Gedichte von Christian Morgenstern
Christian Morgenstern ist einer jener Dichter, die man leicht unterschätzt. Der Name ruft bei vielen sofort die Galgenlieder in Erinnerung, jene wunderbar absurden, witzigen Verse, die Generationen von Lesern zum Lachen gebracht haben. Doch wer Morgenstern auf den Humoristen reduziert, verpasst einen Dichter von beträchtlicher Tiefe. Hinter den Wortspielen und dem sprachlichen Unfug steckt ein ernsthafter Denker, der über Sprache, Wahrnehmung und die Grenzen des menschlichen Verstehens nachdachte. Und neben den Galgenliedern steht ein lyrisches Werk von stiller Eindringlichkeit, das kaum bekannt ist, aber es verdient, gelesen zu werden. Auf dieser Seite finden Sie seine Gedichte aus unserer Sammlung sowie alles Wissenswerte über sein Leben, sein Werk und seine bleibende Bedeutung.
Inhaltsverzeichnis
- Christian Morgenstern: Leben und Herkunft
- Kindheit, Krankheit und frühe Jahre
- Berlin und die literarische Welt der Jahrhundertwende
- Die Galgenlieder: Humor als Erkenntnismittel
- Sprache, Spiel und dichterischer Stil
- Palmström und Korf: Die literarischen Figuren
- Unsinn mit System: Die Philosophie hinter dem Witz
- Die ernste Seite: Lyrik jenseits der Galgenlieder
- Rudolf Steiner und die Anthroposophie
- Tuberkulose und das Schreiben gegen den Tod
- Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
- Gedichte von Christian Morgenster
Christian Morgenstern: Leben und Herkunft
Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern wurde am 6. Mai 1871 in München geboren. Sein Vater Carl Ernst Morgenstern war ein angesehener Landschaftsmaler, seine Mutter Charlotte stammte aus einer musikalischen Familie. Die Eltern trennten sich früh, und die Mutter starb, als Christian gerade neun Jahre alt war, an Tuberkulose, jener Krankheit, die später auch ihn heimsuchen und schließlich töten würde. Diese frühe Verlusterfahrung zog sich als stiller Grundton durch sein Leben und sein Schreiben, auch dort, wo er am lautesten lachte.
Morgenstern wuchs bei seinem Vater und später bei Verwandten auf, besuchte Gymnasien in verschiedenen Städten und entwickelte früh eine Leidenschaft für Literatur und Philosophie. Nietzsche, Schopenhauer und Ibsen, dessen Werke er ins Deutsche übersetzte, prägten sein Denken in jungen Jahren nachhaltig. Die akademische Laufbahn schlug er nicht ein. Stattdessen zog er nach Berlin, wo sich das literarische Leben des Kaiserreichs konzentrierte, und versuchte, als freier Schriftsteller zu leben. Ein Vorhaben, das ihn ein Leben lang in finanzielle Enge trieb, ohne dass er es je aufgegeben hätte.
Christian Morgenstern starb am 31. März 1914 in Meran, dem heutigen Merano in Südtirol, an den Folgen seiner Lungentuberkulose. Er wurde 42 Jahre alt. Sein Tod fiel in die Monate unmittelbar vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs, einer Welt, in der sein sanfter, spielerischer Blick auf die Sprache kaum noch Platz gehabt hätte.
Kindheit, Krankheit und frühe Jahre
Die Kindheit Morgensterns war von Verlusten und Ortsveränderungen geprägt. Nach dem Tod der Mutter fehlte ihm die Beständigkeit, die ein Kind braucht, und er entwickelte früh die Fähigkeit, sich in sich selbst zurückzuziehen und aus dieser inneren Welt heraus zu schreiben. Die Tuberkulose, die ihn schon als jungen Mann befiel, zwang ihn zu Kuraufenthalten in verschiedenen Sanatorien, zu langen Phasen der Untätigkeit und zur ständigen Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und seiner Begrenztheit.
Diese Erfahrung der Schwäche und Vergänglichkeit hätte einen Dichter bitter machen können. Bei Morgenstern geschah das Gegenteil. Er entwickelte eine Art heitere Gelassenheit, die sich nicht als Verdrängung lesen lässt, sondern als echte Haltung. Der Humor der Galgenlieder ist nicht der Humor eines Menschen, dem das Leben leichtfällt. Er ist der Humor eines Menschen, der gelernt hat, die Schwere des Lebens von unten zu betrachten und dabei etwas zu entdecken, das anderen verborgen bleibt.
