Gedichte von Clemens Brentano
Clemens Brentano gehört zu den faszinierendsten und widersprüchlichsten Gestalten der deutschen Romantik. Sein Leben war bewegt, seine Persönlichkeit schillernd, und seine Gedichte spiegeln beides wider. Mal zart und melancholisch, mal von einer fast rauschhaften Bildkraft durchdrungen, dann wieder von tiefer religiöser Sehnsucht geprägt: Brentanos Lyrik entzieht sich jeder einfachen Einordnung. Auf dieser Seite finden Sie seine Gedichte aus unserer Sammlung, dazu alles Wissenswerte über sein Leben, seinen Stil und seine Bedeutung für die deutsche Literaturgeschichte.
Inhaltsverzeichnis
- Clemens Brentano: Leben und Persönlichkeit
- Brentano und die deutsche Romantik
- Sprache und Stil seiner Lyrik
- Das Volkslied als Inspiration
- Des Knaben Wunderhorn
- Die Lore-Ley: Ein Mythos entsteht
- Glaube, Krise und Neuanfang
- Liebe, Freundschaft und Zerrissenheit
- Warum Brentano bis heute gelesen wird
- Gedichte von Clemens Brentano
Clemens Brentano: Leben und Persönlichkeit
Clemens Wenzeslaus Brentano wurde am 9. September 1778 in Ehrenbreitstein bei Koblenz geboren. Seine Mutter Maximiliane war eine enge Freundin Goethes, sein Großvater mütterlicherseits der bekannte Schriftsteller Sophie von La Roche. Literatur war in seiner Familie also kein fremdes Terrain, sondern gewissermaßen Familienerbgut. Dennoch war Brentanos Weg in die Schriftstellerei alles andere als geradlinig.
Er studierte in Halle und Jena, ohne einen Abschluss zu machen, lebte in wechselnden Städten und Verhältnissen, heiratete zweimal und führte ein Leben voller Brüche. Die erste Ehe mit der Schriftstellerin Sophie Mereau, die er leidenschaftlich liebte, endete mit ihrem frühen Tod im Jahr 1806. Eine zweite Ehe scheiterte. Diese Verluste hinterließen tiefe Spuren in seinem Werk. Brentano starb am 28. Juli 1842 in Aschaffenburg. Er wurde 63 Jahre alt.
Brentano und die deutsche Romantik
Die Romantik als literarische Epoche umfasst grob den Zeitraum von 1795 bis 1848. Sie entstand als Gegenbewegung zur Aufklärung, die dem Verstand alles zugetraut hatte. Die Romantiker setzten dem Gefühl, der Sehnsucht und dem Traum entgegen. Brentano war dabei kein ruhiger Theoretiker, sondern ein Getriebener, der die romantischen Grundideen mit seiner gesamten Biografie durchlebte.
Zusammen mit seinem Schwager Achim von Arnim bildete er eine der prägenden Freundschaften der Epoche. Beide standen in engem Austausch mit anderen Schlüsselfiguren der Romantik, darunter Friedrich Schlegel, Joseph Görres und Ludwig Tieck. Das Heidelberger Umfeld, in dem Brentano zeitweise lebte und arbeitete, gilt als eines der Zentren der sogenannten Heidelberger Romantik, die sich besonders für Volkslieder, Märchen und alte Überlieferungen interessierte.
Sprache und Stil seiner Lyrik
Wer Brentano zum ersten Mal liest, ist oft überrascht, wie modern seine Sprache klingt, trotz ihres Alters von fast zwei Jahrhunderten. Das liegt daran, dass Brentano nicht einfach reimte, sondern mit Klang arbeitete wie ein Musiker. Assonanz, Alliteration und Lautmalerei sind in seinen Gedichten keine Verzierungen, sondern tragende Elemente. Manchmal scheint es, als würden die Wörter mehr für ihre Klangwirkung gewählt als für ihre Bedeutung, und genau das erzeugt eine eigentümliche Sogwirkung.
Gleichzeitig ist Brentanos Lyrik inhaltlich oft rätselhaft. Bilder türmen sich aufeinander, Bedeutungsebenen überlagern sich, und ein Gedicht erschließt sich selten beim ersten Durchlesen vollständig. Das ist kein Fehler, sondern Absicht. Brentano wollte nicht erklären, er wollte berühren. Diese Haltung macht seine Texte bis heute zu einer lohnenden, wenn auch nicht immer leichten Lektüre.
