Gedichte zum Nachdenken

Lustige Gedichte sind schön und gut: Sie haben ihre Berechtigung, und zwar hundertprozentig. Dennoch sollte man darüber nicht vergessen, dass das Leben kein einziger, nicht enden wollender Spaß ist: Es gibt immer ernste Dinge, die einen Menschen beschäftigen können. Jemand, der beispielsweise auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist, braucht – sofern er sich für Lyrik interessiert – Gedichte zum Nachdenken. Deren Autoren stellen sich darin ganz oft Sinnfragen. Manchmal können sie eine Antwort darauf geben, manchmal nicht. Manchmal können sie Mut machen, manchmal nicht. Gedichte zum Nachdenken können darüber hinaus Themen wie Familie oder Liebeskummer beinhalten. Damit zeigt der Verfasser anderen, dass sie nicht allein sind mit ihrem Problem, und das ist bereits eine Art Trost. Gedichte zum Nachdenken müssen jedoch nicht zwangsläufig traurig sein. Auch kurze, knackige Gedichte können den Leser oder Hörer dazu animieren, sich über etwas Gedanken zu machen.

Es wohnen die hohen Gedanken
Es wohnen die hohen Gedanken
In einem hohen Haus.
Ich klopfte, doch immer hieß es:
Die Herrschaft fuhr eben aus!

Nun klopf ich ganz bescheiden
Bei kleineren Leuten an.
Ein Stückel Brot, ein Groschen
Ernähren auch ihren Mann.

Autor: Wilhelm Busch

Der Mensch
Empfangen und genähret
vom Weibe wunderbar,
kömmt er und sieht und höret
und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret,
und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret,
hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret;
und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar;
und alles dieses währet,
wenn' s hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmt nimmer wieder.

Autor: Matthias Claudius

Gedanken bei einer Begebenheit
Vergnüge dich, mein Sinn, und laß dein Schicksal walten,
Es weiß, worauf du warten solt:
Das wahre Glück hat doch verschiedene Gestalten
Und kleidet sich nicht nur in Gold.

Dein Geist würkt ja noch frei in ungekränkten Gliedern,
Du hast noch Haus und Vaterland:
Worüber klagst du denn? nur Stolz schämt sich im niedern
Und Uebermuth im Mittelstand.

Was hülfe dich zuletzt der Umgang jener Weisen,
Die unerblasst zum Tode gehn?
Sollst du Beständigkeit in fremdem Beispiel preisen,
In deinem dir entgegen stehn?

Nein, bettle wer da will des Glückes eitle Gaben,
Im Wunsche groß, klein im Genuß;
Von mir soll das Geschick nur diese Bitte haben:
Gleich fern von Noth und Ueberfluß!

Autor: Albrecht von Haller

Die Gedanken
Ein scheues Wild die Gedanken sind.
Jag ihnen nach, sie fliehen geschwind.
Siehst du sie hellen Auges an,
zutraulich wagen sie sich heran.
Ein stiller Wanderer kann sie zähmen,
das Futter ihm aus der Hand zu nehmen.

Autor: Paul Heyse

Einsame Gedanken
Einsame Gedanken, sie tauchen zuweilen -
Urplötzlich aus ihren Verstecken und eilen
Auf luftigen Flügeln davon; indessen
Hast du die flüchtigen wieder vergessen,
Und legst wieder täglich im alten Gleise
Ein Stück zurück deiner Lebensreise.
Und dann urplötzlich nach Jahren – da schwanken
Vor dir die einsamen, stummen Gedanken.
Du weißt, schon einmal in früheren Tagen
Hast du dich mit ihnen herumgeschlagen.
Und seltsam beengend wird dir zu Sinnen:
Du möchtest von Neuem wieder beginnen,
Um auf ganz anderen, fremden Wegen
Dein Leben zurück noch einmal zu legen.
Es ist dir versagt. Da packt dich ein Bangen.
Du weißt mit dir selbst Nichts anzufangen,
Und währenddessen fühlst du die Gedanken
Sich fester um deine Seele ranken.

Und erst nach Tagen, die langsam gehen,
Siehst du sie weichen, und spurlos zerwehen...

Autor: John Henry Mackay

Geschöpf nicht mehr, Gebieter der Gedanken
Geschöpf nicht mehr, Gebieter der Gedanken,
des Willens Herr, nicht mehr in Willens Frone,
der flutenden Empfindung Maß und Meister,

zu tief, um an Verneinung zu erkranken,
zu frei, als daß Verstocktheit in ihm wohne:
So bindet sich ein Mensch ans Reich der Geister:

So findet er den Pfad zum Thron der Throne.

Autor: Christian Morgenstern

Die Frage bleibt
Halte dich still, halte dich stumm,
Nur nicht forschen, warum? warum?

Nur nicht bittre Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.

Wie's dich auch aufzuhorchen treibt,
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.

Autor: Theodor Fontane

Der Knoten
Als ich in Jugendtagen
Noch ohne Grübelei,
Da meint ich mit Behagen,
Mein Denken wäre frei.

Seitdem hab ich die Stirne
Oft auf die Hand gestützt
Und fand, dass im Gehirne
Ein harter Knoten sitzt.

Mein Stolz, der wurde kleiner.
Ich merkte mit Verdruss:
Es kann doch unsereiner
Nur denken, wie er muss.

Autor: Wilhelm Busch

Sonett der Seele
Willensdrang von tausend Wesen
Wogt in uns vereint, verklärt:
Feuer loht und Rebe gärt
Und sie locken uns zum Bösen.

Tiergewalten, kampfbewährt,
Herrengaben, auserlesen,
Eignen uns und wir verwesen
Einer Welt ererbten Wert.

Wenn wir unsrer Seele lauschen,
Hören wirs wie Eisen klirren,
Rätselhafte Quellen rauschen,

Stille Vögelflüge schwirren...
Und wir fühlen uns verwandt
Weltenkräften unerkannt.

Autor: Hugo von Hofmannsthal

Der Zopf im Kopfe
Einst hat man das Haar frisiert,
Hat’s gepudert und geschmiert,
Dass es stattlich glänze,
Steif die Stirne begrenze.

Nun lässt schlicht man wohl das Haar,
Doch dafür wird wunderbar
Das Gehirn frisieret,
Meisterlich dressieret.

Auf dem Kopfe die Frisur,
Ist sie wohl ganz Unnatur,
Scheint mir doch passabel,
Nicht so miserabel,

Als jetzt im Gehirn der Zopf,
Als jetzt die Frisur im Kopf,
Puder und Pomade
Im Gehirn! – Gott Gnade!

Autor: Justinus Kerner

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