Berlin und die literarische Welt der Jahrhundertwende
Berlin um 1900 war ein literarisches Zentrum, in dem Naturalismus, Symbolismus und Jugendstil aufeinandertrafen und sich die Frage stellte, was Dichtung in einer zunehmend industrialisierten, rationalisierten Welt noch leisten konnte. Morgenstern war in diesem Umfeld eine eigentümliche Erscheinung: zu humoristisch für die Ernsthaftigen, zu tief für die bloßen Unterhaltungsdichter, zu individuell für jede Schublade.
Er arbeitete zeitweise als Redakteur und Übersetzer, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Seine Übersetzungen von Henrik Ibsen und Friedrich Nietzsche zeigen, dass er ein genauer, einfühlsamer Leser war, der fremde Texte nicht mechanisch übertrug, sondern wirklich verstand. Diese Sorgfalt im Umgang mit Sprache, das Bewusstsein dafür, wie viel in einem einzigen Wort steckt, ist auch in seinen eigenen Gedichten überall spürbar.
Die Galgenlieder: Humor als Erkenntnismittel
Die Galgenlieder, erstmals erschienen 1905, sind das Werk, mit dem Morgensterns Name untrennbar verbunden ist. Sie entstanden über viele Jahre hinweg und wurden immer wieder erweitert und neu geordnet. Ihrem Titel nach spielen sie mit der Vorstellung eines Galgens als Treffpunkt einer losen Gemeinschaft von Außenseitern, Träumern und Sprachnarren, der sogenannten Galgengemeinde, der Morgenstern selbst als fiktives Mitglied angehörte.
Was diese Gedichte so besonders macht, lässt sich nicht auf einen Begriff bringen. Da ist zunächst der Witz, der manchmal leicht und verspielt ist und manchmal so dunkel, dass man nicht sicher ist, ob man lachen soll. Da ist die sprachliche Erfindungskraft, die in jedem Gedicht neue Wörter, neue Konstruktionen und neue Möglichkeiten der deutschen Sprache entdeckt. Und da ist hinter allem ein philosophischer Ernst, der die Komik nicht aufhebt, sondern ihr erst ihre eigentliche Tiefe gibt.
Gedichte wie "Das große Lalula", das vollständig aus erfundenen Wörtern besteht, oder "Die unmögliche Tatsache", in der ein Mann nach einem Unfall logisch schlussfolgert, dass er gar nicht überfahren werden konnte, weil das Gesetz es verboten hätte, sind nicht nur lustig. Sie stellen Fragen über Sprache, Logik und die Art, wie Menschen mit Wirklichkeit umgehen, die weit über den Bereich des Humoristischen hinausgehen.
Sprache, Spiel und dichterischer Stil
Morgensterns Umgang mit Sprache ist in der deutschen Lyrik einzigartig. Er behandelte Wörter nicht als festgelegte Einheiten mit unveränderlichen Bedeutungen, sondern als lebendiges Material, das sich formen, dehnen, zusammensetzen und auseinandernehmen lässt. Wortneuschöpfungen, Lautmalerei, absurde Logik und die bewusste Verletzung grammatischer Regeln sind bei ihm keine Fehler, sondern Methoden.
Dabei ist seine Sprache immer präzise, auch dort, wo sie scheinbar sinnlos ist. Das "Große Lalula" klingt nicht zufällig, es klingt so, als hätte jemand eine Sprache erfunden, die alle Regeln einer echten Sprache befolgt, nur nicht die des Deutschen. Diese innere Konsequenz im scheinbaren Unsinn ist das Kennzeichen eines Dichters, der genau weiß, was er tut, auch wenn er so tut, als wüsste er es nicht.
Formal bediente sich Morgenstern einer großen Bandbreite. Er schrieb strenge Strophengedichte mit regelmäßigen Reimen und Rhythmen, er schrieb Gedichte in Prosa und er schrieb visuelle Gedichte, die mit der Erscheinung des Textes auf der Seite spielten. Das bekannteste Beispiel für letzteres ist "Das aesthetische Wiesel", in dem die Zeilenlängen das beschriebene Objekt auf der Seite formen, oder "Fisches Nachtgesang", ein Gedicht, das ausschließlich aus Metrikzeichen besteht und damit zugleich das reinste Gedicht und das inhaltsleere ist, das man sich denken kann.
