Das Absperrband

Kategorie: lustige Gedichte

Was raschelt da des Nachts im Wind?
Vielleicht ist es das arme Kind,
allein im Bett es sitzt und schreit,
der Vater schläft die Mutter weit
Die Windel wieder schwer und nass
verloren auch des spielen´s Spass.

Das Kind es schreit und schreit hinfort
und niemand eilt an seinen Ort.
Sodass nachdem es ausgemotzt,
kurzfristig in das Bettchen kotzt.

Langsam erwacht der Vater nun und hat nichts
besseres zu tun, als aufzuhorchen,
welch ein Ton, ich denk hier diesen kennt er schon...

Doch nein: nun fällt ihm plötzlich ein,
es ist des Nachbar´s Absperrband,
welch raschelnd Ton durchdringt die Wand und
ihn um seinen Schlaf hier bringt.

Der Nachbar wieder… dieser Wicht,
sperrt ab hier was zu sperren ist
und denket dabei nicht daran,
dass Vater so nicht schlafen kann.
Es flattert hin, es flattert her
das Band im Wellenwind dem "mehr".

Drum schnell hinaus und
aufgerollt was Vater immer wieder grollt.
Er wickelt hin und wickelt her,
stellt dabei fest es ist nicht schwer.

Die Nacht ist um und oh wie dumm,
die nächste folgt und wiederholt der gleiche Spass
doch nun im im Regen, er wird nass…

und die Moral von der Geschicht:
Ich denk
erzählt sie lieber nicht!

© Achim Schier (*1956)

Autor: Achim Schier

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Achim Schiers "Das Absperrband" ist ein Gedicht, das auf den ersten Blick eine banale Alltagsszene beschreibt, sich bei genauerem Hinsehen aber als vielschichtige Parabel auf menschliche Selbstbezogenheit und Fehlinterpretation entpuppt. Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Vater wird nachts von einem raschelnden Geräusch geweckt. Sein erster, instinktiver Gedanke gilt dem weinenden Kind, das in einer beklemmend geschilderten Szene alleingelassen, nass und verzweifelt ist. Doch anstatt zu handeln, verharrt der Vater in Passivität und sucht nach einer anderen, bequemeren Erklärung. Diese findet er im raschelnden Absperrband des Nachbarn. Die eigentliche Not – die des Kindes – blendet er komplett aus, um sich stattdessen über die vermeintliche Rücksichtslosigkeit des Nachbarn zu echauffieren und das Band einzurollen.

Die Pointe liegt in der scharfen Gegenüberstellung: Das reale, menschliche Bedürfnis des Kindes wird ignoriert, während das imaginierte Ärgernis (das Band) aktiv "bekämpft" wird. Der Vater projiziert seine eigene Verantwortungslosigkeit ("der Vater schläft die Mutter weit") auf den Nachbarn ("dieser Wicht"). Die absurde Wiederholung am Ende ("doch nun im Regen, er wird nass...") unterstreicht die Sinnlosigkeit seiner Aktion und die Ausweglosigkeit der Situation für das Kind. Die bewusst anti-moralische Schlusszeile "erzählt sie lieber nicht!" ist eine ironische Brechung. Sie signalisiert, dass die eigentliche Moral – die Anklage der elterlichen Vernachlässigung – so unangenehm ist, dass man sie lieber verschweigen möchte.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine beunruhigende und zugleich bitter-komische Stimmung. Die ersten Strophen sind von einer fast düsteren, naturalistischen Hilflosigkeit geprägt. Das Bild des schreienden, kotzenden, alleingelassenen Kindes wirkt bedrückend und erzeugt beim Leser Mitgefühl und Unbehagen. Mit dem Auftauchen der Gedanken des Vaters schwenkt die Stimmung ins Absurde und Groteske. Die Heftigkeit, mit der sich der Vater auf das vermeintliche Ärgernis des Absperrbandes stürzt, wirkt lächerlich und übertrieben, vor dem Hintergrund der eigentlichen Tragik. Es entsteht eine Mischung aus Fassungslosigkeit und schwarzem Humor. Die Grundstimmung ist eine der Entfremdung und fehlgeleiteter Prioritäten, die beim Leser ein Gefühl der Beklemmung und der kritischen Distanz hinterlässt.

