis heute zu einer Lektüre gemacht, die auch Menschen anspricht, die mit traditioneller Religiosität wenig anfangen können.
Neue Gedichte: Die Welt der Dinge
Die "Neuen Gedichte", erschienen in zwei Bänden 1907 und 1908, markieren den Höhepunkt von Rilkes mittlerer Schaffensphase und gelten vielen als seine handwerklich vollkommensten Texte. Der Einfluss Rodins ist in jedem Gedicht spürbar: die Konzentration auf das Einzelne, die Geduld, mit der ein Gegenstand von allen Seiten betrachtet wird, die Weigerung, sich mit einer oberflächlichen Wahrnehmung zufriedenzugeben.
Zu den bekanntesten Dinggedichten gehören "Der Panther", "Das Karussell", "Archaischer Torso Apollos" und "Die Gazelle". Jedes dieser Gedichte nimmt einen Gegenstand oder ein Lebewesen zum Ausgangspunkt und führt den Leser durch genaue Beobachtung an etwas heran, das über das Beschriebene hinausgeht. Der Panther im Jardin des Plantes ist nicht nur ein Tier hinter Gittern, er ist ein Bild für jede Art von Gefangenschaft, für den Schmerz des eingeengten Lebens. Und "Archaischer Torso Apollos" endet mit einem der bekanntesten Schlussverse der deutschen Lyrik: Du musst dein Leben ändern. Dieser Satz kommt ohne Vorbereitung, wie ein Urteil, und er trifft, weil das ganze Gedicht ihn vorbereitet hat, ohne ihn anzukündigen.
Duineser Elegien: Das Hauptwerk
Die Duineser Elegien gelten als Rilkes wichtigstes Werk und als eines der bedeutendsten lyrischen Zyklen der Weltliteratur. Die Entstehungsgeschichte ist außergewöhnlich: Die ersten Verse kamen Rilke 1912 auf Schloss Duino an der Adriaküste, wo er als Gast der Fürstin Marie von Thurn und Taxis lebte. Dann folgten zehn Jahre, in denen der Zyklus nicht fertig werden wollte, unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg, persönliche Krisen und lange Phasen der Unfruchtbarkeit, die Rilke als quälend erlebte. Erst im Februar 1922 schloss er den Zyklus in einem Schaffensrausch auf Schloss Muzot in der Schweiz ab und vollendete gleichzeitig die Sonette an Orpheus.
Die zehn Elegien stellen Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt: Was ist der Mensch in einer Welt, die ihn nicht zu brauchen scheint? Was bleibt von einem Leben? Wie soll man mit der Vergänglichkeit umgehen, nicht trotz ihr, sondern durch sie hindurch? Rilkes Antwort, soweit man sie so nennen kann, ist die Aufgabe der Verwandlung: Der Mensch soll das Vergängliche in sich aufnehmen und durch sein Bewusstsein in etwas Dauerhaftes überführen. Nicht Flucht vor der Vergänglichkeit, sondern ihre liebende Annahme.
Die Sonette an Orpheus
Die Sonette an Orpheus, ebenfalls im Februar 1922 entstanden, bilden zusammen mit den Duineser Elegien den Gipfel von Rilkes Spätwerk. Der Zyklus umfasst 55 Sonette in zwei Teilen und entstand nach Rilkes eigener Aussage wie ein Diktat, in wenigen Tagen niedergeschrieben, ohne größere Korrekturen. Ob man das wörtlich nehmen soll, sei dahingestellt, aber es stimmt, dass die Sonette eine Unmittelbarkeit haben, die von ihrem Entstehungsprozess zu erzählen scheint.
Orpheus, der mythische Sänger, der mit seiner Musik Steine bewegen und Tote erwecken konnte, ist für Rilke das Bild des Dichters schlechthin: einer, der zwischen den Welten steht, zwischen Leben und Tod, zwischen Sagen und Schweigen. Die Sonette kreisen um Verwandlung, Gesang, Vergänglichkeit und die Aufgabe der Kunst in einer Welt, die immer unbeständiger wird. Sie sind formal streng und inhaltlich frei, ein Widerspruch, den Rilke mit spielerischer Leichtigkeit auflöst.
