Welt der Worte
Kategorie: Abschiedsgedichte
Fesseln, die du legst, wenn du schreibst.
Autor: Achim Schier
Flügel, welche du damit verleihst.
Welt der Worte, in die ich entflieh,
um dich zu finden: doch aber wie?
Zurück zu mir selbst, es fällt mir schwer:
weil dort Geräusche, ich frag mich wer,
wer stört diese Stunde?
Ich schau mich um,
es war nur die Katze, ich nehm's
ihr nicht krumm.
Doch dann wieder Stille
ich kehre zurück,
beginn' wieder zu lesen,
ach was für ein Glück...
© Achim Schier (*1956)
- Interpretation des Gedichts
- Stimmung des Gedichts
- Gesellschaftlicher und historischer Kontext
- Aktualitätsbezug und moderne Bedeutung
- Geeignete Anlässe für das Gedicht
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Eine tiefgründige Interpretation von "Welt der Worte"
Das Gedicht "Welt der Worte" von Achim Schier beschreibt auf eindrückliche Weise den ambivalenten Zauber des Lesens und Schreibens. Es beginnt mit einem starken Kontrast: Worte werden als "Fesseln" und zugleich als "Flügel" beschrieben. Diese Metapher zeigt die zwei Seiten der literarischen Tätigkeit. Einerseits bindet sie den Autor an die Regeln der Sprache und das stille Sitzen, andererseits befreit sie die Gedanken und ermöglicht Reisen in fremde Welten. Der zentrale Wunsch, in dieser Welt der Worte zu "entflieh", um "dich zu finden", deutet auf eine Suche hin. Es ist die Suche nach einem Gegenüber, vielleicht nach Inspiration, nach einer verlorenen Idee oder sogar nach einem Teil des eigenen Selbst. Die Rückkehr zu sich selbst fällt schwer, weil die innere Stille von äußeren "Geräuschen" gestört wird. Die banale Unterbrechung durch die Katze ist ein genialer Schachzug des Dichters. Sie holt die lyrische Ebene auf den Boden der Alltäglichkeit zurück und macht die beschriebene Situation unglaublich nahbar. Der kurze, verzeihende Kommentar ("ich nehm's ihr nicht krumm") unterstreicht die liebevolle Gelassenheit des Sprechers. Die finale Rückkehr in die Stille und das Glücksgefühl beim erneuten Lesen beschreiben einen perfekten Kreislauf der Konzentration, der durchbrochen und doch immer wieder gefunden wird. Es ist ein Gedicht über die Freude an der vertieften Hinwendung und die Kostbarkeit ungestörter Momente.
Die erzeugte Stimmung: Zwischen Vertiefung und heimeliger Unterbrechung
Achim Schier gelingt es, eine sehr spezifische und warme Stimmung zu weben. Zunächst dominiert eine fast feierliche, kontemplative Atmosphäre, die von den Begriffen "Fesseln", "Flügel" und "entflieh" geprägt ist. Es herrscht die Spannung und Konzentration des kreativen Aktes. Diese Stimmung wird jäh durchbrochen von einem Moment der Irritation und leichten Verärgerung ("wer stört diese Stunde?"). Doch anstatt in Frust zu kippen, löst sich die Spannung sofort in eine fast heitere, nachsichtige Gelassenheit auf. Die Identifikation der Störung als "nur die Katze" schafft ein Gefühl von Vertrautheit und Geborgenheit. Die abschließenden Zeilen münden dann in ein tiefes, zufriedenes und beglücktes Gefühl der Ruhe. Insgesamt ist die Stimmung ein Wechselspiel aus intellektueller Tiefe und alltäglicher Gemütlichkeit, das beim Leser ein wohliges Schmunzeln und ein Gefühl des Wiedererkennens hinterlässt.
Gesellschaftlicher und historischer Kontext
Das Gedicht ist nicht einer spezifischen literarischen Epoche wie der Romantik zuzuordnen, sondern spiegelt ein zeitloses, menschliches Grundbedürfnis wider. Dennoch lässt es sich vor dem Hintergrund der späten Moderne und der digitalen Beschleunigung lesen. Achim Schier, Jahrgang 1956, hat den rasanten Wandel von einer analog geprägten zu einer hypervernetzten Welt miterlebt. In diesem Kontext gewinnt das Gedicht eine subtile gesellschaftliche Dimension. Es thematisiert den Wert der ungeteilten Aufmerksamkeit und der tiefen Versenkung – Güter, die in einer Zeit permanenter Erreichbarkeit und digitaler Ablenkung immer seltener werden. Die "Geräusche", die den Sprecher stören, können somit auch als Metapher für die Informationsflut und den Lärm des modernen Lebens verstanden werden. Die "Welt der Worte" wird zum geschützten Rückzugsraum, einer Oase der Kontemplation in einer hektischen Umwelt. In diesem Sinne hat das Gedicht fast schon einen sanft resistiven Charakter, es preist die bewusste Abkehr vom Trubel.
