Abschied

Kategorie: Abschiedsgedichte

Das alte Lied, das alte Leiden,
Das jeden Menschen einst betrübt:
Ade, ade, jetzt muß ich scheiden
Von dir, die ich so sehr geliebt.

Wer kann es sagen, kann es wissen,
Ob er die Lieben wiedersieht;
Ein letzter Gruß, ein letztes Küssen,
Das alte Leid, das alte Lied.

Nun reich’ mir deine beiden Hände,
Den letzten Kuß, leb wohl, ade!
So laß mich los und mach’ ein Ende -
Wer weiß, ob ich dich wiederseh...

Autor: Hermann Löns

Biografischer Kontext: Hermann Löns

Hermann Löns (1866-1914) ist heute vor allem als "Heimatdichter" der Lüneburger Heide bekannt, dessen Naturlyrik und Prosa ein romantisch verklärtes Bild dieser Landschaft prägten. Hinter dieser Fassade verbarg sich jedoch ein komplexer Charakter: Löns war auch Journalist, Jäger und ein durchaus kritischer Geist, der in seinen Texten oft die Zerstörung der Natur durch die Moderne beklagte. Sein früher Tod als freiwilliger Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg machte ihn posthum zur nationalistischen Ikone, was sein literarisches Erbe lange überschattete. Das Gedicht "Abschied" zeigt eine andere, sehr persönliche und melancholische Seite des Autors, die über das reine Heimatpathos hinausreicht.

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "Abschied" kreist um das universelle und schmerzhafte Erlebnis der Trennung von einem geliebten Menschen. Schon die ersten Zeilen stellen es unter das Zeichen der Wiederholung und des Schicksals: "Das alte Lied, das alte Leiden" deutet an, dass dieser Schmerz zeitlos und ein jedem Menschen bevorstehendes Los ist. Die direkte Ansprache "Von dir, die ich so sehr geliebt" macht die Situation intim und konkret.

Die zweite Strophe vertieft die existenzielle Unsicherheit, die mit jedem Abschied einhergeht. Die rhetorische Frage "Wer kann es sagen, kann es wissen, / Ob er die Lieben wiedersieht?" hebt jede Gewissheit auf. Der Abschied wird zu einem Akt im Angesicht des Ungewissen. Die Struktur des Gedichts ist zyklisch angelegt: Es endet fast mit denselben Worten, mit denen es begann ("Das alte Leid, das alte Lied."), was den Eindruck eines niemals endenden, immer wiederkehrenden menschlichen Grundmusters verstärkt.

Die letzte Strophe ist besonders eindringlich. Die Bitte "Nun reich' mir deine beiden Hände" und der Imperativ "So laß mich los und mach' ein Ende" zeigen einen inneren Kampf zwischen dem Festhaltenwollen und der bitteren Einsicht, dass die Trennung vollzogen werden muss. Die wiederholte, verzweifelte Frage "Wer weiß, ob ich dich wiederseh..." lässt das Gedicht nicht in Resignation, sondern in einer schwebenden Trauer ausklingen.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine Stimmung tiefster, resignativer Wehmut und schmerzhafter Abschiedssehnsucht. Es ist keine laute, dramatische Klage, sondern eine stille, in sich gekehrte Trauer. Die ständige Betonung des "Letzten" (letzter Gruß, letztes Küssen, letzten Kuß) verleiht jeder Geste ein endgültiges, beinahe feierliches Gewicht. Die zyklische Struktur und die Wiederholungen vermitteln ein Gefühl der Ausweglosigkeit und des schicksalhaften Erleidens. Insgesamt dominiert eine melancholische, herbstliche Grundstimmung, die von der Ahnung möglicher ewiger Trennung überschattet wird.

Gesellschaftlicher und historischer Kontext

Das Gedicht entstammt der Zeit um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Es lässt sich keiner strengen literarischen Epoche wie dem Expressionismus zuordnen, sondern steht in der Tradition der späten Romantik und des poetischen Realismus. Thematisch spiegelt es weniger konkrete politische Umstände wider, sondern vielmehr eine Grundhaltung, die in einer Zeit raschen Wandels (Industrialisierung, Urbanisierung) Bestand hatte: die Fokussierung auf elementare menschliche Gefühle und unausweichliche Schicksale wie Liebe, Tod und Trennung.

