Wir Menschen, die unheimlichen Wesen
Kategorie: Gedichte zum Nachdenken
Wir Menschen haben auf Erden gewandelt
Autor: Bernhard Hermann Efinger
Natur belastend die Landschaft verschandelt.
In der Mutter Erde nach Schätzen gesucht,
an Götter geglaubt und sie wieder verflucht.
Die Umwelt vergiftet, wertes Leben zerstört,
und nicht auf sein eigenes Gewissen gehört.
Raubbau betrieben, guten Boden verdichtet,
das Wasser verseucht, drin Tiere vernichtet.
Den Anstand verloren, anderer Ideen geklaut,
aus Dummheiten Paläste auf Sand gebaut.
Verbote erlassen, aber Gebote versäumt,
in hellwachem Zustand schlafend geträumt.
Rauschgift gekifft, den Alkohol missbraucht,
die Tabakwaren in Lungenzügen geraucht.
Im Laufe der Zeit seinen Verstand gelichtet
und metaphysisch oft die Notdurft verrichtet.
Sich Vorteile verschafft, die Leute betrogen,
Sprüche geklopft, dass die Balken sich bogen.
Was wurde gedopt, geputscht und gefeiert,
in Sicherheit wiegend Betrüge verschleiert.
Den Kirchenmännern die Leviten gelesen,
vieles aus ihrem Fundus war Unsinn gewesen.
Abgaswerte geschönt, die Umwelt verdreckt,
dabei den Anschein der Unschuld erweckt.
Reiche begünstigt, die Armen verschuldet,
und das alles noch rechtsstaatlich geduldet.
Wer all das den Menschen hat eingebrockt,
hat sich in seiner Allmacht mächtig verzockt.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Gesellschaftlicher und historischer Kontext
- Aktualitätsbezug und Bedeutung heute
- Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht?
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Bernhard Hermann Efingers Gedicht "Wir Menschen, die unheimlichen Wesen" ist eine schonungslose und katalogartige Anklage. Es zeichnet kein Einzelschicksal, sondern stellt die gesamte Menschheit in den Zeugenstand. Der Titel selbst ist Programm: Der Begriff "unheimlich" schillert hier zwischen "fremdartig, beängstigend" und "unbehaust, heimatlos". Die Menschen erscheinen als Wesen, die sich selbst und ihrem Planeten entfremdet sind.
Das Gedicht folgt einer klaren Struktur der Aufzählung. Fast jeder Vers nennt eine neue Sünde oder einen neuen Fehlgriff, wobei sich die Themenbereiche mischen: Umweltzerstörung ("Natur belastend", "Raubbau betrieben"), moralischer Verfall ("Den Anstand verloren", "die Leute betrogen"), politische und gesellschaftliche Heuchelei ("Verbote erlassen, aber Gebote versäumt") sowie persönliche Verirrungen ("Rauschgift gekifft", "metaphysisch oft die Notdurft verrichtet"). Diese letzte, fast skurril anmutende Zeile deutet darauf hin, dass selbst spirituelle Suche oder Reflexion zu einer bloßen, sinnentleerten Gewohnheit verkommen kann. Die finale Pointe ist bemerkenswert: Die Schuld wird nicht einfach der Menschheit zugeschoben, sondern einer anonymen, gottähnlichen Instanz ("Wer all das den Menschen hat eingebrockt"), die sich in ihrer "Allmacht mächtig verzockt" hat. Dies lässt Raum für Interpretation – ist es ein Schöpfergott, eine abstrakte Schicksalsmacht oder die Hybris der Menschheit selbst, die sich für allmächtig hielt?
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Die vorherrschende Stimmung ist eine Mischung aus düsterer Resignation und beißender Ironie. Es herrscht kein hoffnungsvoller Ton, keine Lösung wird angeboten. Stattdessen dominiert das Gefühl, einem unaufhaltsamen, selbstverschuldeten Niedergang zuzusehen. Die rhythmische, fast schwungvolle Reimform (Paarreime) steht in einem starken Kontrast zum düsteren Inhalt. Dieser Kontrast erzeugt eine bittere, zynische Unterströmung. Man fühlt sich als Leser nicht getröstet, sondern konfrontiert und vielleicht sogar ertappt. Es ist die Stimmung einer schonungslosen Abrechnung, die keine Ausflüchte zulässt.