Aktualitätsbezug: Warum dieses Gedicht heute relevant ist
Die Bedeutung von "Welt der Worte" ist heute vielleicht größer denn je. In einer Ära, in der unsere Konzentration durch Push-Nachrichten, soziale Medien und Multitasking ständig fragmentiert wird, beschreibt das Gedicht den sehnsüchtigen Wunsch nach fokussierter Vertiefung. Jeder, der versucht, ein Buch zu lesen, einen anspruchsvollen Text zu schreiben oder einfach nur in Ruhe nachzudenken, kennt die beschriebenen Unterbrechungen – sei es nun das Smartphone, ein Hintergrundgeräusch oder tatsächlich ein Haustier. Das Gedicht erinnert uns an das Glück, diese Unterbrechungen zu überwinden und in einen Flow-Zustand zurückzufinden. Es bestätigt alle, die das Lesen als aktive Form der Entschleunigung und Selbstfindung praktizieren. Die Botschaft ist tröstlich und bestärkend: Störungen gehören dazu, aber die Rückkehr in die "Stille" und in die "Welt der Worte" ist immer möglich und ein beglückendes Ereignis.
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
Dieses Gedicht ist eine wunderbare Wahl für verschiedene Gelegenheiten, die mit Lesen, Schreiben und Reflektion zu tun haben. Es eignet sich perfekt als Einstieg oder Motto für einen Literaturkreis, einen Schreibworkshop oder eine Buchpräsentation. Bibliotheken oder Buchhandlungen können es verwenden, um für die Freude am Lesen zu werben. Privat ist es ein ideales Geschenk für leidenschaftliche Leser, Schriftsteller oder Menschen, die einen besonderen Sinn für die kleinen, poetischen Momente des Alltags haben. Man könnte es auch in einem Blog oder einem Newsletter zum Thema "Achtsamkeit" oder "Digitale Balance" einsetzen, um den Wert der ungestörten Zeit zu betonen. Auf einer persönlichen Ebene ist es einfach ein Gedicht, das man für sich selbst liest, um sich an die Schönheit vertiefter Stunden zu erinnern.
Sprachregister und Verständlichkeit für verschiedene Altersgruppen
Die Sprache des Gedichts ist klar, zugänglich und frei von komplexen Archaismen oder Fremdwörtern. Der Satzbau ist überwiegend einfach und folgt einem natürlichen Sprechrhythmus, was durch die geschickt gesetzten Enjambements (Zeilensprünge) noch unterstützt wird. Einzige leichte Stilmittel sind die metaphorischen Begriffe "Fesseln" und "Flügel" zu Beginn, die sich aus dem Kontext aber leicht erschließen. Die direkte Frage ("doch aber wie?") und die umgangssprachlichen Wendungen ("ich nehm's ihr nicht krumm", "ach was für ein Glück") machen den Text lebendig und nahbar. Dadurch ist das Gedicht für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen verständlich und ansprechend. Selbst jüngere Leser ab der Mittelstufe können den Kern der Aussage – die Freude am Lesen und der Ärger über Störungen – problemlos nachvollziehen. Es ist ein hervorragendes Beispiel für poetische Tiefe, die ohne sprachliche Barrieren auskommt.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger ansprechend könnte das Gedicht für Leser sein, die explizit nach actionreicher, dramatischer oder gesellschaftskritisch scharfer Lyrik suchen. Wer komplexe, verschlüsselte Symbolik oder experimentelle Sprachformen erwartet, wird hier nicht fündig. Auch für sehr formale Anlässe, die eine pathetische oder feierliche Diktion erfordern, ist der alltagsnahe, fast beiläufige Ton möglicherweise nicht die erste Wahl. Das Gedicht lebt von seiner Intimität und seiner Schilderung einer ganz privaten, unspektakulären Situation. Wer diese Art der subtilen Beobachtung nicht schätzt, könnte den Charme von "Welt der Worte" vielleicht übersehen.
Abschließende Empfehlung: Wann du dieses Gedicht wählen solltest
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du die magische und gleichzeitig sehr irdische Erfahrung des Lesens und Schreibens in Worte fassen möchtest. Es ist die perfekte literarische Begleitung für alle, die verstehen, dass tiefe Konzentration ein kostbarer Zustand ist, der störungsanfällig, aber umso beglückender ist, wenn man ihn findet. Nutze es, um Buchliebhabern eine Freude zu machen, um in einem Workshop über kreative Prozesse zu sprechen oder um auf deiner eigenen Website für mehr Achtsamkeit im Umgang mit der eigenen Lesezeit zu plädieren. "Welt der Worte" ist weniger ein lautes Manifest als vielmehr ein leises, weises und warmherziges Plädoyer für die Oasen der Stille in unserem Leben. Es erinnert uns daran, dass der Weg zu uns selbst und zu großen Gedanken manchmal über die einfache, ungestörte Lektüre führt.
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