Weihnachtsgedichte fuer Kinder / Der Christbaum im Himmel
Kategorie: Weihnachtsgedichte
Da droben, da droben muss Christtag es sein,
Autor: Georg Christian Dieffenbach
es leuchten und flimmern die Lichtelein,
viel hundert und tausend, ach, mehr wohl gar,
die glänzen am Himmel so hell und klar.
Dort oben, dort oben wohnt allezeit
Christkindchen in himmlischer Herrlichkeit.
Es hat wohl den Engeln in dunkler Nacht
ein Bäumchen mit flimmernden Lichtern gebracht.
Dort oben, dort oben möchte gerne ich sein,
mich freu'n mit den heiligen Engelein
und wandeln im hellen, im himmlischen Saal
und schauen die flimmernden Lichtlein zumal.
- Biografischer Kontext
- Interpretation des Gedichts
- Stimmung des Gedichts
- Historischer und gesellschaftlicher Kontext
- Aktualitätsbezug und moderne Bedeutung
- Geeignete Anlässe
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Biografischer Kontext
Georg Christian Dieffenbach (1822–1901) war ein protestantischer Pfarrer, Pädagoge und Schriftsteller, der vor allem durch seine Kinder- und Jugendbücher sowie seine volkstümlichen Gedichte bekannt wurde. Sein literaturgeschichtlicher Rang liegt weniger in avantgardistischer Poesie, sondern vielmehr in seiner breitenwirksamen, pädagogisch motivierten Dichtung des 19. Jahrhunderts. Als Seelsorger und Lehrer verstand er es, einfache, moralisch gefärbte und zugängliche Verse zu verfassen, die besonders in bürgerlichen und kirchlichen Kreisen Anklang fanden. Sein Werk ist geprägt von einem tiefen christlichen Glauben und dem Bestreben, diesen in kindgerechter Form zu vermitteln. "Der Christbaum im Himmel" ist ein typisches Beispiel für diese Schaffensphase, in der religiöse Inhalte mit vertrauten, heimeligen Bildern verknüpft werden.
Interpretation des Gedichts
Das Gedicht entwirft eine traumhafte Parallelwelt: den Himmel als weihnachtliches Festzimmer. Die wiederholte Anapher "Da droben, da droben" und "Dort oben, dort oben" zieht den Blick des Lesers wie magisch nach oben in eine Sphäre des reinen Glanzes. Der Himmel selbst wird hier zum Christbaum umgedeutet, dessen unzählige Sterne als "Lichtelein" und "flimmernde Lichter" interpretiert werden. Diese geniale Metapher verbindet das kosmische Wunder des Sternenhimmels mit dem vertrauten, familiären Symbol des Weihnachtsbaumes.
Im zweiten Vers wird diese himmlische Weihnacht personifiziert: Das Christkind wohnt dort in ewiger Herrlichkeit und hat, so die liebevolle Vorstellung, den Engeln diesen leuchtenden Baum als Geschenk bereitet. Damit wird die irdische Weihnachtshandlung – das Schmücken und Beschenken – in den Himmel projiziert und zugleich verklärt. Der kindliche Sprecher im dritten Vers äußert den sehnsuchtsvollen Wunsch, Teil dieser himmlischen Gemeinschaft zu sein, sich mit den Engeln zu freuen und in dem "hellen, himmlischen Saal" zu wandeln. Das Gedicht endet nicht mit einer moralischen Lehre, sondern mit diesem Bild reinen, schauenden Genießens ("schauen die flimmernden Lichtlein zumal"), was eine starke emotionale und sinnliche Wirkung hinterlässt.
Stimmung des Gedichts
Die Stimmung ist durchweg sehnsuchtsvoll, staunend und von friedvoller Freude geprägt. Es herrscht eine stille, fast andächtige Begeisterung vor. Die vielen Verkleinerungsformen ("Lichtelein", "Bäumchen", "Engelein", "Lichtlein") schaffen eine Atmosphäre der Innigkeit und des Vertrauens. Die Wiederholungen im Aufbau wirken wie ein Wiegenlied und erzeugen ein Gefühl von Geborgenheit. Gleichzeitig transportiert das Gedicht durch die Vorstellung der unendlichen, funkelnden Weite des Himmels auch ein Gefühl der ehrfürchtigen Verwunderung. Es ist eine Mischung aus kindlichem Staunen über das Wunder der Weihnachtsnacht und einer tröstlichen Gewissheit, dass es einen Ort vollkommener, leuchtender Freude gibt.
