Abschied

Kategorie: Abschiedsgedichte

Der schöne Sommer geht zu Ende,
Die Blütenbäume stehn entlaubt,
Oh, leg noch einmal deine Hände
Zum Segnen auf dies müde Haupt!

Die Sehnsucht meiner besten Tage
Erfüllte sich: Du wurdest mein. –
Der laute Jubel wird zur Klage,
Denn was noch kommt, muss trübe sein.

Der schöne Sommer geht zu Ende,
Die Blütenbäume stehn entlaubt,
Oh, leg noch einmal deine Hände
Zum Segnen auf dies müde Haupt!

Autor: Ernst Goll

Biografischer Kontext

Ernst Goll, mit bürgerlichem Namen Ernst Goldeck, war ein österreichischer Schriftsteller, der von 1887 bis 1912 lebte. Sein kurzes Leben fiel in eine Zeit des Übergangs zwischen Spätromantik, Impressionismus und beginnendem Expressionismus. Goll, der auch als Bibliothekar arbeitete, veröffentlichte Lyrik und Prosa, die oft von melancholischen Grundtönen und einer intensiven Naturwahrnehmung geprägt waren. Sein früher Tod mit nur 25 Jahren hinterließ ein schmales, aber feinsinniges Werk. Das Gedicht "Abschied" spiegelt diese persönliche Sensibilität wider und kann vor dem Hintergrund seiner kurzen, vielleicht von Ahnungen der Vergänglichkeit überschatteten Schaffenszeit gelesen werden.

Interpretation

Das Gedicht "Abschied" kreist um das zentrale Motiv des sommerlichen Vergehens, das als Metapher für den Abschied von einer glücklichen Lebensphase dient. Die wiederholte Anfangszeile "Der schöne Sommer geht zu Ende" setzt sofort den Ton der Vergänglichkeit. Die "entlaubten Blütenbäume" sind ein starkes Bild für Verlust und Kargheit, das dem früheren Blütenreichtum gegenübersteht. Die flehende Bitte, die Hände "zum Segnen" auf das "müde Haupt" zu legen, zeigt eine tiefe Sehnsucht nach Trost, Zuspruch und einem letzten, gnadenhaften Moment der Verbundenheit, bevor die Trennung vollzogen ist.

In der zweiten Strophe wird klar, dass der "schöne Sommer" eine erfüllte Liebe symbolisierte. Die "Sehnsucht meiner besten Tage" fand ihre Erfüllung. Doch diese Erfüllung schlägt unweigerlich um: "Der laute Jubel wird zur Klage". Diese Zeile beschreibt den schmerzhaften emotionalen Umschwung, der jedem intensiven Glück folgen kann. Die Voraussage "Denn was noch kommt, muss trübe sein" ist ein resignatives Eingeständnis, dass die kommende Zeit nicht an die vergangene Herrlichkeit anknüpfen kann. Die Wiederholung der ersten Strophe am Ende unterstreicht die Ausweglosigkeit dieser Stimmung und lässt das lyrische Ich in seiner Bitte um Segen verharren.

Stimmung

Das Gedicht erzeugt eine überwiegend elegische, wehmütige und resignative Stimmung. Es ist durchdrungen von einem Gefühl des unwiderruflichen Verlusts und der melancholischen Vorwegnahme kommender Trübsal. Die Bilder von Herbst und Verwelken dominieren. Trotz der Erwähnung vergangenen Jubels überwiegt die Klage. Die wiederholte, flehende Geste ("Oh, leg noch einmal...") verleiht der Stimmung eine Note der Verzweiflung und des hilfesuchenden Anklammerns an eine letzte Geste der Zuwendung, bevor die Dunkelheit hereinbricht.

