Gute Nacht

Kategorie: Gute Nacht Gedichte

Weiche Nebelschleier hüllen
Ein, was auf der Erde wohnt.
Hoch am Himmel geht die stillen
Bahnen hin der goldne Mond.
In der Ferne
Tauchen Sterne
Auf und halten treue Wacht.
Gute Nacht!

Leise Schlummerlieder singet
Noch das Meer im Abendwind.
Und ins warme Bettchen bringet
Jede Mutter nun ihr Kind;
Wohl geborgen,
Frei von Sorgen,
Schlummert's ein, sein Engel wacht,
Gute Nacht!

Süßer Friede! Wollest walten
Und beherrschen jedes Herz.
Und in freundlichen Gestalten
Schwebet, Träume, erdenwärts,
Bis die Sonne
Voller Wonne
Uns am Morgen wieder lacht.
Gute Nacht!

Alle, die mit bangem Zagen
Stund' um Stunde hingezählt,
Die des Tages Last getragen,
Die mit Schmerzen sich gequält,
All' ihr Müden
Nutzt in Frieden,
Einer ist, der für euch wacht.
Gute Nacht!

Daß ein sanfter Schlummer stärke
Alle, die zur Ruhe gehn,
Um zu neuem Tagewerke
Neu gekräftigt aufzustehn.
Mut zum Leben,
Kraft zum Streben
Werde Jedem dargebracht.
Gute Nacht!

Autor: Stine Andresen

Biografischer Kontext

Stine Andresen (1849-1927) ist eine bemerkenswerte, wenn auch heute weniger bekannte Stimme der deutschsprachigen Literatur. Sie verbrachte den Großteil ihres Lebens auf der Insel Föhr, wo die nordfriesische Landschaft und das Meer einen prägenden Einfluss auf ihr Werk ausübten. Als Autorin der Spätromantik und des bürgerlichen Realismus verfasste sie zahlreiche Gedichte, die oft volksliedhafte Züge tragen und von einem tiefen Naturgefühl sowie humanistischer Gesinnung geprägt sind. Ihre Verbundenheit zur Heimat und ein einfühlsamer Blick auf das menschliche Miteinander machen ihre Texte zu zeitlosen Zeugnissen einer poetischen Weltsicht.

Interpretation

Das Gedicht "Gute Nacht" entfaltet sich wie ein abendliches Ritual, das den Übergang vom Tag zur Nacht begleitet. In der ersten Strophe beobachtet das lyrische Ich, wie der Mond am Himmel seine Bahn zieht und die Sterne als Wächter auftauchen. Diese kosmische Ordnung leitet über zur irdischen Sphäre: Das Meer singt ein Schlaflied, und Mütter bringen ihre Kinder zu Bett. Hier verbindet sich das Universale mit dem Intimen. Die dritte Strophe wünscht sich den "süßen Frieden" als herrschende Macht in allen Herzen und schickt freundliche Träume voraus, bis der neue Morgen anbricht. Die letzte Strophe weitet den Blick explizit auf alle Leidenden, die "mit bangem Zagen" den Tag verbracht haben, und spendet ihnen Trost mit dem Hinweis auf einen wachenden "Einer" – eine göttliche oder schützende Instanz. Das Gedicht mündet in einen Segenswunsch für erholsamen Schlaf und neue Kraft für den kommenden Tag. Es ist weniger ein einzelnes Gebet als vielmehr eine universelle Abendandacht für die gesamte Schöpfung.

Stimmung

Stine Andresen erzeugt eine durchweg sanfte, geborgene und tröstliche Stimmung. Durch Bilder wie "weiche Nebelschleier", den "stillen" Mond, "leise Schlummerlieder" und das "warme Bettchen" entsteht eine Atmosphäre der Umhüllung und des beschützten Zur-Ruhe-Kommens. Die wiederholte, mantraartige Formel "Gute Nacht!" wirkt wie ein beruhigender Refrain, der Sicherheit vermittelt. Selbst die Erwähnung von "Schmerzen" und "Last" wird nicht bedrohlich, sondern durch die Zusage der Wacht und den Wunsch nach Stärkung sofort wieder in eine hoffnungsvolle, friedvolle Grundstimmung eingebettet. Das Gedicht ist ein literarisches Äquivalent zu einer beruhigenden Hand auf der Stirn.