Einsamkeit als Lebens- und Schreibprinzip
Rilke brauchte Einsamkeit wie andere Menschen Gesellschaft. Das ist keine romantisierende Vereinfachung, sondern ein Befund, der sich durch seine Biografie und seine Briefe eindeutig belegen lässt. Er mied feste Wohnsitze, lebte jahrelang als Gast auf Schlössern und in Pensionen, zog immer weiter und begründete das immer wieder mit der Notwendigkeit, für sein Schreiben ungestört zu sein.
Diese Haltung hatte Konsequenzen für seine Beziehungen. Mit der Bildhauerin Clara Westhoff war er kurz verheiratet, doch die Ehe scheiterte an seiner Unfähigkeit, ein gemeinsames Leben zu führen. Seine Tochter Ruth wuchs bei der Mutter auf. Er hatte intensive Beziehungen zu Frauen, aber er hielt selten durch, wenn Nähe zu Verpflichtung wurde. Das klingt hart, und es war es auch. Aber es erklärt, warum seine Gedichte über Einsamkeit so echt klingen: Er kannte sie nicht als Zustand, dem man ausgeliefert ist, sondern als einen, den man wählt und der trotzdem wehtut.
Die Briefe: Ein Werk für sich
Rilkes Briefwerk ist so umfangreich und so sorgfältig geschrieben, dass es zu Recht als eigenständiger Teil seines literarischen Schaffens gilt. Er schrieb Tausende von Briefen, an Freunde, Mäzeninnen, Dichterkolleginnen und völlig Unbekannte, und er schrieb sie mit einer Hingabe, die zeigt, dass er den Brief als Kunstform ernst nahm.
Besonders bekannt sind die "Briefe an einen jungen Dichter", entstanden zwischen 1902 und 1908 im Austausch mit dem Militärschüler Franz Xaver Kappus, der Rilke um Rat zu seinen Gedichten gebeten hatte. Rilkes Antworten sind weit mehr als Ratschläge zu Technik und Handwerk. Sie sind Reflexionen über das Schreiben, die Einsamkeit, die Liebe und den Umgang mit Unsicherheit, die bis heute gelesen werden, weil sie Fragen ansprechen, die über das Literarische weit hinausgehen. Sätze wie "Ich möchte Sie bitten, so gut ich es kann, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen" haben Generationen von Lesern begleitet, die mit Rilke als Lyriker vielleicht weniger anfangen konnten, aber in diesen Briefen etwas fanden, das sie brauchten.
Rilkes Gedichte in der Musik
Rilkes Lyrik hat Komponisten des 20. Jahrhunderts auf vielfältige Weise inspiriert, auch wenn seine Texte aufgrund ihrer Komplexität schwieriger zu vertonen sind als etwa die volksliedhaften Verse Eichendorffs oder die melodischen Gedichte Heines.
- Ernst Krenek vertonte Rilke-Texte und schuf damit Werke, die die Komplexität der Vorlage in musikalische Sprache zu übersetzen suchten.
- Hans Werner Henze griff auf Rilkes Gedichte zurück und fand in ihnen eine Stimmungsdichte, die seiner eigenen Musiksprache entgegenkam.
- Benjamin Britten vertonte mehrere Rilke-Texte auf Deutsch, was für einen englischen Komponisten ungewöhnlich war und von seiner tiefen Wertschätzung für das Werk zeugt.
- Lili Boulanger und andere Komponistinnen des frühen 20. Jahrhunderts beschäftigten sich ebenfalls mit Rilkes Lyrik und trugen zur Verbreitung seines Werkes in der Musikwelt bei.
- Im Bereich der Popularmusik haben sich Künstlerinnen und Künstler immer wieder von Rilkes Briefen und Gedichten inspirieren lassen, was zeigt, dass seine Texte eine Wirkungskraft besitzen, die weit über den klassischen Konzertbetrieb hinausreicht.
Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
Rilkes Einfluss auf die Lyrik des 20. Jahrhunderts ist kaum zu überschätzen. Dichterinnen und Dichter aus aller Welt haben ihn als entscheidenden Einfluss benannt, darunter so unterschiedliche Stimmen wie Pablo Neruda, W. H. Auden und Ingeborg Bachmann. Was sie alle anzog, war diese besondere Verbindung aus sprachlicher Präzision und existenzieller Tiefe, die Fähigkeit, das Unsagbare sagbar zu machen, ohne es dabei zu verkleinern.
