Abschied
Kategorie: Abschiedsgedichte
Er lebt auf der Strasse meistens allein
Autor: Sigi Peche
Spekulanten haben sein Leben verdorben
und tröstlich ist nur der Alkohol
Er wollt so gerne Vater sein
doch Frau und Kinder sind dran gestorben
und " er " stört nun das Volkeswohl
Ich traf ihn in der Kirche vorn am Altar
Er besucht`Jesus den Leidenden , der allein
wie er , so ausgemergelt , so sterbenskrank
so verlassen und einsam am Ende war
konnte nicht mehr beten , trank seinen Wein
und fiel halbtot auf die Kirchenbank
Man brachte ihn schnellstens ins Spital
und Schläuche waren sein seidener Faden
die Hoffnung starb im Lebenslauf
Er atmete ein letztes mal
nach all den schrecklichen Tiraden
da ging plötzlich die Türe auf
...und Christus kam an seine Seite
berührte ihn und sprach :
" In unsrer Einsamkeit begleite
mich nun, steh auf und folg mir nach
Die Ärzte fanden nur die Schläuche
gezogen wie von Geisterhand
und tränennaß sterile Kissen
Einsamkeit als Lebenssäuche
die ihr Leben wiederfand
Auch wir werden ihm folgen müssen
- Interpretation des Gedichts
- Stimmung des Gedichts
- Gesellschaftlicher und historischer Kontext
- Aktualitätsbezug und moderne Übertragbarkeit
- Geeignete Anlässe für das Gedicht
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Interpretation des Gedichts "Abschied" von Sigi Peche
Das Gedicht "Abschied" erzählt eine tief bewegende Geschichte vom Scheitern und von einer unerwarteten Erlösung. Im Zentrum steht ein namenloser Mann, der durch die Spekulationen anderer um seine Existenz und seine Familie gebracht wurde. Sein Leben auf der Straße ist geprägt von Verlust, Einsamkeit und der vermeintlichen Tröstung durch Alkohol. Die Zeile "und 'er' stört nun das Volkeswohl" wirft ein scharfes Licht darauf, wie Gesellschaften mit den Schwächsten umgehen und sie als Störfaktor ausgrenzen. Der zweite Teil verlagert die Handlung in eine Kirche, wo die Parallelen zwischen dem Protagonisten und dem leidenden Christus gezogen werden. Beide sind ausgemergelt, sterbenskrank und verlassen. Der Zusammenbruch des Mannes markiert den Tiefpunkt.
Die Wendung kommt mit dem Krankenhausaufenthalt. In dem Moment, in dem alle medizinische Hoffnung erlischt und er seinen letzten Atemzug tut, öffnet sich die Tür. Christus erscheint persönlich und holt ihn aus seiner Einsamkeit ab. Dies ist kein traditioneller Tod, sondern ein Übergang in eine andere Form der Gemeinschaft. Das mysteriöse Verschwinden des Körpers, bei dem nur die "von Geisterhand" gezogenen Schläuche zurückbleiben, unterstreicht das Übernatürliche dieses "Abschieds". Das Gedicht endet mit einer direkten Ansprache an den Leser: "Auch wir werden ihm folgen müssen". Dies stellt eine universelle Verbindung her und macht die Erfahrung von Einsamkeit und die Hoffnung auf Begleitung am Ende zu einem menschlichen Grundthema.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Die Stimmung durchläuft eine starke Entwicklung. Zunächst dominiert eine harte, sozialkritische Tristesse und Hoffnungslosigkeit. Bilder von Obdachlosigkeit, Alkoholismus und persönlichem Verlust erzeugen ein Gefühl der Beklemmung und des Ausgeliefertseins. In der Kirchenszene steigert sich dies zu einer fast unerträglichen Schwermut und physischen Hinfälligkeit. Mit dem Eintritt ins Krankenhaus kommt eine sterile, technische Kälte hinzu. Die entscheidende Wende geschieht mit dem Erscheinen Christi. Hier wechselt die Stimmung abrupt von tiefster Verzweiflung zu einer fast schwebenden, transzendenten Erlösung. Die letzten Zeilen hinterlassen eine nachdenkliche, aber auch tröstliche Stimmung. Die Traurigkeit wird nicht geleugnet, aber durch die Vorstellung einer endgültigen Begleitung in der Einsamkeit überwunden. Es ist ein bittersüßes, ergreifendes Gefühl, das bleibt.
Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
Das Gedicht reflektiert zeitlose, aber auch sehr gegenwärtige gesellschaftliche Probleme. Der Verweis auf "Spekulanten", die ein Leben "verdorben" haben, kann auf verschiedene Epochen bezogen werden – von der Frühindustrialisierung bis zur modernen Finanzkrise. Es thematisiert die Verantwortungslosigkeit des Kapitals und die menschlichen Opfer, die es fordert. Die Ausgrenzung des Obdachlosen ("er stört nun das Volkeswohl") ist eine scharfe Kritik an einer Gesellschaft, die Menschen nach ihrem Nutzen oder ihrer Anpassung bewertet und Marginalisierte unsichtbar machen will. Stilistisch weist das Gedicht mit seiner drastischen Bildsprache, seiner Sozialkritik und dem plötzlichen Einbruch des Transzendenten in eine grausame Realität expressionistische Züge auf. Die direkte, schonungslose Darstellung von Elend und die apokalyptische Grundstimmung erinnern an Werke aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig ist die Sprache modern und direkt, was es in der heutigen Zeit verankert.