Historischer und gesellschaftlicher Kontext
Das Gedicht entstammt dem späten 19. Jahrhundert, einer Zeit, in der das Weihnachtsfest in seiner heutigen bürgerlich-familiären Form mit geschmücktem Tannenbaum und Bescherung durch das "Christkind" endgültig populär wurde. Dieffenbachs Werk spiegelt diese kulturelle Entwicklung wider. Es steht in der Tradition der spätromantischen und biedermeierlichen Dichtung, die das Idyll, das Heimelige und das religiös Gefühlvolle in den Vordergrund stellte. Politische oder soziale Kritik sucht man hier vergebens; das Gedicht dient der Erbauung und der Stiftung eines harmonischen, von Alltagssorgen abgehobenen Moments. Es zeigt, wie stark sich das Weihnachtsfest zu einem Fest der inneren Bilder, der emotionalen Wärme und der kindlichen Perspektive entwickelt hatte, losgelöst von streng theologischer Dogmatik.
Aktualitätsbezug und moderne Bedeutung
Die Sehnsucht nach Licht, Geborgenheit und einem Ort ungetrübten Friedens ist heute so aktuell wie vor 150 Jahren. In einer oft hektischen und von künstlichem Licht geprägten Zeit kann das Gedicht dazu einladen, in einer klaren Winternacht tatsächlich den Sternenhimmel als "Christbaum im Himmel" zu betrachten und so einen Moment der Entschleunigung und des Staunens zu erleben. Es erinnert an die Kraft der kindlichen Perspektive, die im Alltag oft verloren geht. Zudem bietet das Bild des himmlischen Saales, in dem alle willkommen sind, um gemeinsam das Licht zu schauen, eine schöne metaphorische Grundlage für Inklusion und gemeinsames Feiern jenseits von materiellen Geschenken. Es ist ein Gedicht gegen die Konsumüberflutung und für die Besinnung auf einfache, gemeinsame Freude.
Geeignete Anlässe
Dieses Gedicht ist ein perfekter Begleiter für besinnliche Momente in der Advents- und Weihnachtszeit. Du kannst es wunderbar nutzen:
- Als Einstimmung oder Abschluss einer familiären Weihnachtsfeier, besonders wenn Kinder anwesend sind.
- Im Rahmen einer Kinder-Christvesper oder eines Krippenspiels in der Kirche oder im Kindergarten.
- Beim gemeinsamen Anzünden der Kerzen am Weihnachtsbaum.
- Als Gute-Nacht-Gedicht in den Nächten vor Weihnachten.
- Für weihnachtliche Bastel- oder Malaktionen, die den Sternenhimmel thematisieren.
Sprachregister und Verständlichkeit
Die Sprache ist bewusst einfach und volksnah gehalten. Sie enthält einige für heutige Ohren altertümlich wirkende Wörter ("zumal" im Sinne von "alle zusammen", "droben"), die sich aus dem Kontext aber leicht erschließen. Die Syntax ist klar und geradlinig, die Sätze sind kurz. Die vielen Wiederholungen und der eingängige Rhythmus machen das Gedicht auch für junge Kinder leicht verständlich und einprägsam. Ältere Kinder und Erwachsene können die tieferliegende Metaphorik und die stille Sehnsucht erfassen. Es ist ein Text, der generationenübergreifend funktioniert und keine speziellen literarischen Vorkenntnisse erfordert.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Menschen, die nach kritischer, moderner oder religionskritischer Lyrik suchen, werden hier nicht fündig. Das Gedicht ist unzweifelhaft fromm und stellt eine idealisierte, konfliktfreie Welt dar. Wer eine düstere, realistische oder ironische Auseinandersetzung mit dem Weihnachtsthema sucht, sollte zu anderen Autoren greifen. Auch für rein weltliche Feiern, die jeden religiösen Bezug meiden, ist der Text aufgrund der klaren christlichen Symbolik (Christkind, Engel, Himmel) wahrscheinlich nicht die erste Wahl.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du einen Moment unverfälschter, kindlicher Weihnachtsmagie schaffen möchtest. Es ist ideal für den Heiligen Abend, kurz bevor die Geschenke ausgepackt werden, oder in einer ruhigen Minute, in der die Lichter des Baumes und vielleicht der funkelnde Nachthimmel im Blick sind. Es eignet sich hervorragend, um Kindern das Wunder der Weihnachtsnacht nicht nur als irdisches Fest, sondern als ein Gefühl von grenzenloser, leuchtender Freude zu vermitteln. Lass dich von seiner schlichten Schönheit und dem zeitlosen Staunen über den "Christbaum im Himmel" verzaubern.
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