Die Stubenfliege
Kategorie: lustige Gedichte
Durchs Zimmer kreist die Stubenfliege,
Autor: Gerald Förster
fliegt manche Schleife oder Biege,
und klatscht abrupt mit ihrem Leibe
und Volldampf an die Fensterscheibe.
Sodann in taumelnder Spirale
geht es retour zur Lampenschale
um strikt und ohne zu verweilen
erneut die Scheibe anzupeilen.
Und mit Karacho knallt sie wieder
auf's Thermodoppelglas hernieder,
prellt sich den Flügel und das Ohr,
und nochmals rasselt sie davor.
Man wundert sich, was macht die bloß,
wirkt völlig orientierungslos,
denn nebenan, drei Meter, viere
steht offen die Terrassentüre.
Doch nein, was macht die dumme Trude,
fliegt konsequent die gleiche Route,
sieht nicht nach links und rechts beileibe,
kracht folglich wieder an die Scheibe.
Man möchte ihr die Gabe schenken,
die Strategie zu überdenken.
Doch was man sieht, ist, wie sie deppert
beharrlich vor das Fenster scheppert.
Da plötzlich scheint sie sich verflogen,
ist wohl verspätet abgebogen,
rauscht in den Ventilator und
stellt nunmehr fest, jetzt geht es rund.
Nach ein paar Loopings im Gebläse
fliegt sie, das ist nun meine These,
nach einer weit'ren Kreiselreihe,
wie fremdgesteuert raus ins Freie.
Und wie sie noch verwundert guckt,
wird sie von einem Spatz verschluckt.
- Ausführliche Interpretation des Gedichts
- Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
- Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
- Aktualitätsbezug - Bedeutung heute
- Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht?
- Sprachregister und Verständlichkeit
- Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
- Abschließende Empfehlung
Ausführliche Interpretation des Gedichts
Das Gedicht "Die Stubenfliege" erzählt auf den ersten Blick eine simple, fast slapstickartige Beobachtung: den vergeblichen Kampf eines Insekts gegen eine Fensterscheibe. Bei genauerer Betrachtung entpuppt es sich jedoch als tiefgründige Parabel auf menschliches Verhalten. Die Fliege agiert nicht aus Bosheit, sondern aus einer starren Programmiertheit heraus. Ihr "konsequent die gleiche Route" zu fliegen, trotz der offenen Tür, macht sie zur tragikomischen Figur. Sie ist gefangen in einer Schleife aus Impuls und Reaktion – "klatscht", "knallt", "prellt" – ohne die Fähigkeit, aus ihren Fehlern zu lernen ("die Strategie zu überdenken"). Die vermeintliche Rettung durch den Ventilator, der sie "wie fremdgesteuert raus ins Freie" befördert, ist keine eigene Leistung, sondern purer Zufall. Die finale Pointe, dass sie sofort von einem Spatz gefressen wird, unterstreicht die Absurdität und Sinnlosigkeit ihres vorherigen, verbissenen Kampfes. Das Gedicht zeichnet so das Bild eines Wesens, das in einer selbstgeschaffenen, repetitiven Realität gefangen ist und den Ausweg nicht sieht, obwohl er direkt daneben liegt.
Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?
Die Stimmung ist eine meisterhafte Mischung aus belustigter Beobachtung, mildem Spott und letztlich nachdenklicher Melancholie. Anfangs dominiert die komische Situation: Die hyperbolischen Ausdrücke ("mit Karacho", "scheppert", "deppert") und das präzise gezeichnete Chaos erzeugen ein Schmunzeln. Man fühlt sich als überlegener Beobachter. Diese Stimmung kippt jedoch allmählich in ein Gefühl der frustrierten Anteilnahme ("Man möchte ihr die Gabe schenken..."). Die Aussichtslosigkeit des Tuns der Fliege weckt beim Leser ein unangenehmes Gefühl der Wiedererkennung. Die finale, fast schon brutale Konsequenz mit dem Spatz löscht jede Restkomik aus und hinterlässt eine nachhallende Stille. Es ist die Stimmung einer erhellenden und gleichzeitig ernüchternden Einsicht, verpackt in eine scheinbar leichte, humorvolle Form.
Gesellschaftlicher oder historischer Kontext
Das Gedicht lässt sich keiner literarischen Epoche wie Romantik oder Expressionismus direkt zuordnen. Sein Kontext ist zeitlos und universal. Es spiegelt jedoch sehr gut ein modernes, fast schon existentialistisches Lebensgefühl wider, das sich mit Themen wie Sinnkrisen, repetitiven Arbeitsabläufen und der Suche nach dem Ausweg aus selbstgewählten oder auferlegten Käfigen beschäftigt. In einem weiteren Sinne kann man es auch als Kommentar auf ideologische oder politische Starrheit lesen: Systeme oder Individuen, die "ohne zu verweilen" und "strikt" immer wieder die gleichen, erfolglosen Wege gehen, obwohl die Lösung (die "offene Terrassentüre") greifbar nahe ist. Es ist ein Gedicht über die Tragik der mangelnden Selbstreflexion, ein Thema, das in jeder Gesellschaftsform relevant ist.