Palmström und Korf: Die literarischen Figuren
Neben den Galgenliedern schuf Morgenstern zwei literarische Figuren, die in der deutschen Dichtung kaum ihresgleichen haben: Palmström und seinen Freund Korf. Beide traten erstmals in dem Band "Palmström" (1910) auf und bevölkern auch die späteren Sammlungen "Palma Kunkel" und "Der Gingganz".
Palmström ist ein zarter, träumerischer Mensch, der die Welt mit einer Art kindlicher Verwunderung betrachtet und dabei immer wieder auf Probleme stößt, die anderen nicht einmal auffallen würden. Er erfindet seltsame Geräte, denkt in ungewöhnlichen Bahnen und löst Alltagsprobleme auf Wegen, die streng logisch und vollkommen absurd zugleich sind. Korf ist sein Gegenstück: rationaler, kühler, aber ebenso weit von dem entfernt, was die meisten Menschen als normal bezeichnen würden.
Diese beiden Figuren sind mehr als komische Charaktere. Sie sind Experimente: Was würde passieren, wenn jemand die Welt wirklich konsequent von Grund auf neu betrachten würde, ohne die eingeübten Denkmuster, ohne die selbstverständlichen Annahmen? Morgensterns Antwort ist: Es würde etwas sehr Komisches und gleichzeitig sehr Wahres entstehen.
Unsinn mit System: Die Philosophie hinter dem Witz
Es wäre ein Fehler, Morgensterns humoristische Gedichte als bloße Unterhaltung abzutun. Hinter dem Witz steckt ein ernsthaftes Nachdenken über Sprache und Erkenntnis, das ihn in die Nähe von Philosophen wie Ludwig Wittgenstein rückt, auch wenn beide kaum voneinander wussten. Die Grundfrage, die Morgenstern immer wieder stellt, lautet: Was sagen wir eigentlich, wenn wir sprechen? Und stimmt das mit dem überein, was wir meinen?
Das Gedicht "Die unmögliche Tatsache" ist ein gutes Beispiel. Ein Mensch wird von einem Auto überfahren. Danach stellt er fest, dass das Überfahren laut Straßenverkehrsordnung an dieser Stelle verboten war. Also, so schlussfolgert er, kann es gar nicht passiert sein. Diese Logik ist komisch, weil sie formal korrekt und inhaltlich absurd ist. Aber sie zeigt auch etwas Ernstes: wie leicht Menschen dazu neigen, die Wirklichkeit nach ihren Überzeugungen zu formen statt umgekehrt. Das ist 1905 geschrieben und wirkt, als hätte es jemand gestern beobachtet.
Die ernste Seite: Lyrik jenseits der Galgenlieder
Neben seinen humoristischen Werken hat Morgenstern ein lyrisches Werk hinterlassen, das kaum bekannt ist und das sich in Ton und Haltung grundlegend von den Galgenliedern unterscheidet. Sammlungen wie "Ich und Du" (1911) und "Wir fanden einen Pfad" (1914) enthalten Gedichte von stiller Eindringlichkeit, die über Liebe, Natur, Vergänglichkeit und Glaube nachdenken, ohne jede Ironie, ohne Wortspiel, ohne Komik.
Diese Gedichte sind nicht schlechter als die Galgenlieder, sie sind nur anders. Sie zeigen einen Dichter, der die Welt nicht immer durch die Brille des Humors betrachtete, sondern der auch in der Stille saß und lauschte. Wer nur die Galgenlieder kennt, kennt Morgenstern wie jemanden, der immer lacht. Wer auch diese stillen Texte kennt, versteht, warum das Lachen so echt war: weil er wusste, worum es geht, wenn man aufhört zu lachen.
Rudolf Steiner und die Anthroposophie
In den letzten Jahren seines Lebens kam Morgenstern in engen Kontakt mit Rudolf Steiner und dessen Anthroposophie, einer spirituellen Weltanschauung, die Elemente des deutschen Idealismus, der Theosophie und eigener Geistesforschung verband. Diese Begegnung war für Morgenstern keine intellektuelle Mode, sondern eine echte Orientierung in einer Zeit, in der sein Körper immer schwächer wurde und die Frage nach dem Sinn des Lebens immer dringlicher.
