Mensch sein
Kategorie: schöne Gedichte
Du sollst den Lebenssinn verstehen,
Autor: Önder Demir
Deinen eigenen Weg bewusst gehen,
Dich selbst als Mensch erkennen
Und nicht vor dir selbst wegrennen.
Die Schablonen sollst du abbauen,
Du sollst dir die Welt klar anschauen.
Dein Leben ist nicht einfach und billig,
Um es zu erkennen, sei nur willig.
Deine Handlungen müssen sinnvoll sein.
Es ist nicht leicht, ein Mensch zu sein.
Mit Geduld und Ruhe sollst du handeln,
Das Böse in dir zum Guten umwandeln.
Mit Kraft, Schönheit und ewiger Weisheit
Erlangst du in dir deine eigene Freiheit.
Der Wille, was dafür sowieso in dir steckt,
Wird nur mit der Liebe Gottes aufgeweckt.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
- Aktualitätsbezug - Bedeutung heute
- Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht?
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Das Gedicht "Mensch sein" von Önder Demir entfaltet sich als eine klare, anleitende Reflexion über die Grundpfeiler eines bewussten und erfüllten Lebens. Es beginnt mit einer Aufforderung zur Selbstbestimmung: Der "eigene Weg" und die Selbsterkenntnis werden als zentrale Aufgaben benannt. Die Metapher des "Wegrennens vor dir selbst" veranschaulicht eindrücklich die menschliche Tendenz zur Selbsttäuschung und Verdrängung. Der zweite Abschnitt wendet sich gegen gesellschaftliche Konformität. "Schablonen abbauen" bedeutet, vorgefertigte Meinungen und Lebensmuster zu hinterfragen, um die Welt unverstellt zu betrachten. Die Zeile "Dein Leben ist nicht einfach und billig" unterstreicht den Wert und die komplexe Würde der individuellen Existenz, die es zu ergründen lohnt.
Im dritten Teil wird die ethische Dimension herausgearbeitet. Sinnvolle Handlungen, Geduld und die aktive Transformation des "Bösen" zum Guten werden als praktische Umsetzung des Menschseins beschrieben. Dies ist kein passiver Zustand, sondern ein fortwährender Prozess. Der finale Abschnitt verbindet die zuvor genannten menschlichen Qualitäten – "Kraft, Schönheit und ewige Weisheit" – mit dem Ziel der inneren Freiheit. Interessant ist die Kausalität hier: Der Wille dazu schlummert bereits im Menschen, wird aber laut dem Dichter erst "mit der Liebe Gottes aufgeweckt". Dies gibt der gesamten Suche eine spirituelle oder transzendente Grundierung, ohne die vorherigen, eher philosophisch-psychologischen Ratschläge zu entwerten.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine Stimmung von ernsthafter, zugewandter Ermutigung. Es ist nicht schwärmerisch oder träumerisch, sondern besitzt einen gefestigten, fast mahnenden Ton, der jedoch von einem tiefen Vertrauen in das menschliche Potenzial getragen wird. Die häufige Verwendung von "Du sollst" verleiht dem Text eine gewisse autoritative Direktheit, ähnlich wie Lebensregeln oder ein weiser Rat. Gleichzeitig wirkt die abschließende Einbeziehung der göttlichen Liebe tröstlich und hoffnungsvoll. Insgesamt strahlt das Werk eine ruhige Entschlossenheit und Klarheit aus, die zur Selbstbesinnung einlädt, ohne überwältigend oder dogmatisch zu wirken.
Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
Das Gedicht lässt sich keiner spezifischen literarischen Epoche wie Romantik oder Expressionismus eindeutig zuordnen. Sein Stil und seine Themen sind zeitlos und philosophisch-spirituell geprägt. Es spiegelt jedoch ein modernes, individualistisches Bedürfnis wider: In einer komplexen, schnelllebigen Welt mit oft widersprüchlichen gesellschaftlichen Erwartungen ("Schablonen") bietet es einen Kompass zur inneren Orientierung. Der Fokus auf Selbstverantwortung, Authentizität und Sinnsuche korrespondiert mit Strömungen der Persönlichkeitsentwicklung und modernen Spiritualität, die im späten 20. und 21. Jahrhundert an Bedeutung gewonnen haben. Der explizite Gottesbezug am Ende verankert diese Suche in einem traditionell-religiösen Rahmen, was einen interessanten Kontrast zu rein säkularen Selbsthilfekonzepten bildet.
