Die Zeit
Kategorie: Abschiedsgedichte
Es ist so, wie es ist,
Autor: Reimund Sterzenbach
sie dich nie vergisst.
Nie kannst du sie besiegen,
eines Tages wird sie dich kriegen.
Aber bis dahin wirst du leben,
wirst dein Herz einer anderen geben.
Wirst nach einer Familie streben
und wirst mit ihr viel erleben.
Erfolge und Niederlagen,
wirst du immer haben.
Sie werden dich prägen,
auch ohne Gottes Segen.
Doch eines Tages, so wird es sein,
wirst du ihr zu Füssen sein,
wirst um Gnade flehen,
oder dich ganz schnell zu Grabe legen.
Vielleicht hast du ein langes Leben,
vielleicht hast du ein kurzes Leben.
Sie weiss darüber Bescheid,
nur du nicht, du armes Leid.
Mögen wir uns noch so wehren,
sie wird sich nicht daran scheren.
Wenn abgelaufen ist, deine Zeit.
dann bist du, von allem befreit.
Aber vermissen wird sie dich nicht.
Die Zeit.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
- Aktualitätsbezug
- Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht?
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Das Gedicht "Die Zeit" stellt die Zeit nicht als abstraktes Konzept, sondern als eine fast personifizierte, unerbittliche Macht dar. Gleich in der ersten Strophe wird sie als unbesiegbar und letztlich siegreich charakterisiert – "eines Tages wird sie dich kriegen". Diese antagonistische Beziehung zwischen Mensch und Zeit bildet das zentrale Motiv. Interessant ist der dialektische Aufbau: Auf die düstere Voraussage folgt in der zweiten und dritten Strophe eine fast tröstliche Aufzählung des menschlichen Lebens zwischen Liebe, Familie, Erfolg und Niederlage. Die Zeit gewährt sozusagen eine Galgenfrist, in der das volle Spektrum des Daseins durchlebt wird, "auch ohne Gottes Segen". Dies verleiht dem Gedicht eine säkulare, fast existentialistische Note. Der finale Abschnitt kehrt dann zur unausweichlichen Konfrontation zurück. Die Pointe liegt im letzten Vers: "Aber vermissen wird sie dich nicht." Die Zeit ist absolut indifferent, sie ist kein böser Feind, sondern ein naturgesetzliches Prinzip. Dein Tod bedeutet für sie nichts, nur für dich ist er das Ende. Diese Kälte ist die eigentliche Erkenntnis des Textes.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Das Gedicht erzeugt eine grundlegend melancholische, nachdenkliche Stimmung, die von einer nüchternen Resignation durchzogen ist. Es beginnt mit einem fast fatalistischen Ton ("Es ist so, wie es ist"), der zunächst bedrückend wirken kann. Die mittleren Strophen mildern dies jedoch durch die Schilderung des Lebensflusses ab und schaffen so eine Phase der kontemplativen Ruhe. Die finale Wiederaufnahme des unausweichlichen Endes steigert die Stimmung dann zu einer düsteren Gelassenheit. Insgesamt hinterlässt es nicht das Gefühl von Panik, sondern eher von ernüchternder Klarsicht. Es ist die Stimmung, die entsteht, wenn man das Wesen der Zeit wirklich begreift – eine Mischung aus Wehmut, Akzeptanz und einem schmerzhaften Verständnis für die eigene Bedeutungslosigkeit im kosmischen Takt.
Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
Das Gedicht spiegelt kein spezifisches historisches Ereignis wider, sondern greift ein zeitloses, menschliches Urthema auf. In seiner direkten, unverblümten Sprache und der Abwesenheit von religiösem Trost (explizit "ohne Gottes Segen") steht es jedoch in der Tradition moderner, säkularer Weltbetrachtungen, wie sie im 20. und 21. Jahrhundert verbreitet sind. Es verzichtet auf die pathetische Überhöhung der Romantik oder die verzweifelte Zerrissenheit des Expressionismus. Stattdessen bedient es sich einer klaren, fast prosaischen Sprache, die an philosophische Alltagsbetrachtungen erinnert. Der Fokus auf das Individuum und sein Streben nach Familie und Erlebnissen vor dem unausweichlichen Ende korrespondiert mit Werten der modernen Gesellschaft, in der Sinn oft im Privaten und Persönlichen gesucht wird, während größere transzendente Erzählungen an Bedeutung verlieren.
Aktualitätsbezug
Die Bedeutung des Gedichts ist heute vielleicht größer denn je. In einer Gesellschaft, die von Optimierungswahn, "Life-Hacking" und dem Kampf gegen das Altern geprägt ist, wirkt die Botschaft des Gedichts wie ein notwendiges Korrektiv. Es erinnert uns daran, dass unser Streben nach Kontrolle natürliche Grenzen hat. Der Satz "Sie weiss darüber Bescheid, nur du nicht, du armes Leid" trifft den Nerv einer Zeit, in der wir durch Daten und Biometrie versuchen, unser Schicksal vorherzusehen und zu kontrollieren. Das Gedicht lädt dazu ein, die eigene Endlichkeit nicht zu verdrängen, sondern sie als Teil der conditio humana zu akzeptieren. In dieser Akzeptanz kann paradoxerweise die Freiheit liegen, das vorhandene Leben intensiver zu leben – "bis dahin wirst du leben". Es ist ein Gedicht für das Zeitalter der Burnout-Prävention und der Achtsamkeit, das aber ohne esoterischen Beiklang auskommt.