Steiner und Morgenstern trafen sich mehrmals persönlich, und die Wertschätzung war gegenseitig. Steiner äußerte sich nach Morgensterns Tod mehrfach über dessen Werk und sah in ihm einen Dichter, der durch seinen Humor eine Art spirituelle Erkenntnis ausdrückte, die anderen Formen der Welterfahrung verschlossen bleibt. Ob man diese Einschätzung teilt oder nicht, sie zeigt, dass Morgensterns humoristische Texte von denen, die ihn kannten, nie als bloße Unterhaltung betrachtet wurden.
Die anthroposophische Prägung der Spätphase ist in seinen letzten Gedichten deutlich spürbar. Sie werden ruhiger, meditativer, auf eine bestimmte Weise entrückt. Der Tod nähert sich, und Morgenstern begegnet ihm mit einer Fassung, die weder Resignation noch Verleugnung ist, sondern echte Gelassenheit.
Tuberkulose und das Schreiben gegen den Tod
Die Tuberkulose war Morgensterns ständige Begleiterin. Seit seinen zwanziger Jahren lebte er mit der Gewissheit, dass seine Krankheit unheilbar war und dass sein Leben kürzer sein würde als das der meisten Menschen um ihn herum. Diese Gewissheit formte seine Haltung zur Zeit und zum Schreiben auf eine Weise, die man in seinen Texten spürt, auch wenn man die biografischen Hintergründe nicht kennt.
Die Kuraufenthalte in Davos, Meran und anderen Orten des damaligen Sanatoriumsbetriebs brachten ihn in Kontakt mit anderen kranken Menschen, darunter viele Künstlerinnen und Künstler, die unter ähnlichen Umständen lebten. Diese Gemeinschaft der Gefährdeten hatte eine eigentümliche Qualität: Man sprach anders miteinander, wenn man wusste, dass die Zeit begrenzt war. Morgensterns Gedichte haben manchmal genau diese Qualität, eine Präzision und Dringlichkeit, als müsste jedes Wort sitzen, weil es vielleicht das letzte sein könnte.
Nachwirkung und kulturelle Bedeutung
Morgensterns Nachwirkung ist in Deutschland breiter, als es auf den ersten Blick scheint. Die Galgenlieder gehören zum festen Bestand des deutschen Bildungskanons, werden in Schulen gelesen, im Radio rezitiert und von Kabarettisten zitiert. Verse wie "In einem kühlen Grunde" oder "Der Mond" sind auch Menschen bekannt, die Morgensterns Namen vielleicht nicht sofort nennen könnten.
Darüber hinaus hat Morgenstern auf die deutschsprachige Nonsense-Literatur und das literarische Kabarett gewirkt, das im frühen 20. Jahrhundert in München und Berlin aufblühte. Der Zusammenhang zwischen Witz, Sprachkritik und politischem Denken, den das Kabarett nutzte, hat einen seiner Vorläufer in Morgensterns humoristischer Lyrik, auch wenn er selbst kein politischer Dichter war.
International ist Morgenstern am bekanntesten in den englischsprachigen Ländern, wo seine Galgenlieder in mehreren Übersetzungen vorliegen. Die Herausforderung, seine Wortspiele und Neuschöpfungen in eine andere Sprache zu übertragen, hat zu Übersetzungen geführt, die selbst als kreative Leistungen gelten. Max Knight etwa schuf in den 1960er Jahren eine englische Version der Galgenlieder, die bis heute als Meisterleistung des literarischen Übersetzens gilt.
- Galgenlieder als Schulkanon: Seit Generationen werden Morgensterns Gedichte im Deutschunterricht gelesen und auswendig gelernt, weil sie Kinder und Jugendliche auf eine spielerische Weise an Sprache und Literatur heranführen.
- Einfluss auf die Nonsense-Literatur: Morgensterns sprachliche Experimente haben die deutschsprachige Nonsense-Tradition geprägt und bis in die Gegenwart nachgewirkt.
- Vertonungen: Mehrere seiner Gedichte wurden vertont, darunter Vertonungen für den Chor und für das Lied, die seine Texte einem breiteren Publikum zugänglich machten.
- Philosophische Rezeption: Morgensterns Galgenlieder wurden von Philosophen und Literaturwissenschaftlern als Beiträge zur Sprachphilosophie ernst genommen, weil sie Fragen über Bedeutung, Logik und Wirklichkeit auf eine Weise stellen, die der akademischen Philosophie nicht fremd ist.
