Resümee

Kategorie: Gedichte zum Nachdenken

Es raten
In Asgard
Hochheilige Götter
Wie Menschen
In Midard
Das Schicksal
Bescheint

Das Wirken der Nornen
Das Walten der Götter
Das Steigen der Sonne
Das Sinken der Nacht

Wir werden geboren
Wir sterben dahin
Kreislauf des Lebens
Soll ewig besteh'n

Autor: Andreas G. Wilsdorf © 2006

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Das Gedicht "Resümee" von Andreas G. Wilsdorf entfaltet eine tiefgründige Weltsicht, die in der nordischen Mythologie verwurzelt ist. Gleich in der ersten Strophe wird eine klare Hierarchie des Schicksals etabliert: In Asgard, dem Sitz der Götter, beraten die "hochheiligen" Wesen über das Los der Menschen in Midgard, der mittleren Welt. Das Verb "bescheint" ist hier vieldeutig; es kann bedeuten, dass das Schicksal die Menschen erleuchtet, aber auch, dass es über sie verhängt wird. Diese Passivität der Menschen steht im starken Kontrast zum aktiven Wirken der übergeordneten Mächte.

Die zweite Strophe verdichtet diese Mächte zu einer Aufzählung kosmischer und mythologischer Kräfte: die Nornen als Schicksalsweberinnen, das Walten der Götter und der unaufhaltsame Tag-Nacht-Rhythmus von Sonne und Nacht. Diese Zeilen malen ein Bild von Ordnung und einem vorbestimmten Ablauf, dem alles unterworfen ist.

Die finale Strophe zieht daraus die Konsequenz für das menschliche Dasein. "Wir werden geboren / Wir sterben dahin" – diese schlichten, fast nüchternen Feststellungen umschreiben den individuellen Lebensbogen. Der entscheidende Wendepunkt liegt im letzten Verspaar: Aus der Beobachtung von Göttern, Schicksal und Natur wird ein positiver, fast tröstlicher Imperativ abgeleitet. Der "Kreislauf des Lebens" wird nicht als sinnlose Wiederholung, sondern als ein zu bewahrendes, ewiges Prinzip begriffen. Das "Soll" verleiht dem Gedicht eine fast hymnische, bestätigende Kraft.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine besondere Mischung aus Ehrfurcht und gelassener Akzeptanz. Die Erwähnung der altnordischen Götterwelten verleiht dem Text eine feierliche, archaische und erhabene Stimmung. Man spürt die Größe der übergeordneten Kräfte. Gleichzeitig führt die unumstößliche Feststellung von Geburt und Tod zu einer ruhigen, nachdenklichen Grundhaltung. Es ist keine Stimmung der Verzweiflung oder Rebellion, sondern eine der Einsicht und des inneren Friedens mit den Gesetzen des Daseins. Die abschließende Bekräftigung des ewigen Kreislaufs hinterlässt ein Gefühl der Zuversicht und der Verbundenheit mit einem größeren Ganzen.

Gesellschaftlicher oder historischer Kontext

Das Gedicht, entstanden 2006, steht nicht direkt für eine literarische Epoche wie Romantik oder Expressionismus. Es spiegelt vielmehr ein zeitloses, aber in der modernen Gesellschaft wiederkehrendes Bedürfnis wider: die Suche nach Orientierung und sinnstiftenden Narrativen jenseits von rein materialistischen Weltbildern. Der Rückgriff auf die nordische Mythologie ist Teil eines breiteren kulturellen Phänomens, bei dem alte Mythen und Weisheitstraditionen neu entdeckt und als Quelle für Spiritualität und Lebensdeutung herangezogen werden. Dies kann als Gegenbewegung zu einer entzauberten, hochtechnisierten Welt verstanden werden. Das Gedicht bietet keine politische Kritik, sondern eine metaphysische Betrachtung, die in jeder Epoche ihren Platz finden könnte.