Gesellschaftlicher oder historischer Kontext

Das Gedicht ist stark in der Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts verwurzelt, genauer in der Spätphase der Romantik und der bürgerlichen Biedermeier-Kultur. Es spiegelt ein idealisiertes Bild von Geborgenheit in der Familie ("Jede Mutter nun ihr Kind"), von naturverbundenem Leben und einem tiefen, unerschütterlichen Gottvertrauen wider. In einer Zeit zunehmender Industrialisierung und gesellschaftlicher Umbrüche schuf solche Dichtung einen sehnsuchtsvollen Gegenentwurf zu Hektik und Entfremdung. Der Fokus auf häuslichen Frieden, kindliche Unschuld und tröstliche Religion entsprach dem bürgerlichen Wertesystem der Epoche. Gleichzeitig zeigt der universelle Trost für alle "Müden" eine humanistische und sozial sensible Haltung, die über das rein Private hinausweist.

Aktualitätsbezug

In unserer heutigen, oft hektischen und reizüberfluteten Zeit besitzt dieses Gedicht eine fast therapeutische Aktualität. Es erinnert an die Notwendigkeit bewusster Ruhephasen und eines ritualisierten Abschaltens. Die einfachen, aber kraftvollen Bilder von Mond, Sternen und Meer können auch modernen Menschen helfen, gedanklich zur Natur und zu sich selbst zurückzufinden. Die tröstenden Worte an alle, die "Last getragen" haben, sprechen direkt jeden an, der unter Stress, Sorgen oder Einsamkeit leidet. In einer Welt permanenter Erreichbarkeit und Selbstoptimierung ist die Botschaft, dass es in Ordnung ist, müde zu sein, und dass man sich der Ruhe und der Fürsorge (durch andere oder durch eine höhere Instanz) anvertrauen darf, von großer Bedeutung. Es ist ein poetisches Plädoyer für Selbstfürsorge und Mitgefühl.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

Das Gedicht ist eine wunderbare Bereicherung für verschiedene Anlässe, die mit Ruhe, Abschied und guten Wünschen verbunden sind. Es eignet sich ausgezeichnet als Gute-Nacht-Gedicht für Kinder, vorgetragen vor dem Schlafengehen. Man kann es auch in einer Trauerfeier oder einem Abschiedsritual verwenden, um Trost und den Wunsch nach friedlicher Ruhe auszudrücken. Darüber hinaus passt es perfekt in adventliche oder besinnliche Lesungen, da es die Erwartung des Kommenden (hier: der neue Morgen) mit innerer Einkehr verbindet. Auch für Meditationen oder Yoga-Stunden zur Entspannung bietet der Text eine ideale sprachliche Begleitung.

Sprachregister und Verständlichkeit

Stine Andresen verwendet eine klare, bildhafte und melodische Sprache. Leichte Archaismen wie "walten", "erdentwärts" oder "bangem Zagen" sind gut aus dem Kontext erschließbar und verleihen dem Text einen zeitlos-gediegenen Charakter, ohne ihn unverständlich zu machen. Die Syntax ist überwiegend einfach und fließend. Der regelmäßige Kreuzreim und der eingängige Rhythmus unterstützen das Verständnis und machen das Gedicht leicht memorierbar. Kinder ab dem Grundschulalter können den Kern der Botschaft (Geborgenheit, gute Nacht) erfassen, während Erwachsene die tieferen Schichten des Trostes und der humanistischen Haltung schätzen werden. Es ist ein Gedicht, das generationenübergreifend wirkt.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Menschen, die explizit nach moderner, experimenteller oder gesellschaftskritischer Lyrik suchen, werden mit diesem Gedicht wahrscheinlich nicht glücklich. Sein Ton ist bewusst unironisch, sanft und affirmativ. Wer eine düstere, komplexe oder mehrdeutige Auseinandersetzung mit den Themen Nacht, Einsamkeit oder Leid sucht, findet hier keine Antworten. Auch für sehr rationale oder ausschließlich wissenschaftlich denkende Leser könnte die bildhafte, tröstende und spirituell angehauchte Sprache zu wenig konkret erscheinen. Es ist kein Gedicht des intellektuellen Rätsels, sondern des emotionalen Zuspruchs.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du Worte des unaufdringlichen Trostes und der inneren Beruhigung suchst. Es ist der ideale Text, um einen anstrengenden Tag literarisch abzuschließen, jemandem in einer schwierigen Phase ein Zeichen der Anteilnahme zu senden oder Kindern ein Gefühl von Sicherheit vor der Nacht zu vermitteln. Seine größte Stärke liegt in der universellen Gültigkeit seiner friedvollen Botschaft. Lies es an einem stillen Abend für dich selbst, um zur Ruhe zu kommen, oder schenke es jemandem als poetisches "Gute Nacht". In einer lauten Welt ist Stine Andresens leises Meisterwerk ein kostbarer Schatz.

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