Nehmen wir mal an

Kategorie: Gedichte zum Nachdenken

Nehmen wir mal an,
dass keiner von uns sprechen kann;
wir verstehen nur den Duft,
den wir verbreiten in der Atemluft.
Seinen Duft kann man verändern,
geradeso, wie man sich fühlt.
Wer nett ist, richt nach Rosen,
der andere, als ob er in der Scheiße wühlt
Wer was erzählen will,
der komponiert den Duft von fremden Orten,
wo es nach Orchideen und süßen Trauben richt.
Doch wer Tabakrauch nur kennt und Autogase,
der versteht den Sinn von dieser Sprache nicht.

Nehmen wir mal an,
dass keiner von uns hören kann.
Wir kennen nur noch die Tat;
Und vorgemacht wird jeder gute Rat.
Wer geliebt sein will, muss Gutes tun;
Leere Worte gibt’s nicht mehr,
die Schwätzer können sich ausruhn.
Und wer sich Ruhm erwerben will,
der sucht Freude zu bereiten,
den schwachen Menschen rings um ihn her.
Doch wer nur sich selber liebt, und sonst niemand,
dem fällt dies zu tun ganz besonders schwer.

Nehmen wir mal an,
dass keiner von uns sehen kann.
Wir ertasten uns die Welt,
und Tasten jeder für das Schönste hält.
Glatte Flächen, runde Formen
und seidenweich ein Kuschelfell.
Der eine versteht das Leben,
der andere hat Angst vor Gebell.
Und wer die Finsternis durchschauen will,
der lernt genau zu hören,
und der ist meistens auch ganz still.
Doch wer Stereo-Baßgedröhn nur kennt und Lärmen,
der weiß nicht, was ich mit diesen Versen will.

Autor: EEE

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "Nehmen wir mal an" von EEE entfaltet in drei klar strukturierten Strophen ein faszinierendes Gedankenexperiment. Jede Strophe beginnt mit der einladenden, hypothetischen Formel "Nehmen wir mal an", die den Leser direkt in eine alternative Welt ohne einen bestimmten Sinn führt. In der ersten Strophe wird die Sprache durch Düfte ersetzt. Hier wird Kommunikation zu einer unmittelbaren, ehrlichen Ausdrucksform des inneren Zustands. Wer "nett ist", riecht nach Rosen, während negative Charakterzüge sich unmissverständlich bemerkbar machen. Der Autor führt jedoch auch eine soziale Dimension ein: Wer nur mit Tabakrauch und Autogasen sozialisiert wurde, kann diese feine "Sprache" der Düfte gar nicht verstehen – eine Metapher für kulturelle oder bildungsbedingte Barrieren.

Die zweite Strophe schaltet das Gehör ab und ersetzt es durch die reine Tat. In dieser Welt zählen keine leeren Versprechungen mehr, nur noch Handlungen. Liebe muss durch Taten bewiesen werden, und Ruhm erlangt man durch selbstloses Handeln. Die Pointe liegt in der letzten Zeile: Egoisten tun sich mit diesem System schwer, da ihr Handeln nicht auf andere ausgerichtet ist. Die dritte Strophe nimmt schließlich das Augenlicht. Die Welt wird ertastet, und Schönheit wird haptisch erfahren. Interessant ist die Wendung hin zum Gehör: Wer in dieser Finsternis wirklich "durchschauen" will, muss genau hinhören und zur Stille finden. Wer jedoch nur Lärm gewohnt ist, bleibt ahnungslos. Das Gedicht endet damit metapoetisch und fragt, ob der Leser die Botschaft der Verse überhaupt versteht, wenn er in einer lauten, oberflächlichen Welt lebt.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine vielschichtige, nachdenkliche Stimmung, die zwischen utopischer Hoffnung und ernüchternder Gesellschaftskritik oszilliert. Der einleitende, fast spielerische Ton ("Nehmen wir mal an") weckt zunächst Neugier und lädt zu einem philosophischen Spiel ein. Die konkreten Bilder – der Rosenduft, das seidenweiche Kuschelfell – vermitteln eine gewisse Sinnlichkeit und Wärme. Gleichzeitig schwingt aber eine deutche Melancholie mit, eine Sehnsucht nach einer einfacheren, ehrlicheren und tieferen Form des Miteinanders. Die drastischen Kontraste ("in der Scheiße wühlt") und die klaren Benennungen derjenigen, die in dieser neuen Welt scheitern ("wer nur sich selber liebt"), verleihen dem Text eine unbequeme Direktheit. Insgesamt hinterlässt es den Eindruck einer weisen, aber auch fordernden Parabel, die zum Innehalten und Überprüfen der eigenen Wahrnehmungsgewohnheiten auffordert.

Gesellschaftlicher oder historischer Kontext

Das Gedicht lässt sich keiner spezifischen literarischen Epoche wie der Romantik oder dem Expressionismus direkt zuordnen. Sein Thema ist zeitlos, aber die gewählten Bilder verraten einen modernen, gegenwartsnahen Kontext. Die genannten Phänomene – Autogase, Tabakrauch, Stereo-Baßgedröhn – verankern den Text im späten 20. oder 21. Jahrhundert. Es spiegelt eine hochtechnisierte, laute und oft oberflächliche Konsumgesellschaft wider, in der echte zwischenmenschliche Kommunikation und sinnliche Erfahrungen verkümmern können. Politisch oder sozial betrachtet, thematisiert es implizit Fragen der sozialen Gerechtigkeit (wer hat Zugang zu "feiner" Wahrnehmung?) und der individuellen Verantwortung. Es kritisiert eine Kultur des leeren Geredes und der Selbstbezogenheit und plädiert stattdessen für Aktion, Empathie und eine Rückbesinnung auf die unverfälschten Sinne. In diesem Sinne hat es auch Bezüge zu ökologischen und achtsamkeitsorientierten Diskursen.

