Kinderreim

Kategorie: Kindergedichte

Rische rasche rusche,
Der Hase sitzt im Busche.
Wolln wir mal das Leben wagen?
Wolln wir mal den Hasen jagen?

Rusche rasche rische,
Der Hase sitzt bei Tische.
Siehst du dort im grünen Kohl ihn?
Flink, nun lauf mal hin und hol ihn!

Rische rusche rasche,
Hast ihn in der Tasche?
Was? Er ist ins Feld gegangen?
Ätsch! Kann nicht mal Hasen fangen!

Autor: Gustav Falke

Biografischer Kontext

Gustav Falke (1853–1916) war ein deutscher Schriftsteller, der vor allem für seine Lyrik und Kinderlieder bekannt ist. Er gehörte zum Kreis der Literaten in Hamburg und stand unter dem Einfluss von Dichtern wie Detlev von Liliencron. Falkes Werk ist oft von einer volksliedhaften Einfachheit und einem heiteren, bisweilen melancholischen Ton geprägt. Sein Schaffen fällt in die Zeit des Naturalismus und des Jugendstils, doch er verfolgte häufig einen eigenen, unprätentiösen Weg. Gedichte wie "Kinderreim" zeigen seine besondere Begabung, kindliche Perspektiven und spielerische Sprachmelodien einzufangen, was ihn zu einem bis heute geschätzten, wenn auch nicht immer im literarischen Kanon prominent vertretenen Autor macht.

Interpretation

Der "Kinderreim" von Gustav Falke ist mehr als nur ein einfacher Vers. Auf den ersten Blick schildert er ein kurzes Hasen-Jagd-Abenteuer, das in einer humorvollen Niederlage endet. Die Interpretation erschließt sich jedoch besonders in der Struktur und im Sprachspiel. Die unsinnigen Anlautworte "Rische rasche rusche" imitieren das Rascheln im Gebüsch und setzen sofort einen klanglich-spielerischen Ton. Der Hase entzieht sich dabei geschickt jeder festen Greifbarkeit: Zuerst sitzt er im Busch, dann schon bei Tische im Kohl, und schließlich ist er einfach "ins Feld gegangen". Die Jagd bleibt somit eine reine Fantasieübung, ein Rollenspiel, das im Scheitern seinen eigentlichen Charme hat. Die letzte Zeile "Ätsch! Kann nicht mal Hasen fangen!" ist kein Ausdruck echter Frustration, sondern ein triumphierendes Eingeständnis des Misslingens, das zum gemeinsamen Lachen einlädt. Das Gedicht feiert so die kreative Vorstellungskraft des Spiels, bei dem der Weg – das laute Rischen und Rascheln, das heimliche Anschleichen – das eigentliche Ziel ist.

Stimmung

Das Gedicht erzeugt eine durchweg heitere, unbeschwerte und verspielte Stimmung. Durch den rhythmischen, fast singbaren Vortrag und die komische Wiederholung der Unsinnssilben fühlst du dich sofort in eine kindliche Welt versetzt, in der alles ein Abenteuer sein kann. Die Stimmung ist von Neugier ("Wolln wir mal das Leben wagen?") und gespieltem Eifer ("Flink, nun lauf mal hin und hol ihn!") geprägt. Das abrupte, aber kecke Ende mit dem Ausruf "Ätsch!" verwandelt die angebliche Niederlage in einen gemeinsamen Witz. Es herrscht keine Spannung oder Ernsthaftigkeit, sondern die reine Freude am lautmalerischen Sprachspiel und am geselligen Miteinander im fantasievollen Rollenspiel.

Gesellschaftlicher Kontext

Falkes Gedicht entstammt einer Zeit um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert, in der sich das Bürgertum zunehmend der Kindheit als einer eigenen, schützenswerten Lebensphase bewusst wurde. Es spiegelt den zeitgenössischen pädagogischen Impuls wider, kindgerechte Literatur zu schaffen, die die Welt aus der Perspektive des Kindes sieht und nicht nur belehren will. Stilistisch lässt es sich der Tradition des volkstümlichen Kinderreims und des unsinnigen Nonsens-Verses zuordnen, wie er auch bei Autoren wie Christian Morgenstern oder später bei Joachim Ringelnatz zu finden ist. Politische oder soziale Kritik sucht man hier vergebens; im Vordergrund steht die Pflege einer unbeschwerten, sprachspielerischen und von der strengen Erwachsenenwelt abgegrenzten Sphäre der Kindheit.

