Gute Nacht
Kategorie: Gute Nacht Gedichte
Am Abend spät, den Mantel umgeschlagen,
Autor: Heinrich Beitzke
Geleitet nur vom Dämmerlicht der Sterne,
Geh' ich durch ihre Straße noch so gerne,
Um der Geliebten süße Nacht zu sagen.
Ihr Zimmer kenn' ich schon seit frühern Tagen,
Sie hat noch Licht, es schimmert aus der Ferne,
Noch wacht sie, was ich an den Schatten lerne,
Die hoch im Zimmer bis zur Decke ragen.
Die Schildwacht vor der Thür geht auf und nieder,
Sie scherzt mit dem Gewehr und pfeift sich Lieder,
Sie weiß nicht, welch' ein Kleinod sie bewacht.
Jetzt schlüpfen in das Bett die zarten Glieder,
Jetzt hat sie auch das Lämpchen ausgemacht:
Nun Herz schlaf wohl mir, tausend gute Nacht!
- Biografischer Kontext
- Interpretation
- Stimmung
- Historischer Kontext
- Aktualitätsbezug
- Anlässe
- Sprache
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Biografischer Kontext
Heinrich Beitzke (1798-1867) ist heute vor allem als Militärhistoriker und Politiker bekannt, weniger als Dichter. Seine literarischen Werke stehen daher oft im Schatten seiner historischen Schriften. Dieses Gedicht zeigt eine private, lyrische Seite des Autors, die vielen unbekannt ist. Sein Leben war geprägt von den Befreiungskriegen gegen Napoleon und dem späteren Engagement in der Frankfurter Nationalversammlung 1848. Die hier sichtbare empfindsame, romantische Haltung bildet einen faszinierenden Kontrast zu seinem öffentlichen Wirken als Chronist kriegerischer Ereignisse.
Interpretation
Das Gedicht "Gute Nacht" erzählt von einem nächtlichen Besuch eines Liebenden vor dem Haus seiner Angebeteten. Es ist ein minutiös beobachtetes, intimes Ritual. Die ersten beiden Strophen beschreiben den nächtlichen Weg und das vertraute Ziel: Der Sprecher kennt das Zimmer, erkennt am Schattenwurf, dass sie noch wach ist. Die Schlüsselfigur ist die ahnungslose Schildwacht in der dritten Strophe. Ihre unbekümmerte Routine – sie scherzt und pfeift – steht in starkem Kontrast zur Bedeutung, die der Besucher dem Ort beimisst. Sie bewacht ein "Kleinod", ohne dessen Wert zu kennen. Die letzte Strophe zeigt dann den Abschied: Das Erlöschen des Lichts ist das Signal für den Sprecher, dass sein nächtlicher Dienst endet. Der innere Zuruf "Nun Herz schlaf wohl mir" ist ein tröstlicher Selbstbefehl, der die unerfüllte Sehnsucht in einen ruhigen, wenn auch melancholischen, Rückzug verwandelt.
Stimmung
Das Gedicht erzeugt eine sehr spezifische, gespannte Stimmung. Sie ist getragen von leiser Sehnsucht, zärtlicher Observanz und einer unterschwelligen Melancholie der Distanz. Es herrscht eine nächtliche, fast andächtige Ruhe, die jedoch nicht friedlich, sondern erwartungsvoll ist. Die Stimmung ist die eines stillen Zeugen, der in der Dunkelheit Schutz sucht, um seine Gefühle ungestört ausleben zu können. Die Anwesenheit der Wache fügt eine Nuance von Gefahr oder verbotenem Terrain hinzu, die die Intimität des Moments noch verstärkt. Das Ende bringt keine Erfüllung, sondern eine resignierte, sanfte Ergebung, die dennoch Trost in der Gewissheit findet, der Geliebten nahe gewesen zu sein.