Historischer Kontext

Das Gedicht ist klar in der Tradition der spätromantischen und impressionistischen Lyrik verankert, die um 1900 blühte. Typisch für diese Strömungen ist die intensive Verknüpfung von Seelenlandschaft und Naturbild, wie sie hier im Sommerende als Spiegel der seelischen Verfassung vollzogen wird. Das Thema der Vergänglichkeit, der "Abschied" von Schönheit und Jugend, war ein zentrales Motiv der Jahrhundertwende, einer Epoche, die sich zwischen Dekadenzbewusstsein und Aufbruch bewegte. Politische oder soziale Themen treten hinter diese sehr persönliche, existenzielle Betrachtung zurück. Es spiegelt das individuelle Erleben von Verlust und die Suche nach Transzendenz oder Trost in einer zunehmend säkularisierten Welt.

Aktualitätsbezug

Die emotionale Grundsituation des Gedichts ist zeitlos und lässt sich mühelos auf moderne Lebenssituationen übertragen. Jeder Mensch kennt Abschiede: das Ende einer glücklichen Beziehung, den Auszug der Kinder, den Ruhestand nach einer erfüllten Berufszeit oder einfach den Abschied von einer lebensfrohen Phase. Die Erfahrung, dass auf einen Höhepunkt unweigerlich ein Abschwung folgt, ist universell. Das Gedicht gibt dieser melancholischen, aber auch sehr menschlichen Stimmung eine poetische Form. In unserer schnelllebigen, auf ständiges "Weiter so" und Optimierung getrimmten Zeit, bietet es Raum, die Traurigkeit des Vergehens anzuerkennen und ihr Würde zu verleihen.

Anlässe

Das Gedicht eignet sich besonders für Momente des persönlichen oder gemeinsamen Rückblicks und Abschiednehmens. Denkbar ist ein Vortrag oder eine schriftliche Beigabe:

  • Bei einer Trauerfeier, um die Wehmut des Verlusts auszudrücken.
  • Zum Ende eines bedeutenden Lebensabschnitts (z.B. Jubiläum, Pensionierung).
  • Als Reflexion im Herbst, wenn die Natur das im Gedicht Beschriebene sichtbar macht.
  • In einem sehr persönlichen Kontext beim Ende einer tiefen Beziehung oder Freundschaft.

Sprache

Die Sprache des Gedichts ist klassisch und gehoben, aber nicht schwer verständlich. Sie verwendet wenige, gut eingängige Bilder (Sommer, Blütenbäume, müdes Haupt). Komplexe Syntax oder Fremdwörter sucht man vergebens. Leichte Archaismen wie "stehn" für "stehen" oder die Satzstellung "Du wurdest mein" sind für sich genommen keine Hürden. Der Inhalt erschließt sich auch jüngeren Lesern ab der Mittelstufe durch die klare metaphorische Verknüpfung von Jahreszeit und Gefühlslage. Die einfache, aber kraftvolle Wiederholung der ersten Strophe verstärkt die Botschaft und macht sie leicht memorierbar.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Weniger geeignet ist das Gedicht für Anlässe, die reine Feierlichkeit, unbeschwerte Freude oder einen optimistischen Neuanfang in den Vordergrund stellen. Wer Trost in Form von aufmunternden Worten oder hoffnungsvollen Zukunftsperspektiven sucht, wird hier nicht fündig. Die durchgängig resignative und wehmutsvolle Haltung könnte in solchen Situationen sogar als unpassend empfunden werden. Auch für Menschen, die gerade selbst in einer depressiven Phase stecken, könnte die kompromisslose Düsterheit der Aussage "Denn was noch kommt, muss trübe sein" verstärkend wirken.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du einen poetischen und ehrlichen Ausdruck für das Gefühl des unwiederbringlichen Verlusts einer schönen Zeit suchst. Es ist das perfekte sprachliche Kunstwerk für Momente, in denen Wehmut und Traurigkeit im Vordergrund stehen dürfen und sollen, ohne sofort mit Trost oder Ablenkung überdeckt zu werden. Seine Stärke liegt in der puren, ungeschönten Anerkennung der Vergänglichkeit. Nutze es, wenn du dieser melancholischen, aber tief menschlichen Stimmung Raum geben möchtest – sei es für dich selbst, um deine Gefühle zu ordnen, oder um sie mit anderen zu teilen, die einen ähnlichen Abschied durchleben.

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