Im Garten hört man..

Kategorie: Abschiedsgedichte

Im Garten hört man sie summ summ,
auch fliegt sie über's Feld herum,
Gelb;Schwarz da ist ihr Kleid,
man sieht es oft zur Sommer zeit.

Immer fleißig hin und her,
von einer Blüt'zur anderen hin,
übers Land gar kreuz und quer,
ja danach steht ihr der Sinn.

Stellt euch vor wenn sie nicht wäre,
wäre die Welt viel ärmer dran,
denn es gäb' kaum Blüten mehr,
alles welkte hin so dann.

Es ist kein Has',auch kein Kaninchen,
nein was da summt,das ist ein Bienchen.

© Hans Josef Rommerskirchen

Autor: Hans Josef Rommerskirchen

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Hans Josef Rommerskirchens Gedicht "Im Garten hört man..." ist eine liebevolle Hommage an die Honigbiene. Es folgt einem klaren, erzählerischen Aufbau, der den Leser zunächst mit sinnlichen Eindrücken an das Thema heranführt. Das charakteristische "summ summ" und das Bild der über Feld und Wiese fliegenden Biene schaffen eine unmittelbare Präsenz. Die Beschreibung des "Gelb;Schwarz" als Kleid personifiziert das Insekt und macht es zugänglich, fast wie einen kleinen, fleißigen Gartenbewohner.

Die zweite Strophe vertieft dieses Bild des unermüdlichen Arbeiters. Die Bewegungen "hin und her", "von einer Blüt' zur anderen" und "kreuz und quer" vermitteln einen Eindruck von zielstrebiger Geschäftigkeit und freiem Flug. Der Vers "ja danach steht ihr der Sinn" unterstreicht, dass dieses scheinbar chaotische Umherfliegen in Wahrheit einem tiefen, natürlichen Zweck dient.

Erst die dritte Strophe offenbart die volle ökologische Bedeutung dieser Tätigkeit. Das Gedicht macht hier eine gedankliche Wende: Es stellt die hypothetische, aber bedrohliche Frage, was ohne die Biene wäre. Die Antwort ist drastisch – eine Welt "viel ärmer", ohne Blüten, in der alles "welkte hin". Diese Strophe hebt das Gedicht von einer einfachen Beschreibung zu einer Würdigung der existenziellen Rolle der Biene für unser Ökosystem.

Der finale Teil löst dann das Rätsel, das durch den Titel und die Beschreibungen gekonnt aufgebaut wurde. Die Ausschlussmethode ("kein Has', auch kein Kaninchen") führt mit einem freundlichen "Bienchen" zu einem versöhnlichen und kindgerechten Abschluss, der die vorangegangene ernste Mahnung sanft abfedert.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine grundlegend heitere und friedvolle Stimmung, die an einen warmen Sommertag im Garten erinnert. Die lautmalerischen Elemente wie "summ summ" und die Bilder von Blüten und Feldern wecken positive, idyllische Gefühle. Gleichzeitig transportiert es eine tiefe Wertschätzung und einen respektvollen Ton gegenüber der Natur und ihren kleinsten Arbeitern. Die kurze, aber eindringliche Warnung in der dritten Strophe fügt der ansonsten unbeschwerten Atmosphäre eine leichte, nachdenkliche Note hinzu, ohne bedrohlich zu wirken. Insgesamt hinterlässt es ein Gefühl der Freude über die simple Schönheit der Natur und eine ermutigende Achtsamkeit für ihre wichtigen Details.

Gesellschaftlicher oder historischer Kontext

Das Gedicht lässt sich keiner spezifischen literarischen Epoche wie Romantik oder Expressionismus zuordnen. Es ist vielmehr ein zeitloses, volkstümliches Gedicht, das ein allgemeingültiges Naturthema behandelt. Sein gesellschaftlicher Kontext ist jedoch heute deutlicher denn je: Es spiegelt ein wachsendes ökologisches Bewusstsein wider, auch wenn es in einfacher, unprätentiöser Form daherkommt. Die Betonung der systemischen Bedeutung der Biene ("denn es gäb' kaum Blüten mehr") greift ein Thema auf, das spätestens seit den Diskussionen um das Bienensterben und den Verlust der Biodiversität im 21. Jahrhundert große politische und kulturelle Relevanz besitzt. Das Gedicht kann somit als früher, pädagogischer Beitrag zur Umweltbildung gesehen werden, der komplexe ökologische Zusammenhänge für jeden verständlich macht.