Aktualitätsbezug - Bedeutung für heute

In unserer hektischen, von individueller Leistung und Kontrollwahn geprägten Zeit hat "Resümee" eine starke beruhigende Wirkung. Es erinnert uns daran, dass wir Teil natürlicher und kosmischer Zyklen sind, die größer sind als unsere persönlichen Pläne. Die Botschaft des Gedichts kann dir helfen, Druck von dir zu nehmen, wenn du das Gefühl hast, allem selbst Herr werden zu müssen. Es lädt dazu ein, das eigene Leben aus einer distanzierteren, quasi mythologischen Perspektive zu betrachten: Wir sind Spieler in einem großen Drama, dessen Regeln wir nicht gemacht haben, dessen Schönheit und Beständigkeit wir aber anerkennen können. In Zeiten von Umweltkrisen unterstreicht die Betonung des "ewigen" Kreislaufs zudem die Notwendigkeit, diese natürlichen Zyklen zu respektieren und zu schützen.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht passt besonders gut zu Momenten des Übergangs und der Reflexion. Es ist eine ausgezeichnete Wahl für eine Trauerfeier oder eine Gedenkstunde, da es den Tod als natürlichen Teil eines größeren, fortwährenden Kreislaufs darstellt, ohne platt zu trösten. Ebenso kann es bei einer Hochzeit oder einer Taufe vorgetragen werden, um die Neuankunft eines Lebens in diesen ewigen Fluss einzuordnen. Für persönliche Anlässe eignet es sich beim Abschied von einem Lebensabschnitt, beim Jahreswechsel oder einfach in ruhigen Phasen der Selbstbesinnung. Sein feierlicher Ton macht es auch für Lesungen in einem kulturellen oder naturverbundenen Rahmen passend.

Sprachregister und Verständlichkeit

Die Sprache des Gedichts ist klar, gehoben und bewusst schlicht gehalten. Es finden sich einige begriffliche Anklänge an eine archaische Sprache ("Asgard", "Midard", "Nornen", "walten"), die sofort das mythologische Setting etablieren. Die Syntax ist jedoch einfach und gerade, ohne verschachtelte Sätze. Jede Zeile trägt einen eigenen, gut verständlichen Gedanken. Dadurch ist der Inhalt auch für jüngere Leser ab der Mittelstufe zugänglich, sofern die mythologischen Begriffe kurz erklärt werden. Die wahre Tiefe erschließt sich dann durch das Nachdenken über die Beziehung der Strophen zueinander. Es ist ein Gedicht, das auf den ersten Blick verständlich wirkt, aber bei mehrmaligem Lesen immer neue Schichten offenbart.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für dich, wenn du nach einer konkreten, handlungsorientierten Lebensanleitung oder einer politisch kämpferischen Botschaft suchst. Wer eine rein rationale, wissenschaftliche Weltsicht vertritt und mythologische Bilder als überholt ablehnt, wird mit dem Text wenig anfangen können. Ebenso könnte die passive Rolle des Menschen und die Betonung des Unabänderlichen auf Menschen wirken, die sich in einer aktiven Phase der Lebensveränderung befinden und ihre Zukunft komplett selbst in die Hand nehmen möchten. Für eine fröhliche, ausgelassene Feier ist der nachdenklich-erhabene Ton wahrscheinlich zu schwer.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du oder deine Zuhörer einen Moment der Stille und der Einordnung brauchen. Es ist der perfekte Text, um inne zu halten, den Blick vom Alltagsgetriebe zu heben und sich der großen, zeitlosen Zusammenhänge des Lebens zu vergewissern. Nutze es, wenn du Trost nicht durch Verharmlosung, sondern durch Perspektive spenden möchtest. Es ist ein Gedicht für die Seele, die nach Verbindung mit etwas Transzendentem und nach Frieden mit den unabänderlichen Gesetzen von Werden und Vergehen sucht. In seiner kraftvollen Schlichtheit bietet es eine archetypische Wahrheit, die lange nachhallt.

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