Regentag
Kategorie: Abschiedsgedichte
Ein Türspalt gähnt, ein Auge lugt ins Zimmer,
Autor: Steffen M. Diebold
die Katze humpelt aus dem dunklen Flur,
der Kuckuck pöbelt aus der Kuckucksuhr:
das Dasein ist so krank und hohl wie immer.
Man wünscht sich fort an helle warme Orte,
und tief im Schädel hämmert er und bellt,
der Fluchtgedanke, wie ein Wild umstellt:
für Nässe hat man weder Sinn noch Worte.
Die Trübsal visitiert, der Tag trägt Glatze,
und Kälte kriecht durch dickeste Pullover,
das Nichtstun macht nicht klug, doch auch nicht doofer:
retour im Flur lahmt immer noch die Katze.
Zuletzt fragt man: „Was hat man hier verloren?“
Und ganz im Ernst: „Wozu ist man geboren?“
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
- Aktualitätsbezug - Bedeutung heute
- Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht?
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Das Gedicht "Regentag" zeichnet ein dichtes, beklemmendes Bild innerer und äußerer Öde. Es beginnt mit einer fast unheimlichen Personifikation der Umgebung: Der "Türspalt gähnt", als ob das Haus selbst müde und abweisend wäre. Ein beobachtendes Auge lugt herein, was ein Gefühl des Ausgeliefertseins oder der Überwachung erzeugt. Die humpelnde Katze und der "pöbelnde" Kuckuck aus der Uhr sind keine lieblichen Details, sondern Zeichen einer gestörten, lädierten Normalität. Sie münden in die fundamentale Feststellung: "das Dasein ist so krank und hohl wie immer". Dieser Refrain des Nihilismus durchzieht das gesamte Werk.
Die zweite Strophe beschreibt den Impuls zur Flucht, der jedoch sofort als unmöglich erscheint. Der "Fluchtgedanke" wird als gejagtes Wild metaphorisiert, das "umstellt" ist – es gibt also kein Entkommen. Die Ablehnung der äußeren Realität ("Nässe") ist so total, dass ihr nicht einmal mit Worten beizukommen ist. In der dritten Strophe wird die Trübsal zur offiziellen Besucherin ("visitiert"), der Tag ist kahl ("trägt Glatze"). Bemerkenswert ist die Zeile "das Nichtstun macht nicht klug, doch auch nicht doofer", eine resignierte, zynische Abrechnung mit der Hoffnung auf Erkenntnis oder Besserung durch Passivität. Die Rückkehr zur lahmenden Katze im Flur unterstreicht die ausweglose Zyklizität dieses Zustands.
Das Gedicht gipfelt in zwei existenziellen Fragen, die direkt und ohne rhetorischen Schmuck gestellt werden: "Was hat man hier verloren?" und "Wozu ist man geboren?". Sie sind das logische, erschütternde Ergebnis der vorangegangenen Schilderungen. Es sind keine Fragen, die nach einer einfachen Antwort suchen, sondern Ausdruck einer tiefen Orientierungs- und Sinnlosigkeit.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
"Regentag" erzeugt eine intensive Stimmung von lähmender Melancholie, existenzieller Leere und beklemmender Enge. Es ist die Atmosphäre eines grauen Sonntagnachmittags, der sich ins Unendliche auszudehnen scheint, gepaart mit einer grundlegenden Lebensmüdigkeit. Die Stimmung ist nicht dramatisch oder laut, sondern eher introvertiert, dumpf und von einer schweren Resignation getragen. Es herrscht ein Gefühl der Gefangenschaft – sowohl in den eigenen vier Wänden als auch im eigenen Kopf ("tief im Schädel hämmert er und bellt"). Eine leise Aggression schwingt mit (der "pöbelnde" Kuckuck, der "bellende" Gedanke), die sich jedoch nicht nach außen entladen kann und sich somit nach innen richtet. Insgesamt hinterlässt das Gedicht den Eindruck einer fundamentalen Entfremdung von der Welt und von sich selbst.
Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
Das Gedicht lässt sich klar in der Tradition der literarischen Moderne und speziell des Expressionismus oder der Neuen Sachlichkeit verorten. Die düstere, entfremdete Grundstimmung, die Zerrissenheit des Individuums und die schonungslose Darstellung innerer Zustände sind typisch für die expressionistische Lyrik nach dem Ersten Weltkrieg. Die Bilder sind nicht schön, sondern "krank und hohl", was auf eine Desillusionierung und eine Krise des bürgerlichen Weltbilds hindeutet.
Es spiegelt das Lebensgefühl in einer Phase der Unsicherheit und Orientierungslosigkeit, möglicherweise in der Weimarer Republik oder den Jahren der wirtschaftlichen und politischen Krisen. Die Sinnfragen am Ende können als Reaktion auf den Verlust traditioneller religiöser und gesellschaftlicher Werteordnungen gelesen werden. Der Fokus auf das Innere, auf die psychologische Befindlichkeit in einer als feindlich oder leer empfundenen Umwelt, ist ein zentrales Motiv dieser Epoche. Auch die Alltagsgegenstände (Kuckucksuhr, Pullover) werden nicht idyllisch, sondern als Teil der bedrückenden Atmosphäre beschrieben.
Aktualitätsbezug - Bedeutung heute
Das Gedicht ist erschreckend aktuell. In einer Zeit, die von Reizüberflutung, Leistungsdruck und der ständigen Suche nach Optimierung geprägt ist, trifft "Regentag" den Nerv eines weitverbreiteten Gegengefühls: das der Erschöpfung, des "Burn-outs" oder der "Lethargie". Die beschriebene Situation erinnert an depressive Verstimmungen oder an Tage, an denen die Motivation völlig fehlt – ein Zustand, den viele Menschen aus dem modernen Alltag oder besonders in Phasen des Homeoffice und der sozialen Isolation kennen.
