Was soll das?

Kategorie: Gedichte zum Nachdenken

Im Leben ist es allzu oft
wie in einem großen Suppentopf.
Die Delikatessen fischt man heraus,
versaut den anderen damit den Gaumenschmaus.
Wer als erster am Topfrand steht,
angelt wie ein Irrer, daß sein nächster leer ausgeht,
derjenige sollte in sich verweilen
und auch das letzte Böhnchen teilen.
Wer weiß, wozu man im Leben fähig ist,
man seine Mitmenschen vor Gier vergißt.
Der Mensch ist nicht dem Tiere gleich,
denn jedes Tier nur für sein Überleben die Beute reißt,
Parallelen zu ziehen wäre sinnlos und blöde,
versetzt alle anderen in Langeweile, denn das Thema ist öde.
So sollten wir auch nach Tausenden von Jahren
nur auf das Wichtigste im Leben beharren.
Doch jeder noch so gut gemeinte Ratschlag im Winde verpufft,
weil doch immer wieder das Naturell im Menschen ruft:
Wir sind die Sieger, das Geschlecht, die Götter auf Erden.
Ich frage mich immer nur eines:
WAS SOLL DAS? WAS SOLL AUS DIESER WELT DENN NOCH WERDEN?

Autor: Lydia Liebich

Eine tiefgründige Interpretation des Gedichts

Lydia Liebichs Gedicht "Was soll das?" entfaltet sich als eine kluge und zugleich verzweifelte Parabel über die menschliche Natur. Das zentrale Bild ist der "große Suppentopf", der für die begrenzten Ressourcen und Chancen des Lebens steht. Die "Delikatessen", die einer herausfischt, gehen unweigerlich zu Lasten der anderen – ein eindrückliches Sinnbild für egoistisches Konkurrenzdenken. Der Dichterin geht es jedoch nicht nur um Kritik. Sie appelliert mit Zeilen wie "derjenige sollte in sich verweilen und auch das letzte Böhnchen teilen" an eine ethische Haltung der Besinnung und des Teilens.

Interessant ist der explizite Abgrenzungsversuch vom Tierreich: "Der Mensch ist nicht dem Tiere gleich, denn jedes Tier nur für sein Überleben die Beute reißt". Diese Behauptung wird aber sofort ironisch unterlaufen. Der Hinweis, Parallelen zu ziehen sei "öde", entlarvt die menschliche Selbstüberhöhung als hohl. Der vermeintliche Zivilisationsfortschritt wird vom "Naturell im Menschen" eingeholt, von einem urtümlichen Ruf nach Dominanz ("Wir sind die Sieger, das Geschlecht, die Götter auf Erden."). Die wiederholte, titelgebende Frage "WAS SOLL DAS?" ist daher kein rhetorisches Fragezeichen, sondern ein Ausdruck echter Verzweiflung und ratloser Sorge um die Zukunft der Gemeinschaft.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine ambivalente, bewegende Stimmung. Es beginnt mit einer fast volkstümlich-derben Bildsprache ("Suppentopf", "Gaumenschmaus"), die eine gewisse ironische Distanz schafft. Diese weicht jedoch schnell einer dringlichen, mahnenden Tonlage. Die Stimmung kippt in Richtung Resignation und alarmierter Besorgnis, wenn die "noch so gut gemeinte[n] Ratschläge" als wirkungslos beschrieben werden. Die finale, ins Leere gerichtete Doppelfrage hinterlässt beim Leser ein Gefühl der Beklemmung und eine nachhallende existenzielle Unruhe. Es ist die Stimmung eines Menschen, der die selbstzerstörerischen Muster der Gesellschaft klar erkennt, sich aber ohnmächtig fühlt, sie zu durchbrechen.

Gesellschaftlicher oder historischer Kontext

Das Gedicht spiegelt kein spezifisches historisches Jahrzehnt wider, sondern thematisiert ein zeitloses, anthropologisches Grundthema: den Konflikt zwischen individueller Gier und sozialer Verantwortung. Es lässt sich dennoch ausgezeichnet in moderne Gesellschaftsordnungen einbetten, die von neoliberaler Konkurrenz, Konsumismus und der Verteilungsknappheit in einer globalisierten Welt geprägt sind. Der Verweis auf "Tausende von Jahren" deutet auf eine zyklische Geschichtsbetrachtung hin – der Mensch scheint aus seinen Fehlern nicht zu lernen. In der direkten, unverblümten Anklage und der apokalyptischen Schlussfrage ("WAS SOLL AUS DIESER WELT DENN NOCH WERDEN?") schwingt etwas von der expressionistischen Gesellschaftskritik mit, auch wenn die sprachliche Form nicht typisch expressionistisch ist.

