Du musst verstehn...
Kategorie: Kindergedichte
Du musst verstehn!
Autor: Johann Wolfgang von Goethe
Aus Eins mach Zehn,
Und Zwei lass gehn,
Und Drei mach gleich,
So bist du reich.
Verlier die Vier!
Aus Fünf und Sechs -
So sagt die Hex -
Mach Sieben und Acht,
So ists vollbracht:
Und Neun ist Eins,
Und Zehn ist keins,
Das ist das Hexen-Einmaleins!
- Biografischer Kontext
- Interpretation des Gedichts
- Stimmung des Gedichts
- Gesellschaftlicher und historischer Kontext
- Aktualitätsbezug und moderne Bedeutung
- Geeignete Anlässe für das Gedicht
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Biografischer Kontext
Johann Wolfgang von Goethe, der unbestrittene Titan der deutschen Literatur, verfasste dieses rätselhafte Gedicht nicht als eigenständiges Werk, sondern als zentrales Element in seinem monumentalen Lebenswerk "Faust. Der Tragödie erster Teil". Es erscheint in der Szene "Hexenküche", die um 1808 veröffentlicht wurde. In dieser Phase war Goethe bereits ein gereifter Dichter und Naturwissenschaftler, fasziniert von den Grenzbereichen zwischen rationaler Welterklärung, Alchemie und Mystik. Das "Hexen-Einmaleins" spiegelt diese intensive Auseinandersetzung wider. Es ist kein Kinderreim, sondern ein bewusst rätselhafter Zauberspruch, den Mephistopheles Faust vorführt, um ihn auf seine Verjüngung und Verführung Gretchens vorzubereiten. Goethes tiefes Interesse an Symbolik, Verwandlung und den geheimen Gesetzen der Natur verdichtet sich hier in scheinbar kindlicher Form.
Interpretation des Gedichts
Das Gedicht ist ein paradoxes Rechenexempel, das die Logik des gewöhnlichen Einmaleins systematisch außer Kraft setzt. Es beschreibt keine mathematische, sondern eine magische Transformation. Die Anweisungen "Aus Eins mach Zehn" und "Und Zehn ist keins" deuten auf einen zyklischen Prozess hin, bei dem der Ausgangspunkt (Eins) nach einer Reihe von Verwandlungen durch ein Nichts (keins) wieder erreicht wird – ein klassisches alchemistisches Symbol für die Große Arbeit, die Suche nach dem Stein der Weisen. Die Zahlen verlieren ihren quantitativen Wert und werden zu qualitativen Symbolen. "Und Zwei lass gehn" und "Verlier die Vier!" könnten auf das Überwinden von Dualitäten (Gut/Böse, Körper/Geist) hindeuten. Die mysteriöse Gleichsetzung "Und Neun ist Eins" vervollständigt den Kreis. Letztlich ist dieses Einmaleins eine Anleitung zur Weltumdeutung, bei der feststehende Regeln und Werte umgestoßen werden müssen, um zu einem neuen, "reichen" Zustand zu gelangen – genau das, was Faust sucht und was Mephistopheles ihm vortäuscht.
Stimmung des Gedichts
Das Gedicht erzeugt eine eigenartige, unheimliche und zugleich faszinierende Stimmung. Der einfache, fast kindlich-tänzelnde Rhythmus und der Reim stehen in einem scharfen Kontrast zum rätselhaften und sinnverweigernden Inhalt. Dies erzeugt eine kognitive Dissonanz, die beunruhigt. Es fühlt sich an wie ein Singsang aus einer anderen Welt, der vertraut klingt, aber keinen rationalen Sinn ergibt. Die Nennung der Hexe ("So sagt die Hex") verankert das Ganze im Bereich des Dämonischen und Okkulten. Die Stimmung ist die einer Beschwörung: autoritativ, geheimnisvoll und voller verheißungsvoller Andeutungen ("So bist du reich", "So ists vollbracht"), deren wahre, teuflische Natur sich erst im Kontext der Faust-Handlung offenbart.
Gesellschaftlicher und historischer Kontext
Das Gedicht ist ein Produkt der Übergangszeit zwischen Sturm und Drang, Klassik und aufkeimender Romantik. Es spiegelt das damalige Spannungsfeld zwischen aufklärerischer Vernunftgläubigkeit und einer wiedererstarkten Faszination für das Irrationale, Mythische und Mittelalterliche. Die Hexenküche in "Faust" karikiert zugleich den okkulten Aberglauben, den die Aufklärung bekämpfte, und die kalte, mechanistische Weltsicht, die diese hinterließ. Das "Hexen-Einmaleins" kann als Parodie auf starre Denksysteme und dogmatische Wissenschaft gelesen werden. In einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und geistiger Umbrüche (Französische Revolution) stellt Goethe die Frage nach den wahren Grundlagen von Wissen und Macht. Das Gedicht ist ein literarisches Symbol für die Verführungskraft einfacher, aber falscher Lösungen und für die Destabilisierung aller festen Werte – ein zentrales Thema der Moderne.
