Gute Nacht

Kategorie: Gute Nacht Gedichte

Gute Nacht! mein Kind, mein Kind,
Möchte gern in Schlaf dich wiegen,
Denn mein Arm ist weich und lind,
Und so einsam mußt du liegen.
Gute Nacht!

Gute Nacht! mein Kind, mein Kind,
Klopft am Fenster deiner Kammer
Hart und scheu der Alpenwind,
Denk, es ist mein Trennungsjammer.
Gute Nacht!

Gute Nacht! mein Kind, mein Kind,
Streift ein Strahl dein weißes Linnen,
Hasch ihn mit der Hand geschwind,
Und du hältst mein treues Sinnen.
Gute Nacht!

Gute Nacht, mein Kind, mein Kind,
Hör! der Wind kann es nicht fassen,
Daß wir nicht beisammen sind,
Und er heult durch alle Gassen.
Gute Nacht!

Autor: Isabelle Kaiser

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Isabelle Kaisers "Gute Nacht" ist ein zartes, aber von tiefer Sehnsucht durchdrungenes Wiegenlied, das die physische Trennung zwischen einem liebenden Wesen (vermutlich einer Mutter) und einem Kind thematisiert. Jede der vier Strophen beginnt mit der beruhigenden Ansprache "Gute Nacht! mein Kind, mein Kind", die jedoch schnell in ein melancholisches Bild der Einsamkeit und des Getrenntseins mündet. Der Sprecher möchte das Kind mit "weichem und lindem" Arm in den Schlaf wiegen, kann es aber nicht, weil es "einsam liegen" muss. Diese räumliche Distanz wird in der Folge poetisch überbrückt: Der heulende Alpenwind wird zum personifizierten Boten des "Trennungsjammers", ein Sonnenstrahl, der das Bettlinnen streift, wird zum greifbaren Symbol für das "treue Sinnen" der Abwesenden. Das Gedicht endet in einer Steigerung, in der sogar die Natur (der Wind) die Trennung nicht "fassen" kann und sein Entsetzen "durch alle Gassen" heult. Es ist weniger ein Gedicht zum Einschlafen als vielmehr ein tröstender Zuspruch, dass Liebe und Verbundenheit jede Distanz überwinden können.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine einzigartige Mischung aus inniger Zärtlichkeit und schmerzlicher Melancholie. Die wiederholte, wiegende Ansprache "mein Kind, mein Kind" und die sanften Bilder (weicher Arm, weißes Linnen) vermitteln Geborgenheit und Fürsorge. Gleichzeitig durchzieht ein Hauch von Einsamkeit, Sehnsucht und sogar einer leisen Verzweiflung den Text, verkörpert durch den "scheuen", "harten" und schließlich "heulenden" Wind. Es ist die Stimmung einer liebevollen Gute-Nacht-Sage, die aus der Ferne gesprochen wird und die eigene Traurigkeit über die Trennung nicht verbergen kann, aber in tröstende Bilder kleidet. Die Stimmung ist intim, gefühlvoll und leicht düster-romantisch.

Gesellschaftlicher und historischer Kontext

Isabelle Kaiser (1866-1925) war eine luxemburgisch-schweizerische Schriftstellerin, die in der Zeit des Fin de Siècle und der Spätromantik wirkte. Das Gedicht spiegelt starke Motive der Romantik wider: die Vermenschlichung der Natur (der Wind als klagender Bote), die Betonung tiefer, oft schmerzlicher Gefühle, die Sehnsucht nach Einheit und die Überbrückung von Distanz durch die Kraft der Empfindung. In einer Zeit, in der Reisen beschwerlich und Kommunikation über weite Strecken langsam war, waren Trennungserfahrungen alltäglich und intensiver. Ein Gedicht wie dieses konnte als tröstendes Medium dienen, um emotionale Verbindung herzustellen. Es steht auch in der Tradition der Kunstmärchen und der Lyrik, die das Kindliche und Innige idealisieren.