Gesellschaftlicher und historischer Kontext
Das Gedicht spiegelt kein spezifisches literarisches Zeitalter wie Romantik oder Expressionismus wider. Sein Stil ist zeitlos anklagend. Inhaltlich jedoch greift es Themen auf, die spätestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im gesellschaftlichen Diskurs omnipräsent sind: Die Umweltbewegung, die Kritik an Konsumgesellschaft und Kapitalismus ("Reiche begünstigt, die Armen verschuldet"), die Skepsis gegenüber etablierten Institutionen wie der Kirche ("Den Kirchenmännern die Leviten gelesen") und ein allgemeines Gefühl der Entfremdung und Orientierungslosigkeit in der modernen Welt. Es ist ein Gedicht der späten Moderne oder Postmoderne, das die Kehrseite des Fortschrittsglaubens und der menschlichen Hybris beleuchtet.
Aktualitätsbezug und Bedeutung heute
Die Aktualität des Gedichts ist erschreckend und unmittelbar. Jede einzelne Anklagezeile findet ihr Pendant in den Schlagzeilen unserer Zeit. "Abgaswerte geschönt" erinnert an Diesel-Skandale, "die Umwelt verdreckt" an Plastikmüll in den Ozeanen und Mikroplastik überall. "Im Laufe der Zeit seinen Verstand gelichtet" könnte auf die Flut an Desinformation und den Verlust von Diskurskultur gedeutet werden. "In hellwachem Zustand schlafend geträumt" beschreibt treffend das Phänomen, trotz allgegenwärtiger Informationen die großen Krisen zu verdrängen. Das Gedicht fungiert somit als ein zeitloses Warnschild und ein Spiegel, der uns unsere kollektiven Verfehlungen vorhält. Seine Bedeutung liegt heute darin, diese Zusammenhänge komprimiert und eindringlich vor Augen zu führen.
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht?
Dies ist kein Gedicht für fröhliche Feiern oder romantische Stunden. Es eignet sich vielmehr für Anlässe, die der Reflexion, der Kritik oder der Mahnung dienen. Man könnte es in Diskussionsrunden zu Themen wie Nachhaltigkeit, Ethik oder Gesellschaftskritik als provokanten Einstieg verwenden. Es passt in einen literarischen Abend mit politisch-philosophischem Schwerpunkt oder in den Unterricht (Deutsch, Ethik, Sozialkunde), um eine kritische Diskussion anzustoßen. Auch für persönliche Momente der (selbst)kritischen Bestandsaufnahme kann es kraftvolle Impulse liefern.
Sprachregister und Verständlichkeit
Die Sprache des Gedichts ist allgemein verständlich und verwendet einen direkten, fast umgangssprachlichen Ton. Komplexe Syntax oder viele Fremdwörter sucht man vergebens. Einige Wendungen wie "die Leviten lesen" oder "dass die Balken sich bogen" sind idiomatisch und für jüngere Leser vielleicht erklärungsbedürftig, stören aber nicht das Gesamtverständnis. Der Satzbau ist meist einfach und parataktisch (Aneinanderreihung). Dadurch ist der Inhalt für eine breite Altersgruppe ab etwa der Mittelstufe zugänglich. Die Wucht des Gedichts entsteht nicht aus sprachlicher Komplexität, sondern aus der direkten, ungeschminkten und verdichteten Aufzählung.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger geeignet ist das Gedicht für Menschen, die Trost, Harmonie oder unkomplizierte Unterhaltung suchen. Wer sich in einer persönlich schwierigen Phase befindet und nach aufbauender Literatur sucht, könnte von der schonungslosen Negativität überwältigt werden. Ebenso ist es kein Gedicht für unkritische Feierstunden oder Anlässe, die ausschließlich der Heiterkeit gewidmet sind. Sein pessimistischer Grundton ohne konstruktive Lösung könnte auf einige Leser deprimierend oder zu einseitig wirken.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du einen kompromisslosen und poetisch verdichteten Denkanstoß brauchst. Es ist die perfekte literarische Ergänzung, wenn du eine Diskussion über die Verantwortung des Menschen, über Umweltethik oder über die Abgründe der Zivilisation eröffnen möchtest. Nutze es als mahnendes Artefakt, als Spiegel für unsere Zeit oder als Grundlage für die Frage: "Wie kommen wir aus dieser selbstgeschaffenen Falle wieder heraus?" Es ist ein Gedicht, das wachrütteln will – und das tut es mit unbestechlicher Klarheit.
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