Komm, liebe Nacht

Kategorie: Gute Nacht Gedichte

Der liebe gold‘ne Tag,
Er will nun schlafen geh‘n,
Der heiße Herzensschlag
Der Erde bleibt nun steh‘n.

Die Lüfte werden kühl,
Die Schatten werden groß,
Der Vögel süßes Spiel
Ruht sanft im Blätterschoß.

Du liebe stille Nacht,
Komm, singe mir dein Lied,
Das alles schlafen macht.
Denn sieh‘, ich bin so müd.

Ich ging so sterbensweit
Mit müdem, blut‘gem Fuß,
Und meine Seele schreit
Nach deinem Friedenskuß.

Hast du so viel der Rast,
Hast du so viel der Ruh,
Als meine Seele faßt? - -
Dann küß mein Auge zu!

Autor: Franz Eichert

Biografischer Kontext

Franz Eichert (1887–1947) ist eine faszinierende, wenn auch heute weniger bekannte Figur der österreichischen Literatur. Er wirkte als Lyriker, Erzähler und Journalist in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche. Seine Werke sind oft vom Geist des Impressionismus und der neuromantischen Strömungen geprägt, die das Fin de Siècle prägten. Das Gedicht "Komm, liebe Nacht" spiegelt diese Sensibilität wider. Eicherts Leben war überschattet von den beiden Weltkriegen; er erlebte den Untergang der Habsburgermonarchie und die politischen Wirren der Zwischenkriegszeit. Diese biografischen Hintergründe lassen die im Gedicht gesuchte Ruhe und der schreiende Wunsch nach Frieden in einem besonderen, persönlich erschütternden Licht erscheinen.

Interpretation

Das Gedicht entfaltet sich als ein inniges Abend- und Nachtgebet einer erschöpften Seele. In den ersten beiden Strophen wird der Abschied des Tages in zarten, fast mütterlichen Bildern geschildert: Der Tag geht schlafen, der Herzschlag der Erde steht still, die Vögel ruhen "im Blätterschoß". Diese Natur wird personifiziert und wirkt tröstend. Die dritte Strophe wendet sich dann direkt an die Nacht, die mit einem Lied alles in Schlaf wiegen soll. Der Grund für diese Sehnsucht wird in der vierten Strophe offenbart: Ein lyrisches Ich spricht von einem mühsamen, schmerzhaften Weg ("mit müdem, blut'gem Fuß") und einem Schrei der Seele. Die Nacht wird hier nicht nur als physische Dunkelheit, sondern als allegorische Figur des Trostes und des Vergessens angerufen. Ihr "Friedenskuß" ist die ersehnte Erlösung von einer qualvollen Last. Die letzte Strophe mündet in eine fast verzweifelte Frage, ob die Nacht genug Ruhe für eine so aufgewühlte Seele bereithält, und endet mit der ergreifenden Bitte: "Dann küß mein Auge zu!" – eine Metapher, die den erlösenden Schlaf, aber auch den Tod als ultimative Ruhe streifen kann.

Stimmung

Das Gedicht erzeugt eine tiefe, melancholische Stimmung der Erschöpfung und Sehnsucht. Es ist eine Mischung aus abendlicher Friedfertigkeit und innerer Unruhe. Die sanften Bilder der einsinkenden Natur (kühle Lüfte, wachsende Schatten) vermitteln zunächst Beruhigung. Doch unter dieser Oberfläche brodelt die Verzweiflung des lyrischen Ichs, das nach einem Ende des Leidens schreit. Die Stimmung ist daher doppelbödig: ein äußerer Frieden, der einen inneren Sturm einzulullen verspricht. Es ist keine hoffnungslose Schwermut, sondern eine flehende, auf Trost gerichtete Melancholie.

Historischer Kontext

"Komm, liebe Nacht" steht in der Tradition der abendlichen und nächtlichen Lyrik, wie sie besonders in der Romantik und im Impressionismus blühte. Die intensive Naturbetrachtung, die Personifikation von Tag und Nacht sowie die Flucht in die Ruhe der Dunkelheit als Gegenentwurf zu den Mühen des Tages sind klassisch-romantische Motive. Zugleich verrät die drastische Bildlichkeit des "müden, blut'gen Fußes" und des Schreis der Seele eine expressionistische Direktheit, die auf die seelischen Verwerfungen des frühen 20. Jahrhunderts verweist. Das Gedicht kann als Spiegel einer Epoche gelesen werden, die zwischen idyllischer Natursehnsucht und den traumatischen Erfahrungen der Moderne schwankte.

