Des Dichters Kunst

Kategorie: schöne Gedichte

Des Dichters Werk fein geschliffen im Wort,
wird ganz unverhofft sein Ende finden dort,
wo der Reim im Text war schlecht gewichtet,
weil der Poet sich hat schlichtweg verdichtet.

Hier sei dem geistigen Schöpfer nur geraten,
das zu tun, was andere schon vor ihm taten.
Tu unbefangen Dein Werk gekonnt gestalten,
um es permanent im Gedächtnis zu behalten.

Die edle Kunst, rhetorisch korrekt zu reimen,
entwickelt sich zunächst aus zarten Keimen,
deren Sprösslinge sich im Laufe kurzer Zeit
entfalten zu Knospen poetischer Sinnlichkeit.

Das Gedankenspiel phantasievoll abgleichen,
so lässt sich am Ende ein Ergebnis erreichen,
in dem man gereimte Verse sinnvoll verbindet
und in der Niederschrift seinen Meister findet.

Hat er weise den Kern in der Sache getroffen,
darf der Poet sich in Sicherheit wiegend hoffen,
im legitimierten Kreis und stets Kunst beflissen
sich als solcher anerkannt geschätzt zu wissen.

Autor: Bernhard Efinger

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Bernhard Efingers Gedicht "Des Dichters Kunst" stellt eine kluge und selbstreflexive Anleitung zur Dichtkunst dar, verpackt in eben jene Kunstform, die es beschreibt. Es beginnt mit einer warnenden Negativfolie: Ein Werk findet ein jähes Ende, "wo der Reim im Text war schlecht gewichtet". Der Fehler liegt im "Verdichten", was hier doppeldeutig als übermäßiges, unnatürliches Komprimieren und vielleicht auch als ein Verkennen der eigenen Fähigkeiten gelesen werden kann. Die Lösung folgt sogleich: Der Dichter solle sich an Vorbildern orientieren ("was andere schon vor ihm taten") und sein Werk "unbefangen" und "gekonnt" gestalten. Dies ist kein Plädoyer für bloßes Kopieren, sondern für das Erlernen des Handwerks durch Studium der Tradition.

Die mittleren Strophen entfalten dann ein organisches Wachstumsbild für die poetische Fähigkeit. Aus "zarten Keimen" entwickeln sich "Sprösslinge", die zu "Knospen poetischer Sinnlichkeit" werden. Dieser Prozess wird durch ein "Gedankenspiel", ein sorgfältiges Abwägen und "Abgleichen" der Phantasie, zum Ziel geführt. Der "Meister" zeigt sich nicht im bloßen Pathos, sondern in der "Niederschrift", also der handwerklichen Umsetzung. Die letzte Strophe verheißt die Belohnung: Wer "weise den Kern in der Sache getroffen" hat, darf auf Anerkennung im "legitimierten Kreis" der Kunstbeflissenen hoffen. Das Gedicht ist somit ein Metagedicht – es thematisiert seine eigene Entstehung und postuliert Regeln für gelungene Lyrik.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine ruhige, belehrende und zuversichtliche Stimmung. Es wirkt nicht hoch emotional oder pathetisch, sondern besonnen und weise. Der Tonfall ist ratgebend und ermutigend, fast wie eine Unterweisung eines erfahrenen Meisters an einen Schüler. Durch die bildhafte Sprache des organischen Wachstums ("zarte Keime", "Knospen") entsteht eine angenehme, fast heitere Gelassenheit. Die Gewissheit, dass sich handwerklicher Fleiß und künstlerische Sinnlichkeit verbinden lassen, vermittelt ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens in den künstlerischen Prozess. Es ist eine Stiftung von Zuversicht für jeden, der sich der schwierigen Kunst des Reimens verschrieben hat.

Gesellschaftlicher oder historischer Kontext

Das Gedicht reflektiert kein spezifisches historisches Ereignis, sondern greift ein zeitloses, handwerklich-ästhetisches Thema auf. Es steht in der langen Tradition der Ars poetica-Gedichte, die seit der Antike (Horaz) Regeln und Reflexionen über das Dichten selbst formulieren. Inhaltlich spiegelt es ein klassisches, handwerksbetontes Kunstverständnis wider, das die Beherrschung formaler Regeln (hier des Reims) als Grundvoraussetzung für wahre Kunst ansieht. Die Betonung von Tradition ("was andere schon vor ihm taten") und die Vorstellung eines "legitimierten Kreises" können als Gegenentwurf zu extrem avantgardistischen oder rein subjektiven Kunstauffassungen gelesen werden. Es vertritt eine Haltung, die in vielen Epochen zu finden ist, besonders ausgeprägt aber in klassizistischen oder handwerklich orientierten Phasen.