Aktualitätsbezug und moderne Bedeutung
Das "Hexen-Einmaleins" ist heute erschreckend aktuell. Es steht metaphorisch für "alternative Fakten", für die postmoderne Beliebigkeit, in der Wahrheit zu einer Frage der Perspektive oder der geschickten Manipulation wird. In einer Welt von Filterblasen, Deepfakes und gezielter Desinformation folgen viele öffentliche Diskurse nicht mehr den Regeln der Logik ("dem Einmaleins"), sondern einem magischen Denken, in dem aus Eins Zehn gemacht wird und Zehn am Ende keins ist. Das Gedicht warnt uns vor simplen Rezepten, die komplexe Probleme lösen und uns "reich" machen sollen – sei es in der Politik, der Werbung oder der Selbstoptimierung. Es erinnert uns daran, wachsam gegenüber Sprach- und Denkzaubereien zu bleiben, die uns die Welt verdrehen wollen.
Geeignete Anlässe für das Gedicht
Dieses Gedicht eignet sich nicht für fröhliche Feiern, sondern für intellektuell anregende oder künstlerische Kontexte. Perfekt ist es für Literaturkurse oder Diskussionsrunden über Faust, Goethe oder die Macht der Sprache. Auf einer Theateraufführung oder einer szenischen Lesung von "Faust" entfaltet es seine volle Wirkung. Es kann auch als pointierter Einstieg in Vorträge über Medienkritik, Wissenschaftstheorie oder die Psychologie der Manipulation dienen. Für kreative Schreibworkshops bietet es ein hervorragendes Beispiel für rätselhafte, mehrdeutige Lyrik. Denkbar ist auch der Einsatz in einem philosophischen Gesprächskreis, der sich mit der Relativität von Werten und Wahrheit beschäftigt.
Sprachregister und Verständlichkeit
Die Sprache des Gedichts ist auf den ersten Blick simpel. Sie verwendet kurze, imperative Sätze, einen eingängigen Rhythmus und einen klaren Kreuzreim. Archaismen wie "lass gehn", "mach gleich" oder "ists" sind leicht verständlich. Die große Herausforderung liegt nicht im Vokabular oder der Syntax, sondern in der semantischen Ebene: Der Inhalt ist absichtlich kryptisch und widerspricht jeder alltäglichen Logik. Für jüngere Leser mag es wie ein lustiger Nonsens-Reim klingen, den sie auswendig lernen können, ohne ihn zu verstehen. Erst mit zunehmendem Alter und literarischem Vorwissen erschließt sich die tiefere, unheimliche Bedeutung und der intertextuelle Bezug zu Faust. Das Gedicht funktioniert also auf zwei Ebenen: als eingängiger Kinderreim und als komplexes literarisches Symbol.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht ist weniger geeignet für Menschen, die nach klaren, unmittelbar verständlichen und gefühlvollen poetischen Botschaften suchen. Wer Trost, romantische Gefühle oder eine eindeutige Lebensweisheit in einem Gedicht erwartet, wird hier enttäuscht werden. Es eignet sich auch nicht gut für sehr formelle oder feierliche Anlässe wie Hochzeiten oder Trauerfeiern, da sein Inhalt zu rätselhaft und seine Hintergrundgeschichte zu düster ist. Für rein unterhaltende Zwecke, etwa als einfacher Partybeitrag, ist es zu anspruchsvoll und bedrückend. Kurz gesagt: Es ist kein Gedicht zur reinen Unterhaltung oder seelischen Erbauung, sondern eines zum Nachdenken, Diskutieren und Interpretieren.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du dein Publikum nicht nur unterhalten, sondern auch intellektuell herausfordern und zu einem tiefgründigen Gespräch anregen möchtest. Es ist die perfekte Wahl für einen literarischen Abend, eine philosophische Runde oder eine Unterrichtsstunde über die Doppelbödigkeit von Sprache. Nutze es als Türöffner, um über Themen wie Manipulation, die Relativität von Wahrheit und die Verführung durch scheinbar einfache Lösungen zu sprechen. Lass es in einem dunkleren, geheimnisvollen Ton vortragen, um seine unheimliche Atmosphäre voll zur Geltung zu bringen. Dieses Gedicht ist ein Werkzeug zum Denken – setze es genau dafür ein.
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