- Internationale Übersetzungen: Die Galgenlieder liegen in Dutzenden von Sprachen vor, was Morgenstern zu einem der meistübersetzten deutschen Lyriker des frühen 20. Jahrhunderts macht.
Gedichte von Christian Morgenstern
Unsere Sammlung mit Gedichten von Christian Morgenstern wächst stetig weiter. Wir achten dabei bewusst darauf, sowohl die bekannten Galgenlieder als auch die stillen, nachdenklichen Texte seiner anderen Sammlungen zu berücksichtigen. Denn Morgenstern ist mehr als Palmström und Korf, so liebenswert diese Figuren auch sind. Wer sein gesamtes lyrisches Werk kennt, begegnet einem Dichter von unerwarteter Tiefe und Vielfalt.
Wenn Sie ein bestimmtes Gedicht in unserer Sammlung vermissen oder uns auf einen Text aufmerksam machen möchten, der hier noch fehlt, freuen wir uns über Ihre Nachricht an die E-Mail-Adresse in unserem Impressum. Wir prüfen jeden Hinweis sorgfältig und sind dankbar für jede Rückmeldung, die unsere Sammlung reicher macht.
Aktuell haben wir 21 Gedichte von Christian Morgenstern in unserer Sammlung, die in folgenden Kategorien zu finden sind:
- Frühlingsgedichte
- Gedichte Sehnsucht
- Gedichte zum Nachdenken
- Herbstgedichte
- Kindergedichte
- kurze Gedichte
- Liebesgedichte
- lustige Gedichte
- Valentinstag Gedichte
- Weihnachtsgedichte
- Wintergedichte
Zu seinen bekanntesten Werken zählen: Die unmögliche Tatsache, Das Nasobēm, Der Werwolf und Der Rabe Ralf.
Das Weihnachtsbäumlein
Es war einmal ein TänneleinAutor: Christian MorgensternKategorie: Weihnachtsgedichte
mit braunen Kuchenherzlein
und Glitzergold und Äpflein fein
und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün
als fing es eben an zu blühn.
Doch nach nicht gar zu langer Zeit,
da stands im Garten unten,
und seine ganze Herrlichkeit
war, ach, dahingeschwunden.
Die grünen Nadeln war’n verdorrt,
die Herzlein und die Kerzlein fort.
Bis eines Tags der Gärtner kam,
den fror zu Haus im Dunkeln,
und es in seinen Ofen nahm -
Hei! Tats da sprühn und funkeln!
Und flammte jubelnd himmelwärts
in hundert Flämmlein an Gottes Herz.
Das große Lalula
Kroklokwafzi? Semememi!Autor: Christian MorgensternKategorie: lustige Gedichte
Seiokrontro - prafriplo:
Bifzi, bafzi; hulalemi:
quasti basti bo...
Lalu lalu lalu lalu la!
Hontraruru miromente
zasku zes rü rü?
Entepente, leiolente
klekwapufzi lü?
Lalu lalu lalu lalu la!
Simarar kos malzipempu
silzuzankunkrei (;)!
Marjomar dos: Quempu Lempu
Siri Suri Sei []
Lalu lalu lalu lalu la!
Das Nasobēm
Auf seinen Nasen schreitetAutor: Christian MorgensternKategorie: sonstige Gedichte
einher das Nasobēm,
von seinem Kind begleitet.
Es steht noch nicht im Brehm.
Es steht noch nicht im Meyer.
Und auch im Brockhaus nicht.
Es trat aus meiner Leyer
zum ersten Mal ans Licht.
Auf seinen Nasen schreitet
(wie schon gesagt) seitdem,
von seinem Kind begleitet,
einher das Nasobēm.
Der Frühling kommt bald
Herr Winter,Autor: Christian MorgensternKategorie: Frühlingsgedichte
geh hinter
der Frühling kommt bald!
Das Eis ist geschwommen,
die Blümlein sind kommen
und grün wird der Wald.
Herr Winter,
geh hinter,
dein Reich ist vorbei.
Die Vögelein alle,
mit jubelndem Schalle,
verkünden den Mai!