Das Volkslied als Inspiration
Kaum etwas hat Brentanos Lyrik so sehr geprägt wie seine Begeisterung für das Volkslied. Er sah in diesen mündlich überlieferten Texten eine Ursprünglichkeit und Frische, die er in der Kunstlyrik seiner Zeit oft vermisste. Diese Faszination war keine romantische Verklärung des Einfachen, sondern ein ernsthaftes ästhetisches Programm.
Volkslieder zeichnen sich durch klare Rhythmen, eingängige Refrains und eine direkte emotionale Sprache aus. All das findet sich auch in Brentanos eigenen Gedichten wieder, oft verfeinert, manchmal ins Kunstvolle gesteigert, aber immer mit einem Unterton von Unmittelbarkeit, der an die mündliche Tradition erinnert. Wer seine Gedichte laut liest, merkt schnell, wie sehr sie auf den klingenden Vortrag hin geschrieben sind.
Des Knaben Wunderhorn
Das bedeutendste gemeinsame Projekt von Brentano und Achim von Arnim trägt den Titel Des Knaben Wunderhorn. Diese zwischen 1805 und 1808 erschienene dreibändige Liedersammlung versammelt alte deutsche Volkslieder, Kinderreime und Spruchweisheiten, die die beiden Autoren aus verschiedenen Quellen zusammengetragen, bearbeitet und teils auch frei ergänzt hatten.
Das Werk war ein kulturelles Ereignis. Goethe lobte es ausdrücklich, und es beeinflusste nachfolgende Generationen von Schriftstellern und Komponisten erheblich. Gustav Mahler etwa vertonte mehrere Texte aus der Sammlung. Für das Verständnis von Brentanos eigenem dichterischen Schaffen ist Des Knaben Wunderhorn unverzichtbar, weil es zeigt, welche Art von Sprache und Bildwelt er anstrebte.
Die Lore-Ley: Ein Mythos entsteht
Eine der folgenreichsten Schöpfungen Brentanos ist die Figur der Lore-Ley. In seinem Roman "Godwi" (1801/02) taucht sie erstmals auf: eine Frau am Rheinufer, deren betörende Schönheit Unheil stiftet. Brentano verband damit die Landschaft des Mittelrheins mit einer tragischen Liebesgeschichte und schuf so einen Mythos, der sich verselbstständigte.
Heinrich Heine griff die Figur wenige Jahrzehnte später auf und schrieb sein berühmtes Gedicht "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", das die Loreley endgültig in das kollektive Gedächtnis der deutschen Literatur einschrieb. Ohne Brentanos Vorlage wäre Heines Loreley so nicht entstanden. Das zeigt, welche Wirkungskraft Brentanos Erfindungen haben konnten, auch wenn er selbst oft nicht das letzte Wort behielt.
Glaube, Krise und Neuanfang
Um 1817 erlebte Brentano eine tiefe persönliche und religiöse Krise, die sein weiteres Leben grundlegend veränderte. Er wandte sich dem katholischen Glauben zu und zog nach Dülmen in Westfalen, wo er mehrere Jahre an der Seite der stigmatisierten Nonne Anna Katharina Emmerick verbrachte. Deren Visionen schrieb er akribisch auf und veröffentlichte sie nach ihrem Tod in mehreren Bänden.
Diese Phase bedeutete für seine Lyrik zunächst eine lange Pause. Brentano schrieb kaum noch eigene Gedichte, weil er seine schöpferische Energie ganz in den Dienst der Emmerick-Aufzeichnungen stellte. Erst in seinen letzten Lebensjahren kehrte er zur eigenen Dichtung zurück, nun mit einem stärker religiös geprägten Ton, der sich deutlich von seinen früheren Werken unterscheidet.
Liebe, Freundschaft und Zerrissenheit
Brentanos Biografie liest sich stellenweise wie ein romantischer Roman, und das ist kein Zufall. Seine Liebesbeziehungen waren intensiv, häufig unglücklich und hinterließen fast immer literarische Spuren. Die Verbindung zu Sophie Mereau gilt als die prägendste seines Lebens. Sie war bereits verheiratet, als er sie kennenlernte, ließen sich schließlich beide scheiden und heirateten. Ihre gemeinsame Zeit war von Leidenschaft und Konflikten geprägt. Ihr früher Tod durch Komplikationen bei einer Fehlgeburt traf Brentano so hart, dass er sich nie vollständig davon erholte.