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
Dieses Gedicht eignet sich nicht für fröhliche Feiern, sondern für Momente der Reflexion und des Innehaltens. Besonders passend ist es:
- Bei philosophischen oder literarischen Gesprächsrunden, die sich mit den Themen Zeit, Vergänglichkeit und Lebenssinn beschäftigen.
- Als Impuls in einer Trauerfeier oder Gedenkstunde, die weniger tröstend als vielmehr ehrlich und anerkennend sein möchte.
- Zu Jahreswechseln oder Geburtstagen, also an persönlichen Zeitmarken, die zum Nachdenken über die vergangene und verbleibende Lebenszeit anregen.
- In einem künstlerischen Kontext, beispielsweise als Textgrundlage für eine Theaterperformance oder eine musikalische Vertonung mit düsterem oder nachdenklichem Charakter.
Sprachregister und Verständlichkeit
Die Sprache des Gedichts ist bewusst einfach und zugänglich gehalten. Es werden keine Archaismen oder komplexen Fremdwörter verwendet. Der Satzbau ist meist parataktisch (Aneinanderreihung von Hauptsätzen), was eine direkte, unmittelbare Wirkung erzeugt. Der regelmäßige Kreuzreim und das durchgängige Metrum verleihen dem Text eine eingängige, fast mahnende Rhythmik, die an einen Spruch erinnert. Aufgrund dieser Klarheit erschließt sich der Inhalt bereits für Jugendliche und junge Erwachsene. Die tiefere, philosophische Ebene – die Indifferenz der Zeit – erfordert jedoch ein gewisses Maß an Lebenserfahrung oder Reflexionsbereitschaft, um vollständig erfasst zu werden. Es ist ein Gedicht, das auf der Oberfläche für viele verständlich ist, dessen existenzielle Tiefe sich aber erst mit zunehmender persönlicher Reife voll entfaltet.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Das Gedicht ist weniger geeignet für Menschen, die sich in einer akuten Phase der Trauer oder Depression befinden und nach unmittelbarem Trost oder Hoffnung suchen. Seine schonungslose Direktheit ("dann bist du, von allem befreit") könnte in einer solchen Situation verletzend wirken. Ebenso ist es kein Text für unbeschwerte Feiern wie Hochzeiten, Geburtstagsfeiern im großen Kreis oder fröhliche Feste. Wer nach einem Gedicht mit versöhnlichem, tröstendem oder gar religiösem Ausblick sucht, wird hier nicht fündig. Sein Wert liegt in der intellektuellen und emotionalen Ehrlichkeit, nicht in der tröstlichen Illusion.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du eine ehrliche, ungeschminkte und philosophische Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit suchst. Es ist der perfekte Text, um ein tiefgründiges Gespräch über das Leben anzustoßen, jenseits von Plattitüden und oberflächlichem Optimismus. Nutze es, wenn du oder deine Leser bereit sind, der fundamentalen Wahrheit der eigenen Endlichkeit ins Auge zu blicken – nicht um zu verzweifeln, sondern um daraus eine größere Wertschätzung für den gegenwärtigen Moment abzuleiten. Es ist ein Gedicht für den stillen Abend, den Spaziergang in der Natur oder den Moment der Einsamkeit, in dem man das eigene Dasein im großen Fluss der Zeit verorten möchte. Seine Kraft entfaltet es dort, wo Raum für Nachdenklichkeit ist.
Mehr Abschiedsgedichte
- Liebe, wunderschönes Leben - Joseph von Eichendorff
- Abschied für immer - Achim von Arnim
- Abschied - Theodor Storm
- Abschied - Heinrich Beitzke
- Abschied - Wilhelm Busch
- Urlaub und Abschied - Rudolf G. Binding
- Abschied - Otto Julius Bierbaum
- Abschied - Rainer Maria Rilke
- Abschied - Mathilde von Bayern
- Der Abschied - Johann Wolfgang von Goethe
- Abschied vom Leben - Elsa Asenijeff
- Abschied - Heinrich Leuthold
- Abschied - Thekla Lingen
- Abschied - Hermann Löns
- Abschied. - Josef Mauthner
- Abschied - Otto Roquette
- Abschied - Ferdinand Sauter
- In dieser Zeit meines Abschieds - Rabindranath Thakur
- Abschied - Ernst Goll
- Abschied - Julie Hausmann
- Sammelsurium - Jemand, der es gut u n d ernst meint!
- Zum Mond und zurück und 1000 mal drum rum - Melcelsa
- Ruhe in Frieden - Italian S.
- Kalter Abschiedskuss - Marcel Strömer
- Meine letzten Flügelschläge - Marcel Strömer
- 34 weitere Abschiedsgedichte