Der Rabe Ralf
Der Rabe RalfAutor: Christian MorgensternKategorie: sonstige Gedichte
will will hu hu
dem niemand half
still still du du
half sich allein
am Rabenstein
will will still still
hu hu
Die Nebelfrau
will will hu hu
nimmts nicht genau
still still du du
sie sagt nimm nimm
's ist nicht so schlimm
will will still still
hu hu
Doch als ein Jahr
will will hu hu
vergangen war
still still du du
da lag im Rot
der Rabe tot
will will still still
du du
Der Schnupfen
Ein Schnupfen hockt auf der Terrasse,Autor: Christian MorgensternKategorie: kurze Gedichte
auf dass er sich ein Opfer fasse
- und stürzt alsbald mit großem Grimm
auf einen Menschen namens Schrimm.
Paul Schrimm erwidert prompt: "Pitschü!"
und hat ihn drauf bis Montag früh.
Der Werwolf
Ein Werwolf eines Nachts entwichAutor: Christian MorgensternKategorie: sonstige Gedichte
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!
Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:
"Der Werwolf", - sprach der gute Mann,
"des Weswolfs" - Genitiv sodann,
"dem Wemwolf" - Dativ, wie man's nennt,
"den Wenwolf" - damit hat's ein End'.
Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!
Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb's in großer Schar,
doch "Wer" gäb's nur im Singular.
Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.
Die unmögliche Tatsache
Palmström, etwas schon an Jahren,Autor: Christian MorgensternKategorie: sonstige Gedichte
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.
"Wie war" (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
"möglich, wie dies Unglück, ja -:
daß es überhaupt geschah?
Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?
Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, - kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht ?"
Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!
Und er kommt zu dem Ergebnis:
"Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil", so schließt er messerscharf,
"nicht sein kann, was nicht sein darf."
Die zwei Wurzeln
Zwei Tannenwurzeln groß und altAutor: Christian MorgensternKategorie: Kindergedichte
unterhalten sich im Wald.
Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.
Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.
Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.
Eins und alles
Meine Liebe ist groß wie die weite Welt,Autor: Christian MorgensternKategorie: Valentinstag Gedichte
und nichts ist außer ihr,
wie die Sonne alles erwärmt, erhellt,
so tut sie der Welt von mir!
Da ist kein Gras, da ist kein Stein,
darin meine Liebe nicht wär,
da ist kein Lüftlein noch Wässerlein,
darin sie nicht zög einher!
Da ist kein Tier vom Mücklein an
bis zu uns Menschen empor,
darin mein Herze nicht wohnen kann,
daran ich es nicht verlor!
Meine Liebe ist weit wie die Seele mein,
alle Dinge ruhen in ihr,
sie alle, alle, bin ich allein,
und nichts ist außer mir!
Geschöpf nicht mehr, Gebieter der Gedanken
Geschöpf nicht mehr, Gebieter der Gedanken,Autor: Christian MorgensternKategorie: Gedichte zum Nachdenken
des Willens Herr, nicht mehr in Willens Frone,
der flutenden Empfindung Maß und Meister,
zu tief, um an Verneinung zu erkranken,
zu frei, als daß Verstocktheit in ihm wohne:
So bindet sich ein Mensch ans Reich der Geister:
So findet er den Pfad zum Thron der Throne.
Herbst
Zu Golde ward die Welt;Autor: Christian MorgensternKategorie: Herbstgedichte
zu lange traf
der Sonne süsser Strahl
das Blatt, den Zweig.
Nun neig
dich, Welt, hinab
in Winterschlaf.
Bald sinkt's von droben dir
in flockigen Geweben
verschleiernd zu -
und bringt dir Ruh,
o Welt,
o dir, zu Gold geliebtes Leben,
Ruh.
Es ist Nacht
Es ist Nacht,Autor: Christian MorgensternKategorie: Liebesgedichte
und mein Herz kommt zu dir ...,
hält's nicht aus,
hält's nicht aus mehr bei mir.
Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.
Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.
Leise Lieder
Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,Autor: Christian MorgensternKategorie: Liebesgedichte
Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
noch der Mond, der still im Äther schwimmt;
denen niemand als das eigne Herz,
das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
und an denen niemand als der Schmerz,
der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.
Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
dir, in deren Aug mein Sinn versank,
und aus dessen tiefem, dunklen Schacht
meine Seele ewige Sehnsucht trank.
An die Geliebte
Sternengold entreiß ich dem nächtlichen All,Autor: Christian MorgensternKategorie: Liebesgedichte
schmiede draus ein leuchtendes Diadem,
und um deine züchtige Stirne
flecht ich mit zitternder Hand es, Geliebte!