Aktualitätsbezug - Bedeutung heute

Die Aktualität dieses Gedichts ist frappierend. In einer Zeit, in der das Insektensterben und der Rückgang der Bestäuber regelmäßig Schlagzeilen machen, liest sich die dritte Strophe nicht mehr nur als hypothetische Überlegung, sondern als realistische Warnung. Das Gedicht erinnert uns auf charmante Weise an die unverzichtbare Dienstleistung, die Bienen und andere Insekten für unser gesamtes Ökosystem und damit auch für unsere Ernährungssicherheit erbringen. Es lässt sich mühelos auf moderne Lebenssituationen übertragen: als Appell, den eigenen Garten bienenfreundlich zu gestalten, auf Pestizide zu verzichten oder einfach achtsamer mit der Natur umzugehen. Es verbindet das nostalgische Gefühl einer intakten Sommeridylle mit einem hochrelevanten zeitgenössischen Anliegen.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

Das Gedicht ist vielseitig einsetzbar. Aufgrund seiner einfachen Struktur und des eingängigen Themas eignet es sich hervorragend für den Einsatz in Kindergarten und Grundschule, etwa im Sachkundeunterricht zum Thema "Bienen" oder "Insekten". Es ist ein perfektes Gedicht zum Vortragen bei Frühlings- oder Sommerfesten. Für Imker oder Gartenbauvereine bietet es einen poetischen Einstieg in Vorträge oder Informationsmaterial. Privat passt es wunderbar in eine selbstgestaltete Karte zum Geburtstag eines Naturliebhabers oder als kleine Zugabe zu einem Geschenk mit Honig oder Blumensamen. Auch in Seniorenkreisen, wo Naturerinnerungen geweckt werden sollen, kann es Freude bereiten.

Sprachregister und Verständlichkeit

Die Sprache des Gedichts ist bewusst einfach, volksnah und leicht verständlich gehalten. Es verwendet kaum Archaismen oder Fremdwörter. Auffällig sind lediglich einige Apostrophe, die der Silbenzählung dienen ("über's", "Blüt'", "gäb'"), was den mündlichen, erzählenden Charakter unterstreicht. Die Syntax ist durchweg einfach und linear. Der Inhalt erschließt sich bereits jungen Lesern oder Zuhörern ab dem Vorschulalter mühelos. Die klare Bildsprache und der sich steigernde Aufbau (von der Beschreibung über die Bedeutung zur Auflösung) machen es für alle Altersgruppen zugänglich. Es ist ein Gedicht, das primär über seinen Inhalt und seine Botschaft wirkt, nicht über sprachliche Komplexität.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Leser, die nach tiefgründiger, mehrdeutiger Lyrik mit komplexen Metaphern, rhythmischer Experimentierfreude oder existenzieller Reflexion suchen, werden hier nicht fündig. Das Gedicht verzichtet bewusst auf Ambivalenz und sprachliche Kunstgriffe zugunsten von Klarheit und pädagogischer Zielstrebigkeit. Es ist kein Werk für literaturwissenschaftliche Analysen der hohen Kunst. Wer eine düstere, kritische oder avantgardistische Auseinandersetzung mit dem Thema Natur erwartet, sollte zu anderen Gedichten greifen. Rommerskirchens Werk ist ein Gedicht des Herzens und der klaren Botschaft, nicht des intellektuellen Rätselspiels.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du eine unkomplizierte, herzliche und dennoch aussagekräftige Hommage an die Natur suchst. Es ist die perfekte Wahl, um Kindern die Wichtigkeit der Bienen nahezubringen, ohne sie zu ängstigen. Nutze es, um bei einem sommerlichen Fest eine heitere, naturverbundene Stimmung zu erzeugen. Es eignet sich brillant als Einstieg in ein Gespräch über ökologische Verantwortung, weil es die Fakten in eine eingängige, positive Geschichte verpackt. Kurz gesagt: Greife zu diesem Gedicht, wenn du mit einfachen Mitteln ein Lächeln schenken und gleichzeitig einen wichtigen Denkanstoß geben möchtest. Seine Stärke liegt in der Verbindung von kindlicher Freude und erwachsener Einsicht.

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