Aktualitätsbezug - Bedeutung heute
Die Aktualität von "Mensch sein" ist frappierend. In einer Zeit, die von digitaler Reizüberflutung, sozialem Vergleich in den Netzwerken und der Frage nach echter Identität geprägt ist, sind die Aufforderungen des Gedichts hochrelevant. "Sich nicht vor sich selbst wegrennen" beschreibt präzise das Verhalten, ständig nach äußerer Ablenkung zu suchen. Die "Schablonen" können heute als gesellschaftliche Erfolgsmodelle, Schönheitsideale oder politische Schlagworte verstanden werden, die es kritisch zu hinterfragen gilt. Der Rat, mit "Geduld und Ruhe" zu handeln, wirkt wie ein Gegenentwurf zur heutigen Hektik und Ungeduld. Das Gedicht bietet somit eine zeitlose, aber dringend benötigte Anleitung zur inneren Einkehr und bewussten Lebensführung in der Moderne.
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht?
Dieses Gedicht eignet sich besonders für Momente des Übergangs und der Reflexion. Es ist eine ausgezeichnete Lektüre zu Lebenswendepunkten wie einem Geburtstag, einem Jahreswechsel oder nach einer überstandenen Krise. Da es Mut zur Veränderung macht, passt es auch zu Beginn eines neuen Projekts oder einer Ausbildungsphase. In einem spirituellen oder philosophischen Gesprächskreis kann es als Diskussionsgrundlage über Themen wie Freiheit, Sinn und persönliche Verantwortung dienen. Zudem ist es ein passender Text für eine persönliche Meditation oder als Eintrag in ein Tagebuch, um die eigenen Lebensprinzipien zu überdenken.
Sprachregister und Verständlichkeit
Die Sprache des Gedichts ist allgemein verständlich und kommt mit wenigen Fremdwörtern aus ("Schablonen", "Weisheit"). Der Satzbau ist klar und parataktisch, die Botschaften werden direkt vermittelt. Der wiederkehrende Imperativ "Du sollst" gibt dem Text eine leicht archaische, lehrhafte Note, die an biblische Sprache oder klassische Lebenslehren erinnert. Diese Direktheit macht den Inhalt für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen zugänglich. Die verwendeten Begriffe wie "Lebenssinn", "Handlungen" oder "Freiheit" sind abstrakt, werden aber durch konkrete Handlungsanweisungen ("abbauen", "anschauen", "umwandeln") greifbar gemacht. Die Verständlichkeit ist daher für eine breite Altersgruppe ab der Jugend gegeben.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht eignet sich möglicherweise weniger für Leser, die eine stark metaphorische, mehrdeutige oder sprachlich verspielte Lyrik suchen. Wer nach komplexen Bildern, raffinierten Reimen oder avantgardistischen Ausdrucksformen sucht, wird hier nicht fündig. Ebenso könnte der explizite religiöse Schlussvers für Menschen, die einen rein säkularen oder agnostischen Zugang zu Lebensfragen bevorzugen, als nicht passend empfunden werden. Für jemanden, der sich in einer Phase des unbeschwerten Leichtsinns oder der rein unterhaltenden Lektüre befindet, könnte der ernste und reflexive Ton des Gedichts zu gewichtig wirken.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du nach einem klaren, kraftvollen und zugleich tröstlichen Text suchst, der dich an die wesentlichen Aufgaben deines eigenen Lebens erinnert. Es ist der perfekte Begleiter in Phasen der Orientierungslosigkeit oder wenn du das Gefühl hast, in fremden Erwartungen und Routinen gefangen zu sein. Nutze es als poetischen Anstoß, um über deine persönlichen "Schablonen" nachzudenken und mutig deinen eigenen Weg zu gehen. Die Kombination aus philosophischer Tiefe, ethischer Klarheit und spiritueller Hoffnung macht es zu einem besonderen Werk, das nicht nur gelesen, sondern als Impuls für die eigene Lebenspraxis verstanden werden will.
Mehr schöne Gedichte
- Schönes Bild - Luise Büchner
- Schöne Nacht - Carl Hermann Busse
- Schöne Fremde - Joseph von Eichendorff
- Das Schöne - Robert Hamerling
- Schöne Junitage - Detlef von Liliencron
- Das gegenwärtige Schöne - Karl Mayer
- In Kraft und Schönheit - Richard Dehmel
- Die Schönheit - Friedrich von Hagedorn
- Gefunden - Johann Wolfgang von Goethe
- Ursprung der Rose - Friedrich Rückert
- Der Dichter - Rüdiger Heins www.ruedigerheins.de
- wenn du lachst - KASy
- Jahreszeiten - Paul Schmidt
- Silbermond - Marcel Strömer
- Frühlingskuss - Elena
- Ich kam nicht zum Gedicht - Martin Otto
- Ich war gewillt - Martin Otto
- Wenn es dunkel ist und regnet - Martin Otto
- Abendmelodie - H.S.
- Es lag ein Blatt - Martin Otto
- Er war sehr beeindruckt - Martin Otto
- Ich baue einen Raum - Martin Otto
- Wenn der kleine Mann was könnte - Martin Otto
- Das Leben doch - Martin Otto
- Des Dichters Kunst - Bernhard Efinger
- 3 weitere schöne Gedichte