Schlummerlied

Kategorie: Kindergedichte

Schlaf, Kindlein, schlaf!
Es war einmal ein Schaf.

Das Schaf, das ward geschoren,
da hat das Schaf gefroren.

Da zog ein guter Mann
ihm seinen Mantel an.

Jetzt brauchts nicht mehr zu frieren,
kann froh herumspazieren.

Schlaf, Kindlein, schlaf!
Es war einmal ein Schaf.

Autor: Christian Morgenstern

Biografischer Kontext

Christian Morgenstern (1871-1914) ist eine faszinierende Gestalt der deutschen Literatur. Bekannt wurde er vor allem durch seinen humoristischen und oft absurd-philosophischen Gedichtzyklus "Galgenlieder". Hinter diesem scheinbar verspielten Werk steht ein ernsthafter Denker, der sich intensiv mit Philosophie, insbesondere der Anthroposophie Rudolf Steiners, auseinandersetzte. "Schlummerlied" stammt jedoch aus einem anderen, weniger bekannten Schaffensbereich: seinen Kindergedichten. Es zeigt eine sanfte, fürsorgliche Seite des Autors, die in starkem Kontrast zu seinen grotesken Sprachspielen steht. Dieses Nebeneinander macht Morgenstern zu einem vielschichtigen Autor, dessen Werk für verschiedene Lesergruppen überraschende Entdeckungen bereithält.

Interpretation

Das Gedicht "Schlummerlied" nutzt die klassische Form einer Gute-Nacht-Geschichte, um eine kleine Parabel von Verletzlichkeit und Mitgefühl zu erzählen. Das Schaf, das geschoren wird und friert, steht symbolisch für ein hilfloses Wesen, das einer unvermeidlichen, aber unangenehmen Erfahrung ausgesetzt ist. Die Schur kann als Metapher für Verluste oder schwierige Lebensphasen gelesen werden, die einen schutzlos und verwundbar zurücklassen. Die Figur des "guten Manns", der dem Schaf seinen Mantel anzieht, verkörpert uneigennützige Nächstenliebe und praktische Hilfe. Die Lösung ist einfach, direkt und wirksam. Die letzte Strophe, die den Anfang wiederholt, schließt den Kreis und schafft eine beruhigende, in sich ruhende Welt. Es ist eine Miniaturerzählung über die Kraft der Güte, die aus einer Notlage eine friedliche Lösung schafft.

Stimmung

Das Gedicht erzeugt eine überwiegend warme, geborgene und beruhigende Stimmung. Der einrahmende Refrain "Schlaf, Kindlein, schlaf!" wirkt wiegend und beschwichtigend. Die kurze Krise des frierenden Schafs erzeugt einen Moment des Mitleids und der leichten Spannung, der jedoch sofort durch die rettende Tat des guten Manns aufgelöst wird. Die Schlusszeile "kann froh herumspazieren" vermittelt ein Gefühl der befreiten Leichtigkeit und Zufriedenheit. Insgesamt dominiert ein Ton der Fürsorge und der Gewissheit, dass für jedes Problem eine gute Lösung gefunden werden kann. Es ist eine Stimmung, die ideal zum Einschlafen und zum Trösten geeignet ist.

Gesellschaftlicher Kontext

Das Gedicht entstand in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs (um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert), die von Industrialisierung und Urbanisierung geprägt war. In diesem Kontext kann man das Werk als eine bewusste Hinwendung zu einfachen, menschlichen Werten lesen. Es spiegelt kein spezifisches literarisches Epochenprogramm wider, sondern greift auf das zeitlose Motiv der Nächstenliebe und des Schutzes der Schwachen zurück – ein Thema, das in allen Zeiten relevant ist. Es steht in der Tradition des volkstümlichen Schlaflieds, das oft kleine Geschichten oder Bilder verwendet, um ein Kind in Sicherheit wiegen zu lassen.

Aktualitätsbezug

Die Botschaft des Gedichts ist heute so aktuell wie vor über hundert Jahren. In einer oft hektischen und individualistischen Welt erinnert es an die Bedeutung von Empathie und konkreter Hilfsbereitschaft. Die Metapher ist universell übertragbar: Jeder kennt Situationen, in denen man sich "geschoren und frierend" fühlt – sei es durch beruflichen Stress, persönlichen Verlust oder gesellschaftliche Kälte. Das Gedicht bestärkt uns darin, nach dem "guten Mann" oder der "guten Frau" in uns zu suchen und anderen, aber auch uns selbst, den schützenden "Mantel" der Anteilnahme und Unterstützung anzubieten. Es ist eine kleine poetische Aufforderung zu Menschlichkeit.

Anlässe

Das Gedicht eignet sich in besonderer Weise als Gute-Nacht-Geschichte für Kleinkinder und Vorschulkinder. Sein ruhiger Rhythmus und die einprägsame Wiederholung sind ideal zum Einschlafen. Darüber hinaus passt es perfekt zu Momenten, in denen ein Kind Trost oder Beruhigung braucht, etwa nach einem kleinen Unfall oder einer Enttäuschung. Es kann auch im pädagogischen Kontext verwendet werden, um mit Kindern über Themen wie Hilfsbereitschaft, Mitgefühl und Fürsorge für Tiere zu sprechen. Für Erwachsene ist es ein charmantes und nachdenkliches Kleinod, das sich zum Vortragen in geselligen Runden oder als Sinnspruch in einer Karte eignet.

Sprachregister

Die Sprache des Gedichts ist bewusst einfach, klar und volksliedhaft gehalten. Morgenstern verwendet keinerlei Archaismen oder komplexe Syntax. Die Sätze sind kurz, die Reime sind paarig und einprägsam. Das Vokabular ist aus dem Grundwortschatz entnommen und für jedermann sofort verständlich. Diese Schlichtheit ist kein Zufall, sondern kunstvolle Reduktion, die den direkten Zugang zum Herzen der Geschichte ermöglicht. Der Inhalt erschließt sich bereits kleinen Kindern intuitiv, während ältere Leser die symbolische Tiefe der Handlung erkennen können. Es ist ein Meisterwerk der zugänglichen Dichtkunst.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Leser, die nach komplexer Lyrik mit vielschichtigen Bildern, raffinierten Stilmitteln oder intellektueller Herausforderung suchen, werden hier nicht fündig. Das Gedicht verzichtet bewusst auf jede Art von Rätselhaftigkeit oder abstrakter Deutungsebene. Ebenso ist es für Situationen, in denen kraftvolle, aufrüttelnde oder hochdramatische Poesie gewünscht ist, nicht die passende Wahl. Sein Wesen ist die sanfte, lineare Erzählung und die Herstellung von Geborgenheit, nicht die Provokation oder die offene Ambivalenz.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du ein Stück unaufdringlicher Weisheit und warmherziger Poesie suchst. Es ist die ideale Wahl für den Moment am Bett deines Kindes, um den Tag mit einem Gefühl von Sicherheit und Güte ausklingen zu lassen. Aber auch für dich selbst, wenn du eine kurze literarische Auszeit brauchst, die an das Gute im Menschen erinnert. Schenke es jemandem, der Trost benötigt, oder trage es einfach vor, um in einer Runde ein lächelndes Nicken zu erzeugen. Christian Morgensterns "Schlummerlied" ist ein zeitloser Schatz, der in seiner Einfachheit überzeugt und die Seele wärmt – genau wie der Mantel des guten Manns.

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