Im deutschsprachigen Raum gehört Rilke zum festen Bestand des Bildungskanons, wird in Schulen und Universitäten gelesen und in wissenschaftlichen Abhandlungen analysiert. Gleichzeitig hat er ein breites Publikum außerhalb der akademischen Welt, das seine Gedichte und besonders seine Briefe nicht als Literaturgeschichte, sondern als persönliche Lektüre betrachtet. Das ist selten und spricht für eine Qualität, die über das rein Ästhetische hinausgeht.
Rilkes Gedichte wurden in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt, was ihn zu einem der meistübersetzten deutschsprachigen Dichter überhaupt macht. Die Übersetzungen sind dabei selbst ein literarisches Phänomen: Weil Rilkes Sprache so eng an die deutsche gebunden ist, stellen seine Gedichte Übersetzende vor besondere Herausforderungen, und die Lösungen, die gefunden wurden, sind oft so kreativ, dass sie selbst als eigenständige Werke gelten können.
Gedichte von Rainer Maria Rilke
Unsere Sammlung mit Gedichten von Rainer Maria Rilke wächst stetig. Wir legen dabei Wert darauf, nicht nur die bekanntesten Texte bereitzustellen, sondern auch Gedichte vorzustellen, die weniger geläufig sind und die zeigen, wie vielschichtig sein lyrisches Werk wirklich ist. Rilke ist mehr als der Panther und die Duineser Elegien, so unvergesslich diese Texte auch sein mögen.
Wenn Sie ein bestimmtes Gedicht in unserer Sammlung vermissen oder uns auf einen Text aufmerksam machen möchten, der hier noch fehlt, freuen wir uns über Ihre Nachricht an die E-Mail-Adresse in unserem Impressum. Gemeinsam lässt sich eine Sammlung aufbauen, die diesem außergewöhnlichen Dichter gerecht wird.
Aktuell haben wir 15 Gedichte von Rainer Maria Rilke in unserer Sammlung, die in folgenden Kategorien zu finden sind:
Zu seinen bekanntesten Werken zählen: Blaue Hortensie, Archaischer Torso Apollos und Der Panther.
Die Liebende
Das ist mein Fenster. EbenAutor: Rainer Maria RilkeKategorie: Liebesgedichte
bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich würde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?
Ich könnte meinen, alles
wäre noch Ich ringsum;
durchsichtig wie eines Kristalles
Tiefe, verdunkelt, stumm.
Ich könnte auch noch die Sterne
fassen in mir, so groß
scheint mir mein Herz; so gerne
ließ es ihn wieder los
den ich vielleicht zu lieben,
vielleicht zu halten begann.
Fremd, wie niebeschrieben
sieht mich mein Schicksal an.
Was bin ich unter diese
Unendlichkeit gelegt,
duftend wie eine Wiese,
hin und her bewegt,
rufend zugleich und bange,
daß einer den Ruf vernimmt,
und zum Untergange
in einem Andern bestimmt.
Abschied
Wie hab ich das gefühlt was Abschied heißt.Autor: Rainer Maria RilkeKategorie: Abschiedsgedichte
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.
Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wärens alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:
Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leise Weiterwinkendes-, schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.
Archaischer Torso Apollos
Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,Autor: Rainer Maria RilkeKategorie: sonstige Gedichte
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,
sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.
Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht wie Raubtierfelle;
und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
Blaue Hortensie
So wie das letzte Grün in FarbentiegelnAutor: Rainer Maria RilkeKategorie: sonstige Gedichte
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
Das XXII. Sonett
Wir sind die Treibenden.Autor: Rainer Maria RilkeKategorie: sonstige Gedichte
Aber den Schritt der Zeit,
nehmt ihn als Kleinigkeit
im immer Bleibenden.
Alles das Eilende
wird schon vorüber sein;
denn das Verweilende
erst weiht uns ein.
Knaben, o werft den Mut
nicht in die Schnelligkeit,
nicht in den Flugversuch.
Alles ist ausgeruht:
Dunkel und Helligkeit,
Blume und Buch.