Auch seine Freundschaften waren selten unkompliziert. Mit Arnim verband ihn eine jahrelange enge Zusammenarbeit, die aber immer wieder von Missverständnissen und Brentanos sprunghafter Art belastet wurde. Er war ein Mensch, der andere anzog und gleichzeitig abstieß, bewundert und gemieden, geliebt und gefürchtet. Diese innere Spannung ist in seinen Gedichten spürbar, auch wenn man seinen Lebensweg nicht kennt.
Warum Brentano bis heute gelesen wird
Es gibt Autoren, die man liest, weil sie historisch bedeutsam sind. Und es gibt Autoren, die man liest, weil sie einen nicht mehr loslassen. Brentano gehört zur zweiten Gruppe. Seine Gedichte haben eine Qualität, die sich schwer in Worte fassen lässt: Sie klingen, auch wenn man sie nur im Kopf liest. Sie erzeugen Stimmungen, die man kennt, ohne sie benennen zu können. Und sie überraschen immer wieder, selbst bei mehrfacher Lektüre.
Darüber hinaus ist Brentano ein Schlüssel zum Verständnis der deutschen Romantik insgesamt. Wer seine Texte kennt, versteht besser, was diese Epoche angetrieben hat: die Sehnsucht nach Tiefe in einer zunehmend rationalen Welt, die Suche nach Schönheit im Vergänglichen, die Überzeugung, dass Sprache mehr kann, als nur Informationen zu übermitteln. Diese Überzeugung teilen viele Menschen auch heute noch, und genau deshalb ist Brentano kein Museumsautor, sondern ein lebendiger.
Gedichte von Clemens Brentano
Unsere Sammlung mit Gedichten von Clemens Brentano wächst kontinuierlich. Wir legen dabei Wert darauf, nicht nur die bekanntesten Texte zu präsentieren, sondern auch weniger geläufige Gedichte, die zeigen, wie vielschichtig sein Werk wirklich ist. Wenn Sie ein bestimmtes Gedicht vermissen oder Hinweise auf weitere Texte haben, schreiben Sie uns gerne über die E-Mail-Adresse in unserem Impressum. Wir freuen uns über jede Rückmeldung und jeden Hinweis, der unsere Sammlung bereichert.
Aktuell haben wir 11 Gedichte von Clemens Brentano in unserer Sammlung, die in folgenden Kategorien zu finden sind:
Zu seinen bekanntesten Werken zählen: Abendständchen, Sprich aus der Ferne und Der Spinnerin Nachtlied.
Abendständchen
Hör, es klagt die Flöte wieder,Autor: Clemens BrentanoKategorie: Gedichte der Romantik
und die kühlen Brunnen rauschen!
Golden weh'n die Töne nieder,
stille, stille, laß uns lauschen!
Holdes Bitten, mild Verlangen,
wie es süß zum Herzen spricht!
Durch die Nacht, die mich umfangen,
blickt zu mir der Töne Licht!
Hörst du, wie die Brunnen rauschen...
Hörst du wie die Brunnen rauschen,Autor: Clemens BrentanoKategorie: Gedichte der Romantik
Hörst du wie die Grille zirpt?
Stille, stille, laß uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt.
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt,
O wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Daß an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg’, ich wecke
Bald Dich auf und bin beglückt.
Kindergebet
Guten Abend, gute Nacht,Autor: Clemens BrentanoKategorie: Kindergedichte
Von Sternen bedacht,
Vom Mond angelacht,
Von Engeln bewacht,
Von Blumen umbaut,
Von Rosen beschaut,
Von Lilien bethaut,
Den Veilchen vertraut;
Schlupf`unter die Deck'
Dich reck' und dich streck',
Schlaf fromm und schlaf still,
Wenns Herrgottchen will,
Früh Morgen ohn' Sorgen
Das Schwälbchen dich weck'!
Der Spinnerin Nachtlied
Es sang vor langen JahrenAutor: Clemens BrentanoKategorie: Liebesgedichte
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl süßer Schall,
Da wir zusammen waren.
Ich sing und kann nicht weinen
Und spinne so allein
Den Faden klar und rein
Solang der Mond wird scheinen.
Das wir zusammen waren
Da sang die Nachtigall,
Nun mahnet mir ihr Schall,
Dass du von mir gefahren.