Die existenziellen Fragen "Was hat man hier verloren?" und "Wozu ist man geboren?" sind heute genauso relevant wie vor hundert Jahren. In einer individualisierten Gesellschaft, in der jeder selbst für seinen Sinn verantwortlich ist, können diese Fragen besonders drängend werden. Das Gedicht gibt keine Antwort, aber es benennt das Gefühl der Sinnleere, das in ruhigen (oder zu ruhigen) Momenten durchbrechen kann, mit einer seltenen Direktheit. Es fungiert somit als sprachlicher Ausdruck für Stimmungen, für die uns im Alltag oft die Worte fehlen.
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht?
Dieses Gedicht eignet sich nicht für festliche oder feierliche Anlässe. Seine Stärke liegt in der reflektierenden und vielleicht sogar therapeutischen Auseinandersetzung. Es passt hervorragend:
- Zur literarischen Analyse im Deutschunterricht, um Epochenmerkmale der Moderne oder Stilmittel der Verfremdung zu besprechen.
- In Lesungen mit Schwerpunkt auf melancholischer oder existentialistischer Lyrik.
- Als Impuls für persönliche oder philosophische Tagebucheinträge, um über eigene Stimmungen der Leere oder Orientierungslosigkeit nachzudenken.
- Für ruhige, introvertierte Momente, in denen man sich mit der eigenen Melancholie konfrontieren und sie durch die Sprache des Gedichts vielleicht besser fassen und damit distanzieren kann.
- Als Kontrastmittel in einer Gedichtsammlung, um die Bandbreite menschlicher Emotionen von Freude bis zur tiefen Resignation abzubilden.
Sprachregister und Verständlichkeit
Die Sprache des Gedichts ist kunstvoll, aber nicht übermäßig komplex oder archaisch. Sie bedient sich eines gehobenen, literarischen Registers. Fremdwörter wie "visitieren" oder "retour" fallen auf, sind aber im Kontext verständlich. Die Syntax ist meist klar, wird aber durch expressive Metaphern und Personifikationen ("der Tag trägt Glatze", "die Trübsal visitiert") angereichert, die ein hohes Maß an Abstraktion und bildhaftem Denken erfordern.
Für literaturinteressierte Jugendliche und Erwachsene ist der Inhalt gut erschließbar. Die Grundstimmung von Langeweile und Unbehagen ist auch jüngeren Lesern ab etwa 16 Jahren nachvollziehbar, die tiefere existenzielle Ebene und die historischen Bezüge erschließen sich jedoch erst mit mehr Lebens- und Leseerfahrung. Die direkten Fragen am Ende sind für alle Altersgruppen verständlich und eindringlich.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht ist weniger geeignet für Menschen, die sich in einer akut positiven oder feierlichen Stimmung befinden und diese bestätigt sehen möchten. Es ist auch kein Gedicht für Kinder, da seine düstere, sinnsuchende Thematik und seine komplexe Metaphorik sie überfordern und möglicherweise verunsichern könnten. Wer nach einfachen, tröstenden oder motivierenden Botschaften sucht, wird hier nicht fündig. Ebenso ist es für oberflächliche oder rein unterhaltende Leseanlässe unpassend, da es eine gewisse Bereitschaft zur introspektiven und vielleicht auch unbequemen Auseinandersetzung voraussetzt.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du dich nicht mit leichtfertigem Trost oder oberflächlicher Schönheit zufriedengeben willst. Es ist die perfekte Lektüre für trübe Herbst- oder Wintertage, an denen die Welt draußen grau erscheint und sich innere Fragen aufdrängen. Nutze es, wenn du das Gefühl hast, dass deine eigene Melancholie oder Sinnsuche Worte braucht, und du in der Literatur ein Echo dieser Stimmung finden möchtest. Es eignet sich auch hervorragend, um in einem literarischen Gespräch über die großen Fragen des Daseins einzusteigen – nicht um Antworten zu finden, sondern um die Tiefe der Frage selbst zu begreifen. "Regentag" ist ein kraftvolles, weil ehrliches Gedicht für die stillen und schwierigen Stunden des Lebens.
Mehr Abschiedsgedichte
- Liebe, wunderschönes Leben - Joseph von Eichendorff
- Abschied für immer - Achim von Arnim
- Abschied - Theodor Storm
- Abschied - Heinrich Beitzke
- Abschied - Wilhelm Busch
- Urlaub und Abschied - Rudolf G. Binding
- Abschied - Otto Julius Bierbaum
- Abschied - Rainer Maria Rilke
- Abschied - Mathilde von Bayern
- Der Abschied - Johann Wolfgang von Goethe
- Abschied vom Leben - Elsa Asenijeff
- Abschied - Heinrich Leuthold
- Abschied - Thekla Lingen
- Abschied - Hermann Löns
- Abschied. - Josef Mauthner
- Abschied - Otto Roquette
- Abschied - Ferdinand Sauter
- In dieser Zeit meines Abschieds - Rabindranath Thakur
- Abschied - Ernst Goll
- Abschied - Julie Hausmann
- Sammelsurium - Jemand, der es gut u n d ernst meint!
- Zum Mond und zurück und 1000 mal drum rum - Melcelsa
- Ruhe in Frieden - Italian S.
- Kalter Abschiedskuss - Marcel Strömer
- Meine letzten Flügelschläge - Marcel Strömer
- 33 weitere Abschiedsgedichte