Mutter...

Kategorie: Abschiedsgedichte

Das Grab vereist.
Still stehe ich da.
Lange her
als sie noch war.

Farn und Wildwuchs
tarnen das Grab.
Bin froh um`s Gefühl
das ich noch hab`

Pflanze ein Blümchen
mit bunten Farben.
Macht zärtlich die Stätte
und in seelischen Narben.

Ich sage ihr "Tschüß".
nicht nur dem Sand.
Stätte wirkt friedlich
unter Gottes Hand.

Autor: Bernd Tunn

Eine tiefgründige Interpretation von "Mutter..."

Das Gedicht "Mutter..." von Bernd Tunn beschreibt einen sehr persönlichen Moment der Trauer und des Abschieds am Grab der Mutter. Es beginnt mit einer kargen, winterlichen Szenerie – "Das Grab vereist" – die die Erstarrung und Kälte des Verlusts sinnbildlich macht. Der Sprecher steht "still" da, was auf eine tiefe, vielleicht sprachlose Betroffenheit hindeutet. Die Zeile "Lange her / als sie noch war" verdeutlicht den zeitlichen Abstand zum Verlust, der den Schmerz nicht gelöscht, aber verwandelt hat.

In der zweiten Strophe wird der natürliche Verfall des Grabes durch "Farn und Wildwuchs" beschrieben. Dieses Überwuchern könnte als Metapher für die langsame Überdeckung der unmittelbaren Erinnerung durch den Alltag gelesen werden. Umso bedeutsamer ist das "Gefühl / das ich noch hab", das der Sprecher als kostbaren, lebendigen Rest der Verbindung schützt. Die dritte Strophe zeigt eine aktive Handlung der Zuwendung: Das Pflanzen eines "Blümchens / mit bunten Farben" ist ein Ritual der Pflege und der Liebe. Es verändert die Stätte und, noch wichtiger, die "seelischen Narben" des Sprechers, macht sie "zärtlich". Dies ist ein zentraler Moment der Heilung, bei dem die äußere Handlung eine innere Wirkung entfaltet.

Der finale Abschied "Ich sage ihr 'Tschüß'" ist nicht nur an den "Sand" gerichtet, sondern bewusst an die Mutter selbst. Die Schlusszeilen verleihen der Szene eine spirituelle Dimension. Die "friedlich" wirkende Stätte "unter Gottes Hand" vermittelt ein Gefühl des Geborgenseins und der transzendenten Ordnung, die dem persönlichen Schmerz einen größeren Rahmen gibt und Trost spendet.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine vielschichtige, nachdenkliche Stimmung. Ein initiales Gefühl der Kühle und Stille ("vereist", "Still stehe ich") weicht nicht einer lauten Trauer, sondern einer ruhigen, in sich gekehrten Melancholie. Durch die Handlung des Blumengebens und die abschließende religiöse Gewissheit entwickelt sich die Grundstimmung jedoch behutsam in Richtung eines versöhnlichen Friedens. Es ist eine Stimmung der kontemplativen Erinnerung, in der Traurigkeit und ein tröstliches Gefühl der fortbestehenden Verbindung nebeneinander existieren. Die Stimmung ist nicht erdrückend traurig, sondern zeigt einen Weg der persönlichen Bewältigung und des liebevollen Gedenkens auf.

Gesellschaftlicher oder historischer Kontext

Das Gedicht spiegelt kein spezifisches literarisches Zeitalter wie Romantik oder Expressionismus wider, sondern spricht ein zeitloses, menschliches Grundthema an. Dennoch lässt sich ein Bezug zu modernen Umgangsformen mit Tod und Trauer herstellen. In einer Gesellschaft, die den Tod oft aus dem Alltag verdrängt, stellt das Gedicht ein sehr persönliches, unmittelbares Ritual in den Mittelpunkt. Es zeigt keine institutionalisierte Trauerfeier, sondern einen einsamen, intimen Moment am Grab. Dies entspricht einem modernen Bedürfnis nach individuellen und authentischen Formen der Trauerbewältigung, die jenseits von traditionellen Konventionen liegen können. Der spirituelle Verweis "unter Gottes Hand" öffnet den persönlichen Moment für eine übergeordnete, religiöse Sinngebung, was für viele Menschen auch heute ein wichtiger Aspekt der Verarbeitung ist.

