Kindergebet
Kategorie: Kindergedichte
Guten Abend, gute Nacht,
Autor: Clemens Brentano
Von Sternen bedacht,
Vom Mond angelacht,
Von Engeln bewacht,
Von Blumen umbaut,
Von Rosen beschaut,
Von Lilien bethaut,
Den Veilchen vertraut;
Schlupf`unter die Deck'
Dich reck' und dich streck',
Schlaf fromm und schlaf still,
Wenns Herrgottchen will,
Früh Morgen ohn' Sorgen
Das Schwälbchen dich weck'!
- Biografischer Kontext
- Interpretation
- Stimmung
- Gesellschaftlicher und historischer Kontext
- Aktualitätsbezug
- Anlässe
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Biografischer Kontext
Clemens Brentano (1778–1842) zählt zu den prägenden Gestalten der deutschen Romantik. Sein Werk ist geprägt von einer tiefen Sehnsucht nach dem Wunderbaren, dem Religiösen und dem Kindlich-Unschuldigen. Neben seiner eigenen Dichtung sammelte und bearbeitete er gemeinsam mit Achim von Arnim Volkslieder für die berühmte Sammlung "Des Knaben Wunderhorn". Das "Kindergebet" spiegelt genau diese romantische Hinwendung zur einfachen, volksnahen Form und zur Welt des Glaubens wider. Brentanos Leben war von innerer Unruhe und einer Suche nach religiöser Heimat gekennzeichnet, die sich später in streng katholisch geprägten Werken äußerte. Dieses kleine Gedicht zeigt eine frühere, liebevoll-zutrauliche Facette seines Glaubensverständnisses.
Interpretation
Das Gedicht entfaltet sich wie ein schützender Zauberkreis um das schlafende Kind. Jede Zeile fügt eine weitere schützende oder liebevolle Schicht hinzu. Es beginnt mit den Himmelskörpern: Die Sterne "bedachen" das Kind, der Mond "lacht es an" – das Universum selbst ist hier kein kalter Raum, sondern eine persönliche, wohlwollende Instanz. Diese himmlische Sphäre wird durch die "Engel", die traditionellen Wächter, direkt mit dem Kind verbunden.
Danach wechselt der Blick auf die irdische, natürliche Umgebung. Die Blumen bauen eine Hütte, Rosen betrachten das Kind, Lilien benetzen es mit Tau, und Veilchen werden zu Vertrauten. Die Natur ist nicht wild, sondern ein geborgener, fast architektonisch geordneter Garten, der das Kind umhegt. Die Aufforderung "Schlupf`unter die Deck'" leitet dann zur konkreten Schlafhandlung über. Die Formulierung "Wenns Herrgottchen will" ist entscheidend: Sie zeigt ein kindlich-vertrautes, fast familiäres Verhältnis zu Gott, das frei von strenger Dogmatik ist. Der abschließende Wunsch nach einem sorgenfreien Morgen, geweckt von einem Schwalbchen, rundet das Idyll ab und verbindet den göttlichen Schutz mit dem Rhythmus der Natur.
Stimmung
Das Gedicht erzeugt eine Atmosphäre von absoluter Geborgenheit, zärtlicher Fürsorge und friedvoller Ruhe. Jedes Bild ist darauf ausgelegt, Ängste zu vertreiben und ein Gefühl des Umsorgtseins von allen Seiten – aus dem Himmel, von der Erde und von der Natur – zu vermitteln. Die Stimmung ist warm, sicher und träumerisch. Sie transportiert das Gefühl, in einer perfekt geordneten, guten Welt eingebettet zu sein, in der nichts bedrohlich ist. Es ist die reine, ungetrübte Stimmung einer behüteten Kindheit.