Aktualitätsbezug

Die Bedeutung des Gedichts ist heute erstaunlich aktuell. In einer Zeit permanenter Reizüberflutung, beruflicher und privater Überlastung ("Burn-out") und globaler Unruhe spricht Eicherts Text eine universelle menschliche Erfahrung an: den Wunsch nach einem vollständigen Abschalten, nach einem Punkt, an dem alles "stehen bleibt". Der "heiße Herzensschlag der Erde", der zur Ruhe kommt, liest sich wie eine Metapher für die ersehnte Pause vom rasenden Informations- und Nachrichtenzyklus. Jeder, der sich nachts wach im Bett nach innerem Frieden sehnt, kann sich in den Zeilen "Und meine Seele schreit / Nach deinem Friedenskuß" wiederfinden. Es ist ein Gedicht für alle, die erschöpft sind und nach einem sanften Ende des Tages verlangen.

Anlässe

Dieses Gedicht eignet sich besonders für ruhige, reflektierende Momente. Du könntest es zur Guten Nacht vorlesen, nicht nur Kindern, sondern auch in einem Kreis von Erwachsenen bei einem besinnlichen Abend. Es passt ausgezeichnet in Trauerfeierlichkeiten oder Gedenkstunden, da es den Übergang in die Ruhe und die Sehnsucht nach Frieden so einfühlsam thematisiert. Auch in Meditationen oder bei der Gestaltung eines persönlichen Abendrituals, um den Tag bewusst abzuschließen, kann es eine kraftvolle Begleitung sein. Für literarische Lesungen mit den Schwerpunkten Romantik, Impressionismus oder Lyrik der Jahrhundertwende ist es ein perfektes Beispiel.

Sprache

Die Sprache des Gedichts ist bildreich und emotional, aber in ihrem Satzbau klar und zugänglich. Einige wenige Archaismen wie "geh'n", "sieh'" oder "Blätterschoß" verleihen dem Text einen zeitlosen, poetischen Klang, erschweren das Verständnis aber nicht wesentlich. Die Syntax ist einfach und fließend. Die starke Metaphorik (z.B. "blut'ger Fuß", "Friedenskuß") spricht eher auf einer gefühlsmäßigen als auf einer rein rationalen Ebene an. Jugendliche und Erwachsene können den Inhalt leicht erfassen, auch wenn die Tiefe der Verzweiflung mit zunehmender Lebenserfahrung besser nachempfunden werden kann. Für jüngere Kinder sind die drastischen Bilder möglicherweise zu intensiv.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht ist weniger geeignet für fröhliche, ausgelassene Feiern wie Geburtstage oder Hochzeiten. Seine melancholische und erschöpfte Grundstimmung würde hier fehl am Platz wirken. Auch Menschen, die gerade in einer Phase der Lebensfreude und des Tatendrangs sind, könnten mit der dringlichen Sehnsucht nach Ruhe und dem Ende des Tages wenig anfangen. Wer nach eindeutig optimistischer, aufmunternder oder unterhaltsamer Lyrik sucht, wird bei Eichert nicht fündig werden.

Abschließende Empfehlung

Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du oder deine Zuhörer einen anstrengenden, vielleicht sogar schmerzhaften Tag hinter euch habt und Worte für die daraus resultierende Müdigkeit und den Wunsch nach Vergessen suchst. Es ist der perfekte poetische Begleiter für den späten Abend, in der Dämmerung oder in der Nacht, wenn die Stille einbricht und Raum für Reflexion entsteht. Nutze es, um einen Moment der gemeinsamen Stille und des Innehaltens zu schaffen, oder um dir selbst in einer Phase der Erschöpfung Trost zu spenden. Es ist ein Gedicht, das nicht nur beschreibt, sondern selbst zu einer Form des "Friedenskusses" für die aufgewühlte Seele werden kann.

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