Aktualitätsbezug - Bedeutung heute

Die Aktualität dieses Gedichts ist frappierend. In einer Zeit, die von digitaler Überflutung, kurzen Nachrichten und perfekt inszenierten Social-Media-Profilen geprägt ist, wirkt die Forderung nach authentischer, "duftender" Kommunikation wie ein notwendiges Gegenmodell. Die zweite Strophe liest sich wie ein Kommentar zum modernen "Virtue Signaling", bei oft Worte nicht mit Taten übereinstimmen. Die Idee, dass nur Handlungen zählen, ist ein starkes Statement in einer Welt der leeren Versprechungen. Die dritte Strophe spricht direkt die Reizüberflutung und den ständigen Lärm an, der uns umgibt. Der Rat, in der "Finsternis" genau hinzuhören und still zu werden, ist ein zentrales Prinzip von Achtsamkeits- und Meditationspraktiken, die heute als Gegenmittel zum Stress hoch im Kurs stehen. Das Gedicht fordert uns damit auf, unsere Sinne wieder zu schärfen und die Qualität unserer zwischenmenschlichen Interaktionen zu hinterfragen – eine Botschaft von großer moderner Relevanz.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

Dieses Gedicht eignet sich hervorragend für Anlässe, die zum Nachdenken und zum Dialog einladen. Es ist ein perfekter Impulsgeber für Workshops zu Themen wie Kommunikation, Teambuilding oder Persönlichkeitsentwicklung, wo es darum geht, über nonverbale Signale und authentisches Handeln zu reflektieren. In einem philosophischen oder literarischen Gesprächskreis bietet es reichhaltigen Diskussionsstoff über unsere Wahrnehmung der Welt. Auf einer Feier oder einem runden Geburtstag kann es, vorgetragen, eine besondere, tiefgründige Note setzen und Gespräche über das Wesentliche im Leben anregen. Auch im Schulunterricht (Deutsch, Ethik, Sozialkunde) ist es vielseitig einsetzbar, um über Gesellschaftskritik, Poesie und Sinneswahrnehmung zu sprechen. Es ist weniger ein Gedicht für feierliche Hochzeiten oder Trauerfeiern, sondern vielmehr für Momente des Innehaltens und der gemeinsamen Reflexion.

Sprachregister und Verständlichkeit

Die Sprache des Gedichts ist bewusst zugänglich und alltagsnah gehalten. Der Autor verwendet eine klare, fast gesprächige Syntax und verzichtet auf komplexe Satzkonstruktionen oder veraltete Ausdrücke. Die wenigen Fremdwörter ("komponiert", "Orchideen") sind allgemein bekannt. Die gezielt eingesetzten drastischen Ausdrücke ("in der Scheiße wühlt") und konkreten Bilder ("Kuschelfell", "Tabakrauch") sorgen für eine hohe Anschaulichkeit und Emotionalität. Dadurch erschließt sich der grundlegende Inhalt bereits für jüngere Leser ab der Mittelstufe. Die tieferen Bedeutungsebenen – die sozialkritischen und philosophischen Implikationen – fordern jedoch erfahrenere Leser heraus und bieten auch für Erwachsene reichlich Interpretationsspielraum. Diese gelungene Mischung aus einfachem Zugang und gedanklicher Tiefe macht den besonderen Reiz des Textes aus.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich möglicherweise weniger für Leser, die nach einer rein gefühlvollen, romantischen oder formal sehr traditionellen Lyrik suchen. Wer eine gereimte, melodische Naturbeschreibung erwartet, wird von der direkten, bisweilen derben Sprache und der gesellschaftskritischen Haltung überrascht oder sogar abgestoßen sein. Auch für sehr junge Kinder, die die metaphorische Ebene noch nicht entschlüsseln können, sind die drastischen Vergleiche vielleicht ungeeignet. Menschen, die Literatur ausschließlich zur unkomplizierten Unterhaltung konsumieren und keine Lust auf selbstkritische Gedankengänge haben, könnten mit der fordernden Botschaft des Textes wenig anfangen. Es ist kein Gedicht, das einfach nur "schön" ist, sondern eines, das zum Widerspruch oder zur intensiven Auseinandersetzung einlädt.

Abschließende Empfehlung: Wann sollte man dieses Gedicht wählen?

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du einen Gesprächsstoff brauchst, der unter die Oberfläche geht. Es ist die perfekte literarische Ergänzung, wenn du in einer Runde das Thema Kommunikation, Authentizität oder Sinneswahrnehmung auf eine ungewöhnliche, poetische Art anstoßen willst. Nutze es im Unterricht, um Jugendliche für die Macht der Sprache und die Bedeutung echter Taten zu sensibilisieren. Zitiere es in einem Coaching oder Seminar, um zu illustrieren, wie sehr unsere gewohnten Kanäle uns manchmal täuschen können. Lass es dir selbst zu Gemüte führen, wenn du das Gefühl hast, in der Hektik des Alltags den Zugang zu den einfachen, ehrlichen Dingen zu verlieren. "Nehmen wir mal an" ist ein Gedicht für den Moment der Stille nach dem Lärm, für die Frage nach dem Wesentlichen und für alle, die bereit sind, ihre eigenen Wahrnehmungsfilter zu hinterfragen. Es ist weniger ein Dekorationsstück, sondern ein Werkzeug zum Nachdenken und ein Spiegel, der uns zeigt, wie wir riechen, handeln und hören.

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