Aktualitätsbezug - welche Bedeutung hat das Gedicht heute?
Die Aktualität von "Abschied" ist erschreckend hoch. In Zeiten steigender sozialer Ungleichheit, Wohnungskrisen und einer zunehmenden Zahl obdachloser Menschen auf unseren Straßen ist das Porträt des Protagonisten kein historisches, sondern ein aktuelles. Die "Einsamkeit als Lebenssäuche", von der das Gedicht spricht, hat sich in der modernen Gesellschaft trotz digitaler Vernetzung oft noch vertieft. Das Gedicht fordert uns auf, die Menschen am Rand nicht zu übersehen und ihre Geschichten zu hören. Der religiöse Aspekt der Erlösung kann auch säkular gelesen werden: als Sehnsucht nach echter, mitfühlender Gemeinschaft und danach, in der äußersten Not nicht allein gelassen zu werden. In einer Welt, die oft von Effizienz und Oberflächlichkeit geprägt ist, erinnert dieses Werk an die Tiefe menschlichen Leids und die transformative Kraft von Mitgefühl und spiritueller Hoffnung.
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
Dieses Gedicht eignet sich nicht für leichte oder festliche Anlässe. Seine wahre Stärke entfaltet es in Momenten der Reflexion und des Innehaltens. Es ist ein kraftvoller Text für Andachten, Gottesdienste oder spirituelle Treffen, die sich Themen wie Armut, Einsamkeit, Leid und transcendenter Hoffnung widmen. Aufgrund seiner sozialkritischen Tiefe bietet es sich auch für Diskussionen in Gemeindegruppen, bei caritativen Veranstaltungen oder im Ethik- und Religionsunterricht an. Für jemanden, der mit Verlust, Trauer oder dem Gefühl der Isolation kämpft, kann das Gedicht – besonders die Schlussstrophe – tröstlich wirken, da es die Einsamkeit ernst nimmt und doch einen Weg darüber hinaus weist. Es ist ein Werk für ruhige, kontemplative Stunden.
Sprachregister und Verständlichkeit
Die Sprache des Gedichts ist insgesamt sehr zugänglich. Sie verwendet eine klare, narrative Syntax und verzichtet weitgehend auf komplizierte Archaismen oder Fremdwörter. Einige Begriffe wie "Spekulanten", "Tirade" oder "steril" sind gut verständlich. Die Kraft des Textes liegt in seinen drastischen, konkreten Bildern ("Schläuche waren sein seidener Faden", "tränennaß sterile Kissen"), die sich leicht vor das innere Auge rufen lassen. Die direkte Rede Christi ist in einem leicht gehobenen, aber nicht altertümlichen Ton gehalten. Jugendliche und Erwachsene können den Inhalt problemlos erfassen. Jüngere Kinder könnten mit der Härte der Thematik (Tod, Alkohol, Obdachlosigkeit) überfordert sein, sprachlich ist es jedoch nicht komplex. Die Erzählstruktur hilft, dem Geschehen zu folgen.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
"Abschied" ist weniger geeignet für Leser, die ausschließlich nach unterhaltsamer, heiterer oder romantischer Lyrik suchen. Menschen, die mit akuten und schweren depressiven Phasen kämpfen, sollten mit der Lektüre vorsichtig sein, da die schonungslose Schilderung der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in der ersten Hälfte des Gedichts verstärkend wirken könnte. Auch für sehr junge Kinder ist der Text aufgrund seiner ernsten und teils erschreckenden Inhalte nicht passend. Wer einen rein formalistischen oder spielerischen Zugang zur Poesie bevorzugt, könnte die direkte, erzählende und sozial engagierte Art des Gedichts als zu wenig "künstlerisch" oder zu plakativ empfinden.
Abschließende Empfehlung: Wann genau sollte man dieses Gedicht wählen?
Wähle dieses Gedicht, wenn du nach einem Text suchst, der das soziale Gewissen weckt und spirituelle Tiefe bietet. Es ist die perfekte Wahl, wenn du eine Gruppe zum Nachdenken über gesellschaftliche Verantwortung, das Schicksal der Ausgegrenzten und die Frage nach letzter Hoffnung anregen willst. Persönlich solltest du zu "Abschied" greifen, wenn du in einer Phase der Trauer oder Einsamkeit nach einem literarischen Ausdruck suchst, der dein Gefühl ernst nimmt, aber einen tröstlichen Horizont eröffnet. Nutze es in Andachten oder bei Veranstaltungen zu Themen wie Obdachlosigkeit oder Seelsorge. Dieses Gedicht ist ein mächtiges Werkzeug, um Empathie zu erzeugen und zu zeigen, dass Lyrik nicht nur schön, sondern auch relevant und tröstend sein kann. Es hinterlässt einen bleibenden Eindruck und fordert zur Stellungnahme auf.
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