Aktualitätsbezug

Die Bedeutung des Gedichts liegt heute in seiner zeitlosen Qualität als Spiel- und Sprachvorbild. In einer durchgetakteten Welt, in der selbst Kinderspiele oft organisiert sind, erinnert es an die schlichte Kraft der eigenen Fantasie, die aus einem Busch und einem imaginären Hasen ein großes Abenteuer macht. Es lässt sich mühelos auf moderne Lebenssituationen übertragen: als Plädoyer dafür, auch im Alltag Raum für spielerische, ergebnisoffene Momente zu lassen. Der humorvolle Umgang mit dem eigenen Scheitern ("Ätsch! Kann nicht mal Hasen fangen!") ist zudem eine wunderbare Lektion in Gelassenheit – nicht nur für Kinder. Das Gedicht zeigt, dass der Spaß am Tun und am gemeinsamen Lachen oft wichtiger ist als der tatsächliche Erfolg.

Geeignete Anlässe

Dieser Kinderreim eignet sich perfekt für alle Situationen, in denen spielerische Interaktion und Sprachfreude im Mittelpunkt stehen. Ideal ist er zum Vorlesen und gemeinsamen Aufsagen mit jüngeren Kindern, etwa als turbulenter Einstieg in eine Gute-Nacht-Geschichten-Runde oder als Pausenfüller. Er passt hervorragend in den Kindergarten oder den Sprachunterricht in der Grundschule, um Rhythmusgefühl und Lautmalerei zu üben. Auch bei Familienfeiern kann er als kurzer, erfrischender Beitrag der Kinder zum Programm werden. Darüber hinaus ist er ein ausgezeichnetes Gedicht für alle, die einen literarischen Beweis für die Kunst des scheinbar Einfachen und die Poesie des Kinderspiels suchen.

Sprachregister und Verständlichkeit

Die Sprache ist bewusst einfach, volksnah und direkt. Es gibt keine Archaismen oder komplexen Syntaxstrukturen. Der Satzbau ist gradlinig und die Aufforderungen ("Wolln wir", "Siehst du", "lauf mal") schließen den Zuhörer unmittelbar ein. Die größte Besonderheit sind die kunstvoll erfundenen Lautworte "Rische rasche rusche", die den Klang des Geschehens imitieren und den Reiz des Gedichts ausmachen. Der Inhalt erschließt sich auch kleinen Kindern sofort: Es geht ums Jagen, Verstecken und darum, dass etwas nicht klappt. Die universelle Thematik und die klare Bildsprache machen das Gedicht für alle Altersgruppen ab etwa drei Jahren zugänglich und einprägsam.

Für wen eignet es sich weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Leser, die eine tiefgründige, metaphorisch aufgeladene oder gesellschaftskritische Lyrik suchen. Wer nach komplexen Interpretationsebenen, existenziellen Fragen oder ausgefeilten literarischen Bildern sucht, wird hier nicht fündig. Sein Zauber liegt gerade in der Reduktion auf das Spielerische und Unmittelbare. Ebenso könnte der sehr kindliche Ton und die bewusste Simplizität für ältere Jugendliche oder Erwachsene ohne Bezug zu Kindern auf den ersten Blick vielleicht als "zu einfach" erscheinen, bevor sie den kunstvollen Unsinn und den Charme der Inszenierung würdigen.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du einen Moment der unbeschwerten Freude und des gemeinsamen Lachens schaffen möchtest. Es ist die perfekte Wahl, um mit Kindern in die Welt der Lyrik einzutauchen, ohne dass sie eine Hürde spüren. Nutze es, um Rhythmus und Klang in der Sprache erlebbar zu machen oder um nach einem stressigen Tag eine lockere, heitere Atmosphäre zu zaubern. Gustav Falkes "Kinderreim" ist ein kleines Meisterwerk der leichten Muse – ein Gedicht, das beweist, dass große Poesie manchmal im fröhlichen "Rische rasche rusche" beginnt und im herzlichen "Ätsch!" endet.

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