Gesellschaftlicher oder historischer Kontext

Das Gedicht ist nicht einer spezifischen literarischen Epoche wie Romantik oder Expressionismus zuzuordnen. Es ist ein zeitgenössisches Werk, das universelle menschliche Schwächen thematisiert. Dennoch spiegelt es sehr präzise soziale Phänomene der späten Moderne wider: die Überempfindlichkeit gegenüber kleinen Störungen von außen bei gleichzeitiger Abstumpfung oder Ignoranz gegenüber den grundlegenden Bedürfnissen im eigenen, privaten Nahbereich. Es thematisiert die Reizüberflutung und das "Lärmempfinden" in einer verdichteten (Wohn-)Gesellschaft, wo das Rascheln des Nachbarn stört, das eigene Kind aber nicht gehört wird. Es ist eine Parabel auf die Selbstzentriertheit und das "Opferdasein", bei dem man sich lieber über äußere Nichtigkeiten beschwert, als sich den unangenehmen Wahrheiten und Pflichten des eigenen Lebens zu stellen.

Aktualitätsbezug - Bedeutung heute

Die Aktualität des Gedichts ist frappierend. In einer Zeit, in der sich Debatten über "Lärmbelästigung" in Mietshäusern oder die "Rücksichtslosigkeit" anderer in sozialen Medien hochschaukeln, zeigt Schier den Mechanismus dahinter auf: Oft dienen diese Konflikte als Ventil und Projektionsfläche für eigenes Versagen oder Unzufriedenheit. Das Gedicht lässt sich mühelos auf moderne Lebenssituationen übertragen: Der Vater, der sich über das Rascheln des Nachbarn aufregt, während er die Chat-Nachrichten seines eigenen Kindes ignoriert. Die Gesellschaft, die hitzig über Randthemen diskutiert, während fundamentale Probleme (Klima, soziale Gerechtigkeit, Einsamkeit) wie das schreiende Kind im Nebenzimmer behandelt werden. Es ist eine brillante Studie über Fehlpriorisierung und die menschliche Neigung, Verantwortung von sich wegzuschieben.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

Das Gedicht eignet sich nicht für feierliche oder festliche Anlässe. Sein idealer Platz ist dort, wo kritisch über menschliches Verhalten und Gesellschaft nachgedacht wird. Es ist perfekt für Diskussionsrunden in Literaturkreisen oder im Deutschunterricht der Oberstufe, um über Interpretation, Ironie und gesellschaftskritische Subtexte zu sprechen. Aufgrund seines schwarzen Humors und des Alltagsbezugs kann es auch in Kabarett-Programmen oder bei Lesungen mit satirischem Schwerpunkt gut funktionieren. Für private Zwecke bietet es sich an, wenn du jemandem auf literarisch-ironische Weise den Spiegel vorhalten möchtest – etwa um auf humorvolle Weise auf das Phänomen hinzuweisen, dass man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.

Sprachregister und Verständlichkeit

Die Sprache des Gedichts ist bewusst einfach, umgangssprachlich und zugänglich gehalten. Sie verzichtet auf komplexe Syntax oder Archaismen und wirkt wie eine erzählte, vielleicht sogar etwas schludrig vorgetragene Anekdote ("ausgemotzt", "kotzt", "oh wie dumm"). Dieser Stil verstärkt die Glaubwürdigkeit der Alltagsszene und den Kontrast zur schwerwiegenden Unterbotschaft. Die Verständlichkeit ist für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen gegeben. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Vokabular, sondern im Verständnis der ironischen Brechung und der interpretatorischen Tiefe. Jüngere Kinder würden wahrscheinlich nur die vordergründige, etwas derbe Geschichte vom schreienden Kind und dem genervten Vater erfassen, die subtile Gesellschaftskritik jedoch nicht entschlüsseln.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Leser, die nach erbaulicher, harmonischer oder rein ästhetischer Lyrik suchen. Wer mit schwarzem Humor und schonungsloser Darstellung von Vernachlässigung nichts anfangen kann, wird es vielleicht als befremdlich oder zynisch empfinden. Aufgrund der Thematik und der drastischen Worte ("kotzt") ist es auch nicht für sehr junge Kinder geeignet. Menschen, die in der Literatur vor allem Trost oder schöne Bilder suchen, werden hier nicht fündig. Es ist ein Gedicht für den kritischen, reflektierenden und auch humorvoll-distanzierten Leser, der bereit ist, sich mit unangenehmen Wahrheiten auseinanderzusetzen.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du nach einem Text suchst, der unter der Oberfläche einer alltäglichen Anekdote scharfe Gesellschaftsbeobachtung und psychologische Einsicht verbirgt. Es ist die perfekte Wahl, um eine Diskussion über Verantwortung, Projektion und die Absurditäten des modernen Zusammenlebens anzustoßen. Nutze es im Unterricht, im Literaturkreis oder um dich selbst daran zu erinnern, nicht das "Absperrband" zu bekämpfen, während das "Kind im Nebenzimmer" schreit. Es ist ein Gedicht, das unterhält, verstört und zum Nachdenken zwingt – und damit genau die Art von Mehrwert bietet, der einen literarischen Text so wertvoll macht.

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