So oft der Mond mag scheinen,
Denk ich wohl dein allein,
Mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen.
Seit du von mir gefahren,
Singt stets die Nachtigall,
Ich denk bei ihrem Schall,
Wie wir zusammen waren.
Gott wolle uns vereinen,
Hier spinn ich so allein,
Der Mond scheint klar und rein,
Ich sing und möchte weinen!
Offenbarung
So lange habe ich sie leiden sehen,Autor: Clemens BrentanoKategorie: traurige Gedichte
So lange brennt ihr Schmerz in meiner Brust
Und gierig trank ich selbst mit frommer Lust
Das Gift aus ihrer Wunden tiefen Wehen.
Zu allen Mächten drang mein kindisch Flehen,
Mir war in meiner Unschuld nicht bewußt,
Daß mit der Freiheit traurigem Verlust
Der Schönheit alle Mächte untergehen.
Sie sieht mein Leiden, spricht mit hohen Blicken
O wehe! Was ich Sinkende berühre
Ich fest umklammernd in den Abgrund führe.
Da sprach ich kühn: mit schmerzlichem Entzücken
Will ich an Deinem Grabe untergehen,
Will ich an Deiner Wiege auferstehen.
Schnell nieder mit der alten Welt
Schnell nieder mit der alten Welt,Autor: Clemens BrentanoKategorie: sonstige Gedichte
Die neue zu erbauen.
Der, dem die Liebe sich gesellt,
Darf nicht nach Trümmern schauen.
Aus Kraft und nicht aus Reue dringt,
Was die Vergangenheit verschlingt.
Sie blüht mir nicht in Tälern
Sie blüht mir nicht in Tälern, nicht auf Höhen,Autor: Clemens BrentanoKategorie: sonstige Gedichte
Nicht in dem Wolkenflug; nicht in der Flut,
Die fort wie Sehnsucht eilt, kann ich sie sehen,
Und aus dem stillen See, der ewig ruht,
Steigt nicht ihr Bild. Es ist schon längst geschehen,
Daß die Natur verlor, was ich mit Mut
Erringen soll. Drum muß mit meinen Sinnen
Ich ewig der Entflohenen Netze spinnen.
Singet leise, leise, leise...
Singet leise, leise, leise,Autor: Clemens BrentanoKategorie: Gedichte der Romantik
singt ein flüsternd Wiegenlied;
von dem Monde lernt die Weise,
der so still am Himmel zieht.
Singt ein Lied so süß gelinde,
wie die Quellen auf den Kieseln,
wie die Bienen um die Linde
summen, murmeln, flüstern, rieseln.
So bricht das Herz
So bricht das Herz, so muß ich ewig weinen,Autor: Clemens BrentanoKategorie: traurige Gedichte
So tret' ich wankend auf die neue Bahn,
Und in dem ersten Schritte schon erscheinen
Die Hoffnungen, der Lohn ein leerer Wahn.
Mit Pflichten soll ich Liebe binden,
Die Liebe von der Pflicht getrennt;
Und frohe Kränze soll ich winden,
Die keine Blume kennt.
Der erste Blick muß schon in Tränen schwimmen,
Mir gegenüber steht das stille Haus,
Der Orgelton schwillt bang um helle Stimmen,
Die blassen Kerzen löschen einsam aus.
Ihr Stimmlein kann ich nicht erlauschen,
In Gottes Hand erlosch ihr Licht,
Und aus der schlanken Pappeln Rauschen
Die stumme Freundin spricht.
Sprich aus der Ferne
Sprich aus der FerneAutor: Clemens BrentanoKategorie: sonstige Gedichte
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.
Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze still leuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:
Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.
Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.
Glänzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.
Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht,
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:
Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln
Schimmerndes Ziel.
Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und traurend die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.
Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.
Treu, dunkellaubige Linde
Treu, dunkellaubige Linde,Autor: Clemens BrentanoKategorie: sonstige Gedichte
Wenn rings die Windsbraut tobt,
Dein Säuseln lieblich linde
Den Frieden Gottes lobt.
Treu, dunkellaubige Linde,
Wie fährt all Gut und Blut
Fort, fort im Sturm geschwinde,
Nur du hegst festen Mut,
Treu, dunkellaubige Linde,
Wie bist du stark und gut,
Wohl dem, der mit dem Kinde
Bei dir im Hüglein ruht.