Der Auszug des verlorenen Sohnes
Nun fortzugehn von alledem VerworrnenAutor: Rainer Maria RilkeKategorie: sonstige Gedichte
das unser ist und uns doch nicht gehört,
das, wie das Wasser in den alten Bornen
uns zitternd spiegelt und das Bild zerstört;
von allem diesen, das sich wie mit Dornen
noch einmal an uns anhängt - fortzugehn
und Das und Den,
die man schon nicht mehr sah
(so täglich waren sie und so gewöhnlich)
auf einmal anzuschauen: sanft, versöhnlich
und wie an einem Anfang und von nah
und ahnend einzusehn, wie unpersönlich,
wie über alle hin das Leid geschah
von dem die Kindheit voll war bis zum Rand -
Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand
als ob man ein Geheiltes neu zerrisse,
und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse
weit in ein unverwandtes warmes Land,
das hinter allem Handeln wie Kulisse
gleichgültig sein wird: Garten oder Wand;
und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung,
aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung,
aus Unverständlichkeit und Unverstand:
Dies alles auf sich nehmen und vergebens
vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um
allein zu sterben, wissend nicht warum -
Ist das der Eingang eines neuen Lebens?
Der Ölbaum-Garten
Er ging hinauf unter dem grauen LaubAutor: Rainer Maria RilkeKategorie: Trauergedichte
ganz grau und aufgelöst im Ölgelände
und legte seine Stirne voller Staub
tief in das Staubigsein der heissen Hände.
Nach allem dies. Und dieses war der Schluss.
Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde,
und warum willst du, dass ich sagen muss
du seist, wenn ich dich selber nicht mehr finde.
Ich finde dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
Nicht in den anderen. Nicht in diesem Stein.
Ich finde dich nicht mehr. Ich bin allein.
Der Panther
Sein Blick ist vom Vorübergehn der StäbeAutor: Rainer Maria RilkeKategorie: sonstige Gedichte
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Die Blätter fallen
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,Autor: Rainer Maria RilkeKategorie: sonstige Gedichte
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Die Könige der Welt sind alt
Die Könige der Welt sind altAutor: Rainer Maria RilkeKategorie: Gedichte zum Nachdenken
und werden keine Erben haben.
Die Söhne sterben schon als Knaben,
und ihre bleichen Töchter gaben
die kranken Kronen der Gewalt.
Der Pöbel bricht sie klein zu Geld,
der zeitgemäße Herr der Welt
dehnt sie im Feuer zu Maschinen,
die seinem Wollen grollend dienen;
aber das Glück ist nicht mit ihnen.
Das Erz hat Heimweh. Und verlassen
will es die Münzen und die Räder,
die es ein kleines Leben lehren.
Und aus Fabriken und aus Kassen
wird es zurück in das Geäder
der aufgetanen Berge kehren,
die sich verschließen hinter ihm.
Grabmal eines jungen Mädchens
Wir gedenkens noch. Das ist, als müssteAutor: Rainer Maria RilkeKategorie: sonstige Gedichte
alles dieses einmal wieder sein.
Wie ein Baum an der Limonenküste
trugst du deine kleinen leichten Brüste
in das Rauschen seines Bluts hinein:
- jenes Gottes.
Und es war der schlanke
Flüchtling, der verwöhnende der Fraun.
Süß und glühend, warm wie dein Gedanke,
überschattend deine frühe Flanke
und geneigt wie deine Augenbraun.
Ich lebe mein Leben
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,Autor: Rainer Maria RilkeKategorie: sonstige Gedichte
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
Liebesgeständnis
Leise hör ich dich rufenAutor: Rainer Maria RilkeKategorie: Liebesgedichte
in jedem Flüstern und Wehn.
Auf lauter weißen Stufen,
die meine Wünsche sich schufen,
hör ich dein Zu-mir-gehn.
Jetzt weißt du von dem Gefährten,
und dass er dich liebt ... das macht:
Es blühen in seinen Gärten
die lang vom Licht gekehrten
Blüten, blühn über Nacht ...
Liebeslied
Wie soll ich meine Seele halten, dassAutor: Rainer Maria RilkeKategorie: Liebesgedichte
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden, stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.
Advent
Es treibt der Wind im WinterwaldeAutor: Rainer Maria RilkeKategorie: Weihnachtsgedichte
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt wie balde
sie fromm und lichterheilig wird.
Und lauscht hinaus: den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin – bereit
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.