Aktualitätsbezug und moderne Übertragbarkeit

Die Thematik der Trennung und der seelischen Überbrückung von Distanz ist heute so aktuell wie vor über hundert Jahren. In einer globalisierten Welt, in der Familien oft über Länder verteilt leben, Partner beruflich bedingt getrennt sind oder auch einfach im Alltagsstress das Gefühl entsteht, emotional nicht nah genug beieinander zu sein, spricht dieses Gedicht eine universelle Sprache. Es erinnert uns daran, dass Verbundenheit nicht zwingend physische Nähe braucht, sondern in kleinen Zeichen (einem "Strahl", einem Gedanken) gefunden und "gehascht" werden kann. Es ist ein poetisches Plädoyer dafür, die unsichtbaren Bande der Zuneigung wertzuschätzen und Trost in der Vorstellung zu finden, dass die Liebe selbst in der Abwesenheit präsent ist.

Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?

  • Als tröstender Text in Zeiten räumlicher Trennung von geliebten Menschen, etwa bei Auslandsaufenthalten, Fernbeziehungen oder wenn ein Kind das erste Mal woanders übernachtet.
  • Als ungewöhnliches, gefühlvolles Gute-Nacht-Gedicht für ältere Kinder oder Erwachsene, das über simple Einschlaflieder hinausgeht.
  • In einem poetischen Rahmen zum Thema Elternschaft, Abschied und Loslassen.
  • Als literarische Ergänzung in einer Sammlung romantischer oder spätromantischer Lyrik.
  • Für eine ruhige, nachdenkliche Lesung in einem intimen Kreis.

Sprachregister und Verständlichkeit

Die Sprache des Gedichts ist klar, bildhaft und in einem gehobenen, aber nicht antiquierten Register gehalten. Einige veraltete Wendungen wie "hasch ihn" (fange ihn) oder "Sinnen" (hier: Denken, Gedenken) sind leicht aus dem Kontext erschließbar. Die Syntax ist einfach und rhythmisch, dem Charakter eines Wiegenlieds angepasst. Die vielen Wiederholungen und der parallele Aufbau der Strophen sorgen für eine eingängige Struktur. Für Jugendliche und Erwachsene ist der Inhalt sofort verständlich. Jüngeren Kindern könnte man die zentralen Metaphern (Wind = Jammer, Strahl = treues Gedenken) kurz erklären, wodurch sich auch ihnen der berührende Kern erschließt.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht ist weniger geeignet für Leser, die eine eindeutig fröhliche, beschwingte oder humorvolle Gute-Nacht-Lektüre suchen. Wer mit der leicht düsteren, melancholischen Grundstimmung und der Personifikation des Windes als klagendem Wesen nichts anfangen kann, wird vielleicht befremdet sein. Auch für sehr kleine Kinder, die konkrete, heitere Bilder zum Einschlafen brauchen, ist die metaphorische Tiefe und die unterschwellige Traurigkeit möglicherweise nicht das Passende. Es ist kein Gedicht für oberflächliche Unterhaltung, sondern verlangt ein wenig Einfühlungsvermögen.

Abschließende Empfehlung: Wann sollte man dieses Gedicht wählen?

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du nach Worten suchst, die mehr ausdrücken als einfache "Gute Nacht". Es ist die perfekte literarische Begleitung, wenn du jemandem in der Ferne zeigen möchtest, dass du an ihn denkst, oder wenn du in einer ruhigen Minute die bittersüße Mischung aus Liebe und Sehnsucht selbst nachfühlen willst. Nutze es, um einem geliebten Menschen eine besondere, poetische Botschaft der Verbundenheit zu schicken, oder lies es für dich selbst, um die Tiefe von Gefühlen wertzuschätzen, die auch über Distanzen hinweg Bestand haben. Isabelle Kaisers "Gute Nacht" ist ein kleines Juwel für alle, die glauben, dass wahre Nähe im Herzen beginnt.

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