Aktualitätsbezug - Bedeutung in der heutigen Zeit

Die Bedeutung des Gedichts ist heute ungebrochen hoch. In einer schnelllebigen Zeit, die oft wenig Raum für langsame Prozesse wie Trauer lässt, erinnert es an die Wichtigkeit des Innehaltens und des pflegenden Gedenkens. Die Übertragung auf moderne Lebenssituationen ist direkt möglich: Jeder, der einen geliebten Menschen verloren hat, kennt diese Momente des stillen Besuchs, das Bedürfnis, die Erinnerung durch eine kleine Geste (wie eine Blume) lebendig zu halten, und den schwierigen Prozess, einen friedvollen inneren Abschied zu finden. Das Gedicht bestätigt, dass Trauer ein individueller Weg ist, auf dem auch Jahre später Gefühle und Narben präsent sein dürfen, und dass kleine Rituale helfen können, sie zu besänftigen.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

Das Gedicht eignet sich in erster Linie für persönliche Momente der Erinnerung, etwa am Todestag, zum Muttertag oder einfach an Tagen, an denen die Sehnsucht nach der verstorbenen Mutter besonders stark ist. Es kann eine stille Begleitung beim Friedhofsbesuch sein. Darüber hinaus bietet es sich an, um in einem vertrauten Kreis bei einer Trauerfeier oder einer Gedenkstunde vorgetragen zu werden, da es Trauer und Trost gleichermaßen ausdrückt. Auch für jemanden, der selbst um eine Mutter trauert, kann das Weiterreichen dieses Gedichts eine tröstende Geste der Anteilnahme sein.

Sprachregister und Verständlichkeit

Die Sprache des Gedichts ist bewusst einfach, klar und unprätentiös gehalten. Sie kommt ohne Archaismen oder komplexe Syntax aus und wirkt dadurch sehr authentisch und direkt. Einzig die verkürzte Form "um`s" und "hab`" verleihen der Sprache eine leicht mündliche, vertraute Note. Fremdwörter sucht man vergebens. Der Inhalt erschließt sich bereits beim ersten Lesen, was das Gedicht für ein breites Publikum zugänglich macht. Jugendliche und Erwachsene können den Kern der Aussage gleichermaßen erfassen, wobei die emotionale Tiefe und die Bedeutung der "seelischen Narben" mit zunehmender Lebenserfahrung vielleicht noch intensiver nachempfunden werden können.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die einen ausschließlich optimistischen oder aufmunternden Text für einen Trauerfall suchen. Es benennt die Kälte des Verlustes und die seelischen Narben recht direkt. Wer nach einem Gedicht mit strengem Formwillen, kunstvollen Metaphern oder philosophischer Abstraktion sucht, wird hier nicht fündig. Ebenso könnte der explizite religiöse Bezug in der letzten Zeile für streng atheistisch eingestellte Menschen möglicherweise als weniger passend empfunden werden, obwohl die vorherigen Strophen auch ohne diesen Glauben ihre volle Wirkung entfalten.

Abschließende Empfehlung: Wann sollte man dieses Gedicht wählen?

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du nach einfachen, ehrlichen Worten suchst, die einen intimen Moment des Abschieds und des liebevollen Gedenkens an eine Mutter einfangen. Es ist der ideale Text, wenn du in der Stille deiner Trauer eine Bestätigung suchst, dass deine Gefühle – auch noch lange nach dem Verlust – berechtigt und wichtig sind. Wähle es, wenn du ein Ritual des Blumengebens am Grab mit Worten begleiten möchtest, die sowohl die Schwere des Verlustes als auch die Möglichkeit eines tröstenden, friedvollen Andenkens anerkennen. Dieses Gedicht ist ein stiller, kraftvoller Begleiter auf dem persönlichen Weg der Erinnerung.

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