Aktualitätsbezug - Bedeutung für heute

Die Aktualität des Gedichts ist frappierend. Der "Suppentopf" steht heute für unseren Planeten mit seinen endlichen Rohstoffen, für den Arbeitsmarkt oder für soziale Aufstiegschancen. Das "Angeln wie ein Irrer" findet in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, im Kampf um Likes und Karrierevorteile statt. Die Frage nach dem Teilen des "letzten Böhnchens" berührt Debatten über Klimagerechtigkeit, Vermögensverteilung und die Solidarität mit Schwächeren in der Gesellschaft. In einer Zeit, die von Polarisierung und einem "jeder gegen jeden" geprägt ist, wirkt Lydia Liebichs Text wie ein dringlicher Weckruf zur Selbstreflexion und zum Umdenken.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

Dieses Gedicht eignet sich nicht für festliche oder feierliche Anlässe, sondern für Momente der kritischen Auseinandersetzung und Besinnung. Es ist eine ausgezeichnete Textgrundlage für Diskussionen in Schulklassen (Fächer Deutsch, Ethik, Sozialkunde), in philosophischen oder literarischen Gesprächskreisen oder bei Veranstaltungen zu Themen wie Nachhaltigkeit und Gemeinwohl. Es kann auch als pointierter Einstieg in Workshops zu Teamarbeit oder Konfliktmanagement dienen, um Mechanismen des egoistischen Verhaltens zu thematisieren. Für jemanden, der nach einem Ausdruck für seine gesellschaftliche Verzweiflung sucht, bietet es zudem eine kraftvolle literarische Form.

Sprachregister und Verständlichkeit

Lydia Liebich verwendet eine zugängliche, fast umgangssprachliche Alltagssprache. Begriffe wie "Suppentopf", "Gaumenschmaus", "Böhnchen" oder "blöde" sind leicht verständlich und schaffen eine unmittelbare, bildhafte Anschaulichkeit. Die Syntax ist überwiegend einfach und parataktisch gereiht, was den mahnenden, direkten Charakter unterstreicht. Einzelne komplexere Konstruktionen ("Wer weiß, wozu man im Leben fähig ist") oder leicht archaische Wendungen ("in sich verweilen") fordern den Leser minimal, ohne das Gesamtverständnis zu gefährden. Damit ist der Text für Jugendliche ab etwa 14 Jahren und Erwachsene gleichermaßen gut erschließbar.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Leser, die nach unkomplizierter, unterhaltsamer oder rein lyrisch-schöner Dichtung suchen. Wer eine klare, optimistische Lösung oder tröstende Worte erwartet, wird enttäuscht sein. Ebenso ist es für sehr junge Kinder aufgrund der abstrakten gesellschaftskritischen Ebene und der düsteren Grundstimmung nicht geeignet. Menschen, die sich in einer Phase der persönlichen Krise befinden und nach aufbauender Literatur suchen, sollten vielleicht zu einem anderen Text greifen, da die resignative Note des Gedichts verstärkend wirken könnte.

Abschließende Empfehlung: Wann du dieses Gedicht wählen solltest

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du einen literarischen Impuls brauchst, der unter die Oberfläche des alltäglichen "Weiter so" geht. Es ist der perfekte Text, um eine Diskussion über menschliche Grundkonflikte zwischen Eigeninteresse und Gemeinsinn anzustoßen – sei es im Unterricht, im Buchclub oder im Freundeskreis. Nutze es, wenn du deine eigene Betroffenheit über soziale Ungerechtigkeit oder ökologische Krisen in Worte fassen möchtest. Lydia Liebichs "Was soll das?" ist kein Gedicht der leichten Muse, sondern ein nachdenklicher und fordernder Begleiter für alle, die bereit sind, unbequeme Fragen über uns selbst und unsere Gesellschaft zu stellen. Es verdient einen Platz dort, wo man nicht nur schöne Verse, sondern auch Gedankenanstöße sucht.

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