Historischer Kontext
Das Gedicht ist klar in der Epoche der Romantik verankert, auch wenn Beitzke kein Hauptvertreter dieser Strömung war. Typisch romantisch sind die Motive der Nacht, des Sternenlichts, der schwärmerischen Liebe aus der Ferne und die Idealisierung der Geliebten zum "Kleinod". Die erwähnte Schildwacht verweist auf eine konkrete historische Realität des 19. Jahrhunderts, in der bürgerliche Häuser, vielleicht von Offizieren oder wohlhabenden Familien, durch Soldaten bewacht wurden. Das Gedicht spiegelt somit auch eine ständisch geordnete Gesellschaft wider, in der private Emotionen sich innerhalb eines öffentlichen, vielleicht militärischen Rahmens abspielen müssen. Die Haltung des lyrischen Ichs ist unpolitisch und ganz auf das Private konzentriert, was einen interessanten Gegensatz zu den turbulenten politischen Zeiten (Vormärz) im Leben des Autors bildet.
Aktualitätsbezug
Die emotionale Grundsituation des Gedichts ist zeitlos und lässt sich mühelos in die heutige Zeit übertragen. Wer hat nicht schon einmal sehnsüchtig vor dem Haus oder der Wohnung einer geliebten Person gestanden, vielleicht sogar im Schein des Handybildschirms, der das moderne "Lämpchen" ersetzt? Das Gefühl, jemanden aus der Ferne zu bewundern, an seinem Leben teilhaben zu wollen, ohne stören zu möchten, ist universell. Die "Schildwacht" kann heute als Metapher für alle äußeren Hindernisse oder sozialen Barrieren gelesen werden, die einen von einem Menschen trennen – sei es Konvention, Status oder einfach Schüchternheit. Das Gedicht feiert die stille Hingabe und die Poesie in den kleinen, unbeobachteten Gesten der Zuneigung.
Anlässe
Dieses Gedicht eignet sich besonders für ruhige, reflektierende Momente. Man könnte es in einem Liebesbrief verwenden, um eine tiefe, eher verhaltene als stürmische Zuneigung auszudrücken. Es passt gut zu Abschiedssituationen, bei denen eine räumliche Trennung bevorsteht. Aufgrund seiner nächtlichen Thematik ist es auch ein ausgefallenes Gute-Nacht-Gedicht für einen besonderen Menschen. Darüber hinaus bietet es sich an, um in einem literarischen Zirkel oder einem Deutschkurs die Epoche der Romantik mit einem weniger bekannten Beispiel zu veranschaulichen.
Sprache
Die Sprache ist klassisch und in einem gehobenen, aber nicht übermäßig komplizierten Stil des 19. Jahrhunderts gehalten. Einige veraltete Wendungen wie "Thür" (Tür) oder "frühern Tagen" sind für moderne Leser leicht als historische Formen erkennbar und stellen kein großes Verständnisproblem dar. Der Satzbau ist klar und fließend. Die Bilder sind konkret und anschaulich (Schatten, die zur Decke ragen, die pfeifende Wache). Jugendliche und Erwachsene können den Inhalt ohne große Schwierigkeiten erfassen. Die größte Hürde ist vielleicht das veraltete "du" ("schlaf wohl mir"), das hier als reflexive, innere Ansprache ("für mich") zu verstehen ist. Insgesamt ist das Gedicht gut zugänglich.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger geeignet ist das Gedicht für Leser, die eine leidenschaftliche, dramatische oder explizite Liebeslyrik suchen. Hier geht es um Zurückhaltung und indirekte Zeichen. Wer mit älterer Sprachform gar nichts anfangen kann oder sehr kurze, moderne Lyrik bevorzugt, könnte sich schwerer tun. Auch für eine laute, feierliche Rezitation bei einem fröhlichen Fest wie einer Hochzeit ist der Text aufgrund seiner intimen und melancholischen Untertöne wahrscheinlich nicht die erste Wahl.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du eine zarte, nachdenkliche und unaufdringliche Art gefunden haben möchtest, tiefe Zuneigung auszudrücken. Es ist perfekt für einen ruhigen Abend, um es jemandem zu schicken, den du aus der Ferne bewunderst. Nutze es, wenn du die Poesie in der stillen Beobachtung und im Warten finden willst. Es ist ein Gedicht für Romantiker, die die Spannung in der Andeutung und die Schönheit im unerfüllten Moment schätzen – ein kleines, perfektes literarisches Zeugnis verschwiegener Liebe.
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