In einer Ära, in der Reisen beschwerlicher und Kommunikation langsamer war, hatte ein Abschied mit ungewissem Wiedersehen ein viel größeres, existenzielleres Gewicht als heute. Dieses Gefühl der prekären Verbindung greift Löns auf. Zudem zeigt sich hier der Löns jenseits des völkischen Heimatkults: der sensible Beobachter der menschlichen Seele.

Aktualitätsbezug: Bedeutung für heute

Die bleibende Kraft dieses Gedichts liegt genau in seiner zeitlosen Thematik. Auch heute erleben Menschen schmerzhafte Abschiede: beim Ende einer Beziehung, beim Auszug der Kinder, beim Wegzug eines Freundes in eine ferne Stadt oder im Angesicht einer schweren Krankheit. Die Frage "Wer weiß, ob ich dich wiederseh..." hat im modernen, mobilen Leben vielleicht an praktischer, aber nicht an emotionaler Dringlichkeit verloren.

In einer Welt, die oft auf Optimierung und Kontrolle setzt, erinnert das Gedicht an die unauflösbaren Unsicherheiten des Lebens. Es gibt der Trauer und der Wehmut einen legitimen Raum, ohne sie sofort "lösen" zu wollen. Damit bietet es Trost durch Verständnis – das Gefühl, mit seinem Abschiedsschmerz nicht allein, sondern Teil eines "alten Liedes" der Menschheit zu sein.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

Dieses Gedicht eignet sich nicht für fröhliche Feste, sondern für Momente des ernsten Abschieds und des Gedenkens.

  • Als tröstender oder ausdruckgebender Text bei der Beendigung einer tiefen, persönlichen Beziehung.
  • Als Lesung oder in einer Trauerrede bei Beerdigungen oder Gedenkfeiern, um den Schmerz des endgültigen Abschieds zu benennen.
  • Als poetische Reflexion bei einem tatsächlichen, räumlichen Abschied mit ungewisser Zukunft, etwa einer längeren Reise oder einem Umzug.
  • Für persönliche Tagebücher oder Erinnerungsalben, um einer vergangenen Liebe oder Freundschaft literarisch Ausdruck zu verleihen.

Sprachregister und Verständlichkeit

Die Sprache des Gedichts ist klar, emotional und in einem gehobenen, aber nicht übermäßig komplexen Stil gehalten. Einige veraltete Formen wie "wiedersieht" (statt wiedersieht), "reich' mir" (Apokope) oder "ade" verleihen dem Text einen leicht archaischen, zeitlosen Klang, der seine Wirkung aber nicht schmälert. Die Syntax ist einfach und geradlinig. Die Botschaft erschließt sich auch jüngeren Lesern ab der Mittelstufe direkt, da die Gefühle von Abschied und Unsicherheit universell sind. Die poetische Verdichtung und die melancholische Stimmung werden mit zunehmendem Alter und Lebenserfahrung jedoch intensiver nachempfunden werden können.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht ist weniger geeignet für Menschen, die in einer akuten Trauerphase nach klaren Trostworten oder einer hoffnungsvollen Perspektive suchen. Seine resignative, zyklische Grundhaltung ("das alte Leid") könnte in solchen Momenten als zu bestätigend für die eigene Verzweiflung empfunden werden. Ebenso ist es unpassend für fröhliche Anlässe wie Hochzeiten, Geburtstage oder Feiern. Wer nach leicht verdaulicher, unterhaltsamer oder optimistischer Lyrik sucht, wird mit diesem tief melancholischen Werk wenig anfangen können.

Abschließende Empfehlung: Wann du dieses Gedicht wählen solltest

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du einen literarischen Ausdruck für einen schweren, herzzerreißenden Abschied suchst, der die ganze Tiefe des Verlusts und die quälende Ungewissheit der Zukunft einfangen soll. Es ist das perfekte Gedicht, um innezuhalten und den reinen Schmerz der Trennung anzuerkennen, ohne ihn sofort beschönigen zu müssen. Nutze es, wenn du jemandem zeigen willst, dass du die Schwere seines Abschieds verstehst, oder wenn du für dich selbst in einem Tagebuch oder Brief Worte für ein "altes Leiden" finden möchtest. Es ist ein Gedicht für stille, einsame Momente der Reflexion oder für zeremonielle Abschiede, die der Trauer ihren vollen Raum geben.

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