Gesellschaftlicher und historischer Kontext
Das "Kindergebet" ist ein typisches Produkt der Romantik. Diese Epoche um 1800 reagierte auf die nüchterne Vernunftbetonung der Aufklärung mit einer Hinwendung zu Gefühl, Seele, Natur und Religion. Besonders die Spätromantik, in der Brentano wirkte, entdeckte das Kind als Symbol für Ursprünglichkeit, Unschuld und einen direkteren Zugang zum Göttlichen. Das Gedicht ist kein Gebet im kirchlichen Sinne, sondern ein lyrisches, in eine Gebetsform gekleidetes Kunstwerk, das diese romantischen Ideale verkörpert. Es spiegelt auch das bürgerliche Ideal einer behüteten Kinderstube wider, das im 19. Jahrhundert an Bedeutung gewann.
Aktualitätsbezug
In unserer hektischen, oft reizüberfluteten Zeit hat dieses Gedicht eine besondere, fast therapeutische Bedeutung. Es bietet eine literarische Auszeit und eine Vorlage für ein "Gute-Nacht-Ritual". Die Sehnsucht nach Geborgenheit und einem geschützten Raum ist zeitlos. Eltern oder Vorlesende können mit dem Gedicht eine Insel der Ruhe schaffen. Seine Botschaft – dass man sich geborgen fühlen und auf eine natürliche, gute Ordnung vertrauen darf – ist ein tröstliches Gegenbild zu modernen Verunsicherungen. Es erinnert daran, Schutz und Frieden auch in einfachen, poetischen Bildern zu finden.
Anlässe
Das Gedicht eignet sich in erster Linie perfekt als Gute-Nacht-Gedicht oder als Teil des abendlichen Zubettgeh-Rituals mit Kindern. Darüber hinaus passt es wunderbar zu folgenden Gelegenheiten:
- Als Tauf- oder Geburtsgeschenk, eingefasst in einem Bilderrahmen.
- Als liebevolle Ergänzung in einem Babyalbum.
- Als ruhiger, besinnlicher Beitrag in einer Kinderandacht oder einem Familiengottesdienst.
- Für die Gestaltung eines Kinderzimmers, etwa als Wandtext.
- Als poetischer Einstieg in ein Gespräch über Gefühle von Sicherheit und Angst bei Kindern.
Sprachregister und Verständlichkeit
Die Sprache ist bewusst einfach und volksliedhaft gehalten, enthält aber einige veraltete Formen (Archaismen) wie "bedacht" (im Sinne von bedeckt/beschützt), "bethaut" (mit Tau benetzt) oder "reck' und ... streck'" (dich recken und strecken). Die Syntax ist knapp und reiht die Bilder parallel aneinander, was den Singsang-Charakter verstärkt. Für heutige Kinder müssen vielleicht ein, zwei Wörter kurz erklärt werden (z.B. "bethaut", "Veilchen"), doch der Gesamtsinn – dass alles den Schlafenden bewacht – erschließt sich auch ohne dieses Detailwissen sofort durch die beruhigende Rhythmik. Für Erwachsene bietet die Sprache einen nostalgischen Charme.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger geeignet ist das Gedicht für Menschen, die eine kritische oder distanzierte Haltung zu religiösen Inhalten suchen. Die selbstverständliche Einbettung in einen christlichen Kontext ("Engel", "Herrgottchen") könnte für einige unpassend wirken. Ebenso könnte die idealisierte, vollkommen idyllische und konfliktfreie Welt auf Leser, die realistischere oder auch spannendere Kinderlyrik bevorzugen, vielleicht etwas zu süßlich wirken. Wer nach moderner, experimenteller oder humorvoller Poesie sucht, wird hier nicht fündig.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du einen Moment ungetrübter Zärtlichkeit und kindlichen Vertrauens schaffen möchtest. Es ist der ideale literarische Begleiter für den Übergang vom Tag in die Nacht, um Ruhe und ein Gefühl des Beschütztseins zu vermitteln. Nutze es als kleines Ritual der Geborgenheit, sei es für dein eigenes Kind, als Enkelkind oder auch einfach für dich selbst, um an die einfachen, tröstlichen Bilder der Romantik anzuknüpfen. In einer lauten Welt ist es ein leises, aber kraftvolles Zeichen für Sicherheit und friedvollen Schlaf.
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