Aktualitätsbezug - Bedeutung heute

In der heutigen Zeit, in der Lyrik oft mit spontanem Gefühlsausdruck oder experimenteller Sprachzertrümmerung assoziiert wird, hat Efingers Gedicht eine erfrischende Aktualität. Es erinnert daran, dass Kunst auch Handwerk ist. Dieser Gedanke lässt sich mühelos auf moderne Kreativberufe übertragen: Ob Grafikdesign, Musikproduktion oder das Schreiben von Blogs – überall ist das gekonnte Beherrschen der Grundlagen und das Lernen von den Besten der Vorläufer der wahrhaften Meisterschaft. Das Gedicht ist ein Appell gegen den schnellen, oberflächlichen Output und für geduldiges, sorgfältiges "Abgleichen" der eigenen Ideen. In einer Welt der sofortigen Veröffentlichung ist seine Botschaft, erst dann den "Meister" in der "Niederschrift" zu finden, hochrelevant.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht eignet sich hervorragend für alle Anlässe, die mit Kreativität, Lernen und Handwerk zu tun haben.

  • Als inspirierende Lektüre in Schreibwerkstätten oder Lyrikkursen, um über das Wesen des Dichtens zu diskutieren.
  • Als motivierende Widmung in einem Buchgeschenk für angehende Autorinnen, Dichter oder andere Künstler.
  • Als passender Beitrag in einer Zeitschrift oder auf einem Blog, der sich mit kreativen Prozessen beschäftigt.
  • Als einleitender oder reflektierender Text für eine Veranstaltung wie eine Poetry Slam-Nacht, die ja ebenfalls die Kunst des Wortes feiert.
  • Für jeden persönlichen Moment, in dem man sich über die Mühen und Freuden einer handwerklichen oder künstlerischen Tätigkeit besinnt.

Sprachregister und Verständlichkeit

Die Sprache des Gedichts ist gehoben und klar in der klassischen Tradition verhaftet, ohne unverständlich zu sein. Es finden sich einige veraltete Wendungen ("sei ... geraten", "Tu ... gestalten") und ein formeller Satzbau. Fremdwörter oder komplexe Fachbegriffe sucht man jedoch vergeblich. Die zentralen Metaphern (Schleifen, Wachsen, Keime, Knospen) sind aus der Natur entlehnt und daher intuitiv zugänglich. Der Inhalt erschließt sich für literarisch interessierte Jugendliche und Erwachsene gut. Jüngere Leser oder Personen mit wenig Lyrikerfahrung könnten die leicht archaische Diktion als Hürde empfinden, werden aber durch den klaren, lehrhaften Aufbau des Gedichts unterstützt. Die Botschaft ist trotz des kunstvollen Gewands direkt und nachvollziehbar.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Weniger geeignet ist das Gedicht für Leser, die eine einfache, umgangssprachliche oder stark emotionsgeladene Lyrik suchen. Wer nach rebellischer, gesellschaftskritischer oder avantgardistischer Poesie verlangt, wird hier nicht fündig. Ebenso könnte es für sehr junge Kinder aufgrund des abstrakten Themas und der gehobenen Sprache wenig ansprechend sein. Menschen, die einen schnellen, unterhaltsamen Zugang zu Gedichten wünschen und keine Geduld für eine ruhige, reflektierende Belehrung haben, könnten sich von dem eher traditionellen Tonfall des Stücks nicht angesprochen fühlen.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du über das Wesen der Kunst und des Handwerks nachdenken möchtest oder anderen eine Wertschätzung für diese Verbindung vermitteln willst. Es ist der perfekte Text, um einem kreativ tätigen Menschen Dank und Anerkennung für seine geduldige Arbeit auszudrücken. Nutze es als anregenden Diskussionsimpuls in einem Kreis von Literaturbegeisterten oder als beruhigende, bestärkende Lektüre in einem Moment des Zweifels an der eigenen künstlerischen Entwicklung. "Des Dichters Kunst" ist ein zeitloser Begleiter für alle, die verstehen, dass wahre Meisterschaft aus der Verbindung von Tradition, Handwerk und sinnlicher Entfaltung erwächst.

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