Aktualitätsbezug - Bedeutung heute
Die Aktualität dieses Gedichts ist frappierend. In einer Zeit, die von Selbstoptimierung, agilen Methoden und der ständigen Aufforderung zur Veränderung geprägt ist, wirkt die Stubenfliege wie ein archetypisches Gegenmodell. Viele Menschen erkennen sich in ihrem "Hamsterrad" wieder: der täglichen Routine, die keine echte Bewegung nach vorne bringt, dem starren Festhalten an gewohnten Denkmustern trotz offensichtlichen Scheiterns. In der Arbeitswelt, in Beziehungen oder bei persönlichen Zielen – das Gedicht fordert uns indirekt auf, innezuhalten und zu prüfen, ob wir nicht gerade "mit Volldampf an die Fensterscheibe" fliegen, während die Tür zum Erfolg oder Glück offen steht. Es ist eine humorvolle, aber eindringliche Einladung zur Selbstreflexion und zum strategischen Kurswechsel.
Für welche Anlässe eignet sich das Gedicht besonders?
Dieses Gedicht ist erstaunlich vielseitig einsetzbar. Es eignet sich perfekt für lockere Vorträge oder Lesungen, wo es zunächst zum Lachen und dann zum Nachdenken anregen soll. Im pädagogischen oder coaching-orientierten Kontext ist es ein brillanter Eisbrecher, um Themen wie Lernfähigkeit, Fehlerkultur, Change Management oder die Überwindung von Denkblockaden zu illustrieren. Auf einer privaten Feier könnte es als amüsanter Beitrag dienen, der eine tiefere Gesprächsrunde über Lebenswege und eingefahrene Gleise einleitet. Aufgrund seiner klaren Bildsprache und pointierten Moral eignet es sich auch hervorragend für den Schulunterricht, um Parabeln und metaphorisches Schreiben zu behandeln.
Sprachregister und Verständlichkeit
Die Sprache des Gedichts ist lebendig, umgangssprachlich aufgeladen und dennoch präzise. Es verwendet keine Archaismen oder schwer verständlichen Fremdwörter. Die Syntax ist klar und der Rhythmus durch die durchgängigen Paarreime eingängig. Ausdrücke wie "deppert", "scheppert" oder "mit Karacho" verleihen dem Text eine direkte, fast derbe Komik, die ihn sehr zugänglich macht. Kinder und Jugendliche verstehen die grundlegende Handlung sofort. Die metaphorische Tiefe erschließt sich mit zunehmendem Alter und Lebenserfahrung von selbst. Es ist somit ein Gedicht mit mehreren Lesarten, das auf verschiedenen Verständnisebenen funktioniert und für eine breite Altersgruppe ab etwa 10 Jahren geeignet ist.
Für wen eignet sich das Gedicht weniger?
Weniger geeignet ist das Gedicht für Leser, die ausschließlich nach traditioneller, ernster oder romantischer Lyrik suchen. Wer eine feierliche Stimmung oder tiefgründige Naturbetrachtung erwartet, wird von der alltäglichen, fast profanen Thematik und der slapstickhaften Darstellung enttäuscht sein. Auch Menschen, die keine metaphorische Lesart schätzen und das Gedicht ausschließlich wörtlich als Beschreibung einer Fliege nehmen, könnten seinen Reiz und seine Bedeutung verfehlen. Es ist kein Gedicht für den absolut humorlosen oder rein formal-lyrisch interessierten Moment.
Abschließende Empfehlung
Wähle dieses Gedicht genau dann, wenn du dein Publikum auf leichte und unverfängliche Weise zu einem bedeutungsvollen Nachdenken führen möchtest. Es ist der ideale Text für Situationen, in denen du eine lockere Atmosphäre schaffen, aber dennoch einen bleibenden Eindruck hinterlassen willst. Ob in einem Workshop über Innovation, in einer Schulstunde über literarische Mittel oder einfach als intelligenter Beitrag in einer geselligen Runde – "Die Stubenfliege" funktioniert als Türöffner für Gespräche über uns selbst. Nutze es, wenn du zeigen willst, dass große Weisheit manchmal in den kleinsten und alltäglichsten Beobachtungen steckt und dass der beste Spiegel für menschliches Verhalten mitunter ein Insekt an der Fensterscheibe sein kann.
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