Sonnengold entwend ich dem Tagesgestirn,
winde draus einen siebenfach strahlenden Ring,
und an deine Hand, die reine,
füg ich in sprachlosem Glück ihn, Geliebte!
Blütenduft erhasch ich und Mondenglanz,
webe draus einen schimmernden Schleier dir,
und um deine Gestalt, die keusche,
lege ich zärtlich und leis ihn, Geliebte!
Was mir etwa entfiel beim wonnigen Werk,
raff ich auf und spinne mir Saiten draus,
süße, selige Weisen tönend -
alle für dich nur, für dich nur, Geliebte!
Hier im Wald mit dir zu liegen
Hier im Wald mit dir zu liegen,Autor: Christian MorgensternKategorie: Liebesgedichte
moosgebettet, windumatmet,
in das Flüstern, in das Rauschen
leise liebe Worte mischend,
öfter aber noch dem Schweigen
lange Küsse zugesellend,
unerschöpflich - unersättlich,
hingegebne, hingenommne,
ineinander aufgelöste,
zeitvergeßne, weltvergeßne.
Hier im Wald mit dir zu liegen,
moosgebettet, windumatmet...
Schlummerlied
Schlaf, Kindlein, schlaf!Autor: Christian MorgensternKategorie: Kindergedichte
Es war einmal ein Schaf.
Das Schaf, das ward geschoren,
da hat das Schaf gefroren.
Da zog ein guter Mann
ihm seinen Mantel an.
Jetzt brauchts nicht mehr zu frieren,
kann froh herumspazieren.
Schlaf, Kindlein, schlaf!
Es war einmal ein Schaf.
Schnauz und Miez
Ri-ra-rumpelstiez,Autor: Christian MorgensternKategorie: lustige Gedichte
wo ist der Schnauz, Wo ist die Miez?
Der Schnauz, der liegt am Ofen
und leckt sich seine Pfoten.
Die Miez, die sitzt am Fenster
und wäscht sich ihren Spenzer.
Rumpeldipumpel, schnaufeschnauf,
da kommt die Frau die Treppe rauf.
Was bringt die Frau dem Kätzchen?
Einen Knäul, einen Knäul, mein Schätzchen,
einen Knäul aus grauem Wollenflaus,
der aussieht wie eine kleine Maus.
Was bringt die Frau dem Hündchen?
Ein Halsband, mein Kindchen,
ein Halsband von besondrer Art,
auf welchem steht: Schnauz Schnauzebart.
Ri-ra-rumpeldidaus,
und damit ist die Geschichte aus.
Sehnsucht
Dort unten tief im Dämmer-GrundeAutor: Christian MorgensternKategorie: Gedichte Sehnsucht
wo nun so wach die Wasser gehen,
und hier verstreut und da im Bunde
die mondumwobnen Villen stehn,
dort hast du nun mit all den andern
zur sanften Ruhe dich gelegt,
indes dem Freund allein im Wandern
das Blut sich minder ruhlos regt ...
Schlaf' süß in deinem Silberthale,
mein Dunkelauge, Rätselkind,
gegrüßt von jedem reinen Strahle,
der selig in die Tiefe rinnt!
Schalf' süß! und sieh den Freund im Traume
sich nächtlicher Natur vertraun
und von des Bergwalds dunklem Saume
verzückt und schmerzlich niederschaun!
Von dem großen Elefanten
Kennst du den großen Elefanten,Autor: Christian MorgensternKategorie: Kindergedichte
du weißt, den Onkel von den Tanten,
den ganz ganz großen, weißt du, der -
der immer so macht, hin und her.
Der lässt dich nämlich vielmals grüßen,
er hat mit seinen eignen Füßen
hineingeschrieben in den Sand:
Grüß mir Sophiechen Windelband!
Du darfst mir ja nicht drüber lachen.
Wenn Elefanten so was machen,
so ist dies selten, meiner Seel!
Weit seltner als bei dem Kamel.
Wenn es Winter wird
Der See hat eine Haut bekommen,Autor: Christian MorgensternKategorie: Wintergedichte
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein großer Fisch geschwommen,
so stößt er mit der Nase an.
Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
und titscher - titscher - titscher - dirr . . .
Heißa, du lustiger Kieselstein!
Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen -
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.
Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
doch sosehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.
Aber bald, aber bald
werden wir selbst auf eignen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wiederholen.